H A N S – J Ü R G E N    E G G E R T    (10.05.1915 Berlin-Hermsdorf – 20.04.1945 Döberitz)

 

Weitere Berliner Künstler

 

 

Mutter mit Kind (1934)

Aquarell & Tusche auf Velinpapier

€ 2.200,-

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Titel
ohne Titel [Mutter mit Kind]

Technik
Aquarell & Tusche auf Velinpapier, verso in den vier Ecken befestigt auf sandfarbiges Papier, ungerahmt

Signatur
unten links signiert „Eggert“

Jahr
unten links datiert „[19]34“

Größe
Größe: 34,8 x 24,8 cm (Blatt) bzw. 46,9 x 33,9 cm (unterlegtes Papier)

Zustand
Blatt verso in den vier Ecken befestigt auf sandfarbiges Papier; im Eckbereich oben rechts Quetschung; im Eckbereich unten rechts etwas knittrig
Unterlegtes Papier mit Faltspuren, sowie etwas nachgedunkelt und leicht fleckig

 

 

Werkbeschreibung
Hans-Jürgen Eggert war ohne Zweifel eine große Doppelbegabung – als Maler und als Dichter. Umso schmerzhafter ist, dass er in den letzten Kriegstagen, mit noch nicht einmal 30 Jahren, den Tod fand.

1915 wurde er in Berlin-Hermsdorf geboren und wandte sich schnell der bildenden Kunst zu. Er besuchte die Kunstgewerbe- und Handwerkerschule („Kunstgewerbeschule des Ostens“) in Berlin (1932-33) und danach die Hochschule für bildende Künste in Berlin (1933-35). Im Anschluss war er sowohl als Künstler, wie auch – im Brotberuf – in einem Büro als Schreibkraft und für ein Kino als Kontrolleur tätig.
Um diese Zeit kam Eggert auch zur Dichtkunst. Er selbst las nach Aussagen von Freunden viel und besonders beeindruckte ihn damals Georg Trakl.
Im April 1938 wird er zum Arbeitsdienst eingezogen und es beginnt eine Phase des notgedrungenen innerlichen Rückzugs.
Sein Freund und Biograf Wladimir Lindenberg schreibt hierzu:

„Er kann nicht malen, denn er ist nicht allein, und seine Malerei würde sofort seine Gesinnung offenbaren. Wenn er dichtet, darf keiner seine Gedichte sehen, wer wird im Dritten Reich zarteste Lyrik begreifen können? Er hütet seine Gedichte als Geheimnis. Er zieht sich in sich selbst zurück und wartet, daß diese Zeit vorübergehe.“

Nach dem Arbeitsdienst folgt der Militärdienst und kurz bevor auch dieser endlich sein Ende fand, beginnt der Zweite Weltkrieg.
Hans-Jürgen Eggert ist in Polen und später in Frankreich als Soldat dabei, erleidet aber einen schweren Nervenzusammenbruch. Er wird anfangs in ein Lazarett, später in eine Nervenklinik gebracht und als „nicht mehr fronteinsatzfähig“ bezeichnet.
Im März 1941 kann er das Lazarett verlassen und widmet sich in Berlin im Privaten seiner Kunst.
Er lernt seine spätere Frau, Constanze Erdmann (1921-?), kennen, Tochter von Lothar Erdmann (1888-1939) und Elisabeth Erdmann-Macke (1888-1978), zuvor verheiratet mit August Macke. Eggert darf im Erdmann´schen Haus, umgeben von moderner Kunst, wohnen. Doch mit der Zerstörung des Hauses durch Bombenangriff im Jahr 1943 nimmt dieses kleine Glück ein jähes Ende. Seine Frau ist darob nervlich so arg angeschlagen und reist zur Erholung zu Maria Marc, Witwe Franz Marcs, nach Ried. Im Dezember 1943 kommt die Tochter Iris zur Welt.
1943 dann ein kleiner Lichtblick, als er bei Günther Franke in München ausgewählte Werke ausstellen kann.
Die kleine Berliner Ausweichwohnung Eggerts wurde ebenso durch Bomben zerstört und er kommt nun bei der Bildhauerin Dolina Gräfin Roedern am Kurfürstendamm unter. – Diese Wohnung wird zum Treffpunkt von vielen modernen, regimekritischen Künstlern.
Noch Mitte 1944 soll Eggert zum Militär eingezogen, er erleidet erneut einen Nervenzusammenbruch und muss in ein Lazarett gebracht werden. Dieses wird aber bombardiert und er kommt in eine Kaserne, wo er als Schreiber beim Stab am Truppenübungsplatz Döberitz eingesetzt wird.

Das Lebensende schildert Wladimir Lindenberg wie folgt:

„Am 20. April 1945 ging er früh morgens aus seinem Behelfsheim in Berlin-Schulzendorf, um in die Kaserne in Döberitz zu gelangen. Es war ein Gang ohne Wiederkehr. Seine Spur verläuft im Dunkeln. Niemals kam ein Mensch, um zu berichten, daß er Hans Jürgen Eggert begegnet sei. Nie kam auch eine Bestätigung seines Todes …“

Es ist eben besonders dem Arzt, Schriftsteller und Künstler Wladimir Lindenberg zu verdanken, dass wir Informationen zu Leben und Werk Hans-Jürgen Eggerts haben. Dieser setzte sich nach 1945 sehr hierfür ein und machte ihn nicht zuletzt durch seinen Band „Die Unvollendeten“ (1948, Hamburg) bekannt, der 1966 als Neuausgabe unter dem Titel „Die Frühvollendeten“ (München/Basel) erschien. Hier stellt er in wunderschöner Sprache sieben Dichter aus verschiedenen Jahrhunderten vor, die allesamt viel zu früh verstarben. – Neben u. a. Villon, Büchner, Rimbaud und Trakl, bekommt Eggert beinahe den größten Platz im Band zugewiesen.

Das hier vorliegende Aquarell ist ein farbintensives und farbstarkes Werk aus dem frühen Schaffen des Künstlers: eine Mutter mit ihrem Kleinkind aus dem Jahr 1934. Eggert war damals keine 20 Jahre alt und besuchte noch die Berliner Hochschule für bildende Künste!
Die nass-in-nass ineinanderfließenden Aquarellfarben lassen in ihrer Leuchtkraft und ihrem Kolorit deutlich an expressive bzw. expressionistische Vorbilder wie Emil Nolde denken.
Eine künstlerisch eindrucksvolle Komposition, welche das große Talent Eggerts nicht nur erahnen lässt, sondern dieses zweifelsohne belegt.
Werke des Künstlers sind, auch gerade wegen der nur sehr kurzen Schaffenszeit, von größter Seltenheit. Dieses nun über 90 Jahre alte Werk zeigt sich zudem in bemerkenswert frischen, klaren Farben.

 

 

Zu Hans-Jürgen Eggert (10.05.1915 Berlin-Hermsdorf – 20.04.1945 Döberitz):
Maler, Zeichner, Dichter.
Sohn des Kaufmanns Paul Eggert und dessen Frau Helene, geb. Grosser.
Bereits im Jugendalter hatte Eggert großes Interesse an der Kunst „und berauschte sich an den modernen Malern. August Macke, Franz Marc, Paul Klee, Marc Chagall, Matisse, Picasso werden ihm zu Vorbildern […].“ [1] Bekannt wurde sein künstlerisches und dichterisches Schaffen vor allem erst posthum durch das Engagement des befreundeten Arztes Dr. Wladimir Lindenberg (1902 Moskau – 1997 Berlin), der ebenso künstlerisch tätig war.
1921-24 Besuch der Volksschule
1924-32 Besuch des Paulsen-Gymnasiums, Berlin-Steglitz. (1932 Abschluss mit der Oberprimareife).
1932-33 Besuch der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule („Kunstgewerbeschule des Ostens“) in Berlin.
1933-35 Wechsel an die Hochschule für bildende Künste in Berlin. Während dieser Zeit Freundschaft mit Helmut Pelzer.
Um diese Zeit kam Eggert auch zur Dichtkunst, beeinflusst u. a. von Georg Trakl.
1935-38 selbstständig als Kunstmaler tätig, nebenbei arbeitete er in einem Büro und als Kontrolleur in einem Kino am Kurfürstendamm
Ab 4. April 1938 wird er zum Arbeitsdienst eingezogen.

„Er kann nicht malen, denn er ist nicht allein, und seine Malerei würde sofort seine Gesinnung offenbaren. Wenn er dichtet, darf keiner seine Gedichte sehen, wer wird im Dritten Reich zarteste Lyrik begreifen können? Er hütet seine Gedichte als Geheimnis. Er zieht sich in sich selbst zurück und wartet, daß diese Zeit vorübergehe.“ [2]

Nach dem Arbeitsdienst wird er am 15. November 1938 zum Militärdienst herangezogen.
Den Zweiten Weltkrieg macht er von Beginn an mit und nimmt am Polenfeldzug teil, später im Westen.
Er wird aufgrund eines nervlichen Zusammenbruchs in ein Lazarett, sowie in eine Nervenklinik gebracht. Eggert wird als „nicht mehr fronteinsatzfähig“ bezeichnet.
Im März 1941 wird er aus dem Lazarett entlassen, hat jedoch weitere schwache Nerven und einen Herzschaden.
In der folgenden Zeit widmet sich Eggert im Privaten der Kunst und der Dichtung.
Eggert lernt seine spätere Frau, Constanze Erdmann (1921-?), kennen, Tochter von Lothar Erdmann(1888-1939) und Elisabeth Erdmann-Macke (1888-1978), zuvor verheiratet mit August Macke.
Im Frühjahr 1943 erhält er Studienurlaub für Malerei, muss dann aber wieder zum Militärdienst einrücken.
Im März 1943 wird das Erdmann´sche Haus, in dem Eggert zwischenzeitlich wohnen darf, in Berlin durch Bombenangriff zerstört.
Juli 1943 Heirat
Constanze ist aufgrund des Bombardements und der Zerstörung des Hauses nervlich angeschlagen und reist zu Maria Marc, Witwe Franz Marcs, nach Ried.
Erneut wird bei einem Bombenangriff die Wohnung zerstört und Eggert kommt bei der Bildhauerin Dolina Gräfin Roedern (1887-1966), ab 1947 Ehefrau Wladimir Lindenbergs, unter. In deren Wohnung am Kurfürstendamm treffen sich viele regimekritische Künstler und Kulturschaffende, darunter u. a. Karl Hartung, Heinz Trökes, Paul Martin Gensichen, Gerd Kutscher.
Während dieser Zeit schuf Dolina Gräfin Roedern auch eine Portraitbüste von Eggert und seiner Frau Constanze.
Dezember 1943 Geburt der Tochter Iris.
Noch Mitte 1944 soll Eggert zum Militär eingezogen, erleidet erneut einen Nervenzusammenbruch und muss in ein Lazarett gebracht werden. Das Lazarett wird bombardiert und Eggert kommt in eine Kaserne. Er wird als Schreiber beim Stab am Truppenübungsplatz Döberitz eingesetzt.

„Am 20. April 1945 ging er früh morgens aus seinem Behelfsheim in Berlin-Schulzendorf, um in die Kaserne in Döberitz zu gelangen. Es war ein Gang ohne Wiederkehr. Seine Spur verläuft im Dunkeln. Niemals kam ein Mensch, um zu berichten, daß er Hans Jürgen Eggert begegnet sei. Nie kam auch eine Bestätigung seines Todes …“ [3]

1975 erhält seine Frau den Bericht vom Roten Kreuz über Kampfhandlungen im Raum Berlin in den letzten Kriegstagen und den Hinweis, dass man annimmt, Hans-Jürgen Eggert ist während dieser Kämpfe gefallen.

„Ich bin sehr ruhig und gelassen. Ich habe die Zuversicht, daß mein Leben, das eigentlich jetzt erst beginnt, nicht brutal abgerissen wird. Noch vieles habe ich den Menschen zu geben und ich hoffe, daß meine Kunst weiter wächst, daß sie größer und weiter wird“ (Brief Eggerts vom 9. September 1943).

Schriften
— 1942 erschienen im Privatdruck 38 Gedichte; (posthum)
— 1954 „Wenn wir sterben müssen und in Not sind. Gedichte und Zeichnungen aus dem Nachlass“. (Stierstadt i. T.: Eremiten-Presse)

Sammlungen
Graphothek, Berlin
Museum Ludwig, Köln

Gruppenausstellungen
— 1945 „Ausstellung junger Kunst“, Galerie Gerd Rosen, Berlin (mit Werken von Wladimir Lindenberg und Heinz Trökes)
— 1946 „Kunstausstellung des Westens“, Schöneberger Rathaus, Berlin
— 1946 „Masken, Träume und Visionen“, Berliner Kulturkollektiv 1946, Einrichtungshaus „Die Raumgestalter“, Berlin

Einzelausstellungen
— September 1943 Galerie Günther Franke, München
— 1946 Galerie Gerd Rosen, Berlin
— 1949 Gedichte & Aquarelle, Galerie Hanna Bekker vom Rath, Frankfurt a. M.
— 1960 Vaganten-Keller, Berlin
— 1985 Kunstamt Reinickendorf, Berlin

Literatur
— Bezirksamt Reinickendorf (Hrsg.) (1985): Hans-Jürgen Eggert (1915-1945) anläßlich der 70. Wiederkehr seines Geburtstages und des 40. Todestages. Ölbilder – Aquarelle – Zeichnungen, Berlin: Buchdruckerei Erich Pröh
— Frank, Volker: Hans Jürgen Eggert, in: „Artists of the World (AOW)“ / „Allgemeines Künstlerlexikon (AKL)“, De Gruyter-Verlag, Onlineversion
— Lindenberg, Wladimir (1966): Frühvollendete, München/Basel: Ernst Reinhardt Verlag, S. 237-283
— Lindenberg, Wladimir (1993): Gottes Boten unter uns, München/Basel: Ernst Reinhardt Verlag, S. 136-13
— Kosch, Wilhelm / Hagestedt, Lutz (2011): Deutsches Literatur-Lexikon. Das 20. Jahrhundert [Band 7], Berlin/Bosten: De Gruyter, Sp. 180-181

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[1] Lindenberg 1966: 243.
[2] Ebd.: 246.
[3] Lindenberg 1993: 136.