V I C T O R    B A U E R    (02.09.1902 Wien – 19.03.1959 Nizza)

 

 

liegender Akt (1932)

Mischtechnik (Deckfarben & Bleistift) auf dünnem Papier

€ 2.100,-

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Titel
ohne Titel [liegender Akt]

Technik
Mischtechnik (Deckfarben & Bleistift) auf dünnem Papier, verso an den oberen Ecken durch kleine Klebestreifen in Passepartout gesetzt

Signatur
unten rechts signiert „Victor Bauer“

Jahr
unten rechts datiert „1932“

Größe
Größe: 15,9 x 27 cm (Blatt) bzw. 44,8 x 55 cm (Passepartout) bzw. 57,3 x 67,5 cm (Rahmen)

Zustand
Blatt verso an den oberen Ecken durch kleine Klebestreifen in Passepartout gesetzt; Ecke unten links mit sehr kleinem Papierverlust (etwa 3x2mm)
Blatt verso leicht gebräunt
Passepartout sehr leicht nachgedunkelt
Rahmen etwas berieben

Provenienz
verso auf Rahmenrückwand kleines Etikett „Rahmen & Bild / Esther Klinghammer / Köln“

 

 

Werkbeschreibung
„Wir sind Gejagte
weil wir den Irrsinn eines Systems durchschauen
weil unsere Hirne und Hände
an der neuen Gemeinschaft bauen.

Wir sind Gejagte
weil wir aller Schaffenden Not
zu einem Schrei der Revolte verschweißen,
weil wir die Jenseitsgespinste zerreißen
sind wir Gejagte.“

Diese Zeilen stammen von Victor Bauer (1902 Wien – 1959 Nizza).
Als Jugendlicher lebte er in München und besuchte dort das Gymnasium. 1918/19 nahm er aktiv an den Kämpfen zur Münchner Räterepublik teil, wurde nach deren Niederschlagung kurzzeitig in Stadelheim interniert, dann aber 1920 aus Deutschland ausgewiesen. Er beendete seine Schulzeit und studierte 1922 sowohl Medizin als auch Malerei in Wien. Bereits in frühen Jahren kam er viel herum: 1923 hielt er sich in der Sowjtunion auf und 1926 erhält er bei einem Wettbewerb in Paris die Möglichkeit zu einer dreimonatigen Studienreise nach Griechenland. In Athen hatte er dann bereits 1926 seine erste Einzelausstellung in der Galerie Kyriakos. Nach seiner Rückkehr nach Wien unterrichtet er anatomisches Zeichnen an der Kunstakademie. Zu seinem damaligen Bekanntenkreis zählen u. a. Sigmund Freud, Karl Kraus, Adolf Loose, Wilhelm Reich.
Doch Victor Bauer bleibt wieder nicht lange in seiner Vaterstadt. Er zieht 1927 nach Berlin und freundet sich mit Magnus Hirschfeld an. Immer wieder zieht es ihn nach Paris, wo er André Breton, Paul Eduard und Salvador Dali kennenlernt und schließlich auch am 2. Surrealistischen Manifest mitarbeitet. Dies alles mit noch nicht einmal 30 Jahren!

1932 zieht Bauer vorerst ganz nach Paris. Zu dieser Zeit ist er sowohl künstlerisch als auch literarisch tätig. 1936 zieht er nach Nizza und dort bearbeitet er zusammen mit Wilhelm Reich den Nachlass von Magnus Hirschfeld.

Während des Zweiten Weltkrieges tritt Bauer der italienischen Widerstandsbewegung bei. Er wird 1943 durch die gefürchtete italienische Geheimpolizei OVRA verhaftet, im Gefängnis San Vittore in Mailand interniert und zum Tode verurteilt. Nur durch den Sturz Mussolinis kommt es nicht zur Vollstreckung des Urteils. 1944 wird er aus dem Gefängnis befreit.
Nach Kriegsende kehrt er nach Nizza zurück und erst ab etwa 1946/47 ist ihm ein kontinuierliches künstlerisches Arbeiten möglich aus dem heraus ein erstaunlich eigenständiges Werk entsteht. Es finden zahleiche Einzelausstellungen statt, doch wird Victor Bauer im deutschsprachigen Raum erst ab den 1970er Jahren durch das Engagement der Galerei Dreiseitel bekannter.

„Gegenüber der Öffentlichkeit und dem materiellen Erfolg hat der Maler die Arbeit in der Zurückgezogenheit vorgezogen, das bescheidene Leben voller Eifer, ein Leben in reiner Freude, verblüffenden Entdeckungen im Alltag der unvergessenen Stunden, denn Victor Bauer hielt die Wunder auf Leinwand oder Papier fest“ (André Verdet).

In seinem Katalogbeitrag (1977) schreibt Horst Richter zum Frühwerk Victor Bauers:

„Bilder aus den ganz frühen Jahren Victor Bauers sind offenbar nicht mehr erreichbar. Revolutionäre Momente lassen sich um die Mitte der dreißiger Jahre, mit denen das vorhandene Material einsetzt, kaum noch ausmachen.“

Dieser hier gezeigte liegende Akt datiert auf 1932, ist damit in diese ganz frühe Schaffensphase einzuordnen und damit zugleich ein seltenes Zeugnis für Victor Bauers damalige Kunst.
Victor Bauer lebte zu der Zeit in Berlin und verzog eben 1932 nach Paris. Die konstruktive Aufteilung des Hintergrunds, wie auch die an Abklatsch- oder Monotypien erinnernde rötliche Farbgebung, könnten darauf hindeuten, dass Bauer hier ganz konkrete moderne Einflüsse von Pariser Künstlerkollegen aufnahm und verarbeitete. In Teilen mag man hier erinnert sein an so manche Frottage von Max Ernst.
Der hier gezeigte Akt liegt, mit geschlossenen Augen, auf einem dunkelroten Untergrund (Sofa?), das weitere Umfeld bleibt diffus, im Hintergrund rechts scheint ein Gemälde an der Wand zu hängen. Die schwungvollen, lockeren Konturen lassen an Akte Modiglianis denken und ebenso kommen, bei der stärkeren Proportionierung der unteren Körperhälfte, auch Akte von Matisse in den Sinn.

In dem kleineren Format eine erstaunlich dichte, lockere und freie Komposition, die neben dem rein Künstlerischen ganz sicher auch durch die frühe Datierung besonders reizvoll ist.

 

 

Zu Victor Bauer (02.09.1902 Wien – 19.03.1959 Nizza):
Maler, Zeichner, Grafiker, Restaurator.
1912 Umzug nach München und dort Besuch des Gymnasiums.
1918/19 aktive Teilnahme an der Münchner Räterepublik, nach deren Niederschlagung kurzzeitig in Stadelheim inhaftiert und 1920 aus Deutschland ausgewiesen.
1920 Rückkehr nach Wien, Beendigung der Schulzeit in Wien und Graz.
1922 Besuch der Universität Wien (Medizin) und der Kunstakademie Wien.
1923 Aufenthalt in der Sowjetunion
1926 bei einem Wettbewerb in Paris erhält er die Möglichkeit zu einer dreimonatigen Studienreise nach Griechenland
Während dieser Zeit hatte er eine Ausstellung in der Galerie Kyriakos (Athen)
Rückkehr nach Wien; er unterrichtet anatomisches Zeichnen an der Kunstakademie.
Bekanntschaft mit u. a. Sigmund Freud, Karl Kraus, Adolf Loose, Wilhelm Reich.
1927 Umzug nach Berlin, Freundschaft mit Magnus Hirschfeld. Studienreise nach Paris.
1929 erste Ausstellung in Wien in der Galerie Holbein. Erneute Paris-Reise, dort enger Kontakt mit der surrealistischen Bewegung, Beginn der Freundschaft mit u. a. André Breton, Paul Eduard, Salvador Dali. Bauer arbeitet am 2. Surrealistischen Manifest mit.
1931 literarische Betätigungen und hierbei u. a. Beiträge im “Simplizissimus”.
1932 Umzug nach Paris.
1932/33 Reisen nach Italien (restauratorische Arbeiten in den Uffizien in Florenz).
1936 Umzug nach Nizza.
1937 zusammen mit Wilhelm Reich Bearbeitung des Nachlasses von Magnus Hirschfeld.
1941 Eintritt in die italienische Widerstandsbewegung.
1943 durch die italienische politische Polizei OVRA verhaftet (Gefängnis San Vittore in Mailand) und zum Tode verurteilt (durch Sturz Mussolinis nicht vollstreckt).
1944 aus dem Gefängnis befreit und Angehöriger der Garibaldinischen Truppen. Auszeichnung von General Alexander.
1945 Rückkehr nach Nizza
1946 Auswahl und Restaurierung von Exvotos aus dem 17.-19.Jh., diese werden 1947 in der Galerie Savoy (Nizza) ausgestellt.
Erst ab dieser Zeit ist Bauer ein kontinuierliches künstlerisches Arbeiten möglich.
1948 Bekanntschaft mit Arthur Adamov und Antonin Artraud.
1949 Bekanntschaft mit Frans Masereel.
1950 Eheschließung

Sammlungen
Sammlung Würth, Künzelsau

Einzelausstellung
— 1926 Athen, Galerie Kyriakos
— 1929 Wien, Galerie Holbein
— 1937 Nizza, Palais de la Méditerranée
— 1942 Nizza, Diam Décoration
— 1942, 1948, 1951 Nizza, Galerie Muratore
— 1949, 1951 Paris, Galerie Mirador
— 1950 Nizza, Galerie di Segni
— 1955 Nizza, Hôtel Negresco
— 1956, 1958 Cagnes sur Mer, Galerie des Arts
— 1957, 1958 Marseille, Studio da Silva
— 1958 Clermont-Ferrand, Galerie A
— 1963 Saint-Paul-de-Vence, Galerie „La vieille échoppe“
— seit 1975-86 regelmäßig Köln, Galerie Dreiseitel
— 1977 München, Galerie von Abercron
— 1992, 2006 Salzburg, Galerie Welz

Literatur
— Galerie Dreiseitel (1977): Ölbilder und Aquarelle. 1934-1959, Köln
— Galerie Dreiseitel (1975): Ölbilder und Aquarelle. 1943-1958, Köln
— Tiede, Jürgen: Victor Bauer, in: „Artists of the World (AOW) / Allgemeines Künstlerlexikon (AKL)“, De Gruyter-Verlag, Onlineversion