Expressiver Realismus

 

Nach der scheinbar heilen Ordnung des Kaiserreichs stellte der Erste Weltkrieg für viele junge Künstler eine zeitlebens prägende Zäsur dar. Teils hatten sie ihre Ausbildung noch nicht abgeschlossen oder andernfalls war ihnen kaum die Zeit gegeben sich in der Öffentlichkeit etablieren zu können. Viele dieser jungen Künstler entwickelten in der Weimarer Republik verschiedene künstlerische Ausdrucksweisen, die sich im Rückblick kategorisieren lassen in Neue Sachlichkeit, Verismus, Konstruktivismus, Bauhaus, DADA, Surrealismus, Abstraktion.
Der Kunsthistoriker Rainer Zimmermann (1920-2009) thematisierte in seinem 1980 erschienenen Band „Die Kunst der verschollenen Generation. Deutsche Malerei des Expressiven Realismus von 1925-1975“, dass es neben den erwähnten Zimmermann, Rainer (1994): Expressiver Realismus. Malerei Der Verschollenen Generation, Hirmer, München [überarbeitete und v.a. bezogen auf das Künstlerverzeichnis sehr erweiterte Neuauflage] Ausdrucksweisen aber noch zahlreiche Künstlerinnen und Künstler gibt, die sich keinesfalls so einfach in eine dieser Schubladen stecken lassen – die ‚Expressiven Realisten‘. Sie „[übernahmen] die vom Expressionismus errungenen Freiheiten in Farb- und Formgebung und [griffen] zugleich auf die koloristische Kultur des Impressionismus und das noch unausgeschöpfte Vermächtnis Cézannes zurück“ (Zimmermann 1980: 9).
Durch die Schrecken des Krieges, das Pulsieren der Großstädte, das Herausbrechen aus überkommenen Traditionen und Rollenmustern wurden diese ‚Expressiven Realisten‘ auf die eigene Kreatürlichkeit zurückgeworfen, was sich in einer existenziellen Malerei zeigte. „Der Künstler nimmt die Dinge wahr, indem er sie deutet. Und er nimmt sich selber wahr, indem er die Dinge deutet. Welt und Ich entstehen in der Begegnung“ (ebd.: 68). Diese Künstler zeichnen sich demnach durch einen dezidierten Realismus aus, der aber weit entfernt ist von einem schlicht abmalenden Naturalismus. Vielmehr entsteht durch die jeweils ganz eigene Persönlichkeit des Künstlers ein ungemeiner Formenreichtum in dem sich eine realistische Auffassung mit der Vielfalt des expressiven Ausdrucks verbindet.
Viele dieser Expressiven Realisten begannen Ende der 1920er Jahren bekannter zu werden. Jedoch erfolgte durch die keineswegs einheitliche Kunst- und Kulturpolitik des Dritten Reichs, gipfelnd in den Beschlagnahmeaktionen der „Entarteten Kunst“, abermals eine Zäsur in deren Schaffen. Und auch nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die nun etwa 50jährigen Künstler nicht aus dem Abseits heraus. – Ihre realistische Auffassung passte sowohl im Westen nicht zu der Ton angebenden Ungegenständlichkeit, als auch im Osten nicht zu den Vorgaben eines verordneten Sozialistischen Realismus.
Folgerichtig prägte Zimmermann für diese von der Kunstgeschichte und dem Kunstmarkt lange übergangenen Künstler den Begriff der ‚verschollenen Generation‘.

 

Auswahlliteratur

Dollen, Ingrid von der (2001) (Hrsg.): Im Widerstand gegen die Zeit. Zur Bildkunst im 20. Jahrhundert. Malerbriefe an Rainer Zimmermann 1961 – 1996 [Veröffentlichung des „Förderkreises Expressiver Realismus e.V.“, München. Rainer Zimmermann zum 80. Geburtstag]; Deutscher Kunstverlag; München – Berlin

Schneider, Erich (Hrsg.) (2009): Expressiver Realismus. Die Sammlung Joseph Hierling [Schweinfurter Museumsschriften 166/2009]; Schweinfurt; S. 57

Zimmerman, Rainer (1980): Die Kunst der verschollenen Generation. Deutsche Malerei des Expressiven Realismus von 1925-1975, Econ, Düsseldorf-Wien

Zimmermann, Rainer (1994): Expressiver Realismus. Malerei Der Verschollenen Generation, Hirmer, München [überarbeitete und v.a. bezogen auf das Künstlerverzeichnis sehr erweiterte Neuauflage]

Künstler des Expressiven Realismus

Werke des Expressiven Realismus