K A R L   O T T O   H Y

 

Weitere Werke von Karl Otto Hy

 

 

Bildnis eines jungen Mannes (1934)

Bleistift auf sandfarbigem Velinpapier
u.r. datiert „[19]34“

Blattgrösse: 49,7×37,2cm

u.r. signiert „K.O. Hy“
nicht betitelt

€ 550,-

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Zustand
leichte Druckstellen im Blatt; im unteren Blattbereich, sowie mittig vereinzelte kleine bräunliche Flecken; im Blattbereich rechts mittig kleine Tuscheflecken; Ecke o.l. mit kleiner Knickspur; Ecke u.l. mit minimaler Stauchung; linker Blattrand leicht uneben zugeschnitten; oberer Blattrand mit leichten Abrissspuren

 

 

Nach seinem Studium an den Kunstgewerbeschulen in Mainz und Wiesbaden (1925-29) war Karl Otto Hy seit 1930 freischaffend als Künstler wie auch als Architekt tätig. Neben der beruflichen Arbeit für Unternehmen und Firmen, entstanden in der Freizeit Zeichnungen, Aquarelle und Gemälde, welche vornehmlich einen kühlen, an die Neue Sachlichkeit anlehnenden Ausdruck zeigen.
Diese auf 1934 datierte Zeichnung stellt den Betrachter vor das Bildnis eines jungen Mannes. Die Brille, wie auch die nach hinten gekämmten Haare lassen an einen Intellektuellen oder/und einen Künstler denken. Die explizite Nichtnennung des Namens, verweist auf die durchaus gewollte Entindividualisierung des Gezeigten zugunsten einer Typisierung. Den Fokus legte Hy demnach nicht auf die persönliche Identität des Mannes, sondern vielmehr auf die Darstellung einer Stimmungslage, eines Gemüts, welches er für einen bestimmten (Menschen-, Rollen-)Typus – in diesem Falle also ein Intellektueller bzw. ein Künstler – als prägnant empfand.
Die in Ansätzen angedeuteten Schultern hängen herab und auch der Kopf zeigt eine leichte Neigung nach unten, womit die Blickrichtung der ins Leere führenden Augen explizit unterstrichen wird. Alles wirkt ohne Anspannung und ohne Kraft. Einzig in den Zügen des schmalen Gesichts mag man gewisse Muskelbewegungen zu erkennen.
Zum Menschenbild der Neuen Sachlichkeit schreibt Beate Reese: „In entsprechender Weise verlagerte sich […] der Blick vom malenden Subjekt auf das zu malende Objekt, seine äußere Erscheinung, seine psychischen und körperlichen Defekte und auf die Rolle, die der Mensch im gesellschaftlichen Leben einnimmt. Die Attitüde und die Inszenierung, welche die Frage nach dem Verhältnis von Selbst- und Fremdbild, Maske und wahrem Ich erneut aufwerfen, treten an die Stelle abgebildeter Wirklichkeit. Melancholie evozieren weniger tradierte Motive, als die überwiegend isoliert gezeigten Bildfiguren […] Die Einsamkeit, die in der Kunst des 19. Jahrhunderts unter dem Eindruck neuer psycho-sozialer Erfahrungen mit Melancholie verbunden wurde, gewinnt in der Neuen Sachlichkeit erneut an Relevanz“ (Beate Reese (1998): Melancholie in der Malerei der Neuen Sachlichkeit; Frankfurt: Lang; S. 228). Und weiter schreibt Reese explizit zu den Bildfiguren, dass diese „erstarrt und in sich gekehrt, in ihren Impulsen gehemmt und gelähmt [erscheinen], was in der Rezeption als Fremdheit, als Kälte und als Beziehungslosigkeit erfahren wird“ (ebd.; S. 229).
Diese hier kurz skizzierte Melancholie und deren künstlerische Ausdrucksformen mag der Betrachter auch in diesem Bildnis Karl Otto Hys erfahren. Wie aus der Zeit genommen, scheint der Dargestellte keinerlei Notiz von seinem Umfeld zu nehmen. Er ist vollends in Gedanken, passiv und zwingt förmlich durch seine ‚Augenmelancholie‘ (ebd.; S. 105ff.) den Betrachter zum Innehalten und Ruhen.

 

 

Zu Karl Otto Hy (28.10.1904 Rüdesheim – 05.04.1992 Wiesbaden):
Maler, Zeichner, (Werbe-)Grafiker, Architekt; 1911 Zuzug von Rüdesheim nach Wiesbaden; Schulbesuch in Heidelberg und Wiesbaden; erster Kunstunterricht in der privaten Malschule von Hermann Bouffier (Wiesbaden), daneben Besuche im Atelier von Kaspar Kögler (1838-1923); 1919 Ende der Schulzeit und anfänglicher Wunsch Schlosser zu werden, da es aber hierbei keine freien Lehrstellen gab, ging er in die Ausbildung zu einem Dekorationsmaler; 1925-29 Studium an den Kunstgewerbeschulen in Mainz und Wiesbaden (u.a. bei Hans Christiansen (1866-1945), Otto Fischer-Trachau (1878-1958), Otto Arpke (1886-1943)); neben dem Studium arbeitete Hy bei dem Wiesbadener Architekten Joachim Wilhelm Lehr (1893-1971); ab 1930 freischaffend tätig, zu seinen Kunden zählten v.a. Reklamefirmen, Kaufhäuser, Brauereien, Hotels; daneben auch als Architekt tätig; 1937 Ausgestaltung der Wandelhalle in der Herbert-Anlage mit Sgraffiti (Wiesbaden); 1938 Beteiligung an der „Kunstausstellung in Frankfurt am Main, der Stadt des Deutschen Handwerks“ (Städelsches Kunstinstitut, Frankfurt a.M.); 1942 zur Wehrmacht eingezogen und anschließend russische Kriegsgefangenschaft; 1948 Rückkehr aus der Gefangenschaft nach Pforzheim und von dort Umzug nach Wiesbaden; nach 1945 als Architekt in Wiesbaden tätig und dabei beteiligt bei Restaurierungen und Innenraumgestaltungen von u.a. dem Staatstheater, dem Kaiser-Friedrich-Bad, der Trauerhalle am Südfriedhof, des Großen Sitzungssaals des Magistrats; 1962 Umzug nach Georgenborn (Gemeinde Schlangenbad); ab 1978 Vorsitzender des „Rings bildender Künstler“; 1980 Beteiligung an der Ausstellung „Wiesbadener Künstler aus 3 Generationen“ (Museum Wiesbaden, Wiesbaden); 1987 Ausstellung zusammen mit Franz Ruzicka (Nassauischer Kunstverein Wiesbaden); 2014 vertreten bei der Ausstellung „Landschaftsbilder – ein Zwischenreich von Natur und Zivilisation aus Imagination und Realität“ (Kunstarche Wiesbaden e.V.); Werke befinden sich u.a. im Besitz der Stadt Wiesbaden („Frühling“, Öl, 1957), des Museums Wiesbaden („Die Kaiserstraße in Wiesbaden“, Öl, 1934), der Ortsverwaltung Wiesbaden-Dotzheim („Blick vom Neroberg über Wiesbaden“, Öl)

Literatur
HILDEBRAND, Alexander (1992): Akribie und Atmosphäre, in: Wiesbadener Leben; 6/1992; Seite 15
Magistrat der Landeshauptstadt Wiesbaden (Hrsg.) (1980): Wiesbadener Künstler aus 3 Generationen; Wiesbaden: Wilhelm Lautz; unpag. (Kat.Nr. 37-38)
„Karl Otto Hy. Optische Kultur – Wiesbadener Maler wird 80 Jahre alt“ (Autorenkürzel AH), in: Wiesbadener Kurier, vom 27./28.10.1984, Seite 9
„Allgemeines Künstlerlexikon (AKL)“, Onlineversion, Künstler-ID: 42431199