H A R R Y   B E H R

 

Weitere Werke von Harry Behr

 

 

„Tanzlokal“ (1930)

Tuschfeder sandfarbenem Karton
u.l. datiert „9.8.1930“

Kartongröße: 42,7×32,5cm
Bildgröße: (etwa) 30x25cm

u.l. signiert „HBehr“
u.l. in Schwarz betitelt „Tanzlokal“

€ 330,-

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Zustand
partiell leicht fleckig, nachgedunkelt; Rändern/Ecken leicht bestoßen; am unteren Rand rechts minimaler Einriss (Länge etwa 0,3cm); im Randbereich o.r. braunfleckig (wohl aufgrund von Feuchtigkeit); verso Lagerspuren (etwas fleckig)

 

 

Das Café, die Bar, die Kneipe waren gerade zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein beliebtes Motiv der modernen Kunst. Man denke hierbei vor allem an Arbeiten von Ludwig Meidner, Max Beckmann, Ernst Ludwig Kirchner, George Grosz oder auch Jeanne Mammen. Ebenso taucht dieser Topos in der damaligen Lyrik und Literatur auf. So schreibt hierzu Ernst Wilhelm Lotz:
„In Kaffeehäusern brannten jähe Stimmen
Auf unsre Stirn und heizten junges Blut,
Wir flammten schon. Und suchen leise zu verglimmen,
weil wir noch furchtsam sind vor eigner Glut.“

Und ganz exemplarisch hat gerade Meidner seine dortigen Erfahrungen und Erlebnisse immer wieder auch literarisch festgehalten. So schreibt Meidner einmal wortkräftig:
„Unbarmherzig – wie in modernen Folterkammern – werden erregte Hitzköpfe angestrahlt; sie wenigstens geraten ins Schwingen, wenn der Stehgeiger und Klavierspieler sich vor einem teilnahmslosen Publikum abmühen“ (zit. nach Winfried Flammenn (1994): Kneipe und Café, in: Stadt Hofheim am Taunus / Ludwig-Meidner-Gesellschaft (Hrsg.): Ludwig Meidner 1884-1966. Kneipe und Café; Hofheim; S. 17-47 [hier: 24]).

Ein ebenso konsequenter, ungeschönter Blick auf das Geschehen findet sich auch bei dem von Harry Behr am Samstag, den 9. August 1930, aufgesuchten „Tanzlokal“. An den Tischen sitzt ein mondänes Pärchen im Vordergrund, dahinter zwei Männer, sowie ganz im Hintergrund eine einzelne Person. Die Band und das ganze Tanzgeschehen wirken wie abgetrennt von den Tischen. Doch ist es keinesfalls so, dass die Tanzenden nun dynamisch und emotional sich zeigen. – Vielmehr lässt auch deren Habitus eher an Lethargie, an Trägheit denken, oder um es mit Georg Simmel zu umschreiben: Behrs Tanzlokalbesucher zeichnen sich aus durch jene „seelische Erscheinung, die so unbedingt der Großstadt vorbehalten [ist]“, die Blasiertheit (Georg Simmel (1987): Die Großstädte und das Geistesleben, in: Ders.: Das Individuum und die Freiheit. Essays; Berlin; S. 196).

 

 

Zu Harry Behr (11.10.1907 Reichenbach (Vogtl.) – 2.6.1966 Hamburg):
Sohn des Stillleben-, Landschaftsmalers Felix Behr; 1911 Umzug der Familie nach Hamburg; 1928-32 Studium an der Kunstgewerbeschule Hamburg (bei Hugo Meier-Thur); 1930 Veröffentlichung des handgefertigten autobiographischen „Roman eines Sonderlings“; 1932 Meisterschüler; Atelier in der Wexstrasse 23 (später in der ABC-Straße 12c); 1938/39 wurde Behrdenunziert und sein Atelier wurde durchsucht, dabei wurden etliche eigene Bilder, sowie Werke jüdischer Künstler konfisziert; Behr kam 24 Stunden in Untersuchungshaft; im Zweiten Weltkrieg in Dänemark und Norwegen stationiert; nach 1945 Suizid der Ehefrau und der Tochter; kunsthändlerische Tätigkeit

Literatur
BRUHNS, Maike (2001): Kunst in der Krise (Band 2); Dölling und Galitz; Hamburg; S.66-67
Familie Kay Rum (Hrsg.): Der neue Rump. Lexikon der bildenden Künstler Hamburgs (überarbeitet von Maike Bruhns); Wachholtz; Neumünster – Hamburg; S. 36