Richild Holt

(Richild von Holtzbrinck, geb. 1941 in Kärnten)

Der Tod und ich

Themenflyer

 

 

Richild Holt
„Selbstporträt mit Tod und Putto II“, 2011, Öl und Acryl auf Leinwand, 101 x 76 cm, u.r. signiert, 4.700€

 

Liebe Kunstfreunde,

an dieser Stelle möchte ich Ihnen ein Selbstbildnis vorstellen, dass mich persönlich seit Längerem beschäftigt.

Bei der Künstlerin Richild von Holtzbrinck wurden im August 1987 Tumore in ihrer linken Brust diagnostiziert. Ihr wurde eine Lebenserwartung von noch etwa zwei Jahren gegeben. Glücklicherweise ein kapitales Fehlurteil! In der Folge wurde auch die rechte Brust entfernt, um das Risiko einer erneuten Erkrankung zu minimieren.

Die notgedrungene Veränderung des eigenen Körpers hielt sie zwischen 1986 und 1990 in einer Reihe von Selbstbildnissen fest. Diese damals entstandenen Werke befinden sich heute im Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Das vorliegende Gemälde entstand 2011 und damit 25 Jahre nach dem ersten Selbstbildnis aus dem oben genannten Zyklus, was werksbiografisch bereits auf die exponierte Stellung dieser Arbeit verweist.

Vor einem schwarzen Hintergrund, der im oberen linken Bereich, sowie partiell am rechten Rand mittig, durch grüne und blaue vegetative Konturen durchzogen und aufgelockert wird, treten drei Figuren in Erscheinung. – Die Künstlerin selbst, ein Skelett und ein Putto. Diese mögen bereits hier als eine in mehreren damaligen Werken auftauchende Trias identifiziert werden: Eros – Sexus – Thanatos.

Die leicht versetzte Halbfigur der Künstlerin steht im unmittelbaren Vordergrund. Der Kopf bildet das Zentrum des Werks, wogegen der Körper aufgrund der Armhaltungen nach rechts zu tendieren scheint. Die rechte Hand lehnt auf dem unteren Bildrand und umgreift zugleich den Bauchbereich, während die linke einen Pinsel haltend, fast schon suchend, ertastend zur Brust geht. Und wie auch in anderen Bildnissen sind es gerade die Hände, die besondere Aufmerksamkeit erfahren. Kraftvoll, dynamisch in der Farbgebung und zugleich sanft und zärtlich in der Form. Links hinter der Künstlerin steht das Skelett, der Knochenmann, der Tod. Beide Arme umgreifen jene und lassen an ein enges, fast schon liebevolles, vielleicht gar vertrautes Verhältnis denken. Insbesondere der dezent zur Künstlerin geneigte Kopf, aber in Teilen auch der Hals und die Rippen erhalten durch den Einsatz blauer Farbtöne ein ganz eigenes Kolorit, wodurch das Skelett differenziert und der Tod damit auf eine subtile Weise vital, emotional erscheint.

Interessant ist an diesem, den Großteil der Bildfläche einnehmenden, Duo, dass der Tod zwar auf die Künstlerin eingeht, diese aber von dem Tod keinerlei Notiz zu nehmen scheint. Anders formuliert: denkt man sich das Skelett weg, bliebe noch ein eigenständiges Selbstbildnis; denkt man sich dagegen die Künstlerin weg, bliebe das Skelett mit einer inhaltsbedürftigen Leerstelle.

Den Abschluss der Trias bildet der Putto im oberen rechten Bildbereich. Gerade der Bogen verweist hier unweigerlich auf Eros, der hier zwar über der Künstlerin fliegt, doch mit all seiner Körper- und Kopfhaltung viel mehr Interesse für das Skelett bekundet.
Zudem ist der ernste, starre, keinesfalls fröhliche Gesichtsausdruck nur schwerlich mit dem ansonsten doch schönen, liebreichen Auftrag von Eros in Zusammenhang zu bringen. Er wirkt flapsig formuliert wie ein ‚Wolf im Schafpelz‘, wie ein drohendes Menetekel, das über der Künstlerin schwebt und schon längst mit dem Tod – dem ‚neuen Gott‘ (Wolfgang Borchert)– eine infauste Verbindung eingegangen ist.
„Eros schießt seinen Pfeil ins Herz des Menschen, der in Liebe entbrennen soll. Worauf dieser genau das tut. Das alles hat den Zweck, ein Kind zu zeugen, das wiederum von Anfang an moribund ist.“ So die Künstlerin selbst.

In seiner rationalen, emotionslosen, rein intellektuellen Art mag der Gedanke wie eine Reminiszenz an Iwan Karamasow aus Dostojewskijs „Brüder Karamasow“ anmuten. Dieser entwirft gerade gegenüber seinem Bruder Aljoscha immer wieder gedankliche Konstruktionen und philosophische Annahmen, die in einem hoffnungslosen Nihilismus und schließlich eo ipso in das Weltbild eines ‚Großinquisitors‘ münden.

Doch vermag dieser erste kalt wirkende Anklang sich nicht zu halten. Viel zu gefestigt, viel zu selbstbewusst wirkt die Künstlerin. Viel zu deutlich wendet sie sich dem Betrachter, dem Leben zu und damit vom Tod ab. Eher muss womöglich das heutzutage kollektive Bild des Todes als Schreckensgestalt hinterfragt werden, um sich adäquat diesem Motiv nähern zu können. Dass der Tod ferngehalten wird und in dem (Alltags-)Leben möglichst nicht erscheinen soll, ist ein Charakteristikum der letzten vergangenen Jahrzehnte.

Doch ist der Tod vielmehr als allein ein Vernichter des Lebens. Macht er doch ebenso aufmerksam auf das, woran das Herz eines jeden Menschen ganz persönlich hängt. Man möchte hier an den Topos des großen und gewichtigen Memento mori denken, wodurch der Tod ganz dezidiert in das Leben einbezogen wird, um durch diese Gewissheit um die Vergänglichkeit in einem Umkehrschluss das Leben tiefer, inniger und bewusster zu führen. Es ist eine Mahnung, ein Weckruf an die ‚schlafend Lebenden‘ aufzuwachen, tatsächlich zu leben, um der wohl für den Menschen schmerzvollsten Erkenntnis zu entgehen, wie sie Tolstoi in der Person des Iwan Iljitsch ausdrückt:

„Wie, wenn mein ganzes Leben am Ende doch nicht das gewesen ist, was es hätte sein sollen?“

Es grüßt Sie herzlichst

Mit herzlichen Grüßen verbleibt einmal mehr Ihr Maximilian v. Koskull