T H E O D O R    Z E L L E R

 

Weitere Werke von Theodor Zeller
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„Ipse“ (1976)

Tempera auf fester Pressspanplatte, grüne (Original-)Holzleiste (verso auf Etikett vom Künstler genauer bezeichnet „gemalt in Herbanol-tempera in reinem Bienenwachs überzogen. Nicht firnissen! Nur bürsten!“)

o.r. in Schwarz datiert „1976“, sowie am rechten Rand oben in Blei mit dem Tag versehen „24. Oktober“, sowie verso auf Etikett nochmals voll datiert und lokalisiert (Denzlingen)

o.r. in Schwarz, sowie ebenso verso auf Etikett betitelt „Ipse“
o.r. in Schwarz monogrammiert, sowie verso auf Etikett nochmals monogrammiert und voll signiert

Größe: 113 x 86cm (ohne Leiste) bzw. 117 x 90cm (mit Leiste)

€ 2.600,-

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Zustand
Plattenränder etwas berieben und bestoßen; am oberen Rand rechts kleine Druckstelle, die wohl aber bereits bestand, da die Farbe keine Unregelmäßigkeiten aufweist; Platte verso leicht fleckig

Provenienz
Auf einem s/w-Foto aus dem Jahr 1982 ist Theodor Zeller vor dem vorliegenden Gemälde zu sehen. Eine Abbildung dieses Fotos findet sich in: Manfred Schill (2000): Theodor Zeller. 1900-1986 Maler und Visionär; Denzlingen; S. 46

 

 

„Er [d.h. Theodor Zeller] sah seine Aufgabe als Künstler darin, den Einbruch des Göttlichen in die Welt sichtbar zu machen. ‚Alle Dinge in der Welt haben etwas mit Gott zu tun!‘ Die Haupttriebfeder dazu war sein stark hervortretendes Interesse am Menschen. […] So nimmt das Selbstbildnis im Werk Theodor Zellers einen breiten Raum ein. Es verging kein Jahr ohne gemalte oder radierte Selbstdarstellungen. Anfänglich als Studienobjekt in Ermangelung eines geeigneten Modells, dann aber immer mehr als Gegenstand der Selbstforschung. Zeller suchte beständig nach der Antwort auf die Frage: Wer bin ich? Was ist der Mensch? Diesen Fragen mußte sich Zeller nach der familiären und beruflichen Katastrophe immer wieder neu stellen. Selbstbildnisse sind immer autobiographische Selbstzeugnisse, sind Beichte und Gericht. Warum stellen sich Künstler selbst dar? Sicher spielt die Eitelkeit als Triebfeder eine gewisse Rolle. Doch bei Zeller sind die ‚Ipses‘ oft von einer solchen Erbarmungslosigkeit und gnadenlosen Enthüllung, daß bei ihm gewiß nicht von Eitelkeit gesprochen werden kann. Er schuf von sich ‚gemalte Steckbriefe‘, die oft den Charakter eines Selbstbekenntnisses hatten“ (Manfred Schill (2000): Theodor Zeller. 1900-1986 Maler und Visionär; Denzlingen; S. 34).

Das vorliegende Werk zeigt ein solches ‚Ipse‘ aus dem späteren Schaffen Zellers. Es blickt uns hier der 76jährige Künstler an. Deutlich zeigen sich die oben angesprochene ‚Ungeschöntheit‘, die bedingungslose Selbstkritik und die Selbstbetrachtung.

Die Halbfigur zeigt sich dem Betrachter im Profil nach links, während sich der Kopf zu uns wendet. In den Händen hält Zeller Malutensilien und es scheint gar so, als ist er gerade mitten im Malprozess, ja, als wird er gerade im Malprozess gestört. Die etwas zugekniffenen Augen wirken angestrengt, vielleicht sogar wütend und aus dem Mund mag wohl gerade ein nicht allzu höflicher Ruf kommen. Die Wangen sind gerötet und die Haare fallen etwas wirr herunter.
Wurde er aus seiner für ihn nötigen Kontemplation gerissen? Oder möchte Zeller hier vielmehr sein sicherlich unbequemes, kantiges Wesen zeigen, welches wiederum nötig war um seine faszinierende Kunst entstehen zu lassen. – Eine unauflösbare Ambivalenz, der sich der Künstler sicherlich bewusst war.

Es ist die große, allzu menschliche Aufforderung des ‚Erkenne dich selbst‘, die aus dem vorliegenden Werk spricht. Zeitlebens hat Zeller, wie auch andere Künstler, diese Selbsterforschung betrieben und hielt sich in Gemälde, Zeichnungen und Grafiken fest. Mitunter fügte er seine Person auch in religiöse Darstellungen ein, was der Interpretation nochmals einen breiteren und tieferen Kontext erlaubt.

Der Kunsthistoriker Rainer Zimmermann (1920-2009) fasst Wirkung und Bedeutung von Selbstbildnissen folgendermaßen zusammen:

„Das Selbstbildnis, jene Sonderform der Porträtkunst, bei der Bildschöpfer und Bildinhalt identisch sind, spielt für die nachexpressionistische Generation eine besondere Rolle: In ihm blickt sich die Realität sozusagen selbst ins Auge“ (Rainer Zimmermann (1994): Expressiver Realismus. Malerei der verschollenen Generation; München: Hirmer; S. 115 – kursiv im Original).

Und auch hier bei Theodor Zeller ist es so, dass der Betrachter vom Künstler förmlich genötigt wird, der Realität schonungslos ins Auge zu blicken. Die Selbsterforschung des Künstlers überträgt sich in all ihren Konsequenzen auf den Betrachter und zwingt ihm die Frage nach sich selbst auf. Rein „dekorativ“ ist dies keinesfalls – vielmehr anstrengend, unangenehm, doch zugleich auch ungemein bereichernd und authentisch, wenn man sich darauf einlässt. Vor diesem „Ipse“ muss keine Rolle eingenommen werden, da auch Zeller sich dem ganz verweigert. Und nur auf diese Weise können wir vielleicht, „das Leben spielen, nicht an Beifall denkend“ (Rilke).

 

 

Theodor Zeller (9.5.1900 Donzdorf – 3.12.1986 Freiburg i.B.):
Maler, Zeichner und Graphiker; geboren in Donzdorf (Kreis Göppingen) als das jüngste von sechs Kindern von Karl Zeller (1852 Wissgoldingen – 1913 Donzdorf, Kammerdiener des Grafen von Rechberg, Donzdorf) und dessen Frau Magdalena, geb. Vonier (1862 Krauchenwies – 1923 Sigmaringen); 1916 Besuch des königl.-württemberg. Gymnasiums in Ehingen; dem Wunsch der Mutter folgend soll er Priester werden; 1918 melden er und Schulkameraden sich ein halbes Jahr vor dem Abitur als Kriegsfreiwillige (Vereidigung am 28. Juli 1918); 1920-21 Nachholung des Abiturs und erneut ansässig im Konvikt in Ehingen; aufkommende Zweifel an geplanter Priesterlaufbahn; dennoch beginnt er 1922 mit dem Studium der Theologie, Philosophie und Geschichte in Tübingen; 1923 Wechsel an die Universität Freiburg (hört dort u.a. Vorlesungen von Heidegger und Husserl); durch ein Stipendium kann er zwei Semester in München Theologie studieren; über Freunde bekommt er Kontakt in Schwabinger Künstlerkreise und will sich in die Kunstakademie München einschreiben lassen, jedoch wird die vorgelegte Bildmappe abgelehnt; darauf stellt er einen Aufnahmeantrag an der Badischen Landeskunstschule Karlsruhe, der angenommen wird, den Zeller aber wiederum nicht antritt; erneut ansässig in Freiburg (bei Witwe Pfaff in der Scheffelstraße), Abbruch des Theologiestudiums und endgültige Zuwendung zur Malerei; erste künstlerische Unterweisung bei Hans Lemke; durch Zufall sieht der Direktor der Dresdner Bank in Freiburg Keller ein Stillleben Zellers, das er sofort kauft; 1927 Keller finanziert im Folgenden den einjährigen Studienaufenthalt Zellers in Florenz; in Florenz Bekanntschaft mit dem Verleger Dr. Theophil Herder-Dorneich aus Freiburg, sowie mit seiner späteren Frau, der jüdisch stämmigen Eva-Martina Gurschner aus Wien; 1928 Illustrationsaufträge von Verleger Herder-Dorneich für ein Meßbuch und Dantes Göttliche Komödie; 28.09.1928 Heirat; am Südsporn des Mauracher Berges in Denzlingen baut sich Zeller ein kleines Haus mit Atelier; fortan freischaffend tätig; 18.8.1929 Geburt des Sohnes Ambrosius-Johannes; 23.12.1931 Geburt der Tochter Veronika; immer wieder Spannungen zwischen dem Ehepaar (insbesondere aufgrund der wirtschaftlichen Notlage); 1933 finanziert Verleger Herder-Dorneich Zeller einen halbjährigen Italienaufenthalt; 1935 nach der postalisch zugestellten Aufforderung zur Zwangssterilisation verlässt Eva Zeller Denzlingen und reist über Paris, Marseille und Genua nach Rom; in Rom zunächst als Wirtschafterin an der Villa Massimo tätig; 1936 als sie jedoch per Unterschrift ihre arische Abstammung bestätigen soll, verweigert sie dies und kehrt nach Deutschland zurück, um ihre Kinder zu holen und erneut nach Rom zu reisen; 1937 wird Theodor Zeller aufgefordert der Reichskulturkammer beizutreten, was er verweigert; 1937 werden im Rahmen der Entartete-Kunst-Aktion zwei Werke Zellers beschlagnahmt; 1938 verkauft Zeller sein Haus an die Gemeinde Denzlingen und reist nach Rom zu Frau und Kindern; bis 1941 wohnhaft in einem Kloster der Kapuziner; 1941 müssen die Zellers die Klosterwohnung für einen italienischen Offizier räumen und ziehen um nach Gallicano nel´Lazio di Roma; 1941 meldet sich Zeller freiwillig zum Kriegsdienst; Zeller wird nach Berlin befehligt und soll in den Dienst der Reichskulturkammer treten; Zeller lehnt ab,wird aus der Wehrmacht ausgeschlossen und kehrt zur Familie zurück; erneuter Umzug nach Rom; dort Überwachung, mehrmalige Verhaftungen und Verhöre durch deutsche Agenten; die Lebensverhältnisse der Zellers verschlechtern sich zunehmend; die Bombenangriffe auf Rom zwingen die Familie zum Umzug nach Gallicano; es folgend dramatische Fluchtepisoden nach De l´Aquila am Gran Sasso, Perugia, Florenz; die Familie wird getrennt, Eva Zeller kommt mit beiden Kindern nach Oberbayern (Obereichhofen), während Theodor Zeller in Florenz als Dolmetscher und Angestellter bei einem deutschen Sanitätspark arbeitet; er gelangt in amerikanische Kriegsgefangenschaft aus der er 1946 in Bad Aibling entlassen wird; 1947 Umzug über u.a. Lorenzberg mehrere Stationen in ein zerstörtes Haus in München; 1950 kehrt Zeller allein nach Denzlingen zurück, da sich die Familie weigert mit zu gehen; in Denzlingen neues Aufleben des Kontakts zu Verleger Herder-Dorneich; ab 1967 bildet sich ein Malkreis um Zeller; es folgen erste Ausstellungen in FReiburg und Denzlingen; 1973 wählt die „Union bildender Künstler Baden e.V.“ Zeller zu ihrem Präsidenten (bleibt dies jedoch aufgrund von Zerwürfnissen nicht lange); 1975 erster öffentlicher Auftrag den Chorraum der St.-Jakobus-Kirche auszumalen; 1979 Ausmalung der St.-Michaelis-Kirche; am 09. Mai 2000 wurde zum 100. Geburtstag eine Gedenktafel an Theodor Zellers Haus angebracht
Werke Theodor Zellers befinden sich u.a. im Besitz der Gemeinde Denzlingen, der Stadt Donzdorf, im Museum – Kunst der verlorenen Generation (Salzburg).

Literatur
SCHILL, Manfred (2000): Theodor Zeller. 1900-1986 Maler und Visionär; Denzlingen
MÜLFARTH, Leo (1987): Kleines Lexikon Karlsruher Maler; Badenia-Verlag; Karlsruhe; S. 271
WIRTH, Günther (1987): Verbotene Kunst 1933-1945. Verfolgte Künstler im deutschen Südwesten; Stuttgart: Hatje; S. 336
„Allgemeines Künstlerlexikon“ (AKL), Onlineversion, Künstler-ID: 00639217

 

 

Theodor Zeller im Jahr 1982 vor dem vorliegenden „Ipse“ (1976).  (Abb. in: Manfred Schill (2000): Theodor Zeller. 1900-1986 Maler und Visionär; Denzlingen; S. 46.)