R I C H A R D    Z I E G L E R    (03.05.1891 Pforzheim – 23.02.1992 ebd.)

 

Weitere Künstler des Expressiven Realismus

 

„Blätter aus den Jahrbüchern 1951 und 1952“ (1952)

handerstellter Sammelband

€ 2.400,-

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Titel
„Blätter aus den Jahrbüchern 1951 und 1952“ [so auf dem Titelblatt bezeichnet]

Technik
32 Blatt (festeres Velinpapier: 20 Drucke (nach Zeichnungen), 10 Bl. von Hand beschrieben, 2 Bl. leer) durch Kordellbindung am linken Rand zusammengefügt

Signatur
Auf Titelblatt handschriftlich bezeichnet & monogrammiert „Blätter aus den Jahrbüchern 1951 und 1952 / RZ“. Blatt 2 unten rechts handschriftlich bezeichnet & signiert „Weihnachten 1952 / Richard Ziegler“ (siehe unten).

Jahr
1952

Größe
Blattgröße: 28 x 38 cm

Auflage
Unikat

Zustand
Ecken etwas bestoßen; in den Randbereichen leicht nachgedunkelt; Titelseite am unteren Rand links sehr kleiner Einriss (etwa 2mm); Rückendeckel etwas fleckig, am unteren rand etwas braunfleckig, sowie am oberen Rand mit kleinen Einrissen (bis etwa 4mm); am Schnitt unten leicht braunfleckig

 

 

Werkbeschreibung
Das hier vorliegende Werk ist besser zu bezeichnen als Sammelwerk bzw. Sammelband, der belegt wie eng für Richard Ziegler Bild und Text verbunden waren und wie sehr er diese beiden Gattungen als untrennbar verbunden erachtete. Ziegler hat derartige Objekte jeweils individuell zusammengestellt und dann an Freunde verschenkt. Im vorliegenden Fall geschah dies zu Weihnachten 1952. Bedenkt man den großen Aufwand, der mit der Erstellung verbunden gewesen sein muss, wird es sich bei den nicht mehr näher bekannten Beschenkten um gute, enge Freunde gehandeln haben.

Der Inhalt des Objekts stellt sich dabei wie folgt dar:
– Bl. 3 betitelt „Ein paar Blätter aus dem ‚Salz der Erde‘-“.
Hierauf folgen fünf Drucke (Bl. 4, 6, 8, 10, 12), sowie vier jeweils ausführliche handschriftliche Texte / Erläuterungen zu den Drucken (Bl. 5, 7, 9, 11).
– Bl. 13-15 „Das Steinhäusser[sic] Quartett / Mozart im Haus Weber in Calw“. Bl. 13 (Titel) & Bl. 14-15 (Drucke).
– Bl. 16-21 „New York Coty Ballet“. Bl. 16 (Titel) & Bl. 17-21 (Drucke). Bl. 19 handschriftlich betitelt „Strawinsky Feuervogel“.
– Bl. 22-30 „Modeschau London 1951 / Hinter den Kulissen“. Bl. 22 (Titel) & Bl. 23-30 (Drucke).
– Bl. 31-32 leer.

Besonders hervorzuheben ist hierbei das erste Kapitel mit dem Titel “Salz der Erde” – und dies aus drei Gründen. Zum einen hat Ziegler hier ausführliche Texte in schöner, leserlicher Schrift verfasst, zum anderen sind dies überaus interessante, relevante, da autobiographische Texte in denen Ziegler zurückblickt in seine Kindheit und Jugend und schließlich ist dies das umfangreichste Kapitel in diesem vom Künstler angelegten Sammelband. Transkriptionen für Texte aus dem „Salz der Erde“ sind unten beispielhaft angefügt.

Zweifelsohne eine ganz besonderes, künstlerisch liebevoll gestaltetes und biografisch bedeutsames Rarissimum.

 

 

Transkriptionen
Text zu Bl. 5 („Salz der Erde“, folgend auf den Druck mit der Flusslandschaft und den dichten Baumgruppen am Ufer):

„- – Hinter dem Häuschen läuft ein Feldweg zum Mühlbach hinüber und weiter über einen Holzsteg bis an den Altrhein hinaus. Dort hat man einmal durch einen Damm dem regellosen und willkürlichen Verlauf und damit dem Unwesen der Überschwemmung ein Ende gemacht. Doch blieb das Wasser in dem krummen Stück des alten Flußbettes stehen und wurde ein verödeter Winkel von Tümpeln, zwischen Schilf, Erlen, Silberpappeln und Weiden, Sumpfnestern und Bauminseln paradiesisch eingeschlossen, darin am Tag die Schnaken und Bremsen schwärmen und die Schmetterlinge sich wiegen, und am Abend die Frösche quaken. So ist also wohl zu denken, daß in alten Zeiten sich da und dort aus dem Überfluß des großen Stromes stehende Altwasser gebildet haben, die dann zu freundlichen und nützlichen Weihern geworden sind, daran sich die Menschen gerne ansiedelten – -“

Text zu Bl. 7 („Salz der Erde“, folgend auf den Druck mit der Flusslandschaft und dem kleinen Boot links):

„- – Ich kann mir für die Wiege der Mutter keinen lieblicheren Ort der Erde wünschen als das Dörflein Schillingstadt. Zwischen stillen, da und dort mit einem Rest niederen Laub- und Fährenwaldes gekrönten Hügeln, in sanfter Milde ist es friedlich eingebettet, abseits vom Strom der Welt, im Angesicht eines hohen, weiten Himmels, und dem ewigen Lauf von Sonne, Mond und Sternen freundlich und zum Segen preisgegeben. Zwar sind, wie es nun einmal auf Erden unabweisbar ist, Not und Tod und die Drangsal der Zeitläufe durch das Dorf gegangen; aber von allem ist doch keine merkliche Spur zurückgeblieben, es sei denn, daß das Kirchhöflein gegen den Hügel hinauf erweitert worden und die Gräber der Alten und Uralten unter der großen Linde, von einigen wenigen abgesehen, einem blumenreichen und mit heiteren Kreuzlein geschmückten Feld der früh und in Kinderunschuld Verstorbenen, der ‚Engelein‘ also, hatten weichen müssen. Auch mag da und dort ein Bauernpaar einsam dahinaltern, dessen Sohn, der Trost und die Stütze ihrer späten Tage, irgendwo in fremder Erde eingescharrt ist. […]“

 

 

Zu Richard Ziegler (03.05.1891 Pforzheim – 23.02.1992 ebd.):
Maler, Zeichner, Grafiker.
Richard Ziegler ist einer der ganz wichtigen Künstler der „verschollenen Generation“.
Er war Sohn des Volksschullehrers Johann Georg Ziegler und dessen Frau Louise. In Pforzheim besuchte er das Reuchlin-Gymnasium bis 1910. Nach einem Englandaufenthalt in Stratford-upon-Avon (1910-11) beginnt er ein Studium der Philologie in Genf, Heidelberg und Greifswald (1911-14), das vom Ersten Weltkrieg unterbrochen wird und welches Ziegler schließlich 1919 mit der Promotion abschließt.
Ziegler ist in der Folge als Künstler in Pforzheim tätig, wobei er auf diesem Gebiet Autodidakt war. Er reiste in die Schweiz und nach Italien, bevor er sich 1925 mit Mathilde Rosenthal (1898-?), einer Großnichte Max Liebermanns, verheiratet und fortan bis 1932 in Berlin lebt. Die Ehe wird 1928 geschieden.
Richard Ziegler nimmt an Ausstellungen der „Novembergruppe“ teil.
Mit seiner späteren zweiten Ehefrau, Edith Lendt (1905-2004), zog er 1932 nach Jugoslawien. Das Paar lebte bis 1937 auf der Insel Korčula. In diesen Jahren schuf Ziegler als früher und entschiedener Gegner des Nationalsozialismus das Schriftwerk „Führer sehen dich an“, das insgesamt 29 Karikaturen von NS-Größen enthält.
1937 ging das Paar nach England und heiratete dort 1938. 1940 wird Ziegler als „feindlicher Auslände“ interniert, nach wenigen Monaten wieder freigelassen und arbeitete fortan für das British Ministry of Information.
1941 erscheint unter dem Pseudonym „Robert Ziller“ der Band „We make History“ (London), der „35 entlarvende Porträts von Nazi-Führern” enthält.
Ab 1944 lebte er zusammen mit Susan Snow (1908-2000).
1948 erhielt er die britische Staatsbürgerschaft. Richard Ziegler konnte in der Folge in mehreren Galerien und Museen ausstellen und sich als Künstler endlich etablieren. Ab 1962 lebte er in Selva auf Mallorca und hatte fortan jährliche Aufenthalte in Calw.
1982 wird in Calw die Richard-Ziegler-Stiftung gegründet und ein Jahr später eröffnet die Richard-Ziegler-Galerie im Haus Schüz in Calw.
1989 zieht er nach Pforzheim und verbringt dort seinen Lebensabend.
Er wird Ehrenbürger seiner Vaterstadt, die auch eine Straße nach ihm benennt.

Sammlungen
— Berlinische Galerie, Berlin
— Richard-Ziegler-Stiftung, Calw
— Deutsches Exilarchiv, Frankfurt am Main
— Museum für Neue Kunst, Freiburg i. Br.
— Sammlung Memoria – Thomas B. Schumann, Hürth
— Leicester Museum and Art Gallery
— Tate Britain, London
— Victoria and Albert Museum, London
— Bayerische Staatsgemäldesammlung, München
— Städtische Galerie Pforzheim
— Museum Kunst der Verlorenen Generation, Salzburg

Literatur (Auswahl)
— Höfchen, Heinz: Richard Ziegler, in: „Artists of the World (AOW) / Allgemeines Künstlerlexikon (AKL)“, De Gruyter-Verlag, Onlineversion
— Papenbrock, Martin (Hrsg.) (1996): „Entartete Kunst“, Exilkunst, Widerstandskunst in westdeutschen Ausstellungen nach 1945. Eine kommentierte Bibliographie], Weimar: VDG, S. 550
— Wirth, Günther (1987): Verbotene Kunst 1933-1945. Verfolgte Künstler im deutschen Südwesten, Stuttgart: Hatje, S. 336
— Zimmermann, Rainer (1994): Expressiver Realismus. Malerei der verschollenen Generation, München: Hirmer, S. 463
— Internetseite der Richard-Ziegler-Stiftung