W A L T E R   B E C K E R

 

Weitere Werke von Walter Becker
Zur Rezension „Walter Becker 1893-1984 Malerei und Grafik“

 

„Clarioboe“ (1981)

Öl auf Leinwand
unten links in Schwarz datiert „[19]81“, sowie unten rechts etwas farbschwach in blauem Kugelschreiber nochmals datiert

unten links in Schwarz monogrammiert „WB“, sowie unten rechts etwas farbschwach in blauem Kugelschreiber nochmals monogr.
unten rechts etwas farbschwach in blauem Kugelschreiber betitelt: „Clarioboe“

Größe: 86,5 x 71,3cm

€ 2.300,-

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Zustand
die seitlichen Ränder (vom Künstler) sehr leicht uneben zugeschnitten; in den vier Ecken kleine Einstichlöcher; verso technikbedingt etwas farbfleckig

Provenienz
Nachlass des Künstlers. [diesbezüglich verso oben mittig vom Künstler in Schwarz bezeichnet „Eigentum von Frau Marion Hoelscher“]

 

 

Walter Becker war beim Entstehen des vorliegenden Werkes in seinem 88. Lebensjahr. Zahlreiche biografische Brüche und Zäsuren lagen hinter ihm, seine Sehfähigkeit war stark eingeschränkt, was in den frühen 1970er Jahren zu einer beinahe gänzlichen Aufgabe der künstlerischen Tätigkeit führte und immer wieder begleiteten ihn Selbstzweifel an seinem eigenen Schaffen. Nichtsdestotrotz entstand gerade in einem neuen Lebensabschnitt, beginnend 1974 mit dem Umzug in einen Seniorenstift in Dießen am Ammersee, eine neue, ungeahnte künstlerische Tätigkeit und Produktivität. In seinem kurzen Lebensabriss beschreibt Becker diese Zeit so:
„Zuerst zaghaft – in alte Fehler zurückfallend – jetzt [d.h. 1976] nach etwa 25 Bildern in voller früher nie erreichter Consequenz[sic!] in Aufbau und Farbigkeit“ (aus einem handschriftlichen Lebensbericht Walter Beckers, den dieser auf Anfrage an das Germanische Nationalmuseum sandte. Heutiger Standort ist im dortigen „Deutschen Kunstarchiv“ (DKA)).

Es ist vielleicht gerade dieses erstaunliche, zum Verwundern und Wundern anregende Spätwerk, das im Schaffen Walter Beckers eine Sonderstellung einnimmt. Mit über 80 Jahren gelingt es dem Künstler nochmals eine ganz eigene Form- und Farbsprache zu entwickeln, die zweifelsohne als singulär gelten darf (zur Bedeutung des Spätwerks und zur Einordnung hiervon siehe v.a. Ingrid von der Dollen (2018): Walter Becker 1893-1984. Malerei und Grafik; Tutzing: Edition Joseph Hierling; S. 120ff., sowie Horst Kaiser (Hrsg.) (1981): Walter Becker zum 88. Geburtstag [Texte von Reinhard Bentmann und Dieter Hoffmann]; Karlsruhe). Wortgewaltig umschreibt Reinhard Bentmann diese Phase:

„Dieses Leben war bis über das 80. Jahr hinaus eigentlich nur Vorbereitung. Walter Becker und seine Freunde müssen es als einen Glücksfall nehmen, daß seine Kunst ihr Ziel noch erreicht hat und bei sich selbst ‚ankam‘. Ein Leben lang ging Becker hinter einem Ziel her, das sich ihm desto hartnäckiger verweigerte, je näher er sich ihm glaubte und je engagierter er es verfolgte. Dieses Ziel scheint in seiner Formulierung selbstverständlich, ja banal. Es zu erreichen, sich ihm zumindest konsequent anzunähern, war außerordentlich schwer, erforderte Kraft, Selbstkritik, äußerste Konzentration, äußerste künstlerische Disziplin. Walter Beckers Malerei handelt von Malerei, sie handelt von sich selbst. Die ‚Handlung‘ von Beckers Bildern ist die Farbe“ (Reinhard Bentmann 1981: unpag.).

Die Abstraktion wird bei diesen Spätwerken erhöht und in Teilen verlässt Becker auch das Gegenständliche. Er gibt dem Betrachter allein malerische Chiffren, Andeutungen an die Hand, die sich bei jenem durch eigene Erfahrungen und Assoziationen zu einem Motiv verdichten, aber doch niemals verfestigen. Becker bleibt spielerisch – und gerade im Umgang mit der Farbe betreibt er dieses Spiel meisterhaft.

Im Gegensatz zu dem Großteil vieler abstrakter bzw. stark abstrahierter Werke aus dem Spätwerk ist vorliegende Arbeit vom Künstler selbst betitelt. So findet sich am unteren rechten Rand in etwas unsicheren Großbuchstaben die Bezeichnung „Clarioboe“, was auf eine bestimmte Bauart einer Oboe verweist, die im Deutschen teilweise als „Strohfiedel“ benannt wird. Doch hat dies nichts mit dem ebenso benannten Instrument der alpenländischen Volksmusik zu tun, welches auch als Holzharmonika bekannt ist. Becker wird hier vielmehr an ein besonderes Holzblasinstrument gedacht haben.

Für Becker ist ein solcher, eher ungewöhnlicher, rätselhaft anmutender Titel keinesfalls unüblich. Oftmals ist es so, dass vom Künstler gewählte Titel beim Bildbetrachter anfangs Irritationen, Verwunderung und Nachdenken auslösen, was vom Künstler wenn nicht schon intendiert, so doch zumindest mutwillig und freudig zur Kenntnis genommen wurde.
Es entspinnen sich Überlegungen und mögliche Deutungen, die nicht selten ein neues Eintauchen in das Bild und damit einen neuen Blick auf dieses bedingen.

Nimmt man an, dass dieses besondere Musikinstrument aus dem mediterranen, wohl spanischen, Raum stammt – dies lässt sich zumindest dadurch annehmen, da sich in einem Deutsch-Spanisch-Wörterbuch des 19. Jahrhunderts der Terminus ‚Clavioboe‘[sic!] gelistet findet. (Frederico Booch-Arkossy (1858): Neues und vollständiges Spanisch-Deutsches und Deutsch-Spanisches Handwörterbuch [Erster Band]; Leipzig: Teubner; S. 257) – so lassen sich vielleicht biografische Bezüge zu Beckers Schwiegervater, dem großen Künstler Leo von König (28.02.1871 Braunschweig – 09.04.1944 Tutzing) ziehen. Dieser war gegen Ende seines Lebens mit einer Spanierin liiert. Das allgemeine musikalische Element der Betitelung lässt sich deuten durch die sehr enge Freundschaft zu dem Cellisten Ludwig Hoelscher und dessen Frau Marion, die regelmäßig Hauskonzerte veranstalteten bei welchen Becker anwesend war.
Ebenso mag man auch an die Charakterisierung Beckers als „Musiker unter den Expressionisten“ (Gerd Presler) denken.
Dies mögen alles Rahmensetzungen und Andeutungen von Kategorisierungen sein, die jedoch das eigene Empfinden, Erleben und Erfahren allenfalls anleiten aber keinesfalls ersetzen können. Walter Becker wird dies bewusst gewesen sein.

Den Nicht-Raum des Werkes hat er in einem nuancierten Grün ausgeführt, in dessen Mitte sich die Szenerie aus farblichen Balken und Strichen abspielt. Ein Großteil der Elemente ist dabei ebenso wie der Untergrund in Grüntönen gehalten, die sich durch farbliche Akzente (beispielsweise Gelbgrün oder Blaugrün) oder / und durch eine leicht pastose Malweise hiervon abheben. Als farbliche Akzente findet sich ein satter schwarzer Balken im rechten Bereich, der dezidiert Bezug nimmt zu den dünnen, weißen Linien links. Zumindest die eine weiße Linie hiervon wirkt in ihrer Dreiteilung im oberen Bereich wie ein künstlerisches Zitat von A.R. Penck mit dessen typischen langgezogenen Armen und Fingern. Neben diesem Schwarz-Weiß auf der Horizontalen, setzt Becker im oberen Bereich zwei blaue Flächen, die vertikal mit der dazugehörigen Komplementärfarbe (Orange) im unteren Bereich korrespondieren. Die verschiedenen Grüntöne innerhalb des Werks werden auf diese Weise quasi ‚eingerahmt‘: weiß (links), schwarz (rechts), blau (oben), orange (unten).

Die mannigfaltigen Überlegungen die Becker gerade in seinem Spätwerk anstellte, wie auch die zahlreichen Querverweise, die sich hierdurch zu kunsttheoretischen Überlegungen von u.a. Johannes Itten und Adolf Hölzel ergeben, mögen auf diese Weise nur angedeutet sein und bedürfen noch weiterer Untersuchungen.
Ob man nun den weißen Stab bzw. ‚Dreispitz‘ als Musikinstrument sieht, welches von einer hohen, hageren Figur im linken Bereich gehalten wird, bleibt dem Betrachter überlassen. Vielleicht taucht die Oboe auch irgendwo anders auf, sofern man sie überhaupt entdecken möchte.

Die Bezüge zu Beckers früherem Schaffen sind gerade bei der exzellenten Farbwahl wie auch dem Bildaufbau evident. Doch gerade durch die nochmals gesteigerte Abstraktion hebt er in diesem Fall diese „Clarioboe“ auf eine neue Stufe, die den Betrachter rein als Individuum anspricht. Durch den meisterhaften Umgang mit der Farbe und der Kenntnis um deren Wirkungen, kann Becker den Betrachter sachte an der Hand nehmen, um ihn in diese harmonisch, um nicht zu sagen: rhytmisch, ausformulierte Traumwelt zu führen.
Zuletzt ist noch der verso ausgeführte Hinweis, wonach das Werk Eigentum von Frau Marion Hoelscher ist, erwähnenswert, da Walter Becker keinesfalls alle Spätwerke mit diesem Hinweis versah. Vielmehr verweist dies darauf, dass der Künstler selbst dieses Objekt als gelungen ansah, was bei der bekannten selbstkritischen Haltung Beckers durchaus beachtlich ist.

 

 

Zu Walter Becker (01.08.1893 Essen – 24.10.1984 Tutzing):
Quelle: http://www.walter-becker.com/Maler, Zeichner, Grafiker; Sohn des Schmieds Eduard Becker und dessen Frau Johanna, geb. Eickmeyer; 1908 Tod des Vaters; 1910-13 Abendklasse an der Kunstgewerbeschule Essen; Ausbildung zum Gebrauchsgrafiker; 1914-15 Kriegseinsatz, wobei er den Winter 1914 aufgrund von Tuberkulose im Schwarzwald verbrachtete; 1915 wurde er dann als ‚Landsturmmann ohne Waffe‘ zum Wehrdienst eingezogen und als Wachmann am Alten Durlacher Bahnhof eingesetzt; aufgrund seiner labilen Gesundheit wurde er noch 1915 vom Kriegsdienst befreit; prägende Bekanntschaft mit Karl Albiker; 1915-18 Studium an der Kunstakademie Karlsruhe (bei Walter Conz); 1918 erste Ausstellung im Heidelberger Kunstverein (arrangiert von Wilhelm Fraenger); 1919-20 Mitglied der Künstlergruppe „Rih“; nach dem Ersten Weltkrieg wird Becker v.a. als Illustrator bekannt (Illustrationen u.a. zu Jean Paul: Jean Paul Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei (Heidelberg, 1918); Nikolai Gogol: Der Mantel (Heidelberg, 1920); E. T. A. Hoffmann: Die Königsbraut (Potsdam, um 1920)); 1919-22 Entwürfe für die Karlsruher Majolika-Manufaktur; 1922-23 Studium an der Kunstakademie Dresden; Meisterschüler bei Karl Albiker; November 1923 Heirat mit Yvonne von König (Tochter der Malerin Mathilde Tardif und Adoptivtochter Leo von Königs); 1924-36 Wohnsitz in Südfrankreich (Cassis-sur-Mer), dort Bekanntschaft mit u.a. Georges Braque, Jules Pascin, Erika und Klaus Mann, Thomas Mann; 1931 1. Kunstpreis der Stadt Hannover für das Portrait von Marcel Sauvage; 1936 Rückkehr nach Deutschland, dort zunächst in München, dann in Utting am Ammersee in dem Haus Bertolt Brechts ansässig, bevor ein Haus in Bühl (Baden) gebaut wird; 1937 werden 19 Arbeiten bei der Aktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmt; 1937-38 Reise nach Florenz und Sienna; ab 1938 Wohnsitz in Tutzing, dort Bekanntschaft mit dem Cellisten Ludwig Hoelscher und dessen Frau Marion; 1941 Berufung als Professor an die Kunstakademie Karlsruhe, doch noch vor seinem Antritt wurde sein Atelier versiegelt und er wurde gezwungen von dem Vertrag zurück zu treten; 1945-61 Mitglied des Deutschen Künstlerbundes; 1951-58 Lehrer an der Kunstakademie Karlsruhe; 1952 Ernennung zum Professor; 1952 1. Preisträger der Internationalen Graphik Gilde Paris; 1957 Tod der Ehefrau Yvonne; 1958 Pensionierung; 1959 Umzug nach Tutzing; 1968 fortschreitende Einschränkung der Sehkraft; 1974 Umzug in ein Seniorenstift in Dießen am Ammersee; ab 1976 erneuter Höhepunkt der Kreativität

Literatur
DOLLEN, Ingrid von der (2015): Walter Becker 1893-1984 Malerei und Grafik; Edition Joseph Hierling; Tutzing
JESSEWITSCH, Rolf / SCHNEIDER, Gerhard (Hrsg.) (2008): Entdeckte Moderne. Werke aus der Sammlung Gerhard Schneider; Kettler; S. 476
MÜLFARTH, Leo (1987): Kleines Lexikon Karlsruher Maler; Badenia-Verlag; Karlsruhe; S. 23-24
PORTZ, Hubert (2008): Walter Becker. Frühe Werke 1914-1933; Edition Strasser
SCHNEIDER, Erich (Hrsg.) (2009): Expressiver Realismus. Die Sammlung Joseph Hierling [Schweinfurter Museumsschriften 166/2009]; Schweinfurt; S. 34
ZIMMERMANN, Rainer (1994): Expressiver Realismus. Malerei der verschollenen Generation; Hirmer; München; S. 350
Kunst in Karlsruhe 1900-1950. Ausstellung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe im Badischen Kunstverein 24. Mai – 19. Juli 1981; Müller (Karlsruhe); S. 148
Internetseite zum Künstler [walter-becker.com]