W O L F G A N G N I E S N E R (18.12.1925 Freudenthal (Sudetenschlesien) – 23.04.1994 München)
Wolfgang Niesner: „Flora“ (1975)
Wolfgang Niesner: „Holsteinerstraße [4] / Wohnzimmer“ (um 1955)
Zu Wolfgang Niesner (18.12.1925 Freudenthal (Sudetenschlesien) – 23.04.1994 München):
Grafiker, Zeichner, Maler, Glaskünstler, Bildhauer.
Wolfgang Niesner war auf dem Feld der druckgrafischen und zeichnerischen Künste nach 1945 eine Ausnahmeerscheinung. Er betätigte sich in vielen Techniken, bevorzugte aber besonders die Radierung, den Kupferstich und den Holzschnitt. Neben der Druckgrafik schuf Niesner, der sich selbst als “Augenmenschen” charakterisierte, ein umfangreiches zeichnerisches Werk, sowie auch Gemälde, vereinzelt Glasmalereien und kleinere bildhauerische Arbeiten.
“Wolfgang Niesner hatte eine heitere, liebenswürdige, ja herzliche Wesensart. Das wissen besonders seine Freunde. Es machte ihn aber vieles, was sich in der Welt ereignete sehr betroffen und das schlug sich in seinem Werk nieder” (Friederike Niesner). [1]
Der Vater betrieb in der Kleinstadt Freundenthal [Bruntál] eine Kohlenhandlung, was der Familie eine gediegene bürgerliche Existenz erlaubte. Bereits in der Kindheit und Jugend zeichnete er unablässig, was aber auch dazu führte, dass er die Schule vernachlässigte. Obgleich der Vater den Sohn lieber als seinen Nachfolger gesehen hätte, gewährte er ihm doch den Besuch der Wiener Hochschule für Angewandte Kunst. – Dies aber freilich erst, nachdem Sohn Wolfgang eine Lehre im Familienbetrieb abgeschlossen hatte. So begann er mitten im Krieg, im Wintersemester 1942/43 in Wien, wurde aber nach zwei Semestern eingezogen und musste zum Militär.
Als beim Militär Niesners künstlerisches Talent erkannt wurde, setzte man ihn zum Zeichnen, Porträtieren, Ausmalen von Kasernen u. a. ein, was ihm letztlich auch in der russischen Kriegsgefangenschaft in einem Lager östlich von Moskau zugute kam. Von dort wurde er in seine, nun tschechische, Heimatstadt entlassen, wo er direkt wieder inhaftiert wurde und in einer Kohlenzeche arbeiten musste. Gemeinsam mit einem Freund gelang ihm die Flucht und er kam nach Bayern. – Anfangs in Hunderdorf bei Straubing, ab den späten 1940er Jahren dann in München ansässig.
Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich als Illustrator und Zeichner für Zeitungen und Verlage sowie daneben auch als Gestalter von Plakaten für Firmen.
1950 wurde er das jüngste Mitglied im “Verein für Originalradierung”, dem er zeitlebens eng verbunden blieb und den er zwischen 1975 und 1981 als Erster Vorsitzender leitete. Daneben war er Mitglied im Berufsverband Bildender Künstler (München).
Der sehr bescheidene Künstler lebte zunächst als Untermieter in der Müllerstraße, zog dann Mitte der 1950er Jahre als Untermieter zur Familie Fürst in die Holsteiner Straße 4, nahe des Münchner Waldfriedhofs.
“Die menschliche Bindung wurde so eng, daß Niesner eines Tages von ‘Mutti Fürst’ [2] scherzhaft-ernst, aber freundlich-bestimmt aufgefordert wurde, sich nun doch wohnungsmäßig selbständig zu machen” (Matthias Arnold) [3].
Sein neues Heim fand Niesner bei dem älteren Maler Eduard Winkler in der Schwabinger Hohenzollernstraße.
1968 heiratete der Künstler Friederike Hoblik, die er bei Ausstellungsarbeiten für das Münchner Fremdenverkehrsamt kennenlernte. Das Paar verzog 1970 in einen neu erbauten Wohnblock in Neuperlach, was jedoch keinesfalls leichten Herzens geschah, denn “[d]ie gemeinsam getroffene Entscheidung für München-Neuperlach sollte dann nicht nur menschlich, sondern vor allem auch künstlerisch für Niesner bedeutungsvoll, ja schicksalhaft werden: Die Auseinandersetzung mit der von ihm als unmenschlich, schlichtweg häßlich und verfehlt empfundenen modernen Wohnblock-Architektur sowie allgemein mit der Städte- oder Stadtteilplanung sollte das Thema seiner letzten 24 Lebens- und Schaffensahre[sic] werden.” [4]
Als Künstler etablierte er sich mehr und mehr. – Ab 1969 nahm Niesner an den “Großen Münchner Kunstausstellungen” teil. 1979 wurde bei der Bonner Ausstellung “Künstler sehen Politik” sein Beitrag mit einer Medaille ausgezeichnet. 1985 war er beteiligt an der 3. Biennale der Europäischen Graphik (Baden-Baden) und 1986 nahm er an der 8. Internationalen Graphik-Triennale (Frechen) teil.
Doch auch nach Jahren fühlte sich Niesner in der Neuperlacher Wohnung nicht heimisch, hatte stets Umzugspläne und der Wunsch Fortzugehen wurde immer größer. Dieser Wunsch erfüllte sich nicht mehr, da er am 23. April 1994 nur einen Tag nach einer Bandscheibenoperation aufgrund von Komplikationen plötzlich verstarb.
Bei der Beerdigung Niesners sprach der Pfarrer vom Tod eines “visionären Künstlers” [5].
Enge Freundschaften verbanden ihn mit den Kollegen Richard Seewald, den er auch in Ronco besuchte, Anton Bruder, Alfred Oberli und mit der Bildhauerin Gabriele Waldert.
1995 richtete der Verein für Originalradierung eine Gedächtnisausstellung für den Künstler aus. Seitdem hat sich die Witwe stark dafür eingesetzt, dass das Schaffen Wolfgang Niesners weiterhin Beachtung findet. So konnte sie zusammen mit Matthias Arnold das Werkverzeichnis der Druckgraphik herausgeben (2002) und sie unterstützte mehrere Ausstellungen maßgeblich, darunter u. a. 2016 im Memminger Stadtmuseum die Schau “Schnitiges” in der satirische Scherenschnitte des Künstlers präsentiert wurden, 2019 zeigte das “Haus des deutschen Ostens” (München) die Niesner-Ausstellung “USURA [6] oder der einbetonierte Mensch” und 2024 richtete die Kunsthalle Memmingen die große Einzelausstellung “Symphonie der Großstadt” aus.
Einzelausstellungen
1972, Galerie am Dürerhaus, Nürnberg
1988, Galerie Weihs, Starnberg
1989, Galerie Zufriedenheit, Gudendorf
1993, Rathaus Vaterstetten bei München
Einzelausstellungen (posthum)
1994, 2016 Stadtmuseum Memmingen; 1995 Verein für Originalradierung, München
1997 Azienda di Promozione Turistica di Grado e Aquileia, Grado
1999 Studio Bildende Kunst / Kulturamt Lichtenberg, Berlin
2000 Mährisch-Schlesisches Heimatmuseum, Klosterneuburg bei Wien
2000 Akademie Caritas Pirkheimer Haus, Nürnberg
2003, 2019 Haus des Deutschen Ostens, München
2005 Rathaus Husum
2005, 2006, 2009, 2015, 2024 MEWO-Kunsthalle Memmingen
2007 Heimatmuseum Sylt, Keitum
2011 Galerie Epple, Türkheim
2016 Kunsttreff Neuperlach, München
Sammlungen
MEWO-Kunsthalle Memmingen
Haus des Deutschen Ostens, München
Sudetendeutsches Museum, München
Lenbachhaus, München
Staatliche Graphische Sammlung, München
Museum Stangenberg Merck, Seeheim-Jugenheim
Albertina, Wien
Literatur (Auswahl)
— Arnold, Matthias (2002): Wolfgang Niesner. Das druckgraphische Werk, Memmingen: Edition Curt Visel
— Verein für Original-Radierung München (1995): Wolfgang Niesner 1925-1994, München: Color Offset
— „Artists of the World (AOW) / Allgemeines Künstlerlexikon (AKL)“, De Gruyter-Verlag, Onlineversion
— Internetseite zum Künstler
——————————————————————————
[1] Friederike Niesner (2002): Ein Leben für die Kunst. Zum Geleit, in: Matthias Arnold: Wolfgang Niesner. Das druckgraphische Werk, Memmingen: Edition Curt Visel, S. 7-8 [hier: 7].
[2] Es wird sich dabei um die „Studienprofessorswitwe“ Elisabeth Fürst handeln.
[3] Matthias Arnold (2002): Wolfgang Niesner. Das druckgraphische Werk, Memmingen: Edition Curt Visel, S. 13.
[4] Ebd.
[5] Susanne Habel: Visionärer Künstler. Zum 100. Geburtstag von Wolfgang Niesner, in: Sudentendeutsche Zeitung, v. 12.12.2025, S. 8.
[6] „Usura“ ist dabei eine Anlehnung, die Niesner bei Ezra Pound fand, der damit eine Zivilisation beschreibt, die dem Menschen und der Natur entfremdet ist.

