M I C H E L J A M A R (09.02.1911 Bar-le-Duc – 09.11.1997 Nancy)

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Weitere französische Künstler
großformatige Tapisserie mit einem surreal träumerischen Motiv in mediterraner Szenerie
(wohl um 1950)
Temperamalerei auf grober Leinwand, auf Keilrahmen (verso oben links und oben rechts mit Aufhängevorrichtungen)
€ 5.200,-
Titel
ohne Titel [großformatige Tapisserie mit einem surreal träumerischen Motiv in mediterraner Szenerie – der Künstler an der Staffelei sitzend links, rechts ein liegender Akt (das Modell) und im Hintergrund mehrere weibliche Figuren als Tänzerinnen und Korb-, Wasserträgerinnen]
Technik
Temperamalerei auf grober Leinwand, auf Keilrahmen (verso oben links und oben rechts mit Aufhängevorrichtungen)
Signatur
unten rechts in Weiß signiert „M. JAMAR“
Jahr
undatiert [wohl um 1950]
Größe
Größe: 166,5 x 183 cm
Zustand
insgesamt leicht berieben; die einzelnen Stücke des Malgrunds wurden vom Künstler mit der Hand zusammengenäht und diese Nähte sind mitunter sichtbar; an wenigen Stellen wurden Nähte nachgezogen; Ecken / Kanten etwas bestoßen; verso leicht fleckig
Michel Jamar war ein ungemein vielseitiger Künstler. Er betätigte sich als Maler, Zeichner, Grafiker, Gebrauchsgrafiker, Illustrator, Keramiker und Bildhauer. Und neben all diesen künstlerischen Aktivitäten, hatte Jamar zudem auch ein abgeschlossenes Studium der Zahnmedizin, arbeitete zeitweise auch als Arzt in diesem Bereich und schloss gar noch mit knapp über 60 Jahren die Promotion in dieser Disziplin ab.
Nichtsdestotrotz ist es die Kunst für die Michel Jamar bekannt wurde.
Immer wieder findet sich in seinen Werken – seiner kleinen Exlibris-Kunst, seinen Gemälden und seinen großen Tapisserien – eine gewisse surreal verträumte Stimmung. Oftmals sind es dabei (weite) mediterrane Landschaften, welche den Rahmen für die Motive bilden.
Dieses hier vorliegende Werk ist beispielhaft für Jamars Schaffen und kann zugleich, aufgrund der Größe wie auch wegen der künstlerischen Qualität, als herausragend innerhalb des Künstlerschaffens betrachtet werden.
Michel Jamar hat dieses Großformat als Tapisserie angelegt. Der dicke, grobe bräunliche Malgrund scheint durch, ist damit explizit in das Bild integriert und die körnige, matte Temperamalerei wirkt darauf zart, beinahe locker und luftig. Nirgendwo ist etwas von Härte und Spannungen zu spüren. Vielmehr sind Kolorit und Aufbau in erstaunlicher und eindrucksvoller Harmonie.
Als Betrachter blicken wir auf eine weite Küstenlandschaft. Am linken und rechten Bildhintergrund ziehen sich die Landstreifen bis zum Horizont und schließen so das tiefblaue Meer dazwischen ein. Vor uns liegt eine mediterrane Stadt mit leichten Anhöhen und markanten Gebäuden mit Säulen, Balkonen und Kuppeln.
Im mittleren Bildbereich treten nun gleichsam wie in einem Theaterstück (oder wie in einem Traum) acht Figuren auf. Von links nähert sich eine Korb- und eine Wasserträgerin, beide jeweils gekleidet in weite gelbe Röcke, rechts von diesen sitzt eine weitere auf einem Stuhl, bevor sich drei Tänzerinnen anschließen. Diese Tänzerinnen fallen gerade dadurch auf, dass sie sich ganz unterschiedlich präsentieren – einmal mit gelbem, langem Rock, dann gänzlich nackt und schließlich in einem farbenprächtigen, modischen Sommerkleid. Zwei weitere Personen nähern sich von rechts dem lebendigen Treiben, wobei dieses Duo schwer zu deuten ist. Beide Personen scheinen der Kleidung nach eher der frühen Neuzeit zu entstammen, wirken damit wie „aus der Zeit gefallen“, was zugleich das träumerische Element verstärkt. Zudem trägt der Mann ein übergroßes aufgeschlagenes Buch (einen Folianten) auf seinen ausgebreiteten Armen, aus dem er vielleicht gerade vorliest.
Diese Ganzheit und Harmonie der Szenerie wird symbolisch unterstrichen durch die drei schwebenden (Engels-)Gestalten oben links. Bei diesen Gestalten zeigen sich zudem die Symbole des Zirkels, des sehenden Auges und des Herzens – ein markantes symbolisches Trio für die durch Liebe geschaffene göttliche Ordnung.
Der unmittelbare Vordergrund ist von diesem ganzen Geschehen abgegrenzt und rückt damit näher an den Betrachter heran, wovon sich aber die zwei dort gezeigten Personen nicht stören lassen. Links sitzt der Künstler selbst vor seiner Staffelei, Pfeife im Mund, Pinsel in der rechten und die Palette in der linken Hand. Sei Blick ist auf den liegenden blonden Akt rechts gerichtet. Umrahmt und eingebettet wird der Akt durch wunderschöne Blumen. Zwischen diesem vorderen Duo und dem Betrachter steht links noch ein Tisch mit weiteren Malutensilien, einer Obstschale und zwei Blumenvasen und rechts liegt eine Geige mit einem abermals aufgeschlagenen Buch. Ganz rechts am Bildrand ist eine Tür geöffnet und führt damit in das angrenzende Gebäude hinein.
Michel Jamar ist mit dieser als Tapisserie angelegten Komposition ein großer Wurf gelungen. Meisterhaft gelingt es ihm das große Format auszufüllen und mit Leben zu füllen, ohne die Bildfläche zugleich überladen oder als bloße Episodensammlung erscheinen zu lassen. Alles wirkt zusammengehörig und mit dem jeweils anderen verbunden.
Malerisch beeindruckend ist der eigenständige Ausdruck, der Einflüsse des Surrealen (die Wolkenpartien, die Gebäude und vor allem das nicht auszumachende, fahle (Mond-)Licht) erkennen lässt, neben die gerade durch den liegenden Akt ganz selbstverständlich Reminiszenzen an realistische Malerei des 19. Jahrhunderts treten. Inhaltlich setzt Jamar zudem dezidiert Bezüge zum Symbolismus, was den Inhaltsreichtum des Motivs und damit dessen Interpretationsmöglichkeiten unterstreicht, wodurch das Werk deutlich über das rein bzw. vordergründig Dekorative einer Tapisserie hinausgeht.
Zu Michel Jamar (09.02.1911 Bar-le-Duc – 09.11.1997 Nancy):
Maler, Zeichner, Grafiker.
Der Vater war ein Musiker aus Lüttich. Der Großvater arbeitete als Drucker und Michel Jamar experimentierte bereits als Kind in der Druckerei mit dem Holzschnitt.
Ab 1913 lebte die Familie in Nancy.
Michel Jamar war vor allem als Grafiker (Holzschnitt, Holzstich, Kupferstich) und Illustrator tätig.
Daneben entstand auch ein reichhaltiges, eigenständiges Schaffen als Maler, Bildhauer, Keramiker und Dekorateur.
Studium an der École des Beaux-Arts in Nancy (bei Victor Prouvé (1858-1943)). Parallel zum Kunststudium studierte er Zahnmedizin.
1935 schloss er beide Studiengänge erfolgreich ab.
Im Zweiten Weltkrieg als Soldat eingesetzt.
In der Folge erneut in Nancy ansässig und tätig. Zeitweise war Jamar auch als beratender Zahnarzt für Krankenkassen tätig.
In Nancy gründete er 1951 den „Club des arts“ und organisierte dort Ausstellungen.
Daneben gestaltete er in Nancy den Nachtclub „Caveau du Jean Lam“ mit Wandgemälden.
Jamar wirkte weiterhin als Korrespondent für die Zeitschrift „France de Xylon“.
1973 reichte er seine zahnmedizinische Promotion ein, in der er Kunst und Medizin verband, indem er die Werkzeuge des Zahnarztes anhand von Stichen aus dem 16. bis 18. Jahrhundert beschrieb.
1976 Übersiedlung von Nancy nach Aix-en-Provence.
Preise
1936 Zeichenmedaille der Stadt Nancy
1978 2. Preis beim Exlibris-Wettbewerb der Stadt Lugano
1981 Verleihung des ‚Großen Preises für Holzstich‘ der Académie des Beaux-Arts (Paris)
Illustrationen
— Roger Joseph: „Inscription pour la maison du Dante“, [s.l.] 1952
— Chrétien de Troyes / André Mary: „Le Chevalier au lion“, Paris 1957
— Maurice Garçot: „La mort du Téméraire“, Paris 1961
— Jacques Darla: „Laure et l’amour: Nouvelles“, Paris 1982
— Pierre Jeandidier: „Poèmes de rencontre“, Paris 1984
Mitgliedschaften
Association Française pour la Connaissance de l’Ex-Libris
1935-85 Association des Artistes Lorrains
Sammlungen
— Iparművészeti Múzeum [Museum der angewandten Künste], Budapest
— Frederikshavn Kunstmuseum, Frederikshavn
— Gutenberg-Museum, Mainz
— Nationalbibliothek Luxemburg
— Stadtbibliothek Nancy (Großteil des druckgrafischen Nachlasses, inkl. der Druckplatten)
— Universität Nancy, Fresko (2,5 x 2 m, 1967 entstanden) mit der Darstellung der Heiligen Apollonia, Schutzpatronin der Zahnärzte und Zahnkranken, in der Zahnmedizinischen Fakultät
— Musée d’Art moderne de Paris
— Nationalbibliothek Paris (Département des Estampes)
Ausstellungen
1932-39 Beteiligung an Ausstellung des „Salon des humoristes“, Paris
1995 Médiathèque, Nancy (Einzelausstellung)
Literatur
— Römer, Uta: Michel Jamar: „Artists of the World (AOW) / Allgemeines Künstlerlexikon (AKL)“, De Gruyter-Verlag, Onlineversion
— Bibliothèque municipale Nancy (1994): Les graveurs lorrains et l’art du livre. Collections de la Bibliothèque municipale, Nancy, S. 76
— Claude, Henri (1992): Graveurs lorrains contemporains. Hommage à Jacques Callot, 1592-1635, Nancy, S. 52
— Nechwatal, Norbert (1986): Das Exlibris des Zahnarztes, Berlin: Quintessenz Verlag, S. 46
























































