H A N S    H E I N R I C H    O R E L L    ( O R E L L I )
(12.07.1872 Zürich – 27.09.1950 Uetikon (Zürich))

Weitere Schweizer Künstler

 

 

 

„Abend gegen Orselina“ (1913)

Tempera, partiell mit Deckweiß, auf bräunlichem Büttenpapier

€ 2.400,-

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Titel
„Abend gegen Orselina“ [so unten mittig betitelt, darüber bez. „Nr. 8“, verso oben rechts zusätzlich bezeichnet „Ausblick Monte Verita […]“, sowie verso oben links bezeichnet „Brissago […]“, i. e. die zwei kleinen Brissago-Inseln auf der Schweizer Seite des Lago Maggiore]

Technik
Tempera, partiell mit Deckweiß, auf bräunlichem Büttenpapier („MBM (France)“), vom Künstler befestigt auf festem Karton, gerahmt

Signatur
unten links signiert „H. ORELLI“

Jahr
unten links datiert „XII 1913“

Größe
Größe: 47 x 62,5 cm (ohne Rahmen) bzw. 52,7 x 68 cm (mit Rahmen)

Zustand
Blatt vom Künstler befestigt auf festem Karton; Befestigung teilweise etwas gelöst und das Papier an diesen Stellen sehr leicht wellig; am oberen und unteren Rand jeweils mittig mit je zwei Einrissen (etwa 3-4 cm); linker Rand mittig mit Einriss (etwa 4 cm); in den Randbereichen insgesamt etwas knittrig und vereinzelt mit kleinen Einrissen; im linken Bereich mittig (in der Wasserpartie), sowie im rechten unteren Bereich (etwas oberhalb des Grüns) jeweils kleines Löchlein im Papier

Karton verso nachgedunkelt und leicht fleckig, sowie an den Randbereichen mit Druckstellen durch frühere Befestigung mit Nägelchen; Ecken des Kartons bestoßen (unter Rahmung nicht sichtbar); verso oben links vom Künstler in Blei bez. und datiert; verso oben rechts klein in Blei bez. „549“[?]

 

 

Werkbeschreibung
In dem hier gezeigten Werk von Hans Heinrich Orell (Orelli) schaut der Betrachter auf eine farbstarke Ansicht am Lago Maggiore. Markant im Bild dabei die zwei kleinen Brissago-Inseln auf der Schweizer Seite des Sees und dahinter das Ufer und die sich erhebenden Berge. Alles ausgeführt in schnellen, expressiven Strichen, die vor allem im Himmel wie auch am rechten Rand den Malgrund ganz bewusst durchscheinen lassen, was der Komposition den spontanen, intuitiven Charakter eines Momenteinfangs verleiht.
Dem erhöhten Betrachterstandpunkt nach wie auch der Verortung der Brissago-Inseln nach, ist anzunehmen, dass sich der Künstler damals auf dem bedeutenden und geschichtsträchtigen Monte Verità bei Ascona befand. Dies deckt sich dann auch mit der rückseitigen Annotation “Ausblick Monte Verita“.

Vor diesem Hintergrund erhält das Werk zusätzlich eine sehr interessante kulturhistorische Relevanz, lässt es sich doch in einen Zusammenhang bringen mit dem alternativen, lebensreformerischen Siedlungsprojekt, welches Ende des 19. Jahrhunderts am „Berg der Wahrheit“ entstand und mit der Zeit zu einem Anziehungsort für verschiedenste Sucher und Außenseiter der Gesellschaft wurde, bevor sich vor allem ein Sanatoriumsbetrieb etablierte und durchsetzte.
Begonnen hatte alles damit, als eine „Gruppe um Ida Hofmann und Henri Oedenkoven im November 1900 das 3,5 Hektar grosse, attraktiv gelegene Gelände über dem Lago Maggiore übernahm […]. Ihre Ziele erstreckten sich aber noch auf viele weitere Bereiche als das einer blossen Wahrheitssuche: Nach dem Vorbild des Monte Verità sollte sich die vegetarische, ‚naturgemässe‘ Lebensweise in der gesamten Gesellschaft durchsetzen; mit der Frauenemanzipation und der so genannten ‚freien Ehe‘ sollte es zu einer Gleichberechtigung der Geschlechter kommen; sie wollten den Monte Verità in einen genossenschaftlichen Betrieb umwandeln, um damit die kapitalistischen Ausnützungsmechanismen ausser Kraft zu setzen.“ [1]

Es wurden hier Alternativen zum bisherigen Leben erprobt, was beispielgebend für einen größeren Rahmen hätte gelten sollen. Um das Fortbestehen zu gewährleisten war es notwendig ein Naturheilsanatorium als Geldeinnahmequelle zu gründen, „in dem sich Gäste gegen Bezahlung in einer ‚Lichtlufthütte‘ einmieten konnten“[2]. Es war dann wohl auch diese Notwendigkeit der Finanzierung, die dazu führte, dass die Prinzipien ab etwa 1909 etwas abgeschwächt wurden, so dass beispielweise die rein vegetarische Kost durch eine Mischkost ersetzt wurde und auch Alkohol und Tabak nicht mehr absolut verboten waren[3].
Nichtsdestotrotz übte der Monte Verità eine enorme Anziehung aus. Die 1989 gegründete „Fondazione Monte Verità“ beschreibt dies in einem geschichtlichen Rückblick wie folgt:

„Die Intensität der zwar nicht in der Gemeinschaft, aber von einzelnen[sic] verwirklichten Ideale zieht rasch Aussenseiter der Gesellschaft aus ganz Europa und aus Übersee auf den Monte Verità, der allerdings mit den Jahren immer mehr zum Sanatoriumsbetrieb wird: Theosophen, Lebensreformer, Anarchisten, Kommunisten, Sozialdemokraten, Psychoanalytiker, dann Literaten, Schriftsteller, Dichter und Künstler und schliesslich die Emigranten der beiden Weltkriege.” [4]

Ganz konkret lassen sich hier, ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit, folgende Besuchernamen nennen: Raphael Friedeberg (1863-1940, Anarchist und Arzt), Fürst Peter Kropotkin (1842-1921, Anarchist und Schriftsteller), Erich Mühsam (1878-1934, Schriftsteller), Otto Gross (1877-1920, Mediziner, Psychoanalytiker, Revolutionär), August Bebel (1840-1913, sozialistischer Politiker), Karl Kautsky (1854-1938, sozialistischer Politiker, Philosoph), Otto Braun (1872-1955, Politiker), Hermann Hesse (1877-1962), Franziska Gräfin zu Reventlow (1871-1918, Schriftstellerin, Malerin), Else Lasker-Schüler (1869-1945, Schriftstellerin, Zeichnerin), Rudolf von Laban (1879-1958, Tänzer, Choreograph), Mary Wigman (1886-1973, Tänzerin), Hugo Ball (1886-1927, Schriftsteller, Mitgründer der Dada-Bewegung), Hans Arp (1886-1966, Künstler), Marianne von Werefkin (1860-1938, Künstlerin), Alexej von Jawlensky (1864-1931, Künstler), Arthur Segal (1875-1944, Künstler), El Lissitzky (1890-1941, Künstler der russischen Avantgarde).

Diese expressiv realistische Ansicht von Hans Heinrich Orell (Orelli) ist gerade in diesen hochinteressanten soziokulturellen Kontext voller Neuerungen und Umwälzungen einzuordnen. Der Künstler schuf das Werk im Jahr 1913 – demnach nicht direkt zu Beginn des Siedlungsprojektes am “Wahrheitsberg”, aber doch auch nicht zu einer Zeit als der Sanatoriumsbetrieb die lebensreformerischen Bestrebungen zum Großteil überdeckte.
Zu jener Zeit gab es noch die Suche nach einer neuen Gesellschaft, nach einem reinen, natürlichen Leben. – Und Orell war damals (zumindest kurzzeitig) direkt vor Ort. Ob er auch Teil dieser eher losen Zusammenkunft war, ist unklar. Plausibel dürfte aber sein, dass er in Kontakt war bzw. in Kontakt kam mit anderen Besuchern, war doch, wie oben ausgeführt, der Standort des Künstlers eben am Monte Verità.

Einige Jahre später – 1929 – schuf der Künstler ein weiteres Werk mit einer ganz ähnlichen Ansicht. Markant ist dabei aber, dass der Ausdruck bei dieser Ansicht von 1929 weniger expressiv, weniger frei und weniger befreit ist. Während das hier vorliegende Werk von 1913 durch Spontaneität und Dynamik besticht, zeigt sich das zweifelsohne ebenso gute und gelungene Motiv von 1929 weitaus ruhiger und beruhigter. Es scheint gar so, als ob 1913 ein Impetus, eine am Berg erlebte und erfahrene Inspiration in das Werk eingingen, und so das Künstlerische steigerte, um diese unbedingt eigenwillige wie auch erstaunliche Landschaftskomposition entstehen zu lassen.

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[1] Andreas Schwab (2003): Monte Verità – Sanatorium der Sehnsucht, Zürich: Orell Füssli, S. 12.
[2] Ebd.
[3] Siehe ebd., S. 13.
[4] Text auf der Homepage der Stiftung.

 

 

Zu Hans Heinrich Orell (Orelli) (12.07.1872 Zürich – 27.09.1950 Uetikon (Zürich)):
Maler, Zeichner, Grafiker.
Teil einer bedeutenden Schweizer Familie, die ursprünglich aus Locarno stammt und das erste Mal 1181 dokumentiert ist. Die Familie gehörte per Beschluss von 1679 zu den regierungsfähigen Geschlechtern Zürichs.
Sohn des Hans Heinrich Orell (1829 Rüschlikon – um 1900 Regensburg) und dessen Ehefrau Maria Sophia, geb. Keller (1840 Frauenfeld (CH) – um 1935 Hamburg).
In den 1890er Jahren lebte er in der Sihlstraße 26 und im damaligen Adressbuch wird bereits Zeichner als Beruf angegeben.
Um 1897 Heirat mit der Künstlerin Martha Kuhn (später: Kuhn-Sumbardo, 1873 Hamburg – 1961 Seattle (USA)).
Die Ehefrau studierte sieben Jahre in Stuttgart, München und Venedig und womöglich war auch Hans Heinrich Orell zumindest teilweise an diesen Studienorten mit dabei. Dies würde auch erklären, weshalb er mitunter als Schüler von Adolf Hölzel genannt wird.
Um 1902 in München ansässig. [6] Das Paar hatte drei Kinder: Romea (1897-?), Alessandro Henry (1899-1992) und Charles Wolfgang Ludwig (1900-1987).
Die Ehe wurde Ende 1903 geschieden.
Um 1913 kurzzeitig in Basel ansässig.
Hierauf wieder in Zürich ansässig (u. a. Hochstraße 58 (um 1942)).

Hans Heinrich Orell war vor allem in der Schweiz als Landschaftsmaler und Porträtist tätig, daneben sind auch Blumenbilder dokumentiert.

Nachweisen lassen sich dabei in den 1910er und 1920er Jahren mehrere Ansichten vom Lago Maggiore.

In seinen Werken (Öl, Aquarell, Tempera) zeigt sich ein expressiver, farbstarker Ausdruck.

Ausstellungen
— 1902, Februar 1909, Dez. 1909/Jan. 1910, 1913 war Orelli jeweils mit einer Arbeit (zumeist Öl/Tempera) bei einer Ausstellung im Kunsthaus Zürich vertreten. [7]  
— Juli – August 1915 mit insgesamt 17 Arbeiten (Öl, Tempera, Aquarell) vertreten bei einer Ausstellung im Kunsthaus Zürich

Literatur
— „Artists of the World (AOW) / Allgemeines Künstlerlexikon“ (AKL), De Gruyter-Verlag, Onlineversion
— „SIKART Lexikon zur Kunst in der Schweiz“, Onlineversion

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[5] So eine Angabe in: Zürcher Kunstgesellschaft (1903): Jahresbericht 1902, Zürich, S. 33.
[6] Siehe hierzu die “Aussteller-Verzeichnisse im Kunsthaus” in den diesbezüglichen Jahresberichten der Zürcher Kunstgesellschaft.