J Ö R G   S H I M O N   S C H U L D H E S S   (04.06.1941 Basel – 15.06.1992 ebd.)

 

Weitere Werke von Jörg Shimon Schuldhess

 

„Mon Passeport“ (1970)

Bleistift und Farbstifte auf Zeichenkarton („Schoellers Parole“)

€ 2.300,-

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Titel
„Mon Passeport“ [im Bildteil betitelt, sowie verso nochmals in Blei betitelt, Werkverzeichnis: 011-56]

Technik
Bleistift und Farbstifte auf Zeichenkarton („Schoellers Parole“)

Signatur
oben rechts im Bildteil (in einem Kreis) signiert, sowie verso nochmals signiert

Jahr
oben rechts im Bildteil (in einem Kreis) datiert, sowie verso datiert „beendet 11.4.[19]70“

Größe
Größe: 63,5 x 76,4 cm

Zustand
Ecken / Kanten leicht bestoßen; linker Blattrand mit leichten Abrissspuren; linker Rand unten mit kleinem Einriss (etwa 2cm); im oberen Randbereich rechts hinterlegte Beschädigung im Karton (Knick und Einriss); verso in den Randbereichen Reste früherer Befestigung (Klebereste, fleckig, etwas aufgeraut); verso etwas fleckig

 

 

Werkbeschreibung

Jörg Shimon Schuldhess ist sicherlich eine der faszinierendsten und eigenständigsten Künstlerpersönlichkeiten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, dessen Schaffen es immer noch zu entdecken gilt.
Jörg Schulthess (damals schrieb er sich noch mit einem „t“) musste auf Wunsch der Eltern anfangs eine kaufmännische Lehre absolvieren. Im Anschluss daran nahm er bei dem Basler Künstler Max Kämpf Mal- und Zeichenunterricht. Bereits 1963 hatte er seine erste Einzelausstellung und war fortan als freischaffender, ungemein vielseitiger Künstler tätig. 1967 gründete er mit anderen Basler Künstlern die „Farnsburggruppe“, die vor allem junge Künstler unterstützte. In den späten 1960er Jahren unternahm er zahlreiche Reisen – u.a. nach Afrika, Indien und vor allem Israel, daneben auch Japan, Australien. Mit Ausbruch des Sechstagekrieges 1967 flog er nach Israel und stellte sich der israelischen Armee als freiwilliger Helfer zur Verfügung. Es folgte eine intensive Beschäftigung mit jüdischer Geschichte und Religion und 1968 wurde er in die Jüdische Gemeinde Basel aufgenommen. 1973 war er ebenso freiwilliger Helfer im Jom-Kippur-Krieg.

„1971 reist er nach Afrika, wo er die Inseln Lamu und Sansibar besucht. Konfrontiert mit den Auswirkungen des Kolonialismus und seinen Folgen, der Sklaverei, nennt er sich in Zukunft Schuldhess. Der Namenswechsel resultiert aus dem persönlichen Gefühl einer Kollektivschuld der weissen Rasse und ist mit einer Selbstanklage gleichzusetzen.“ [1]

Eine tiefe Freundschaft verband ihn mit Jean Dubuffet. Schuldhess setzte sich intensiv mit der Art Brut und der Kunst psychisch kranker Menschen auseinander und hielt Vorträge über Adolf Wölfli.

Die vorliegende großformatige Zeichnung entstand im April 1970 und wurde laut rückseitiger Angabe am 11. April des Jahres beendet. Der Namenswechsel hat sich noch nicht vollzogen, so dass hier verso noch mit „Schulthess“ signiert wurde.
Der Betrachter weiß anfangs nicht wohin er in diesem dichten, von Symbolen und Zeichen aufgeladenen Motiv blicken soll. Rhytmische Strukturen, Ornamente, Figuren, Augen, Tiere und weiteres mehr bilden einen beeindruckenden, fremdartig reizvollen Mikrokosmos. Und in diesem ganzen Dickicht findet sich mittig ein Text, in dem der Künstler versucht seine Intention darzustellen:

„Dass ist der Pass. Dass der Riss nicht mehr da ist, die Wunde nicht mehr offen, dass man nicht mehr nach drinnen sieht, das ist nicht die Sensation; – es ist, weil ich den Weg gefunden habe, um mitzulügen, zuzumachen, die Hintergründe zu verdecken. Jetzt habe auch ich einen Pass und sehe so aus, wie alle andern. (Der Assimilationsprozess) macht offenbar Kunst. Das ist eben[?]. Alabi wahi mas hiri. C´est le passeport de moi, de Jörg Simon Schulthess. Alabi wahi mas hiri. Ich habe ihn gemacht im April 1970, nachdem ich aus Figueras kam. Ich brauchte ihn.“

Der hier von Schuldhess angesprochene Riss zeigt sich im unteren Bildbereich horizontal über die beiden Elefanten verlaufend. Das Bildmotiv des Risses ist dabei zentral im Schaffen des Künstlers. „Von besonderer Bedeutung jedoch ist das malerische Motiv des Risses, ein altes jüdisches Symbol aus der Kabbala, das sich durch sein gesamtes Werk zieht. Der Riss macht die Störung in der Ordnung der Dinge sichtbar, von Auschwitz bis Sabra und Shatila“ (Christine Schmutz).
Dieses Zunähen des Risses ist für den Künstler demnach nur eine Ausflucht, ein „Assimilationsprozess“, um so zu werden wie alle anderen, um so mitzulügen wie alle anderen und, um die Hintergründe aller Missstände zu verdecken. Es ist zugleich die Kapitulation vor der Gewalt und die Niederlage des Menschlichen.
Herausragende zeichnerische Komposition in überragender Eigenständigkeit, die in ihrer kompromisslosen Unbedingtheit sowohl Anknüpfungspunkte an religiös sakrale Kunst Asiens wie auch an manche Werke der Art Brut eröffnet.

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[1] Christine Schmutz: „Jörg Shimon Schuldhess“, in: SIKART Lexikon zur Kunst in der Schweiz, 2018.

 

 

Jörg Shimon Schuldhess (04.06.1941 Basel – 15.06.1992 ebd.):

Maler, Zeichner, Grafiker, Schriftsteller.

Jörg Shimon Schuldhess, mit bürgerlichem Namen Jörg Anton Schulthess, wächst in Basel auf. Der Vater, ein Freizeitmaler, stammt aus dem Emmental, die Mutter, ursprünglich aus Italien, ist jüdisch-sephardischer Herkunft. Bereits als Kind muss er sich mehreren Operationen unterziehen. Nach Abschluss einer kaufmännischen Lehre widmet er sich der Kunst und erlernt beim Basler Max Kämpf die handwerklichen Fertigkeiten der Malerei. 1964 gründen einige Freunde des Malers das Patronat Jörg Schulthess (PATIS), das sich die Förderung seiner Kunst zur Aufgabe macht. Um auf seine Anliegen aufmerksam zu machen, organisiert der Künstler Aktionen und Happenings. Er gründet die Farnsburg-Gruppe, ein Kollektiv, das es jungen Künstlern ermöglichen soll, ihre Werke auszustellen. Entsprechend seinem kosmopolitischen Denken nimmt Jörg Shimon Schuldhess während seiner Schaffenszeit an einer Vielzahl von Einzel- und Gruppenausstellungen rund um den Globus teil, und er erhält zahlreiche Preise und Stipendien. Eine tiefe Freundschaft verbindet ihn mit Jean Dubuffet. Jörg Shimon Schuldhess setzt sich intensiv mit der Art Brut und der Kunst geisteskranker Menschen auseinander und hält Vorträge über Adolf Wölfli.

Durch die Auseinandersetzung mit dem Holocaust für die Belange des jüdischen Volkes sensibilisiert, stellt Schuldhess sich während des Sechstagekrieges als Freiwilliger der israelischen Armee zur Verfügung. Aus ethisch-religiösen Gründen konvertiert er 1968 zum israelitischen Glauben. 1979 nimmt er die israelische Staatsbürgerschaft an. Als Israel 1982 den Libanon besetzt, ergreift der Maler jedoch Partei für die Unterdrückten, die Palästinenser. Von der israelischen Regierung enttäuscht, gibt er seine Papiere an die israelische Botschaft in Bern zurück. 1971 reist er nach Afrika, wo er die Inseln Lamu und Sansibar besucht. Konfrontiert mit den Auswirkungen des Kolonialismus und seinen Folgen, der Sklaverei, nennt er sich in Zukunft Schuldhess. Der Namenswechsel resultiert aus dem persönlichen Gefühl einer Kollektivschuld der weissen Rasse und ist mit einer Selbstanklage gleichzusetzen. Als Jörg Shimon Schuldhess 1992 stirbt, wird seine Asche nach indischem Ritus dem Ganges übergeben.

Wie kaum bei einem anderen Künstler sind bei Jörg Shimon Schuldhess Leben und Werk aufs engste miteinander verknüpft. Seine Werke sind engagierte Zeugnisse des Zeitgeistes, der Weltpolitik und des persönlichen, politischen und sozialkritischen Einsatzes des Künstlers. Sensibilisiert durch eigene Erfahrungen, ergreift Jörg Shimon Schuldhess Partei für die Unterdrückten, für Minoritäten und Randgruppen. Oft arbeitet der Künstler in Serien. Der Zyklus der Judenverfolgung, entstanden in den 1960er-Jahren, beinhaltet seine Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Bewusst hat der Künstler dazu den Holzschnitt mit seiner harten, kantigen Charakteristik gewählt. Die in Blaugrautönen gehaltenen Ölbilder hingegen sollen den Betrachter nicht nur an das Schicksal der sterbenden Juden erinnern, sondern auch Assoziationen an das tödliche Gas wachrufen. Während einige Zyklen zeitlich begrenzt sind und bestimmte Lebensabschnitte spiegeln, durchziehen andere sein gesamtes Schaffen. Stilistisch sind Schuldhess’ Werke dem Symbolismus zuzuordnen. Auf den ersten Blick kleinteilig und dekorativ, sind es meist komplex aufgebaute, symbolträchtige Bilder von eminent politischer Aussage, deren Interpretation ein beträchtliches Mass an Wissen voraussetzt. Die Symbole, vorwiegend den grossen Weltreligionen entnommen, sind als Zeichen, Warnungen, Weisheiten oder Erkenntnisse zu verstehen. Von besonderer Bedeutung jedoch ist das malerische Motiv des Risses, ein altes jüdisches Symbol aus der Kabbala, das sich durch sein gesamtes Werk zieht. Der Riss macht die Störung in der Ordnung der Dinge sichtbar, von Auschwitz bis Sabra und Shatila. In den Bildern, die Schuldhess kurz vor seinem Tod malt, erscheint im Riss eine rote Linie, gleichsam der freigelegte Nerv des Lebens.

Werke von Schuldhess befinden sich u.a. in folgenden Sammlungen: Öffentliche Kunstsammlung Basel, Kunstmuseum; Genf, Musée d’art et d’histoire; Liestal, Dichter- und Stadtmuseum; Liestal, Kunsthistorische Sammlung, Archäologie und Museum Baselland; Liestal, Sammlung Kunstkredit, Archäologie und Museum Baselland; Paris, Musée national d’art moderne, Centre Georges Pompidou; Rio de Janeiro, Museu de Arte Moderna; Wien, Graphische Sammlung Albertina; Zürich, Graphische Sammlung der ETH; Suermondt-Ludwig-Museum (Aachen); College of Art (Goa); Museu de Arte Moderna do Rio de Janeiro.

Quelle
Christine Schmutz: „Jörg Shimon Schuldhess“, in: SIKART Lexikon zur Kunst in der Schweiz, 2018

Literatur (Auswahl)
Rohrschneider, Christine: Jörg Shimon Schuldhess, in: „Allgemeines Künstlerlexikon“ (AKL), Onlineversion
Internetseite zum Künstler mit Werkverzeichnis [joerg-shimon-schuldhess.ch/]