A R I E    G O R A L    geb. als „Walter Sternheim“    (16.10.1906 Rheda – 23.04.1996 Hamburg)

 

Weitere Werke von Arie Goral

 

 

drei Figuren, Familie (o.J., verso Grüße zum Weihnachtsfest 1959)

Ölkreide auf Karton, ungerahmt
undatiert [verso Grüße zum Weihnachtsfest 1959];
unten rechts in dunkler Tinte signiert „Goral“, sowie verso nochmals signiert „A. Goral“
Größe: 14 x 9 cm
unbetitelt

€ 120,-

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Zustand
Ecken minimal bestoßen; verso (farb-)fleckig

Provenienz
verso handschriftliche Widmung in dunkler Tinte: „Mit freundlichen Grüssen und guten Wünschen zum Weihnachtsfest 1959 / A. Goral“

 

 

Die vorliegende, kleinformatige Zeichnung steht in engem Zusammenhang zu der Motivgruppe der „Ikonen“ innerhalb Gorals Schaffen. Zur Charakteristik dieses Sujets schreibt Erik Riedel:

„Die Figuren und die sie bisweilen umgebenden Landschaften oder Architekturkulissen sind vereinfacht und ohne erklärende Details ausgeführt. Lediglich einige immer wiederkehrende Motive – die bodenlangen Gewänder und schleierartigen Kopftücher der Frauen, der Streimel, eine verbreitete Kopfbedeckung der chassidischen Juden, sowie die in Jerusalem häufigen Torbögen und Arkaden – dienen der Verortung der Bilder. Auffällig ist die Archetypik der Szenen: die Figuren sind gesichtslos – das Inkarnat der Gesichter wird nur mit einem Farbfleck angedeutet – und die Interaktion der einzelnen Figuren ist nicht eindeutig definiert. Manchmal ist eine Gesprächssituation dargestellt, häufig handelt es sich offenbar um Familien mit Kindern und oft hat man den Eindruck, dass die Personen einen gemeinsamen Weg zurücklegen.“
[Erik Riedel (2007): „Israelische Ikonen“ und „israelische Landschaften“, in: Gross, Raphael / Riedel, Erik (Hrsg.): Kein Weg als Jude und Deutscher? Arie Goral. Der Maler Publizist und Dichter; Offenbach am Main: Beer Konzept; S. 96-118 [hier: 102].]

Im vorliegenden Fall ist es eine Dreiergruppe, die man wohl als Familie oder als zwei Frauen mit einem Kind deuten kann. Markant sind die leeren Gesichter, sowie die langen Gewänder, was sich mit der oben zitierten Charakteristik deckt.

 

 

Zu Arie Goral, geb. als „Walter Sternheim“ (16.10.1906 Rheda – 23.04.1996 Hamburg):
Maler, Zeichner, Schriftsteller, Kunstpädagoge; 1916-25 Schulzeit in Lemgo und Hamburg (Abschluss mit der mittleren Reife); 1921-33 Mitglied im Jüdischen Wanderbund Blau-Weiß und im Jung-Jüdischen Wanderbund; ab 1925 Beginn einer kaufmännischen Lehre; 1927 verlässt er das Elternhaus und arbeitet als Zeichner für eine Berliner Modefirma; er wird Mitglied im Kibbuz Cheruth bei Hameln; 1928-32 landwirtschaftliche Arbeit als Vorbereitung für die Auswanderung nach Palästina; Mitarbeit im Brith Habonim; Autor der Zeitschrift „Der Junge Jude“; 1932 Rückkehr nach Hamburg; Mai 1933 Flucht nach Südfrankreich; in Toulouse ist es zeitweise Leiter des landwirtschaftlichen Ausbildungsbetriebes Chuljah für jüdische Flüchtlinge; Mitarbeit im „Comité Réfugié Allemand“; 1933-34 zunächst Aufenthalt in den Pyrenäen, später in Marseille; August 1934 Heirat mit der Malerin Anna Szmajewicz; Dezember 1934 Emigration nach Palästina; 1935 im Kibbuz Giwath Brenner; 1936-44 verschiedene Tätigkeiten, u.a. als Bauarbeiter in Jerusalem, Bademeister am Toten Meer, Assistent am Dizengoff-Museum in Tel Aviv; 1942-44 Veröffentlichungen von Lyrik in deutscher Sprache; Kontakte u.a. zu Schalom Ben Chorin, Wolfgang Hildesheimer, Arnold Zweig, Else Lasker-Schüler; 1944 Scheidung der Ehe; 1946-47 Arbeit auf Orangenplantagen in Rechovoth; Einrichtung eines Malstudios für Kinder; ab 1948 lassen sich erste Werke als Maler feststellen; 1948 Teilnahme am jüdisch-arabischen Krieg; ab 1950 Beteiligungen an Ausstellungen (u.a. in Florenz, München, Hamburg, Bremen); 1950-51 Italien-Aufenthalt, u.a. Studium an der Kunstakademie in Florenz; 1953 auf Einladung Erich Kästners beteiligt er sich an einer Ausstellung israelischer Kinder in München; Oktober 1953 Rückkehr nach Hamburg; er hält Vorträge und gibt Kunstunterricht für Kinder und Jugendliche; 1955 Kunsterzieher am sozialpädagogischen Institut der Universität Hamburg; Bekanntschaft mit Eva Peters, seiner späteren Frau; 1957 Gründung des „Jungen Studios“; 1962 Pläne für eine erneute Emigration, da er die „heuchlerische christlich-jüdische Brüderlichkeit“ ebenso wie die Rehabilitierung von Theodor Oberländer (1905-1998) kritisierte; 1963 wandte sich Goral offen gegen Peter R. Hofstätter und dessen, in „Die Zeit“ publizierten, Artikel „Bewältigte Vergangenheit?“; 1964 Übersiedlung nach Berlin; 1965 Gründung der Galerie Uhu in Hamburg; 1967 beteiligt er sich an der Initiative „Hamburg linksliterarisch“; 1968 Gründung der Hamburger „Intergalerie“; Reise in die CSSR; Oktober 1968 Heirat mit Eva Peters; 1973 organisierte er die Hamburger Ausstellungen „Aufstand im Warschauer Ghetto“ und „Internationale Engagierte Kunst“; 1976 Teilnahme am „Kongress gegen politische Unterdrückung und ökonomische Ausbeutung“, der vom Sozialistischen Büro Frankfurt veranstaltet wurde; 1978 entstehen die letzten Werke als bildender Künstler; 1979 protestiert er öffentlich gegen Syberbergs Hitler-Film; 1982 Verleihung der „Biermann-Ratjen-Medaille“; Einweihung des Heine-Denkmals auf dem Hamburger Marktplatz, für das sich Goral lange eingesetzt hatte

Werke von Arie Goral befinden sich u.a. in folgenden Sammlungen: Jüdisches Museum in Frankfurt am Main (künstlerischer Nachlass); Jüdisches Museum Rendsburg; Kunstsammlung des NDR; Sammlung Dr. Maike Bruhns (Hamburg); Museum Kunst der verlorenen Generation / Sammlung Prof. Dr. Heinz Böhme (Salzburg); Exil-Sammlung Memoria / Thomas B. Schumann (Hürth)

Literatur (Auswahl)
Bruhns, Maike (2001): Kunst in der Krise (Band 2); Dölling und Galitz; Hamburg; S.158-160
Bruhns, Maike (2007): Geflohen aus Deutschland. Hamburger Künstler im Exil 1933-1945; Edition Temmen; Bremen; S. 200-201
Gross, Raphael / Riedel, Erik (Hrsg.) (2007): Kein Weg als Jude und Deutscher? Arie Goral. Der Maler Publizist und Dichter; Offenbach am Main: Beer Konzept
Jüdisches Museum Rendsburg (1998): Arie Goral; Neumünster: Wachholtz
Heydorn, Volker Detlef (1974): Maler in Hamburg 1966-1974; Christians; Hamburg; S. 142
Familie Kay Rump (Hrsg.) (2013): Der neue Rump. Lexikon der bildenden Künstler Hamburgs (überarbeitet von Maike Bruhns); Wachholtz; Neumünster – Hamburg; S.152
Hansen, Antje: Arie Goral, in: „Allgemeines Künstlerlexikon“ (AKL), Onlineversion, Künstler-ID: 40290646