O S C A R    Z Ü G E L    (18.10.1892 Murrhardt – 05.03.1968 Tossa de Mar, Spanien)

 

Weitere schwäbische Künstler

 

 

Don Quijote mit Lanze auf seinem Rosinante;
unter Umständen gemalt über einem früheren, verworfenen Werk (1960)

Öl auf Hartfaserplatte, gerahmt
unten rechts datiert „[19]60“, sowie verso lokalisiert und datiert „Tossa 1960“
unten rechts monogrammiert „Zü.“, sowie verso signiert „O. Zügel“

Größe: 59 x 46 cm (mit Rahmen) bzw. 46 x 33 cm (ohne Rahmen)
nicht betitelt; Don Quijote mit Lanze auf seinem Rosinante; unter Umständen gemalt über einem früheren, verworfenen Werk

€ 1.600,-

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Zustand
partiell leicht fleckig; an wenigen Stellen kleine, dezente Retuschen; sehr leichte Craquelé-Bildung an etwas pastoseren Farbstellen; an wenigen Stellen minimale Verluste der Farbschicht; im Bild mehrere horizontal verlaufende, teils minimal erhabene, Strukturlinien
verso Platte etwas fleckig, sowie an den Rändern Reste früherer Befestigung (braunes Klebeband)

 

 

“Oskar Zügel sah sich wegen der ästhetischen Vorstellungen des Führers genötigt sein Land zu verlassen. Dieser deutsche Künstler pflegte die abstrakte Malerei. Zügel verließ Deutschland allein schon wegen der Kunst, die er vertrat und die vom Staat verfolgt wurde.” [1]

So die Worte von Rafael Benet im Jahr 1934. Oscar Zügel, der Absolvent der Stuttgarter Akademie (1919-22), sah sich ab 1933 argen Widerständen und Repressionen ausgesetzt. Er galt zu dieser Zeit als wichtiger Vertreter der Moderne und ist mit seinen frühen Abstraktionen in Verbindungen zu setzen mit u.a. Willi Baumeister, Paul Klee und Oskar Schlemmer, zu denen er auch Kontakte pflegte. Beispielhaft dafür ist seine Teilnahme an der Ausstellung “Zeichen und Bilder” im Essener Folkwang-Museum, welche dann jedoch auf politischen Druck hin vorzeitig am 5. März 1933 geschlossen wurde [2]. Als Folge dieser Schließung kam es bei Zügel zu einer Durchsuchung seiner Atelierräume wie auch zu Beschlagnahmungen von Werken.

Vor diesem Hintergrund verkauften Oscar und Margarita Zügel im April 1934 ihr Stuttgarter Haus in der Hasenbergsteige 83 und das Paar emigrierte schließlich am 25. Juli 1934 ins spanische Tossa de Mar. Als sich dort wenig später aufgrund der Allianz zwischen Hitler und Franco erneut Probleme für den Künstler einstellten, floh er im Sommer 1937 weiter nach Argentinien. Die Sehnsucht nach Tossa de Mar ließ ihn jedoch nicht los und er kehrte ohne seine Familie 1950 dorthin zurück. In den folgenden Jahren reiste er auch immer mal wieder nach Deutschland, wurde dort aber nicht mehr ansässig [3]. Womöglich ist dies auch ein Grund dafür, dass zu seinen Lebzeiten Oscar Zügel viel stärker in Spanien als in Deutschland Beachtung fand. In Deutschland wurden ihm – bedauerlicherweise – er posthum größere Einzelausstellungen gewidmet, die auf sein Leben und sein eigenwilliges wie auch eigenständiges Werk aufmerksam machten [4].

In dieser späten Schaffensphase fand Zügel zurück zur gegenständlichen Malerei, behielt aber einen hohen Grad an Abstraktion. Zudem ist bezeichnend, dass er sich mehr und mehr in sein Atelier zurückzog und für sich selbst arbeitete, was mitunter auch „eigenbrötlerische Züge“ [5] gehabt haben dürfte.

Das vorliegende Gemälde datiert auf 1960 und ist damit in dieses späte Schaffen einzuordnen.
Das Hochformat zeigt einen Reiter samt Lanze auf seinem Pferd. Sicherlich wird Oscar Zügel bei dieser Darstellung an die Figur des Don Quijote gedacht haben. Dieser sitzt hier auf seinem wackeren, aber abgemagerten Ross, dem Rosinante, hält die Lanze in der Hand und auf dem Kopf trägt er wohl den – wie er meint – sagenumwobenen Helm des Mambrin, der in realiter aber nichts anderes als eine Barbierschüssel ist. Die langgezogene, hagere Ausführung von Pferd und Reiter verleihen dem Ganzen etwas surreal Komisches und erinnern zugleich an Pferde-Darstellungen von Marino Marini, die Zügel damals sicherlich vertraut waren. Weiterhin lässt sich als ganz konkreter Bezug an die Don Quijote-Zeichnung aus dem Jahr 1955 von Picasso denken [6]. Freilich wendet sich Picassos Don Qujote nach links, während er bei Zügel nach rechts blickt, doch weist die übrige Darstellung von Pferd (notabene: dessen Beinstellung) und Reiter deutliche Gemeinsamkeiten auf, so dass es als sehr plausibel angesehen werden darf, dass Oscar Zügel diese Picasso-Zeichnung vertraut war.

Das Themengebiet um Don Quijote hatte Oscar Zügel bereits in den 1930er Jahren aufgegriffen [7] und aufgrund seiner Liebe zu Spanien ist eine solche Bezugnahme auch überaus plausibel. Drei Jahrzehnte später greift Zügel gerade diese Werke nochmals auf und überführt diese in eine nochmals neue Ausdrucksweise [8].
Interessant ist dabei zu bemerken, dass Zügel sich mit dieser Romanfigur wohl auch selbst identifizierte, so dass in diesem Sinne hier ein verfremdetes Selbstporträt – ein Alter Ego – vorliegt. So heißt es in diesem Zusammenhang bei Ulrich Weitz:

„Im Ritter von der traurigen Gestalt sieht Oskar Zügel 1937 die Figur, die sein Schicksal widerspiegelt. Auch Heinrich Heine und Honore Daumier hatten in der Literatur bzw. in der Malerei die Hauptfigur aus dem Roman von Cervates genutzt, um ihr eigenes Anrennen gegen die ‚undankbare Tollheit der Welt‘ (Heinrich Heine) auszudrücken.“ [9]

Vor diesem Hintergrund kommt diesem erneuten, späten Aufgreifen Don Quijotes durch Oscar Zügel neben der rein künstlerischen Bedeutung auch eine biografische Signifikanz zu.

Außer der überzeugenden Formgebung ist es vor allem die Farbwahl, welche den Betrachter überzeugt. Ausgeführt wurde das Werk im Grunde in erdigen, kühlen Tönen aus Braun, Grün und Grau. Dazwischen setzt Zügel aber immer wieder farbliche Leuchtsignale wie Rot, Gelb und insbesondere das wunderbare Hellblau. Gerade in diesem Kolorit ist die in seinem ganzen früheren Schaffen meisterhaft ausgebildete Fähigkeit zur Abstraktion und das Wissen um Farbzusammenhänge zu erkennen.

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[1] Rafael Benet in der katalanischen Kunstzeitschrift „Art“, Barcelona, 1934, S. 23. Zitiert nach Susanne Jakob (1992): Wege der Abstraktion, in: Stadt Balingen: Oscar Zügel 1892-1968. Retrospektive; Balingen: Hermann Daniel; S. 6-17 [hier: 11].
[2] Vgl. hierzu Ulrich Weitz (1992): Don Quijote und die Bilderstürmer. Oskar Zügels Auseinandersetzung mit dem Faschismus, in: Stadt Balingen: Oscar Zügel 1892-1968. Retrospektive; Balingen: Hermann Daniel; S. 18-21 [hier: 20].
[3] Zügel „wurde aus Deutschland nach 1945 nur Desinteresse an seinem künstlerischen Schaffen signalisiert, was ihn veranlasste ‚von Deutschland abgewandte Wege zu suchen‘. Von gelegentlichen Besuchen abgesehen, kehrte Zügel nicht mehr in die alte Heimat zurück […]“ (Jakob 1992: 17).
[4] Zu verweisen ist hier v.a. auf die Einzelschau 1980/81, welche sowohl in der Städtischen Galerie Stuttgart, wie auch in der Kunstsammlung Murrhardt stattfand. Daneben ist auch die umfangreiche Retrospektive zum 100. Geburtstag in Balingen zu nennen, zu der auch ein Katalog erschien.
[5] Jakob 1992: 16.
[6] Diese wurde zuerst als Abbildung publiziert in der französischen Wochenzeitung “Les Lettres Françaises” (18.-24.08.1955). Die damalige Ausgabe erschien zur 350-Jahrfeier des ersten Bandes von Miguel de Cervantes’ Roman, welcher 1605 erschienen ist.
[7] „Don Quijote / ‚El Idealista‘“, 1934/36, Öl/Lw., 130 x 96,5 cm. Kat.Nr. 16, in: Stadt Balingen (1992).
[8] Vgl. Jakob 1992: 15-16.
[9] Weitz 1992: 21.

 

 

Zu Oscar Zügel (18.10.1892 Murrhardt – 05.03.1968 Tossa de Mar, Spanien):
Maler, Zeichner; Sohn des Schultheißen Heinrich Zügel; gegen den Widerstand der Eltern beginnt er mit Unterstützung seines Großonkels, des Malers Heinrich von Zügel, zu zeichnen und zu malen; bis 1914 Schreinerlehre und Mittlere Reife in Stuttgart, sowie Besuch der Kunstgewerbeschule Stuttgart (bei Bernhard Pankok); 1914-18 Kriegsteilnahme; 1919-22 Studium an der Kunstakademie Stuttgart (bei Christian Landenberger, Heinrich Altherr, Adolf Hölzel); 1923-25 freischaffender Künstler in Stuttgart; Heirat mit Margarita, das Paar lebt im eigenen Haus in der Hasenbergsteige 83; 1924 Geburt des Sohnes Gotthard und 1925 Geburt der Tochter Brigitte; ab 1923 Beteiligung an Ausstellungen in Stuttgart; 1925 Venedig-Reise, 1925-28 Aufenthalte auf Hiddensee; 1926 Reise nach Berlin zu Josef Albers; 1926 Paris-Aufenthalt; 1929 Reise nach Jugoslawien; Umbau des Hauses und Einrichtung einer eigenen Dunkelkammer; Freundschaften mit Anni und Josef Albers, Paul und Felix Klee, Oskar Schlemmer, Willi Baumeister; bis 1934 regelmäßige Teilnahme am samstäglichen gesprächskreis im Stadtgarten Stuttgart; 1930 Reise nach Montigny (zusammen mit u.a. W. Baumeister); März 1931 Paris-Reise und Besuch von Fernand Léger, sowie Kontakte zu Braque, Gris, Picasso; 1933 nach der vorzeitig geschlossenen Ausstellung in Essen erfolgt bei Zügel eine Durchsuchung des Ateliers samt Beschlagnahmung von Werken; Mitte April 1934 Verkauf des Stuttgarter Hauses; 25.07.1934 Emigration nach Tossa de Mar, Spanien; in der dortigen Künstlerkolonie freundet er sich an mit u.a. André Masson, Marc Chagall; im Frühjahr 1935 nimmt Zügel den jüdischen Rechtsanwalt Fred Uhlmann, der 1933 Stuttgart verlassen hatte, bei sich im Haus auf; am 10.10.1936 verlässt Zügel wegen der Franco-Hitler-Allianz Tossa de Mar und kehrt mit falschem Pass kurzzeitig nach Deutschland zurück, um dort seine Emigration nach Argentinien vorzubereiten; seine deutschen Konten wurden in der Zwischenzeit beschlagnahmt; Ende Oktober 1936 ist er in Basel; 07.07.1937 Einschiffung nach Argentinien und dort Aufbau einer neuen Existenz als Farmer; es werden die beiden Töchter Katia und Rose geboren; 1947 Tod der Tochter Brigitte; Schikanen seitens der Peronisten; 1950 kehrt Zügel zunächst ohne seine Familie nach Tossa de Mar zurück; in seinem Haus in Tossa gab es Plünderungen, doch fand er auch noch einige seiner Gemälde; 1951 kurze Stuttgart-Reise; in der Stuttgarter Staatsgalerie wurden drei Kisten mit vormals beschlagnahmten Werken Zügels gefunden; Reise nach Koblenz; 1956-60 zusammen mit seiner zweiten Frau Kläre baut er ein kleines Hotel in Tossa de Mar auf; Zügel kann sich ganz der Kunst widmen, während seine Frau den Lebensunterhalt sichert

Ausstellungen (Auswahl)
1923, 1924, 1926, 1929 Stuttgarter Sezession; 1928 Kunsthaus Schaller, Stuttgart [zusammen mit Albert Müller, Paula Wimmer]; März 1933 „Zeichen und Bilder“, Folkwang-Museum, Essen [Ausstellung wird vorzeitig am 5. März 1933 geschlossen]; 1951 „Pittorie Europei in Colezioni Fiorentine“, Palazzo Strozzi, Florenz; 1953 Galerie Buchholz, Madrid; 1977 Gedächtnisausstellung, Tossa de Mar; 1980/81 Städtische Galerie Stuttgart & Murrhardt; 1984 Geno-Haus, Stuttgar; 1987 „Stuttgarter Sezession 1923-32, 1947“, Städtische Galerie Böblingen / Galerie Schlichtenmaier, Grafenau; 1988 „El pintor Oscar Zügel: Fotograf“, Tossa de Mar; 1992 umfangreiche Retrospektive zum 100. Geburtstag, Balingen; 2014 Retrospektive – „Ihre Bilder werden verbrannt!“, Kunstmuseum Solingen; 2018 Ausstellung zum 50. Todestag, Kunstsammlung Murrhardt

Werke Oscar Zügels befinden sich u.a. im Besitz folgender Einrichtungen: Städtische Kunstsammlung Murrhardt; Städtische Galerie Böblingen; Kunstmuseum Stuttgart; Staatsgalerie Stuttgart; Zentrum für verfolgte Künste, Solingen [wichtige Teile des „Oscar-Zügel-Archivs“]

Literatur
Stadt Balingen (1992): Oscar Zügel 1892-1968. Retrospektive; Balingen: Hermann Daniel
Jessewitsch, Rolf / Schneider, Gerhard (Hrsg.) (2008): Entdeckte Moderne; Kettler; Bönen; S. 527
Nagel, Gert K. (1986): Schwäbisches Künstlerlexikon; Kunst & Antiquitäten; S. 132
Wirth, Günther (1987): Verbotene Kunst 1933-1945. Verfolgte Künstler im deutschen Südwesten; Stuttgart: Hatje; S. 337
“Allgemeines Künstlerlexikon” (AKL), Onlineversion