O T T O   G R O S S    (08.12.1898 Baiersbronn – 1970 Murrhardt)

 

Weitere Werke von Otto Gross
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„Waldrand“ (1928) und Dorfrand (um 1928)

Öl auf Leinwand, gerahmt [beide Seiten sind hängbar]

€ 1.600,-

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Titel
beidseitiges Gemälde:
1) „Waldrand“ [so handschriftlich auf einem Etikett auf dem früheren Keilrahmen betitelt, wohl bei Winterreute] 
2) ohne Titel [Dorfrand mit Hofgebäude links, einem Feldweg, Weidefläche und im Hintergrund dichter Wald]

Technik
Öl auf Leinwand, gerahmt [beide Seiten sind hängbar] 
Zuvor war die Leinwand auf einen Keilrahmen gespannt, wobei das hiesige Bild 1) die Vorderseite war. Um beide Seiten sichtbar und hängbar zu machen, wurde die Leinwand vom Keilrahmen genommen und zwischen einen Holzrahmen gespannt.
Der frühere Keilrahmen ist anbei.

Signatur
1) unten rechts signiert „O. Gross“, sowie handschriftlich auf einem Etikett auf dem früheren Keilrahmen voll signiert und mit Ortsangabe bezeichnet „Otto Gross, Winterreute“
2) unsigniert

Jahr
1) unten rechts datiert „1928“
2) undatiert [um 1928]

Größe
Größe: 49,7 x 61,8 cm (mit Rahmen) bzw. 44 x 56,1 cm (ohne Rahmen)

Zustand
Leinwand gespannt zwischen einen Holzrahmen, so dass beide Seite hängbar sind
1) leicht fleckig; am rechten Rand mittig leichte Druckstelle und sehr leichter Verlust der Farbschicht; am oberen Rand mittig fleckig
2) ganz am rechten Rand im oberen Bereich etwas berieben, leicht fleckig und leichte Verluste der Farbschicht; im oberen Bereich links (im Blau des Himmels) fleckig; im Bereich oben links (im Rot des Daches) sehr leichte oberflächliche Kratzspur

 

 

“’Die ist zu dumm zum Viehhüten, die soll etwas lernen‘, schimpfte der Vater. Hermine führte ins Feld, die Kühe seien schuld. Doch der Vater schrie: ‚Schon fernd und vorfernd bist du nicht über sie Herr geworden.‘ So schön das Hüten im Verein mit den Geschwistern war, so schlimm war es, wenn diese eine rechte Arbeit tun mußten und Hermine allein mit der Herde war. Sofort fingen dann die Kühe an, Hermine zu ärgern. Drei rannten in Nachbars Rübenacker. Das durfte nicht sein, denn in kürzester Zeit entstanden dort verheerende Verwüstungen. Sie lief schnell, ihnen zu wehren. Aber da waren schon zwei andere bei den Obstbäumen. Das war noch viel schlimmer. Der kleinste ungeschickt verschluckte Apfel konnte den Kühen den Tod bringen. Also ließ Hermine die einen vorerst im Rundelacker wüsten, um die anderen von den verderblichen Äpfeln abzuhalten.”

Der kurze Textauszug stammt aus dem Band „Hermine. Ein Tierleben“ (1986) von Maria Beig (1920-2018). So humorvoll aus heutiger Sicht diese Schilderung in Teilen auch erscheinen mag, so wird dadurch doch nicht die Härte überdeckt, die aus den Zeilen spricht. Die Kinder mussten auf dem Hof mithelfen, harte Arbeit tun und der Umgang mit den Eltern war dementsprechend ebenso hart.

In diesem Umfeld des bäuerlichen Lebens in Oberschwaben ist Jakob Bräckle (1897 Winterreute – 1987 Biberach) sicherlich einer der bekanntesten und wichtigsten Künstler, der zeitlebens die dortige Landschaft, das Leben, die Arbeit malte. Auch er hatte er eine sehr klare, reduzierte Bildsprache, welche man mutatis mutandis in eben dieser Manier in Beigs Erzählungen erspüren kann.
Als Bräckle an der Stuttgarter Akademie (bei Altherr, Landenberger, Speyer) studierte, lernte er den fast genau ein Jahr jüngeren Otto Groß (1898 Baiersbronn – 1970 Murrhardt) kennen und beide verband fortan eine Künstlerfreundschaft. „Otto Groß bearbeitet wie Bräckle das Motiv der bäuerlichen Welt“ (Uwe Degreif).

Nach dem Studium war Otto Groß anfangs in Winterreute und lebte dort zeitweise im Haus von Jakob Bräckle, mit dem er damals auch ein Atelier gemeinsam nutzte. Bis Anfang der 1930er Jahre ist Groß dort nachweisbar und später verzog er nach Rot am See sowie hierauf nach Korntal.
1932 beteiligte sich Groß an der wichtigen, von Julius Baum, dem 1933 abgesetzten Direktor des Ulmer Museums, organisierten Ausstellung „Deutsche romantische Malerei der Gegenwart“. In dieser Schau wurden Vertreter der (Spätphase der) Neuen Sachlichkeit in Schwaben gezeigt, zu denen auch Groß gerechnet wurde.
Im Späteren nimmt Groß immer mehr Abstand von diesem kühlen, neusachlichen Ausdruck und wendet sich einem mehr realistischen, dezent expressiven Landschaftsbild zu. Seinen Lebensabend verbrachte er in Murrhardt. Er malte v. a. Landschaftsmotive aus seiner heimatlichen Region, daneben entstanden auch Stillleben und figürliche Kompositionen.

Dieses hier vorliegende Gemälde ist auf zweierlei Weise eine Besonderheit. Zum einen hat Groß, sicherlich schlicht aus Materialmangel, beide Seiten der Leinwand bemalt und zum anderen ist dieses Werk eines der seltenen frühen Zeugnisse des Künstlers, welches sich explizit in diese Phase der neusachlichen Landschaftsauffassung der späten 1920er Jahre einordnen lässt.
Vom Künstler wurde der weite Blick über die Felder, Ackerflächen hin zu den Gebäuden und dem Wald als Vorderseite gewählt, wodurch sich auch erklärt, dass nur diese Seite signiert und datiert (1928) ist. Demnach war die damalige Rückseite an den Rändern durch den früheren Keilrahmen verdeckt. Um nun beide Seiten sichtbar und hängbar zu machen, wurde der (noch vorhandene) Keilrahmen abgenommen und die Leinwand so gespannt, dass man bei der Hängung stets wählen kann.
Auf dem früheren Keilrahmen hat der Künstler „seine“ Vorderseite mit „Waldrand“ betitelt und darüber gesetzt „Otto Groß, Winterreute“. Demnach schuf er diese und womöglich auch die andere Seite während seiner Zeit in Winterreute. Ob sich jedoch diese Motive auch in die dortige Gegend lokalisieren lassen, oder ob der Künstler diese in der schwäbischen Umgebung fand, ist unklar.
Künstlerisch zeigen sich hier durchaus Anknüpfungspunkte zu Werken Jakob Bräckles aus derselben Zeit – die weiten Ackerflächen bzw. Felder im Vordergrund, die kleinen, fast schon gedrungenen Häuser, das tonige, ruhige Kolorit – was auch nicht verwundert, wenn man bedenkt, dass beide sich ein Atelier teilten. Doch während bei Bräckle oftmals Menschen zumindest als kleine Staffage zu sehen sind, so belässt Groß hier seine Landschaft gänzlich menschenleer.

 

 

Zu Otto Gross (08.12.1898 Baiersbronn – 1970 Murrhardt):
Maler, Zeichner
1913 kurzzeitig Unterricht in Bildhauerei bei Josef Zeitler (Stuttgart)
1919-27 Studium an der Kunstakademie Stuttgart (bei Christian Speyer, Oswald Poetzelberger, Alexander Eckener und Christian Landenberger)
Nach dem Studium war Groß anfangs in Winterreute (bis Anfang der 1930er Jahre dort nachweisbar) und lebte dort zeitweise im Haus seines Studienkollegen Künstlerfreundes Jakob Bräckle mit dem er damals auch ein Atelier gemeinsam nutzte. Später verzog er nach Rot am See und hierauf nach Korntal.
1932 Beteiligung an der wichtigen, von Julius Baum (Museum Ulm) organisierten Ausstellung „Deutsche romantische Malerei der Gegenwart“ in der Vertreter der (Spätphase der) Neuen Sachlichkeit in Schwaben gezeigt wurden, zu denen auch Groß gerechnet wurde.
1963 Umzug nach Murrhardt und fortan dort ansässig und tätig
1965 Ausstellung zum 70. Geburtstag im Kunsthaus Schaller (Stuttgart)
Gross malte v.a. Landschaftsmotive aus seiner heimatlichen Region, daneben entstanden auch Stillleben und figürliche Kompositionen

Sammlungen
Sandelsches Museum Kirchberg an der Jagst
Städtische Kunstsammlung Murrhardt
Kunstsammlung des Zollernalbkreises

Literatur
— Degreif, Uwe (Hrsg.) (2018): Jakob Bräckle 1897-1987, Biberach: Biberacher Verlagsdruckerei, S. 353
— Nagel, Gert K. (1986): Schwäbisches Künstlerlexikon; Kunst & Antiquitäten; S. 49
— Spiller, Monika: Otto Groß, in: „Artists of the World (AOW) / Allgemeines Künstlerlexikon (AKL)“, De Gruyter-Verlag, Onlineversion