E R I C J O H A N S S O N (29.04.1896 Dresden – 04.06.1979 Täby (bei Stockholm))
Weitere Werke von Eric Johansson
Zum Themenflyer ‚Bilder des Schmerzes‘
Mutter mit totem Kind in ihren Armen (um 1920)
Aquarell und Bleistift auf Karton, verso am oberen Rand in Passepartout gesetzt
€ 1.200,-
Titel
ohne Titel [Mutter mit totem Kind in ihren Armen, im Vordergrund drei weitere (trauernde) Figuren / Köpfe]
Technik
Aquarell und Bleistift auf Karton, verso am oberen Rand in Passepartout gesetzt
Signatur
unsigniert, verso Nachlassstempel
Jahr
undatiert [um 1920, verso oberhalb des Nachlassstempels in Blei bezeichnet „Frühe 1920er“]
Größe
Größe: 37,5 x 28 cm (Blatt) bzw. 50 x 40 cm (Passepartout)
Auflage
unten links in Blei bezeichnet „1/10 Probedruck“
Zustand
Ecken etwas bestoßen; Blattränder leicht uneben zugeschnitten; Farben leicht aufgehellt; verso leicht fleckig; verso in den Ecken Klebereste von früherer Befestigung
“Käthe Kollwitz und – ihr tief verpflichtet – Otto Nagel hatten sich nicht nur ausschließlich dem Proletariat zugewandt, sondern bereits unter dem Gewicht des sozialen Elends, der Ausbeutung auch Züge des Stolzes, des Widerstands, der Schönheit und Würde aus der Sicht der Klasse, ‘von unten’ also, entdeckt. In Dresden war es zunächst Otto Dix, der mit Werken wie ‘Bildnis Max John’ (1920) oder dem ‘Elternbild’ (1921) im Proletarierbild erstmals auch die Kraft, das Sichbehaupten freilegte. Bereichert wird diese Entwicklung durch Arbeiten von Otto Griebel, Eric Johansson, Eugen Hoffmann, Bernhard Kretzschmar, zu denen Mitte der zwanziger Jahre die jüngere Generation revolutionär gesinnter Künstler vorstößt.” [1]
Hannelore Gärtner macht hier ganz richtig auf die wichtige Bedeutung von Eric Johansson innerhalb der Dresdner Künstlerszene aufmerksam. Johansson war in dieser frühen Zeit ein stark politischer Künstler. Neben seinem künstlerischen Schaffen engagierte er sich auch konkret politisch, war Mitglied der DKP sowie Mitglied in verschiedenen linken, kommunistischen Künstlervereinen wie der ASSO und der „Roten Gruppe“. Politik und Kunst sind bei Johansson in dieser Zeit miteinander verbunden und beeinflussen sich gegenseitig.
Dieses hier vorliegende Aquarell entstammt dem Motiv und der Darstellungsweise nach aus dieser Frühzeit und ebenso unterstreicht auch die rückseitige, wohl vom Nachlass stammende Annotation „Frühe 1920er“ diese Datierung.
Johansson war zu dieser Zeit gerade mit seinem Studium in Dresden fertig und arbeitete als freischaffender Küntler.
Vor diesem zeitlichen Hintergrund stellt das Werk bereits ein bedeutsames Objekt für das Schaffen Eric Johanssons wie auch für das Dresdner Kunstschaffen der Zwischenkriegszeit dar.
Motivisch ordnet sich dieses Aquarell ganz in diese politische, dem Proletariat verpflichtete Ausrichtung Johanssons ein. Der Betrachter blickt auf eine stark expressive Komposition, die farblich gesehen durch die harte Kontrastierung zwischen hellem, warmen Hintergrund und den dunklen Figuren im Vordergrund hervorsticht. Ganz vorne drei (angeschnittene) Köpfe nach links. – Es sind anonyme Figuren, bei denen man wohl an Arbeiter oder Protestierende denken kann. Hinter diesen Köpfen erhebt sich nun das eigentliche Geschehen in Form einer stark nach links geneigten, nach links eilenden Mutter mit einem Kind in ihren Armen. Und dem trauernden Gesichtsausdruck der Mutter wie auch den geschlossenen Kinderaugen nach zu urteilen, wird dieses Kind tot sein.
Kompositorisch ist nun hochinteressant, dass Johansson die Mutter mit Kind ganz klassisch als Dreiecksstruktur in das Bild einfügte, was Harmonie vermittelt und vor allem aus altmeisterlichen Marien-, Madonnen-Darstellungen mit dem Jesuskind bekannt ist.
Bei Johansson findet sich nun zwar diese unterliegende Dreiecksausrichtung, doch ist diese zugleich links geöffnet, ja: aufgebrochen und strebt förmlich mit den Figuren des Bildes zum linken Bildrand. Diese an sich klassische, religiöse Konnotation wird auf diese Weise überwunden und das Werk erhält eine gewaltige Dynamik und Kraft.
Als eine weitere Verbindung möchte man hier vielleicht denken an das bekannte Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ (1830) von Eugène Delacroix. Delacroix legt hier ebenso eine Dreieckskomposition zugrunde, bei der die junge, die Fahne tragende Frau (symbolisch für die Freiheit) mit ihrer Hand die Spitze des Dreiecks darstellt.
Johanssons vorliegende Arbeit kann vor diesem Hintergrund durchaus in eine künstlerische Tradition gestellt werden, welche auf Objekte des traditionellen (religiösen) Kanons rekurriert, um dies für die eigene (politische) Botschaft umzuwandeln und zu nutzen.
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[1] Hannelore Gärtner (1980): Die Assoziation revolutionärer Bildender Künstler Deutschlands in Dresden, in: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (Hrsg.) (1980): Kunst im Aufbruch. Dresden 1918-1933, Dresden: Grafischer großbetrieb Völkerfreundschaft, S. 69-90 [hier: 82].
Zu Eric Johansson (29.04.1896 Dresden – 04.06.1979 Täby (bei Stockholm)):
Maler, Zeichner, Grafiker.
Sohn schwedischer Eltern, wuchs aber bei einem Ziehvater, dem Steinmetz Robert Schäfer (?-1940), in Dresden auf.
1912–20 Studium an der Kunstakademie Dresden (bei Otto Gussmann, Robert Sterl, Oskar Zwintscher, Carl Bantzer und Ludwig von Hofmann).
Während dem Studium gehörte er zusammen mit u. a. Edmund Kesting dem Revolutionären Studentenrat an.
Nach dem Studium war er freischaffender Künstler in Dresden.
Künstlerfreundschaft mit Otto Griebel, beide nahmen 1923 als aktive Kommunisten am Kongress der Internationalen Arbeiterhilfe in Weimar teil.
1924 schuf er eine Lithografie zu dem Mappenwerk “Hunger” der “Internationalen Arbeiterhilfe” (AIH).
Mit Otto Nagel gehörte Johansson 1924-25 für die AIH zu den Organisatoren der „Ersten Allgemeinen Deutschen Kunstausstellung“ in Moskau, Leningrad und Saratow.
Während des damaligen Moskau-Aufenthalts traf er auch Hồ Chí Minh, den er dort porträtierte.
6. April 1926 Heirat mit Greta.
Während der Weltwirtschaftskrise arbeitete er in der Tiefbaufirma seines Pflegevaters und konnte nur reduziert künstlerisch wirken. Ab 1926 war er Teilhaber der Firma.
Ab 1933 war Johansson sowohl aufgrund seines kommunistischen Engagements wie auch deswegen, da seine Frau Jüdin war, von Repressionen bedroht. Zugleich erhielt er als Kommunist im einsetzenden Bauboom keine öffentlichen Aufträge.
1934 Reise nach Stockholm. Nach seiner Rückkehr findet eine Hausdurchsuchung durch die Gestapo statt bei der eigene künstlerische Werke, sowie zahlreiche Bücher beschlagnahmt werden.
1937 wurden zwei Gemälde aus dem Dresdner Stadtmuseum als “entartet” beschlagnahmt. In demselben Jahr wurde eines der Gemälde bei der Ausstellung zur “Entarteten Kunst” in München gezeigt.
1938 wurde er vier Monate inhaftiert, da er sich zwei Jahre zuvor während eines Restaurantsbesuchs an der Bürgerwiese abfällig über Hermann Göring äußerte, woraufhin er denunziert wurde.
Nach 14 Tagen wird er versehentlich freigelassen und flieht sofort zusammen mit seiner Frau über die Tschechoslowakei, Polen, das Baltikum und Finnland nach Schweden.
Im März 1939 kehrt seine Frau Greta kurzzeitig nach Deutschland zurück, um dort finanzielle Angelegenheiten zu regeln. Als sie zurückkehrt nimmt sie Eric Johanssons Pflegevater, den greisen Robert Schäfer, mit nach Schweden, wo dieser 1940 verstirbt.
Nach 1945 war er Künstler in Täby-Lövbrunna und betrieb dort zudem ein chemisches Labor.
April 1947 Tod der Ehefrau Greta.
1950 zweite Heirat mit seiner früheren Geliebten Tilde, geb. Able (?-1994).
Eric Johansson schuf insbesondere figürliche Kompositionen, Portraits, dörfliche Ansichten und Landschaften. Sein Frühwerk zeigt sich noch stark von verschiedenen Strömungen der Moderne (Expressionismus, Neue Sachlichkeit, Verismus) geprägt. Im späteren Schaffen fand er zu einem eigenen expressiv realistischen Ausdruck.
Mitgliedschaften
— Deutsche Kommunistische Partei (DKP) (Austritt 1925)
— ab 1924 kommunistischer Künstlerbund „Rote Gruppe“
— „Zentralkomitee der kommunistischen Künstlerhilfe“
— „Gesellschaft der Freunde des neuen Russlands“
Einzelausstellungen
1966 Stadtmuseum Greifswald
2015 Eksjö Museum, Eksjö
Preise / Ehrungen
1973 kommunaler Kunstpreis von Täby
Sammlungen
Stadtmuseum Dresden
Galerie Neue Meister, Dresden
Sammlung Memoria – Thomas B. Schumann, Hürth
Sammlung Dr. Gerhard Schneider, Olpe
Literatur
— Hoffmeister, Christine / Suckow, Christian (Hrsg.) (1978): Revolution und Realismus revolutionäre Kunst in Deutschland 1917 bis 1933, Berlin: Staatliche Museen zu Berlin, S. 46
— Jessewitsch, Rolf / Schneider, Gerhard (Hrsg.) (2008): Entdeckte Moderne, Bönen: Kettler, S. 493
— Papenbrock, Martin (Hrsg.) (1996): „Entartete Kunst“, Exilkunst, Widerstandskunst in westdeutschen Ausstellungen nach 1945. Eine kommentierte Bibliographie], Weimar: VDG, S. 474
— „Artists of the World (AOW) / Allgemeines Künstlerlexikon (AKL)“, De Gruyter-Verlag, Onlineversion



















