A L F R E D   W A I S

 

Weitere Künstler des Expressiven Realismus
Weitere schwäbische Künstler

 

 

„Gedächtnisstätte“ (1961)

Aquarell, Tempera, Tuschfeder, Bleistift, auf Malkarton („Schoeller-Turm“), in Passepartout, ungerahmt
unten rechts in Blei datiert „31.7.1961“
unten rechts in Blei signiert „Alfred Wais“, sowie verso unten rechts Künstlerstempel in Rot

€ 2.500,-

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Titel
nicht betitelt; „Gedächtnisstätte“, so betitelt in: Christian Hornig (2018): Deutsche Kunst des Expressiven Realismus; München: Scaneg; S. 47 (Kat.Nr. 74). Gezeigt wird eine Ansicht der Gedenkstätte Tummelplatz bei Schloss Ambras über Innsbruck [Die explizite Lokalisierung erfolgte durch André Wais, Sohn des Künstlers. Siehe dazu Christian Hornig (2018): Deutsche Kunst des Expressiven Realismus; München: Scaneg; S. 48.]. Unter der Signatur unten rechts klein in Blei die Werknummer „1503“.

Größe
Größe: 45 x 62,5cm (Blatt) bzw. 63,5 x 80 cm (Passepartout)

Zustand
partiell leichte Druckstelle, Ecken sehr leicht bestoßen; recto in den Randbereichen umlaufend sehr leicht aufgeraut (wohl aufgrund früherer Befestigung unter Passepartout)
verso in den Randbereichen Reste früherer Befestigung (braunes Klebeband); verso an den seitlichen Randbereichen (technikbedingt) leicht farbfleckig; verso oben links sehr leicht aufgeraut
Passepartout an Ecken / Kanten etwas bestoßen, sowie verso Reste von braunem Klebeband

Abbildung
Christian Hornig (2018): Deutsche Kunst des Expressiven Realismus; München: Scaneg; Kat.Nr. 74 [ganzseitige Farbabbildung];
Eine Abbildung der relevanten Seite findet sich weiter unten.

Provenienz
1) Besitz des Künstlers

2) Anfang der 1980er Jahre, von 1) an Alfred Moeke, Delmenhorst (geb. 04.08.1933 Nieder-Salzbrunn (Niederschlesien)).
Der Unternehmer Alfred Moeke sammelt seit gut 40 Jahren Kunst der „verschollenen Generation“ und erwies sich immer wieder als großzügiger Mäzen und Förderer. So war er maßgeblich daran beteiligt das Schaffen des Künstlers Holmead (Clifford Holmead Phlips, 1889-1975) wieder bekannt zu machen. Dem Buchheim-Museum in Bernied schenkte er Holmead-Werke aus seiner Sammlung. Weiterhin stiftete Moeke 2010 dem Staatsarchiv Bremen und dem Historischen Museum Bremerhaven insgesamt 135 Werke von Willy Menz (1890-1969). Weitere von Moeke sehr geschätzte und geförderte Künstler sind u.a. Wolfgang von Websky und Willi Oltmanns. Am 15.08.2013 wurde Moeke im Bremer Rathaus das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.

3) 2014, von 2) erworben durch Dr. Christian Hornig, München (geb. 1944 Breslau).
Der Kunsthistoriker Dr. Hornig ist Sachverständiger für italienische Malerei und ebenso geschätzter Fachmann auf anderen Gebieten der bildenden Kunst. Er verfasste zahlreiche Artikel und Publikationen zur italienischen Malerei wie auch zu Vertretern des Expressiven Realismus, wie u.a. Josef Karl Nerud, Gert Heinrich Wollheim. Daneben sammelt er auch selbst Werke der „verschollenen Generation“. In diesem Zusammenhang veröffentlichte er auch 2018 den Band „Deutsche Kunst des Expressiven Realismus“ (München: scaneg), der zum einen ein leidenschaftliches Plädoyer für diese Kunst darstellt und zum anderen anhand von 81 Werken auch einen Einblick in die durchaus umfangreiche und zweifelsohne erlesene Sammlung des Verfassers gibt.

4) von 3) eingeliefert bei, 05.12.2018, Karl & Faber, München, Auktion, Los 797 [Hierzu verso auf Passepartout oben rechts kleiner Aufkleber des Auktionshauses.]

 

 

1928 kam Alfred Wais das erste Mal nach Kärnten. Sein damaliger Lehrer, Alfred Kolig (1886 Neutitschen, Mähren – 1950 Nötsch, Kärnten), hatte dort einen Sommersitz und lud ausgewählte Studenten ein, ihn in den Sommermonaten zu begleiten. Während eines solchen Aufenthaltes lernte Wais die aus Innsbruck stammende Marie Melchior kennen, die er dann im Herbst 1933 heiratete.

Für Wais folgten nun, wie für viele andere Künstler auch, eine Phase der Ungewissheit und eine angespannte kulturpolitische Situation, schließlich noch seine Kriegsteilnahme und Gefangenschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg engagierte sich der Künstler sehr im kulturpolitischen Bereich, so war er u.a. Initiator der „Freien Gruppe schwäbischer Maler und Bildhauer“. Doch war dieses ehrenamtliche Engagement in Gruppen auch zermürbend für Wais und nahm zweifelsohne auch seine kostbare Zeit. Anfang der 1960er Jahre legte er alle Ämter nieder und trat sogar unter Protest aus dem „Württembergischen Kunstverein“ aus, da er dessen Ausrichtung, die er als „Nonsens-Veranstaltungen mit sogenannter Antikunst“ bezeichnete [Zitiert nach Zimmermann 1980: 91], nicht mittragen wollte.

Ende der 1950er nun kam er erneut nach Kärnten und kehrte in der Folge immer wieder dorthin zurück.
„Zu einer zweiten Heimat – und einer Quelle wiederkehrender Motive – wird Kärnten. Die beiden ersten Besuche mit Koligs Malklasse in Nötsch lagen fast dreißig Jahre zurück, als Wais mit seiner Familie 1957 zum ersten Male wieder ins Gailtal fährt und im Haus der Großeltern seiner Frau sein ‚Sommeratelier‘ einrichtet. Seitdem hält sich Wais jährlich mehrere Wochen in Göriach auf […].
Die Hin- und Rückfahrt von Kärnten wird regelmäßig über Innsbruck genommen, wo die Eltern seiner Frau leben.“ [Zimmermann 1980: 100]

Das vorliegende Aquarell entstand während einer solchen Sommerreise. Es datiert exakt auf den 31. Juli 1961 und zeigt eine Ansicht auf die Gedenkstätte Tummelpatz bei Schloss Ambras über Innsbruck. Nicht ganz klar ist, ob Wais zu dieser Zeit seinen Aufenthalt in Kärnten bereits hinter sich hatte, sich demnach nun auf der Rückfahrt nach Stuttgart befand, oder ob die Wochen in Göriach noch bevorstanden.

Der sogenannte Tummelplatz ist eine knapp 6.000 qm große Waldlichtung oberhalb von Innsbruck und war angedacht als Reitplatz. Da das Schloss bereits Ende des 18. Jahrhunderts, sowie auch im 19. Jahrhundert als Militärlazarett verwendet wurde, erfolgte eine Umgestaltung des Tummelplatzes zum Friedhof für die dort verstorbenen Soldaten. In der Folge entstanden mehrere Kapellen und Bildstöcke. Im Ersten und Zweiten Weltkrieg kam zudem die Tradition auf, auch für die fern der Heimat Gefallenen Gedenkkreuze zu errichten. Auch heute noch wird der Tummelplatz als Gedenkstätte gepflegt und als Ort der Ruhe und Kontemplation geschätzt. Typisch für die dortige Sepulkralkultur sind u.a. die schmiedeeisernen Kreuze, wie auch die überdachten Kreuze.

Ganz maßgeblich bei dem vorliegenden Aquarell ist die Farbgebung und die Farbwirkung. Man benötigt etwas Zeit um die Örtlichkeit feststellen zu können. – Im vorderen Bereich das schmiedeeiserne Kreuz, etwas dahinter nochmals Kreuze, sowie auch Andeutungen einer kleinen Kapelle. Man kann auch einen Ausschnitt des Kapelleninneren erhaschen und es dürfte sich dabei wohl um eine (plastische?) Darstellung der Kreuzigung handeln. Unter dem rechten Kreuzbalken kniet eine Person, bei der es sich um Johannes oder Maria handeln dürfte. Alles Weitere – der Weg, die Umgebung, der Hintergrund, gar der Himmel – sind durchflimmert von einem prächtigen Kolorit aus zerfließenden Rot-, Grün, Blau- und Gelbtönen.

Und in überaus trefflichen und wunderbaren Formulierungen schreibt Christian Hornig, in dessen Sammlung das Aquarell vormals war, zu dieser Ansicht:
„Vom Gegenständlichen her also eine verrätselte Szene, der etwas Geheimnisvolles, Verwunschenes innewohnt, entsprechend der […] Vorstellung des Künstlers, ein Kunstwerk müsse ‚eine Welt in sich … sein mit völliger Harmonie der Einzelteile‘. Das wird hier künstlerisch überzeugend erreicht, da es sich in der Tat um eine ‚Harmonie der Einzelteile‘ handelt mit einer üppig ausgestalteten Farbmodulation, die eine Welt in sich darstellt und die Gegenständlichkeit bewußt verschleiert und aufhebt zugunsten einer höheren Stimmigkeit des harmonischen Bildgefüges, das als künstlerische Ganzheit erfahrbar wird und die an sich traurige Örtlichkeit verwandelt und auf die zeitlose Ebene einer höheren Wirklichkeit, der der Kunst, emporhebt.“ [Hornig 2018: 48]

 

 

Zu Alfred Wais (02.08.1905 Birkbach bei Stuttgart – 29.02.1988 Stuttgart):
Maler, Zeichner, Grafiker, Kunsterzieher; Sohn des Bauern Hermann Wais (1863-1932) und dessen Ehefrau Luise Koch (1862-1936); er hat noch vier Geschwister, doch wächst er quasi als Einzelkind auf, da die übrigen Kinder deutlich älter sind (Jahrgänge 1894-1899), zudem sterben die beiden Schwestern Emma und Pauline in jungen Jahren; 1926 Abschluss der Lehrerausbildung an den Seminaren in Kirchheim und Backnang; in seiner Freizeit ist er bereits künstlerisch tätig, zeichnet und malt; 1926-27 Studium der Bildhauerei an der TH Stuttgart (bei Ulfert Janssen); 1927-30 Studium an der Stuttgarter Kunstakademie (bei Alexander Eckener, Anton Kolig, Gottfried Graf, Hans Spiegel); 1928 Alfred Kolig nimmt insgesamt acht seiner Schüler zu einer Studienreise nach Kärnten mit, dort hat er einen Sommersitz und malt dort in den Sommermonaten mit Franz Wiegele; für Wais wird die Malerei wichtiger als die anfangs präferierte Bildhauerei; 1929 erneute Studienreise mit Kolig nach Kärnten; 1930-39 Schuldienst als Zeichenlehrer an Gymnasien in Stuttgart, Esslingen und Nürtingen; 1933 Heirat in Innsbruck mit Marie Melchior, die er während eines Kärnten-Aufenthaltes kennenlernte; das Paar lässt sich in Stuttgart-Bad Cannstatt nieder; aus der Ehe gehen vier Kinder hervor; 1940-45 als Soldat an der Ostfront in Polen und der Ukraine; zeitweise in Dänemark; 1944 Ausbombung der Wohnung in Stuttgart-Bad Canstatt, fast völlige Vernichtung des umfangreichen Vorkriegswerks; Umsiedlung der Familie nach Blaubeuren zum Bruder Christian; 1946 Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft; Entschluss zum freischaffenden Maler; ab 1949 entdeckt er die Farblithographie für sich, schafft sich eine eigene Druckerpresse an und widmet sich in der Folge auch dem Holzschnitt und der Radierung; 1952 Initiator der „Freien Gruppe schwäbischer Maler und Bildhauer“ als Nachfolgeorganisation der „Neuen Sezession“ und Organisator der ersten Ausstellung in der Stuttgarter Staatsgalerie; von 1957 an fast jährlich Sommeraufenthalte in Kärnten (Gailtal); 1959 Bezug eines eigenen Hauses mit Atelier und Druckwerkstatt in Stuttgart-Büsnau; 1963 zweite Ausstellung der „Freien Gruppe“; 1964-72 Mitglied des Verwaltungsrates des Württembergischen Kunstvereins in Stuttgart; zahlreiche Studienfahrten nach Belgien, Frankreich und Spanien, zum Teil mit seinem Förderer und Freund Ernst Rihs; 1974 Aufenthalt in Ekely bei Oslo auf dem ehemaligen Landgut Edvard Munchs als Stipendiat des Landes Baden-Württemberg und der Bundesrepublik Deutschland; 1979 Ehrengast der Villa Massimo (Rom); 1981 Verleihung des Professorentitels; 1985 Ausstellung in der Galerie der Stadt Stuttgart zum 80. Geburtstag

Ausstellungen (Auswahl)
1929 Beteiligung an der ersten Ausstellung der Stuttgarter „Neuen Sezession“; 1931 erneute Beteiligung an einer Ausstellung der „Neuen Sezession“; 1936-37, 1939, 1951, 1961, 1973, 1975 Einzel-, bzw. Kollektivausstellungen im „Kunsthaus Fischinger“, Stuttgart; 1948 Kollektivausstellung im Foyer der städtischen Bühne, Ulm; 1948, 1955 Kollektivausstellung beim Württembergischen Kunstverein, Stuttgart; 1954 Beteiligung an der Biennale für farbige Graphik, Cincinnati (USA); 1958 Aquarellausstellung in der Bibliothek des Klosters Ochsenhausen; 1961 Ausstellung mit Manfred Henninger im Spendhaus Reutlingen; 1979 Württembergischer Kunstverein, Stuttgart; 1980 „Alfred Wais. Malerei und Graphik“, Spendhaus Reutlingen; 1985 „Ausstellung zum 80. Geburtstag“, Galerie Schlichtenmaier, Grafenau; 2010 vertreten bei der Ausstellung „Künstlerreisen“, Städtische Galerie Böblingen; 2015 Ausstellung „Alfred Wais. Magie der Dinge“, Kunstmuseum Hohenkarpfen, Hausen ob Verena; 2019 vertreten bei der Ausstellung „Verfemt und vergessen – Maler des Expressiven Realismus“ im Schlösschen im Hofgarten, Wertheim
Werke von Alfred Wais befinden sich u.a. im Besitz der Staatsgalerie Stuttgart, des Kunstmuseums Stuttgart, der Städtischen Galerie Böblingen, Städtische Galerie Albstadt, Städtische Galerie Sindelfingen, der Sammlung Joseph Hierling (Tutzing), der Sammlung Dr. Gerhard Schneider (Oelpe).

Literatur (Auswahl)
Hornig, Christian (2018): Deutsche Kunst des Expressiven Realismus; München: Scaneg; S. 47
Schneider, Erich (Hrsg.) (2009): Expressiver Realismus. Die Sammlung Joseph Hierling [Schweinfurter Museumsschriften 166/2009]; Schweinfurt; S. 337
Zimmermann, Rainer (1994): Expressiver Realismus. Malerei der verschollenen Generation; München: Hirmer; S. 457-458
Zimmermann, Rainer / Küster, Bernd (Text) (1993): Expressiver Realismus. Maler der Verschollenen Generation; Worpsweder Verlag: S. 70
Zimmermann, Rainer (1980): Alfred Wais – Malerei und Graphik; Stuttgart: Theiss
„Allgemeines Künstlerlexikon“ (AKL), Onlineversion, Künstler-ID: 00014746

 

 



Aus: Christian Hornig (2018): Deutsche Kunst des Expressiven
Realismus; München: Scaneg; Kat.Nr. 74