K A R L   O T T O   H Y

 

Weitere Werke von Karl Otto Hy

 

 

Abendlicher Blick auf den Nassauer Hof in Wiesbaden (1937)

Öl, Tempera, Bleistift auf festem Karton, vom Künstler befestigt auf Karton (selbst erstelltes Passepartout) und umrahmt mit schmalen Holzleisten
u.r. datiert „1937“
u.r. signiert „K.O. HY“
nicht betitelt, abendlicher Blick auf den Nassauer Hof in Wiesbaden

€ 3.800,-

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Größe
44,7 x 57,2cm (ohne Passepartout) bzw. 63,3 x 75cm (mit Passepartout)

Zustand
Karton vom Künstler befestigt auf Karton (selbst erstelltes Passepartout) und umrahmt mit schmalen Holzleisten; Karton montierungsbedingt leicht wellig; im unteren Bereich rechts (am rechten Brunnenrand), sowie im unteren Bereich mittig (etwas links vom Brunnen) kleine Verluste der Farbschicht, partiell wurde ein diesbezüglicher Farbverlust noch vom Künstler selbst retuschiert; im Bereich unten rechts (etwa 4cm rechts von der Brunnenmitte) Riss in der Farbschicht mit Schollenbildung; insgesamt leicht staubig

Provenienz
Aus dem Nachlass des Künstlers

 

 

Den ersten Kunstunterricht erhielt Karl Otto Hy von 1916 bis 1918 in der privaten Malschule von Hermann Bouffier, sowie im Atelier von Kaspar Kögler in Wiesbaden. Im Anschluss daran begann er eine Lehre als Dekorationsmaler, wandte sich dann aber doch wieder der Kunst zu. Von 1925 bis 1929 studierte er an den Kunstgewerbeschulen in Mainz und Wiesbaden. Seit 1930 war Hy freischaffend als Künstler, und hierbei vor allem als Werbegrafiker, wie auch als Architekt tätig. Neben der beruflichen Arbeit für Unternehmen und Firmen, entstanden in der Freizeit Zeichnungen, Aquarelle und Gemälde, welche vornehmlich einen kühlen, an die Neue Sachlichkeit anlehnenden Ausdruck zeigen.
Hy begann Ausstellungen zu beschicken und kam in Kontakt mit anderen Künstlern aus Wiesbaden wie beispielsweise Ernst Wolff-Malm, Edmund Fabry, Willy Mulot, Paul Dahlen. Von 1934 bis 1939 arbeitete Hy zudem zusammen mit Edmund Fabry an Architekturaufträgen. 1942 erfolgte eine arge Zäsur durch den Kriegsdienst samt anschließender russischer Gefangenschaft aus der er 1948 zurückkehrte.

Das vorliegende Werk datiert auf 1937 und ist damit explizit in jene Phase einzuordnen in der sich Hy mit seinem ganz eigenen, kühlen Stil als Künstler zu etablieren begann. Damals entstanden oftmals Stadt- und Landschaftsansichten mit Motiven aus Wiesbaden bzw. aus der dortigen Region. Hy zeigt dabei stets eine erstaunliche Detailfreude. Weiterhin zeichnen sich seine Arbeiten durch einen wohlüberlegten, sicherlich seiner Architektentätigkeit geschuldeten, Bildaufbau aus, der oftmals durch eine besondere Tiefenwirkung besticht.

Der Betrachter steht auf dem Wiesbadener Kurhausplatz und blickt über das Bowling Green, die Wilhelmstraße und den Kaiser-Friedrich-Platz zum Nassauer Hof. Am linken und rechten Rand zeigen sich die, das Motiv einrahmenden markanten Platanenalleen. Etwas dahinter erhebt sich die großformatige Anzeige „Damen-Moden“ des traditionsreichen Pelz- und Damenmodengeschäfts Bacharach in der Webergasse 2-4. Der Vordergrund ist gänzlich verwaist und nur im mittleren Bereich sieht man mehrere Passanten entlang der Wilhelmstraße.

Alles wirkt sehr ruhig und passt sich damit der Tageszeit an, die signifikant anhand der im Westen hinter den Gebäuden untergehenden Sonne, malerisch dargestellt wird. Während die vorderen Wolkenpartien dunkel, dicht und grau sind, wird die hintere Wolkendecke von einem wunderschönen rötlich goldenen Schimmer angeleuchtet. Ein Momenteinfang, bei dem man unweigerlich weiß, dass er nicht von Dauer sein wird, sondern vielmehr nur die nächtliche Dunkelheit einleitet.

Vor diesem Hintergrund mag man bei dieser Wiesbaden-Ansicht Karl Otto Hys zwei Ebenen der Betrachtung zu unterscheiden. Zum einen ist dort ein rein deskriptiver Charakter, der dem Betrachter das beschaulich ruhige Leben vermittelt und – etwas überspitzt formuliert – auch als dekoratives Postkartenmotiv hätte dienen können. Es ist eine Fassade der Heimeligkeit, ein Aufzeigen des Daseins gegenüber dem Weglassen, oder: Unterdrücken, des zugrundeliegenden Wesens. Denn zum anderen kann sich der Betrachter dieser Ansicht nicht eines gewissen Unbehagens entziehen. – Die abendliche Stimmung, die nicht unbedingt romantische Empfindungen erzeugt, sondern vielmehr einem letzten goldenen Ausklang, einem Verlöschen und damit zugleich einer Ankündigung kommender Dunkelheit gleicht, kann hier als alles überlagernde Symbolik verstanden werden. Die Fassade ist zweifelsohne sauber, korrekt, geordnet, doch gibt es nicht sichtbare Regungen, die sich wie eine Nacht über die Szenerie zu legen beginnen.

Exemplarisch kann diese Interpretation an dem oben angesprochenen Firmenschild „Damen-Moden“ gezeigt werden. Dieses Schild verweist auf das hinter dem Kaiser-Friedrich-Platz in der Webergasse 2-4 gelegene Pelz- und Damenmodengeschäft von Carl Bacharach (09.10.1869 Wiesbaden – 26.06.1939 ebd.) und dessen Frau Anna, geb. Löwengard, (1879 – 1969). Carl Bacharach übernahm das florierende Geschäft von seinen Eltern und baute dieses weiter aus, so dass es einen internationalen Ruf erhielt. Die geplante Übergabe an einen der älteren der insgesamt drei Söhne – Bernhard (*1902), Willi (*1905), Paul (*1923) – wurde durch die ab 1933 einsetzenden restriktiven Maßnahmen verhindert, denen sich die Familie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft vermehrt ausgesetzt sah. Es kam zu anonymen Anzeigen, schikanierenden Kontrollen durch das Finanzamt und schließlich 1938 zur sogenannten ‚Arisierung‘. Im März 1939 wurde das Ehepaar Bacharach noch vor der Flucht in die Schweiz inhaftiert. Carl Bacharach starb in der Haftzeit, während seine Frau noch 1941 nach Argentinien emigrieren konnte und letztlich 1969 verarmt in Australien starb.

Bedenkt man diese infauste, hier an einer angesehenen und respektierten Familie sich zeigende, Entwicklung und führt sich dabei vor Augen, dass Hy diese Ansicht 1937 schuf, so war dies zu einer Zeit, als das Geschäft wie auch das Leben der Familie Bacharach bereits voll getroffen wurde von staatlichen Repressalien und deren Folgen. Das große Firmenschild der „Damen-Moden“ verweist damit nur augenscheinlich auf das darunter liegende Geschäft. Vielmehr ist es ein Menetekel, welches auch zu der damaligen Zeit, nota bene: das Jahr vor der ‚Arisierung‘, sicherlich bekannt und deutbar war. Nach vier Jahren Repressionen waren die Eheleute Bacharach sicherlich von angesehenen Wiesbadener Bürgern zu personas non grata geworden[1].

Es ist gerade bei Hys Wiesbaden-Ansichten der 1930er Jahre so, dass sich immer wieder kleine Details im Bild finden, die wie zufällig erscheinen, in ihrer Symbolik sich aber wie eine unterschwellige Kritik am damaligen Zeitgeist lesen lassen[2]. Das hier gezeigte Firmenschild kann in diesem Sinne als ein solches, symbolträchtiges Bilddetail betrachtet werden. Neben diesem bildspezifischen Wiesbaden-Bezug lässt sich die Arbeit im Allgemeinen noch als exemplarisch für eine neusachliche Stadtansicht der damaligen Zeit betrachten. Die Abenddarstellung, die sich ankündigende Nacht tragen neben der oben genannten Symbolik unweigerlich einen Zug der Melancholie, der Trauer, der Kälte in sich, was nach Beate Reese[3] signifikante Charakteristika der neusachlichen Kunst des frühen 20. Jahrhunderts sind.

[1] Erstaunlicherweise war es genau jenes Gebäude der Bacharachs, das nach einer Bombardierung im Februar 1945 „als einziges [Haus] aus der Trümmerlandschaft [herausragte]“ (Christa Allert (2014): Plessners Wiesbaden – Kindheit und Jugend in der ‚Weltkurstadt‘, in: Tilman Allert / Joachim Fischer (Hrsg.): Plessner in Wiesbaden; Wiesbaden: Springer; S. 51-70 [hier: 70]).
[2] Hierbei kann explizit verwiesen werden auf eine zerknüllte Zeitung in der Waldstraßen-Ansicht (1935, Museum Wiesbaden), ein verwaistes Fahrrad im Vordergrund bei einer Wiesbadener Straßenansicht von 1937 (versteigert bei Ketterer, München, 19. Dez. 2012, Los 37).
[3] Beate Reese (1998): Melancholie in der Malerei der Neuen Sachlichkeit; Frankfurt: Lang

 

 

Zu Karl Otto Hy (28.10.1904 Rüdesheim – 05.04.1992 Wiesbaden):
Maler, Zeichner, (Werbe-)Grafiker, Architekt; 1911 Zuzug von Rüdesheim nach Wiesbaden; Schulbesuch in Heidelberg und Wiesbaden; erster Kunstunterricht in der privaten Malschule von Hermann Bouffier (Wiesbaden), daneben Besuche im Atelier von Kaspar Kögler (1838-1923); 1919 Ende der Schulzeit und anfänglicher Wunsch Schlosser zu werden, da es aber hierbei keine freien Lehrstellen gab, ging er in die Ausbildung zu einem Dekorationsmaler; 1925-29 Studium an den Kunstgewerbeschulen in Mainz und Wiesbaden (u.a. bei Hans Christiansen (1866-1945), Otto Fischer-Trachau (1878-1958), Otto Arpke (1886-1943)); neben dem Studium arbeitete Hy bei dem Wiesbadener Architekten Johann Wilhelm Lehr (1893-1971); ab 1930 freischaffend tätig, zu seinen Kunden zählten v.a. Reklamefirmen, Kaufhäuser, Brauereien, Hotels; daneben auch als Architekt tätig; 1937 Ausgestaltung der Wandelhalle in der Herbert-Anlage mit Sgraffiti (Wiesbaden); 1938 Beteiligung an der „Kunstausstellung in Frankfurt am Main, der Stadt des Deutschen Handwerks“ (Städelsches Kunstinstitut, Frankfurt a.M.); 1942 zur Wehrmacht eingezogen und anschließend russische Kriegsgefangenschaft; 1948 Rückkehr aus der Gefangenschaft nach Pforzheim und von dort Umzug nach Wiesbaden; nach 1945 als Architekt in Wiesbaden tätig und dabei beteiligt bei Restaurierungen und Innenraumgestaltungen von u.a. dem Staatstheater, dem Kaiser-Friedrich-Bad, der Trauerhalle am Südfriedhof, des Großen Sitzungssaals des Magistrats; 1962 Umzug nach Georgenborn (Gemeinde Schlangenbad); ab 1978 Vorsitzender des „Rings bildender Künstler“; 1980 Beteiligung an der Ausstellung „Wiesbadener Künstler aus 3 Generationen“ (Museum Wiesbaden, Wiesbaden); 1987 Ausstellung zusammen mit Franz Ruzicka (Nassauischer Kunstverein Wiesbaden); 2014 vertreten bei der Ausstellung „Landschaftsbilder – ein Zwischenreich von Natur und Zivilisation aus Imagination und Realität“ (Kunstarche Wiesbaden e.V.); Werke befinden sich u.a. im Besitz der Stadt Wiesbaden („Frühling“, Öl, 1957), des Museums Wiesbaden („Die Kaiserstraße in Wiesbaden“, Öl, 1934), der Ortsverwaltung Wiesbaden-Dotzheim („Blick vom Neroberg über Wiesbaden“, Öl)

Literatur
HILDEBRAND, Alexander (1992): Akribie und Atmosphäre, in: Wiesbadener Leben; 6/1992; Seite 15
Magistrat der Landeshauptstadt Wiesbaden (Hrsg.) (1980): Wiesbadener Künstler aus 3 Generationen; Wiesbaden: Wilhelm Lautz; unpag. (Kat.Nr. 37-38)
„Karl Otto Hy. Optische Kultur – Wiesbadener Maler wird 80 Jahre alt“ (Autorenkürzel AH), in: Wiesbadener Kurier, vom 27./28.10.1984, Seite 9
„Allgemeines Künstlerlexikon (AKL)“, Onlineversion, Künstler-ID: 42431199