W A L T E R   B E C K E R

 

Weitere Werke von Walter Becker
Zur Rezension „Walter Becker 1893-1984 Malerei und Grafik“
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‚Selbst‘ (1980)

Öl auf Wachstuch, ohne Keilrahmen, ohne Rahmen
verso mittig links in Schwarz datiert „9.2.[19]80“

verso mittig links in Schwarz monogrammiert „WB“
nicht betitelt [‚Selbst‘]

Größe: 115,5 x 69,5cm (komplett) bzw. 96 x 60cm (Bildteil)

€ 2.900,-

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Zustand
die seitlichen Ränder, sowie der obere Rand (vom Künstler) etwas uneben zugeschnitten; in den vier Ecken kleine Einstichlöcher; Ecke o.l. mit sehr kleinem Einriss (Länge etwa 0,5cm); Ecke o.r. mit Einriss (Länge etwa 1,5cm); in den Randbereichen mitunter leicht farbfleckig (bedingt durch den Malprozess); an den seitlichen Rändern mittig minimal wellig; am unteren Rand horizontal verlaufende leichte Knickspur (nicht im Bildteil); vereinzelt kleine Druckstellen, Knickspuren, die jedoch im Bildteil kaum ersichtlich sind; verso an den Rändern farbfleckig, sowie mittig größere rosafarbige Farbfläche

Provenienz
Nachlass des Künstlers

 

 

„Das Selbstbildnis, jene Sonderform der Porträtkunst, bei der Bildschöpfer und Bildinhalt identisch sind, spielt für die nachexpressionistische Generation eine besondere Rolle: In ihm blickt sich die Realität sozusagen selbst ins Auge“ (Rainer Zimmermann (1994): Expressiver Realismus. Malerei der verschollenen Generation; München: Hirmer; S. 115 – Kursiv im Original).

So lautet eine knappe, prägnante Aussage Rainer Zimmermanns zu diesem besonderen, reizvollen und zugleich auch schwierigen Sujet. Walter Becker zählt zu jener ‚nachexpressionistischen Generation‘, die von Zimmermann unter dem Überbegriff ‚verschollene Generation‘ beschrieben wird. – Das erste Mal ausführlich dargestellt in seinem heute als Standardwerk geltenden Band „Die Kunst der verschollenen Generation“ (Düsseldorf – Wien: Econ, 1980). Er kannte Becker noch zu dessen Lebzeiten und förderte diesen (vgl. hierzu u.a. den „Walter Becker“-Aufsatz von Rainer Zimmermann, den jener als Folge IX innerhalb der Serie „Malerei des Expressiven Realismus“ in der „Weltkunst“ (Nr. 20, München 1993) veröffentlichte).

Walter Becker war beim Entstehen des vorliegenden Werkes etwa ein halbes Jahr vor seinem 87. Geburtstag. Zahlreiche biografische Brüche und Zäsuren lagen hinter ihm, seine Sehfähigkeit war stark eingeschränkt, was in den frühen 1970er Jahren zu einer beinahe gänzlichen Aufgabe der künstlerischen Tätigkeit führte und immer wieder begleiteten ihn Selbstzweifel an seinem eigenen Schaffen. Nichtsdestotrotz entstand gerade in einem neuen Lebensabschnitt, beginnend 1974 mit dem Umzug in einen Seniorenstift in Dießen am Ammersee, eine neue, ungeahnte künstlerische Tätigkeit und Produktivität. In seinem kurzen Lebensabriss beschreibt Becker diese Zeit so:

„Zuerst zaghaft – in alte Fehler zurückfallend – jetzt [d.h. 1976] nach etwa 25 Bildern in voller früher nie erreichter Consequenz[sic!] in Aufbau und Farbigkeit“ (Handschriftlicher Lebensbericht Walter Beckers, den dieser auf Anfrage an das Germanische Nationalmuseum sandte. Heutiger Standort ist im dortigen „Deutschen Kunstarchiv“ (DKA)).

Es ist vielleicht gerade dieses erstaunliche, zum Verwundern und Wundern anregende Spätwerk, das im Schaffen Walter Beckers eine Sonderstellung einnimmt. Mit über 80 Jahren gelingt es dem Künstler nochmals eine ganz eigene Form- und Farbsprache zu entwickeln, die zweifelsohne als singulär gelten darf (zur Bedeutung des Spätwerks und zur Einordnung hiervon siehe v.a. Ingrid von der Dollen (2018): Walter Becker 1893-1984. Malerei und Grafik; Tutzing: Edition Joseph Hierling; S. 120ff., sowie Horst Kaiser (Hrsg.) (1981): Walter Becker zum 88. Geburtstag [Texte von Reinhard Bentmann und Dieter Hoffmann]; Karlsruhe; unpag.). Wortgewaltig umschreibt Reinhard Bentmann diese Phase:

„Dieses Leben war bis über das 80. Jahr hinaus eigentlich nur Vorbereitung. Walter Becker und seine Freunde müssen es als einen Glücksfall nehmen, daß seine Kunst ihr Ziel noch erreicht hat und bei sich selbst ‚ankam‘. Ein Leben lang ging Becker hinter einem Ziel her, das sich ihm desto hartnäckiger verweigerte, je näher er sich ihm glaubte und je engagierter er es verfolgte. Dieses Ziel scheint in seiner Formulierung selbstverständlich, ja banal. Es zu erreichen, sich ihm zumindest konsequent anzunähern, war außerordentlich schwer, erforderte Kraft, Selbstkritik, äußerste Konzentration, äußerste künstlerische Disziplin. Walter Beckers Malerei handelt von Malerei, sie handelt von sich selbst. Die ‚Handlung‘ von Beckers Bildern ist die Farbe“ (Reinhard Bentmann: III. Am Ziel: die neuen Bilder 1976-19, in: Horst Kaiser (Hrsg.) (1981): a.a.O.).

Die Farbe, die Farbflächen sind auch im vorliegenden Werk das dominierende und bestimmende Element. Das Wachstuch, ein in der Spätphase von Becker explizit gewählter und geschätzter Malgrund, ist in Grau gewischt eingefärbt. Der Bildbereich selbst wird durch eine große braune Fläche gebildet, an welche sich links ein schmaler gelber Streifen, sowie oben ein dunkler Querbalken anschließen. Und damit hat Becker bereits den Raum, besser: den Nicht-Raum, geschaffen vor dem er selbst sich als eine lange, hagere Gestalt in grauen und weißen Strichen abhebt. Der kantige Kopf, wie auch das große, ebenso kantige Auge lassen an Werke der 1960er Jahre denken, wirken aber noch minimalistischer und reduzierter in ihrem Ausdruck. Weit sind die dürren Arme ausgebreitet und in den langen Fingern hält der Künstler, vorsichtig an den Rändern anfassend, eine eigene, farbenprächtige Abstraktion.

Ist es ein selbstkritischer Blick der hier auf diese Komposition geht? Und falls ja, wie würde das Urteil Beckers zu dieser auf blaugrünem Grund ausgeführten Farbigkeit lauten? Ohne Zweifel greift Becker bei diesem in den Händen gehaltenen Werk Motive auf, die ihn zu jener Zeit beschäftigten – Farbzusammenspiele und Farbkombinationen, die er weit bis zur Abstraktion treibt, wobei er jedoch auch immer wieder (dezent) Figuratives einbaut. Und so mag man auch hier das grün-braune Element im oberen linken Bereich als Figur (womöglich gar als Frau) deuten, welche die Arme erhebt. Auch gerade dieser Gestus wäre für diese Schaffensphase markant, finden sich hier doch immer wieder Werke bei denen vor allem Frauen mit erhobenen bzw. empor gerissenen Armen dem Betrachter gegenüberstehen. Es ist demnach sehr gut vorstellbar, dass jenes Werk, das Becker hier als ‚Bild im Bild‘ präsentiert, tatsächlich gemalt und von ihm beurteilt wurde.
Anders formuliert: Becker spielt hier mit den Perspektiven. Der für ihn ganz persönliche, private, intime Prozess des Überdenkens und Beurteilens eines neuen Gemäldes, wird durch das Festhalten in einem Selbstbildnis quasi zu einer Angelegenheit coram publico. Das zu beurteilende Kunstwerk wird in Form eines weiteren, nolens volens ebenso zu beurteilenden Kunstwerks präsentiert, in dem sich listigerweise der Künstler selbst als blasses, fahles Wesen befindet. Für den Betrachter dieser ungewöhnlichen Selbsterforschung kommt es demnach zu einem Zwiespalt – soll die in den Händen gehaltene Abstraktion bedacht und beurteilt werden, so kann dies (bewusst oder unbewusst) nie geschehen ohne das die Abstraktion umgebende Selbstbildnis miteinzubeziehen; soll dagegen das vorliegende Selbstbildnis in den Fokus rücken, so wird, allein schon aufgrund der Farbgebung wie auch der räumlichen Anordnung, das ‚Bild im Bild‘ immer im Blick des Betrachters bleiben.

Bezogen auf die nicht allzu häufigen Selbstbildnisse im Schaffen Walter Beckers, ist zudem würdigend anzumerken, dass es sich bei dem hier vorliegenden Werk womöglich um das letzte Selbstporträt Walter Beckers handelt, was die Besonderheit und damit den Reiz der Komposition an sich nochmals unterstreicht.

 

 

Zu Walter Becker (01.08.1893 Essen – 24.10.1984 Tutzing):
Quelle: http://www.walter-becker.com/Maler, Zeichner, Grafiker; Sohn des Schmieds Eduard Becker und dessen Frau Johanna, geb. Eickmeyer; 1908 Tod des Vaters; 1910-13 Abendklasse an der Kunstgewerbeschule Essen; Ausbildung zum Gebrauchsgrafiker; 1914-15 Kriegseinsatz, wobei er den Winter 1914 aufgrund von Tuberkulose im Schwarzwald verbrachtete; 1915 wurde er dann als ‚Landsturmmann ohne Waffe‘ zum Wehrdienst eingezogen und als Wachmann am Alten Durlacher Bahnhof eingesetzt; aufgrund seiner labilen Gesundheit wurde er noch 1915 vom Kriegsdienst befreit; prägende Bekanntschaft mit Karl Albiker; 1915-18 Studium an der Kunstakademie Karlsruhe (bei Walter Conz); 1918 erste Ausstellung im Heidelberger Kunstverein (arrangiert von Wilhelm Fraenger); 1919-20 Mitglied der Künstlergruppe „Rih“; nach dem Ersten Weltkrieg wird Becker v.a. als Illustrator bekannt (Illustrationen u.a. zu Jean Paul: Jean Paul Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei (Heidelberg, 1918); Nikolai Gogol: Der Mantel (Heidelberg, 1920); E. T. A. Hoffmann: Die Königsbraut (Potsdam, um 1920)); 1919-22 Entwürfe für die Karlsruher Majolika-Manufaktur; 1922-23 Studium an der Kunstakademie Dresden; Meisterschüler bei Karl Albiker; November 1923 Heirat mit Yvonne von König (Tochter der Malerin Mathilde Tardif und Adoptivtochter Leo von Königs); 1924-36 Wohnsitz in Südfrankreich (Cassis-sur-Mer), dort Bekanntschaft mit u.a. Georges Braque, Jules Pascin, Erika und Klaus Mann, Thomas Mann; 1931 1. Kunstpreis der Stadt Hannover für das Portrait von Marcel Sauvage; 1936 Rückkehr nach Deutschland, dort zunächst in München, dann in Utting am Ammersee in dem Haus Bertolt Brechts ansässig, bevor ein Haus in Bühl (Baden) gebaut wird; 1937 werden 19 Arbeiten bei der Aktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmt; 1937-38 Reise nach Florenz und Sienna; ab 1938 Wohnsitz in Tutzing, dort Bekanntschaft mit dem Cellisten Ludwig Hoelscher und dessen Frau Marion; 1941 Berufung als Professor an die Kunstakademie Karlsruhe, doch noch vor seinem Antritt wurde sein Atelier versiegelt und er wurde gezwungen von dem Vertrag zurück zu treten; 1945-61 Mitglied des Deutschen Künstlerbundes; 1951-58 Lehrer an der Kunstakademie Karlsruhe; 1952 Ernennung zum Professor; 1952 1. Preisträger der Internationalen Graphik Gilde Paris; 1957 Tod der Ehefrau Yvonne; 1958 Pensionierung; 1959 Umzug nach Tutzing; 1968 fortschreitende Einschränkung der Sehkraft; 1974 Umzug in ein Seniorenstift in Dießen am Ammersee; ab 1976 erneuter Höhepunkt der Kreativität

Literatur
DOLLEN, Ingrid von der (2015): Walter Becker 1893-1984 Malerei und Grafik; Edition Joseph Hierling; Tutzing
JESSEWITSCH, Rolf / SCHNEIDER, Gerhard (Hrsg.) (2008): Entdeckte Moderne. Werke aus der Sammlung Gerhard Schneider; Kettler; S. 476
MÜLFARTH, Leo (1987): Kleines Lexikon Karlsruher Maler; Badenia-Verlag; Karlsruhe; S. 23-24
PORTZ, Hubert (2008): Walter Becker. Frühe Werke 1914-1933; Edition Strasser
SCHNEIDER, Erich (Hrsg.) (2009): Expressiver Realismus. Die Sammlung Joseph Hierling [Schweinfurter Museumsschriften 166/2009]; Schweinfurt; S. 34
ZIMMERMANN, Rainer (1994): Expressiver Realismus. Malerei der verschollenen Generation; Hirmer; München; S. 350
Kunst in Karlsruhe 1900-1950. Ausstellung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe im Badischen Kunstverein 24. Mai – 19. Juli 1981; Müller (Karlsruhe); S. 148
Internetseite zum Künstler [walter-becker.com]