H E I N R I C H   N Ü ß L E I N

 

Weitere Werke von Heinrich Nüßlein

 

„Oase Tehier“

Öl auf Holz, gerahmt [nicht Originalrahmen] u.r. schwach geritzt datiert „22.1.[19]??“ [wobei insbesondere die letzten beiden Ziffern sehr undeutlich sind; wohl um 1927-29]

Rahmengröße: 60×84,5cm
Plattengröße: 50x75cm

€ 2.600,-

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Signatur
nicht signiert, verso o.l. von fremder Hand in Blei bez. „Prof. Nüßlein“, sowie auf dem aufgeklebten Zettel u.r in Blei von fremder bez. „Nüßlein“

Titel
u.r. geritzt betitelt „Oase Tehier“; sowie verso o.m. auf aufgeklebtem Zettel ein ebenso betiteltes Gedicht bzw. eine solche „Legende“ Nüßleins

Zustand
an den Rändern rahmungsbedingt etwas berieben und vereinzelt sehr kleine Verluste der Farbschicht; partiell etwas fleckig; im linken unteren Bereich oberflächliche Kratzspur; verso fleckig und berieben, sowie verso o.l. in Rot nummeriert „2260“, sowie verso u.l. in Blei bez. (wohl von früherem Rahmenmacher) „Dr. Schwarz / Spagl Nr. 845/310 / 21.3.74“

 

 

Rückseitiges Gedicht
„Oase Tehier!
Dort wo in heisser Sonne die Pyramiden stehn,
kannst du aus alten Zeiten die Glaubenstempel sehn.
Da blüht ein Strauch mit ganz geheimnisvoller Macht,
der dir den Blick in jede Zeit verschafft.
Märchen Geschichte liegt in dem Gestein
und in den Baum des Lebens fühl dich ein.
In jenen Tempeln einst die Männer haben sungen,
das heilge Lied hat schaffend erst erklungen.
Von jenem Strauche nimm den herben Duft,
er wuchs aus dem Gebein des Königs Rue-Luff!“

 

 

Werkbeschreibung
Heinrich Nüßlein besuchte insgesamt nur zwei Semester die Kunstgewerbeschule in Nürnberg, so dass man ihn künstlerisch als Autodidakten bezeichnen kann. Seinem Ruf als medialer Maler hat dies wohl eher genutzt als geschadet. Und ganz in diesem Sinne ist auch die Unterscheidung Nüßleins zwischen bewusst schaffenden, akademisch ausgebildeten Künstlern und jenen, die von den ‚Meistern der Farbe‘ inspiriert sind zu verstehen (siehe hierzu den kurzen Aufsatz Nüßleins „Bewusst schaffende Künstler oder inspirierte Meister der Farbe“, in: Wilhelm Nüsslein (1947): Metaphysische Malerei. Dem Lebenswerk meines Vaters Prof Dr. h.c. Heinrich Nüßlein gewidmet; München: Drei Eichen Verlag; S. 26-28).
Sein Vorgehen beim Malen eines Bildes ist dabei gänzlich unkonventionell und unterstreicht sein Eigenverständnis als Malmedium. Auf (Lack-)Papier, Pappe, Karton oder Holz strich er verschiedene Farblagen, aus denen er dann mit Watte, Papier, Stoff oder den Fingern einzelne Konturen wischte bzw. formte (vgl. hierzu Mechthild Rausch (1994): Heinrich Nüsslein. Mediale Malerei [Galerie Klewan]; München: Marc-Druck; unpag. [S. 15]; sowie ebenso Schulung Aryana (1970): Kunstausstellung. 200 mediale Ölgemälde von Heinrich Nüßlein im Lichte der Schulung Aryana; Heiden: Verlag Karl Schönenberger; S. 4).
Da er sich selbst nicht als Urheber, sondern nur als Mittler des auf künstlerischem Wege Auszudrückenden verstand, signierte er in der Regel seine Arbeiten auch nicht. Die Liebhaber und Anhänger seiner Kunst verweisen jedoch immer wieder darauf, dass seine oftmals direkt mit den Fingern ausgeführte Malweise signifikant und unnachahmlich sei (vgl. bspw. Schulung Aryana 1970: 4).
„Die Farben, wie einen Schleier zart aufgezogen, zeigen nach der sehr schnellen Spachtel- und Fingerführung (nach Zeugenaussagen ohne Pinselstrich) einmalig, im wahren Sinn des Wortes, wunderbare Verwertung von handwerklichem Material“ (Schulung Aryana 1970: 60).

Auch bei dem vorliegenden Werk finden sich vereinzelt noch Fingerabdrücke dieses Prozesses in der Malschicht. Dieses ‚Bilderschreiben‘, wie Nüßlein es nannte, dauerte nicht mehr als eine halbe Stunde (Karl Schönenberger gibt dagegen gerade einmal ein Zeitfenster von „vier bis fünfzehn Minuten“ (Schulung Aryana 1970: 4) an. Weiterhin dazu Rausch 1994: unpag. [15]).

Neben Portraits sind es besonders phantastische Landschaften, die auf diese Weise entstanden. Nüßlein verlegt dabei seine Motive in verschiedenste, oftmals auch sagenhafte, Kulturen und Zeiten, sowie mitunter auch auf andere Planeten. Die Begriffe von Zeit und Raum werden durch ein solches Vorgehen ganz bewusst relativiert; Vergangenheit und Gegenwart finden – zumindest was den Moment der Bilder angeht – zueinander.

„Es soll uns offenbar so etwas wie eine Weltenharmonie vorgeführt werden, aus der eine Sehnsucht nach paradiesischen Zuständen spricht“ (Rausch 1994: unpag. [20]). Und weiter heißt es bei Mechthild Rausch: „Der größte Reiz der Bilder liegt aber in dem […] Antagonismus zwischen Enthüllen und Verbergen. Er bezieht auch den Betrachter ein, der gefordert wird, diese Bilderschrift zu entziffern“ (ebd.: unpag. [28]).

In dem vorliegenden Gemälde versetzt Nüßlein den Betrachter in das alte Ägypten (-zu weiteren Ägypten-Motiven Nüßleins siehe u.a. in Schulung Aryana (1970) die Kat.Nr. 147 („Ägyptischer Kult“), 153 („Tut-Ench-Amun“), 164 („Pharaonenpriester“) und 237 („Königsgräber im alten Ägypten“)-), wobei es ungewiss bleibt in welcher Zeit sich die Szenerie abspielt. Der Titel – „Oase Tehier“ – gibt da ebenso wenig Anhaltspunkte, wie der im rückseitig aufgezeichneten Gedicht zu findende Königsname „Rue-Luff“. Beides bleibt vage, ungewiss und wirkt mehr wie eine Chiffre. – Gleichsam ein ‚Enthüllen und Verbergen‘…

Im Hintergrund erheben sich mächtig die Pyramiden gen Himmel, wobei das Gebäude am äußeren linken Bildrand mehr einem Monumentalbau als einer Pyramide gleicht. Und vielleicht bezieht sich dies auch vielmehr auf die zweite Gedichtstrophe: „kannst du aus alten Zeiten die Glaubenstempel sehn.“ Denn die explizite Nennung von ‚Pyramiden‘ und ‚Glaubenstempeln‘ im ersten Satz des Gedichtes, lässt den Leser doch annehmen, dass es sich hierbei nicht um ein und dasselbe, sondern um zwei verschiedene Bauwerke handelt.
Am Horizont wird zudem die farblich überaus zarte Maltechnik Nüßleins schön deutlich. Hinter den Pyramiden scheinen sich durch die Blau- und Weißtöne des Himmels weitere Erhebungen – Pentimenti gleich – abzuzeichnen. Zartes, verwischendes Auftragen der Farben suggeriert dem Betrachter so eine nebulöse Tiefe, eine Undurchdringlichkeit und damit eine gewisse Form von ‚landschaftlicher Mystik‘.

Im Vordergrund stehen links und rechts Bäume und Sträucher und womöglich wird ein Gewächs hiervon jener im Gedicht genannte, geheimnisvolle Strauch sein, „der dir den Blick in jede Zeit verschafft“.

Im mittleren Bildbereich weitet sich die Sandlandschaft und aus ihr erhebt sich eine Gruppe von etwa 16 schwarzgekleideten Personen, die jeweils weiße Tücher um Kopf und Hals gelegt haben. Vielleicht sind dies die Männer des Gedichts, die in den Glaubenstempeln einst sangen?
Anhand der Schattenwürfe der Personen kommt das Licht aus dem linken Bildbereich, was sicherlich konsequent ist, da dies zugleich symbolisch auf die Lichtquelle aus den Pyramiden bzw. den Glaubenstempeln verweist.

Über allem liegt ein in sich bewegter, blauer Himmel, dessen wellenförmige Malweise schon fast an ein Meer denken lässt. Farblich schafft Nüßlein dadurch eine wunderschöne Verbindung zu dem hellbraunen, sandfarbigen Ton der Landschaft.

Neben dem rein Künstlerischen und dem Dargestellten, muss auch auf das für Nüßlein sicherlich eher große Format verwiesen werden. Nüßlein wählte für seine Werke zumeist Größen von 29x36cm, 32,5x50cm oder 50x65cm. (-Dies waren auch die üblichen Größen für seine Auftragsarbeiten, wie sich anhand von Nüßleins eigenen Angebotslisten erkennen lässt. Wobei die Arbeiten mit den Maßen 29x36cm deutlich in der Mehrzahl sind. Vgl. hierzu auch die signifikant hohe Anzahl dieser Bildgröße in der Werkliste bei: Schulung Aryana 1970: 8-59.-). Dies sind auch die drei Maßangaben, die Karl Schönenberger als Größen für Nüßleins Werke nennt (Schulung Aryana 1970: 4.), jedoch darf dies allenfalls als Tendenz, aber keinesfalls als Ausschließlichkeit angesehen werden, listet doch Schönenberger in dem Gemäldeverzeichnis selbst u.a. das Werk „Die Kräfte der heiligen Berge“ (Kat.Nr. 81) mit einer Größe von stattlichen 127,5×61,5cm. – Ebenso ist auf ein unbetiteltes, aber dafür exakt auf den „20.11.[19]27“ datiertes Werk zu verweisen, welches in Öl auf Spanplatte gemalt wurde und die Maße von immerhin 74,5x100cm aufweist (Abb. 6 in: Rausch (1994)). Die hier verwendete Größe von 50x75cm mag untypisch sein, steht aber in Nüßleins Schaffen keinesfalls singulär da. Explizit ist dabei zu verweisen auf ein Gemälde, welches mit dem sicher nicht authentischen Titel „Wüste mit Karawane“ am 12.02.2005 beim Auktionshaus Weidler (Nürnberg) versteigert wurde (Los 7132). Dieses hatte die Maße 49x73cm, wurde mit Öl auf Platte(Holzplatte?) gemalt und trug unten links eine Datierung auf „1929“. Neben dem Wüstenmotiv, lassen sich demnach auch noch Verbindungen zur Technik und Größe herstellen. (Weitere datierte Werke aus den ausgehenden 1920er Jahren finden sich in Rausch 1994: Abb. 6, 8.)
Anzunehmen ist, dass Nüßlein die drei von Schönenberger genannten Größen als ‚Standardformate‘ parat hatte, um die eingehenden Aufträge adäquat und schnell bearbeiten zu können. Da er aber keinesfalls nur als Auftragsmaler arbeitete, lässt sich die These formulieren, dass jene Werke, welche nicht in diese drei Größenkategorien fallen, keine Auftragsarbeiten bzw. zumindest keine üblichen Auftragsarbeiten, sondern freie Eingebungen waren, für welche er keine derartigen Standardisierungen benötigte.

 

 

Zu Heinrich Nüßlein (20.04.1879 Nürnberg – 12.11.1947 Ruhpolding)
Maler (Zeichenmedium), Antiquitätenhändler, Schriftsteller; wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf; sein Vater Franz Ludwig Nüßlein (Feingoldschläger) starb als Heinrich Nüßlein sieben Jahre alt war; Besuch der Kunstgewerbeschule Nürnberg (bei Franz Brochier); musste dieses Studium jedoch nach zwei Semestern aus finanziellen und gesundheitlichen Gründen abbrechen (starke Kurzsichtigkeit, nach Angaben seines Sohns hatte er nur 1/9 der normalen Sehkraft); Lehre als Buchdrucker; anschließend längere Zeit bei der Kunstanstalt Dr. Trenkler & Co. (Leipzig) als Postkartenzeichner, Fotograf und Handelsvertreter beschäftigt; in dieser Zeit heiratete Nüßlein das erste Mal; um 1912/13 lernte er in Budapest seine zweite Frau Leopoldine, geb. Schmeitzl kennen; 1912 Geburt des Sohns Wilhelm; um 1913-14 begann Nüßlein sich als Kunst- und Antiquitätenhändler in Nürnberg zu engagieren, was ihm in der Folge ein beträchtliches Vermögen einbrachte; Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg; 1923 kam er durch einen Kriminalbeamten (‚Oberamtmann Zopfy‘) in Kontakt mit dem Spiritismus und entwickelte sich fortan zum Schreib- und Zeichenmedium; anfangs begann Nüßlein mit Zeichnungen in Blei-, Silberstift, Kreide, bevor er schließlich zur Ölmalerei fand, deren Techniken er sich autodidaktisch aneignete; Nüßlein glaubte, dass Geister von Verstorbenen (bspw. Albrecht Dürer) ihm die Bilder eingeben und seine Hand leiten; seine Ölbilder soll er nach eigener Aussage in kürzester Zeit (maximal 30 Minuten) gemalt haben, was auch die enorme künstlerische Produktivität erklären soll (Nüßlein soll nach Angaben seines Sohns bis zu 30.000 Bilder gemalt haben); 1923 erwarb er das Schloss Kornburg, das er renovierte und für seine Gemälde als Ausstellungsräumlichkeit benutzte; 1925 beendete er seine Tätigkeit als Kunst- und Antiquitätenhändler und widmete sich fortan der Kunst; 1930 erschien die Publikation „Das Mal-Phänomen Heinr. Nüßlein“ (von Elsie Jona Badelt); es kam zu ersten Ausstellungen in u.a. der Alpine Club Gallery (London), der Galerie Charpentier (Paris), dem Röhrich-Museum (New York); Nüßlein war Mitglied der „Reichskammer der bildenden Künste“ und der „Kameradschaft der Künstler München“; nichtsdestotrotz sollen Werke Nüßleins von der Gestapo konfisziert und vernichtet worden sein; am 30. Mai 1942 verstarb seine Frau; Februar-März 1947 Ausstellung im Konservatorium Zürich; 3. Mai-25. Juni 1994 Ausstellung in der Galerie Klewan (München); 18. Juni-1. September 2005 Ausstellung (mit Werken anderer Malmedien) in der Galerie Susanne Zander (Köln); Nüßlein schuf vor allem phantastisch anmutende Landschaften, wobei die Motive Bezüge zu den verschiedensten Zeiten, Orten und Kulturen aufweisen (Azteken, Inka, Ägypten, Persien, Japan, China, Atlantis, fremde Planeten, u.a.), daneben entstanden auch immer wieder Porträts; die Université Philotechnique in Brüssel verlieh ihm die Ehrendoktorwürde; das Institut Supérieur Technique & Colonial in Paris verlieh ihm den Professorentitel ehrenhalber; die World Federation of Promoters of Cultures verlieh ihm das Ehrendiplom samt einer lebenslänglichen Mitgliedschaft; Nüsslein verfasste auch kleinere Publikationen zu metaphysischen, esoterischen Themen (u.a. „Geheimnis der Inspiration aus dem Wunderland der Seele“ (1932, Nürnberg), „Was Menschen bindet..“ (1935, Erfurt), „Der Schicksalsweg einer Seele“ (1936, Nürnberg)); Nüßlein signierte seine Bilder in der Regel nicht, da er sich selbst nur als Mittler ansah; sein Sohn Wilhelm war anfangs Karikaturist, Journalist und Illustrator für Märchenbücher, wenige Tage nach dem Tod seines Vaters begann er sich ebenso als metaphysischer Maler zu betätigen und hatte sein Atelier in Ruhpolding

Literatur
BADELT, Elsie Jona (1930): Das Mal-Phänomen Heinr. Nüßlein; Selbstverlag (gedruckt bei Walter Ochs, Magdeburg)
GRIEB, Manfred (Hrsg.) (2007): Das Nürnberger Künstlerlexikon (Bd. 2); München: K.G.Saur; S. 1087
NÜSSLEIN, Wilhelm (1947): Metaphysische Malerei. Dem Lebenswerk meines Vaters Prof Dr. h.c. Heinrich Nüßlein gewidmet; München: Drei Eichen Verlag
RAUSCH, Mechthild (1994): Heinrich Nüsslein. Mediale Malerei [Galerie Klewan]; München: Marc-Druck
Schulung Aryana (1970): Kunstausstellung. 200 mediale Ölgemälde von Heinrich Nüßlein im Lichte der Schulung Aryana; Heiden: Verlag Karl Schönenberger
„Allgemeines Künstlerlexikon“, Onlineversion, Künstler-ID: 20014044
„Malerei aus dem Dunkel. Nun auch der Sohn“, in: Der Spiegel (09/1949, v. 26.02.1949); S. 27