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Buch „Farben und Formen als lebendige Kräfte“ (1930)

Umfang: VIII Seiten + 214 Seiten + 2 Leerseiten + 4 Werbeseiten
Jahr: 1930
Format: 22 x 15,5 cm
Verlag: Jena: Eugen Diederichs

€ 520,-

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Zustand
Einband recto und verso etwas fleckig; Ecken des leicht bestoßen; auf Vorsatz oben links teilweise wegradierte Annotation in Blei, sowie oben rechts frühere Besitzervermerke („Anna Anders 1931 / Flensburg, Hafendamm 46 II [die Flensburger Adr. ist gestrichen] / Kassel-Wilhelmshöhe / Neckarweg 6“); im Innenteil mitunter kleine Anstreichungen, sowie kurze Annotationen in Blei; Schutzpapiere der Tafeln etwas knittrig, sowie teilweise etwas fleckig; Buchschnitt leicht nachgedunkelt

 

 

Bereits im Jugendalter wusste Carry van Biema, dass sie Malerin werden wollte. Dazu besuchte sie 1900 kurz die Kunstakademie in Den Haag und erhielt später Privatunterricht im Hannoveraner Atelier Meyer (1903-10). Es folgten ab 1910 Ausstellungsbeteiligungen im Kunstverein Hannover, sowie darauf auch bei der Kestner-Gesellschaft und der Hannoverschen Sezession.
Von nachhaltiger Bedeutung für die Künstlerin wurde ihr Studium in Stuttgart bei Adolf Hölzel (1914-19). Nicht nur wandte sie sich hierdurch verstärkt der Moderne, der Avantgarde zu, sondern weitaus stärker noch war der Einfluss von Hölzel und dessen Lehren. Ab den beginnenden 1920er Jahren begann sie Vorträge und Kurse zu Hölzels Farblehre zu halten. Dessen Lehre sah sie als ein Anknüpfen an Goethes Farbenlehre an. Ab 1922 hatte sie den Gedanken ein Buch über diese Thematik zu verfassen, was sich dann schließlich auch in dem Band „Farben und Formen als lebendige Kräfte“ realisierte.

Fast schon typisch für die Zwischenkriegszeit macht die Autorin darauf aufmerksam, dass „[wir] in einer gewaltig bewegten Zeit der großen Umwandlungen [leben]“ (S. 1). Der Materialismus müsse ein Gegengewicht erhalten und „[ein] neues Streben nach Synthese, nach Einkehr, nach Harmonie wird spürbar“ (ebd.).
Hierzu greift sie auf Goethe zurück und hat die Intention dessen Farbenlehre „durch eine allgemein verständliche Darstellung endlich aus seinem fast 140jährigen Scheintod zu erwecken […]“ (ebd.). Dies wird vor allem in den ersten beiden Teilen des Bandes besprochen: I. „Uralte Grundlagen der Malerei“ (S. 13-66) und II: „Einige Hauptbegriffe aus Goethes Farbenlehre“ (S. 67-127).

In dem dritten Teil beschreibt Carry van Biema „Eindrücke aus der Hölzelschen Lehre. Nach mündlichen Mitteilungen dargestellt“ (S. 129-211). Denn nach der Autorin folgte Hölzel genau den Überlegungen Goethes – er wandte dessen Farbenlehre als Künstler in der Praxis an. „Es sind also keine Theorien, die hier gegeben werden, sondern in Worte übersetzte Arbeitsresultate und Erfahrungen. Hölzels Farbenlehre […] ist ein Versuch, Goethes Erkenntnisse in die Tat, in die Praxis des Malers umzusetzen“ (S. 4).
Dabei unterstreicht die Autorin explizit, dass das Neuartige des vorliegenden Buches gerade in diesem dritten Teil liegt.
Auffallend an dem Band ist die sehr schöne bildreiche Gestaltung. Immerhin finden sich hier 81 s/w-Abbildungen, sowie 19 Farbtafeln (mit Schutzpapier), anhand derer die Autorin das Geschriebene verdeutlicht. Besonders beim dritten Teil kommen die Farbtafeln zum Einsatz und man merkt deutlich den Wunsch Carry van Biemas die Lehre Adolf Hölzels verständlich und vor allem praktisch umsetzbar darzustellen.

Der Band war nach Erscheinen sehr nachgefragt, doch mögliche Neuauflagen waren ab 1933 quasi verunmöglicht. Erst 1997 erschien im „Ravensburger Verlag“ ein Reprint.

 

 

Zu Carry van Biema (17.10.1881 Hannover – 31.08.1942 Auschwitz):
Jüdische Künstlerin, Schriftstellerin; ältestes Kind des Anwalts und Notars Adolf van Biema und dessen Ehefrau Hedwig, geb. Burg; sie wuchs in einem wohlhabenden, kulturell interessierten Umfeld auf; bereits in der Kindheit zeichnete sie und mit 14 Jahre wusste sie, dass sie Malerin werden wolle; anfangs Besuch des Gewerbevereins in Hannover; 1898-1902 Aufenthalt in den Niederlanden, davon 1900 Besuch der Kunstakademie in Den Haag; während dieser Zeit besuchte sie immer wieder Familienangehörige in Amsterdam; 1903-10 Privatunterricht im Atelier Meyer (Hannover); zu dieser Zeit wohnte sie zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Margarete in einem Haus in der Körnerstr. 22, dort hatte sie auch ihr Atelier; ab 1910 beschickte sie Ausstellungen des Kunstvereins Hannover; ab 1916 stellte sie zudem immer wieder bei der Kestner-Gesellschaft aus und ab 1917 auch bei der Hannoverschen Sezession; 1914-19 Studium an der Kunstakademie Stuttgart (bei Adolf Hölzel); Hölzel und dessen Lehre hatten nachhaltigen Einfluss auf Biema; Mitte 1921 erneuter Aufenthalt in den Niederlanden; während dieser Zeit konnte sie – durch Vermittlung der Freundin Jacoba von Hemskerk – an der ersten Domburgschen Ausstellung (9. Juli bis 1. August 1921) teilnehmen; von Oktober 1921 bis Januar 1922 gab sie in Den Haag Privatunterricht über Adolf Hölzels Farbenlehre und hielt während dieser Zeit auch Vorträge zu dem Thema; ab 1922 trug sie sich mit dem Gedanken ein Buch über Hölzels Lehre zu verfassen, welches dann schließlich auch 1930 erschien; der Band wurde in der Presse positiv aufgenommen und die Ausgabe war schnell ausverkauft; Carry van Biema arbeitete darauf an ihrer Autobiografie, was wohl durch eine Beziehung zum Schriftsteller Albrecht Schaeffer initiiert wurde; 1926 sandte sie den ersten Teil an Stefan Zweig, der positiv darauf reagierte; ab 1927 war sie Mitglied der „GEDOK“ in Hannover, hielt dort Vorträge und Kurse; 1932 leitete sie im Auftrag des Berliner Zentralinstituts für Erziehung und Unterricht eine Arbeitsgruppe zum Studium von Goethes Farbenlehre (in diesem Kontext entstand auch ihr Artikel „Goethes Farbenlehre in der Praxis des Kunsterziehers“, in: „Kunst und Jugend“, Heft 3 (März 1932)); weiterhin half sie bei der Organisation von Ausstellungen des Kunstvereins Hannover und der Kestner-Gesellschaft; 1933 gab es in der spanischen „Galerías de Arte Syra“ (Barcelona) eine umfangreiche Einzelausstellung Carry van Biemas; im Januar 1938 hielt sie ihren letzten Vortrag in Berlin und emigrierte danach in die Niederlande (Den Haag), während die Familie in Deutschland blieb; in Den Haag leitete sie gut besuchte Kurse; während der Reichskristallnacht wurden die beiden Brüder Alfred und Leo inhaftiert; Mutter und Schwester Margarete emigrieren 1940 nach Brüssel; Carry van Biema zog während der folgenden Jahre mehrmals innerhalb der Niederlande um; am 25.08.1942 wird sie zusammen mit Freunden ins Durchgangslager Westerbork transportiert und am 28.08.1942 erfolgt der Weitertransport nach Auschwitz