W A L T E R   B E C K E R

 

Weitere Werke von Walter Becker
Zur Rezension „Walter Becker 1893-1984 Malerei und Grafik“

 

 

‚Das gelbe Kleid‘ (1983)

Öl auf Leinwand („Viktoria Maltuch“), ohne Keilrahmen, ohne Rahmen

unten rechts datiert „[19]83“, sowie verso unten links (wohl von Marion Hoelscher) in Schwarz ebenso datiert

unten rechts monogrammiert „WB“

Größe: 104,5 x 83,5cm

€ 4.800,-

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Zustand
die Leinwandränder (vom Künstler) minimal uneben zugeschnitten; Ecken leicht bestoßen; im Eckbereich unten links Knickspur; im Eckbereich oben rechts Knickspur; im linken Randbereich oben etwas wellig; verso leicht farbfleckig, sowie verso u.l. (wohl von Marion Hoelscher) in Schwarz bez. „83 fig/abstr“

Provenienz
Nachlass des Künstlers

 

 

„In seinem Spätwerk, das seit 1976 in Dießen am Ammersee entstanden ist, hat Walter Becker die Summer seiner malerischen Existenz gezogen, in der sich Nachwirkungen des deutschen Expressionismus und Einflüsse der französischen Malerei seit Matisse zu einer Symbiose emotionalen Erlebens und harmonischer Daseinsfreude verbinden. […] Becker hat Häuser mit breiten Dächerhauben, Gärten und Straßen in Dießen gemalt, sommerliche Café-Terrassen, Ausblicke auf den Ammersee. Aber sein Hauptthema ist nicht die Landschaft, sondern die Figur, Figur nicht als Abbild eines lebenden Modells, vielmehr als Inbild der Imagination, als Phantom, das aus Traum und Empfindung geboren ist. Sein zentrales Problem ist die Überwindung der Einsamkeit im Spiel des Gefühls von Mensch zu Mensch. Er will den Augenblick staunender, dankbarer Annäherung erfassen, in dem sich seit eh und je das Mysterium des Lebens vollzogen hat. Diese geistig-sinnliche Konfrontation ist ein zeitloses Ereignis von poetischer Kraft. Das Ich wird in der Anschauung des andern seiner eigenen Tiefe gewahr“ (Wilhelm Gall (1983): Walter Becker, in: GIM Galerie Rastorfer: Walter Becker. Zum 90. Geburtstag (zur Ausstellung vom 22.09.-21.10.1983) [mit einem Text von Gerd Presler], Freiburg, S. 96).

Dieses Spätwerk Walter Beckers wird von einer argen Zäsur eingeleitet und von deren Folgen stets begleitet: die zunehmende Einschränkung der Sehkraft, die Anfang der 1970er Jahre gar zu einer fast vollständigen Aufgabe des künstlerischen Schaffens führte. Zugleich ist es womöglich auch diese Zäsur, die Beckers spätes Schaffen so heraushebt. Er selbst betont, dass er seine Malerei ganz neu überdachte und sich neu versuchte:
„Zuerst zaghaft – in alte Fehler zurückfallend – jetzt [d.h. 1976] nach etwa 25 Bildern in voller früher nie erreichter Consequenz[sic!] in Aufbau und Farbigkeit“ (Handschriftlicher Lebensbericht Walter Beckers, den dieser auf Anfrage an das Germanische Nationalmuseum sandte. Heutiger Standort ist im dortigen „Deutschen Kunstarchiv“ (DKA).)

In diesem späten Schaffen finden sich zwar immer wieder Rückbezüge auf das frühere Werk – es tauchen immer wieder vertraute Motive auf – doch bleibt dies auch der kleinste gemeinsame Nenner. Die künstlerische Umsetzung ist singulär und scheint rein aus dem Künstler selbst zu kommen. Und so schreibt Ingrid von der Dollen sehr trefflich, dass es „[staunenswert] ist, dass Walter Becker in dieser leidvollen Zeit zu ganz neuen gestalterischen Wegen fand, die im Kosmos der Malerei ohne Vergleich sind […]“ (Ingrid von der Dollen (2018): Walter Becker 1893-1984. Malerei und Grafik; Tutzing: Edition Joseph Hierling; S. 124).
Auch bei dem vorliegenden ‚gelben Kleid‘ lassen sich rein vom gewählten Sujet deutliche Bezüge zu früheren Werken, und hierbei insbesondere zu den 1960er Jahren, sehen. Zu denken ist hier beispielsweise an das kräftig gemalte, farbintensive Gemälde „Frau B. in gelbem Kostüm“ (Öl, 1960, 92x71cm, Standort unbekannt), sowie auch an „Madame H. II.“ (Öl, 1960, 91,5×59,5cm, Museum für aktuelle Kunst – Sammlung Hurrle (Durbach)) – von beiden Werken finden sich in der Folge Vergleichsabbildungen.

 

„Frau B. in gelbem Kostüm“ (Öl, 1960, 92x71cm, Standort unbekannt)

 

„Madame H. II.“ (Öl, 1960, 91,5×59,5cm, Museum für aktuelle Kunst – Sammlung Hurrle (Durbach))

 

In beiden Fällen ist es abermals das Motiv einer einzelnen Frau, die sich selbstbewusst dem Betrachter präsentiert. Wie auch bei „Frau B. in gelbem Kostüm“ so wirkt auch im vorliegenden Werk das Kleid als deutlicher Blickfang. Doch sind die einzelnen Farbflächen bei weitem nicht so hart und deutlich gezogen wie bei diesem Gemälde von 1960. Dort arbeitet Becker noch mit der, bereits bei den frühen Expressionisten bewusst eingesetzten, schwarzen Liniensetzung, um die Wirkkraft der Farben zu erhöhen. Die einzelnen Farbpartien sind in Flächen eingeteilt und erzeugen hierdurch ein spannungsvolles Spiel. In dem 23 Jahre später entstandenen Werk ist davon nichts mehr zu sehen. Es gibt zwar noch Konturensetzungen und Farbflächen, doch lässt Becker alles offener, ungezwungener. Fast mag man versucht sein zu sagen, dass er die früheren Techniken nicht mehr benötigte, um die gewünschte Wirkung zu erzeugen.

Die von Becker hier ausgewählten Farben verweisen dezidiert auf dessen ausgewiesene Kenntnis über Farbwirkung, sowie das farbliche Zusammenspiel miteinander. Bei beiden Werken von 1960 setzte Becker ganz bewusst die Kombination von Komplementärfarben ein – Gelb und Violett („Frau B. in gelbem Kostüm“) bzw. Gelb und Violett, sowie Orange und Blau („Madame H. II“) – und arbeitete mit der gesteigerten Intensität durch diese nahen Farbflächen. Dagegen ist im vorliegenden ‚gelben Kleid‘ nichts von einer solchen Spannung zu erspüren. Becker wählte explizit vornehmlich nahe beieinander liegende Farben aus dem oberen, warmen Bereich des Farbkreises – Grün, Gelb, Orange, sowie Mischungen aus diesen. Das gesamte Motiv tritt dadurch dem Betrachter auf eine warme, überaus stimmige und harmonische Art gegenüber. Dass der Lampenschirm in Blau ausgeführt ist, darf als ein überaus feines, kleines Detail betrachtet werden. – Ein feines Detail auch nicht zuletzt deshalb, da Becker auf diese Weise – ob bewusst oder unbewusst – die Farbgebung von Kleid und Lampe gegenüber „Madame H. II“ vertauschte.

Zieht man nun „Madame H. II“ als Vergleich heran, so liegt die Nähe zu dem ‚gelben Kleid‘ nicht so sehr in der Farbe als im Aufbau. Die weibliche Figur ist zentral in das Bild gestellt und stützt sich links an einem Objekt ab, am rechten Rand ist ein farblicher Balken (bei „Madame H. II“, ein Schrank) – auch dieser vertikale Balken taucht als Element des Bildaufbaus in Beckers Schaffen der 1960er und 1970er Jahre immer wieder auf. Beispielhaft hierfür sind zu nennen „Paar“ (1960, Öl, Privatbesitz Baden-Baden), sowie „Carneval III“ (1977, Öl, Privatbesitz Stuttgart) – und zwischen Frau und rechtem Bildrand steht eine Lampe. Derselbe Aufbau ist auch 23 Jahre später zu beobachten, was nochmals darauf verweist, dass Becker durch sein Augenleiden und die damit verbundene Zäsur sein gesamtes Schaffen nochmals überdachte, durchging und ordnete, um schließlich einen neuen künstlerischen Ausdruck hieraus entstehen zu lassen.

Das vorliegende ‚gelbe Kleid‘, welches im Jahr vor seinem Tod entstand, ist eines der wohl schönsten Beispiele für das weit in die Abstraktion führende, aber dennoch der Figur verhaftete Spätwerk des Künstlers.

 

 

Zu Walter Becker (01.08.1893 Essen – 24.10.1984 Tutzing):
Quelle: http://www.walter-becker.com/Maler, Zeichner, Grafiker; Sohn des Schmieds Eduard Becker und dessen Frau Johanna, geb. Eickmeyer; 1908 Tod des Vaters; 1910-13 Abendklasse an der Kunstgewerbeschule Essen; Ausbildung zum Gebrauchsgrafiker; 1914-15 Kriegseinsatz, wobei er den Winter 1914 aufgrund von Tuberkulose im Schwarzwald verbrachtete; 1915 wurde er dann als ‚Landsturmmann ohne Waffe‘ zum Wehrdienst eingezogen und als Wachmann am Alten Durlacher Bahnhof eingesetzt; aufgrund seiner labilen Gesundheit wurde er noch 1915 vom Kriegsdienst befreit; prägende Bekanntschaft mit Karl Albiker; 1915-18 Studium an der Kunstakademie Karlsruhe (bei Walter Conz); 1918 erste Ausstellung im Heidelberger Kunstverein (arrangiert von Wilhelm Fraenger); 1919-20 Mitglied der Künstlergruppe „Rih“; nach dem Ersten Weltkrieg wird Becker v.a. als Illustrator bekannt (Illustrationen u.a. zu Jean Paul: Jean Paul Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei (Heidelberg, 1918); Nikolai Gogol: Der Mantel (Heidelberg, 1920); E. T. A. Hoffmann: Die Königsbraut (Potsdam, um 1920)); 1919-22 Entwürfe für die Karlsruher Majolika-Manufaktur; 1922-23 Studium an der Kunstakademie Dresden; Meisterschüler bei Karl Albiker; November 1923 Heirat mit Yvonne von König (Tochter der Malerin Mathilde Tardif und Adoptivtochter Leo von Königs); 1924-36 Wohnsitz in Südfrankreich (Cassis-sur-Mer), dort Bekanntschaft mit u.a. Georges Braque, Jules Pascin, Erika und Klaus Mann, Thomas Mann; 1931 1. Kunstpreis der Stadt Hannover für das Portrait von Marcel Sauvage; 1936 Rückkehr nach Deutschland, dort zunächst in München, dann in Utting am Ammersee in dem Haus Bertolt Brechts ansässig, bevor ein Haus in Bühl (Baden) gebaut wird; 1937 werden 19 Arbeiten bei der Aktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmt; 1937-38 Reise nach Florenz und Sienna; ab 1938 Wohnsitz in Tutzing, dort Bekanntschaft mit dem Cellisten Ludwig Hoelscher und dessen Frau Marion; 1941 Berufung als Professor an die Kunstakademie Karlsruhe, doch noch vor seinem Antritt wurde sein Atelier versiegelt und er wurde gezwungen von dem Vertrag zurück zu treten; 1945-61 Mitglied des Deutschen Künstlerbundes; 1951-58 Lehrer an der Kunstakademie Karlsruhe; 1952 Ernennung zum Professor; 1952 1. Preisträger der Internationalen Graphik Gilde Paris; 1957 Tod der Ehefrau Yvonne; 1958 Pensionierung; 1959 Umzug nach Tutzing; 1968 fortschreitende Einschränkung der Sehkraft; 1974 Umzug in ein Seniorenstift in Dießen am Ammersee; ab 1976 erneuter Höhepunkt der Kreativität

Literatur
DOLLEN, Ingrid von der (2015): Walter Becker 1893-1984 Malerei und Grafik; Edition Joseph Hierling; Tutzing
JESSEWITSCH, Rolf / SCHNEIDER, Gerhard (Hrsg.) (2008): Entdeckte Moderne. Werke aus der Sammlung Gerhard Schneider; Kettler; S. 476
MÜLFARTH, Leo (1987): Kleines Lexikon Karlsruher Maler; Badenia-Verlag; Karlsruhe; S. 23-24
PORTZ, Hubert (2008): Walter Becker. Frühe Werke 1914-1933; Edition Strasser
SCHNEIDER, Erich (Hrsg.) (2009): Expressiver Realismus. Die Sammlung Joseph Hierling [Schweinfurter Museumsschriften 166/2009]; Schweinfurt; S. 34
ZIMMERMANN, Rainer (1994): Expressiver Realismus. Malerei der verschollenen Generation; Hirmer; München; S. 350
Kunst in Karlsruhe 1900-1950. Ausstellung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe im Badischen Kunstverein 24. Mai – 19. Juli 1981; Müller (Karlsruhe); S. 148
Internetseite zum Künstler [walter-becker.com]