E W A L D    B E C K E R – C A R U S    (17.9.1902 Dingelstedt b. Halberstadt – 5.10.1995 Hamborn b. Paderborn)

 

Weitere Werke von Ewald Becker-Carus

 

 

„Arven im Engadin“ (wohl um 1950)

Öl auf Hartfaserplatte, gerahmt [Originalrahmen];
undatiert [(wohl) um 1950];
Größe: 79 x 59 cm (ohne Rahmen) bzw. 93 x 73,5 cm (mit Rahmen)

u.r. signiert „E. Becker-Carus“, sowie verso oben rechts Künstleretikett mit damaliger Anschrift in Hamburg-Blankenese und hierauf auch Nachlassstempel; auf Rahmen verso am unteren Element nochmals signiert, sowie auf Rahmen verso unten rechts monogrammiert „B-C.“

€ 780,-

Kaufanfrage

 
 

Titel
verso oben rechts auf Künstleretikett betitelt „Arven im Engadin“, neben dem Titel noch nummeriert „3“ und mit dem Hinweis versehen „unverkäuflich“

Zustand
leicht fleckig; Ecken und Kanten der Platte etwas bestoßen (unter Rahmung nicht sichtbar); im Bereich unten links (am unteren Ende des herabhängenden Astes) leichte, oberflächliche Kratzspur; verso leicht fleckig; Rahmen etwas berieben, sowie Eckverbindung unten rechts leicht locker

Provenienz
aus dem Nachlass des Künstlers

 

 

„Mein Engadin! Ein Schönheitsmärchen,
Das Gott am Schöpfertag geträumt,
Ruhst du, vom Frieden deiner Lärchen
Und dunklen Arven eingesäumt.
Du hast im lichten Alpenkranze
Das Perlenbild der blauen Seen
Und siehst in ihrem feuchten Glanze
Das Doppelbild der Sterne gehn.“

So lautet die erste Strophe des Gedichtes „Engadin“ von Jakob Christoph Heer (1859 Töss – 1925 Zürich). Und es sind gerade diese in obiger Strophe erwähnten, widerstandsfähigen und zähen Arven, die auch Ewald Becker-Carus reizten und schließlich titelgebend für sein vorliegendes Gemälde wurden. Das Baumpaar steht engumschlungen im Bildzentrum und es ist sicherlich nicht überinterpretiert, wenn in diese Haltung der Bäume menschliche Gefühle der Zuneigung und Verbundenheit gesehen werden können. Ganz so wie in der Antike bei Philemon und Baucis, obgleich dies ein Paar aus Eiche und Linde und kein Arven-Paar war.

Es ist an sich ein wenig spektakulärer Momenteinfang, doch ist es vielleicht gerade diese ungebundene Zeitlosigkeit, die den Betrachter wiederum anzieht und verweilen lässt. Die locker aufgetragenen, hellen Farben und die verhalten expressive Malweise vermitteln dem Betrachter ein vom Künstler malerisch wiedergegebenes Erlebnis, dem man sich nur zu gerne öffnen mag. Eine Morgenstimmung an einem See im Engadin, die Sonne erhebt sich bereits hinter den mächtigen Bergen und hat die Schatten der Nacht bereits vertrieben, während aber einzelne Konturen der Landschaft noch durchaus nebel- bzw. schemenhaft bleiben. Vor diesem Hintergrund mag man Rainer Zimmermanns Überlegung zum „Erlebnis und Kunstwerk“ heranziehen, wenn er u.a. schreibt: „Nur wenn Kunst als eine Identifikation von Ich und Welt verstanden wird, kann man begreifen, wie unerläßlich das ‚Erlebnis‘ für ihr Entstehen ist. […] Das Erlebnis ist die mentale Voraussetzung des Kunstwerks.“ [Rainer Zimmermann (1998): Die Überlistung des Todes. Wozu der Mensch die Kunst erfand, Berlin: Deutscher Kunstverlag, S. 165.]

Die Bedeutung des Erlebens und Erfahrens dieser Stimmung im Engadin für Ewald Becker-Carus wird vielleicht auch dadurch nochmal unterstrichen, dass der Künstler selbst das Werk als „unverkäuflich“ kennzeichnete.

 

 

Zu Ewald Becker-Carus (17.9.1902 Dingelstedt b. Halberstadt – 5.10.1995 Hamborn b. Paderborn):
Maler, Zeichner, Grafiker, Kunsterzieher; 1919 Abitur; 1922 1.Lehramtsprüfung; 1924-27 Studium an der Akademie der bildenden Künste zu Dresden (bei Prof. Richard Dreher, Schwerpunkte waren Landschaftsmalerei, Akt, Kunstgeschichte); Ernennung zum Meisterschüler; 1927 Studienreise durch die Schweiz und Oberitalien und durch die bekanntesten deutschen Kunstmuseen und Galerien (München, Düsseldorf, Kassel, Berlin, Hamburg, Bremen); ab Herbst 1927 selbständig als freischaffender Maler und Graphiker in Dresden tätig; 1927 Beteiligung an einer Gruppenausstellung im Kunstverein Dresden (Brühlsche Terasse, Dresden); 1928-29 Studium der graphischen Techniken an der Akademie für Graphik in Leipzig mit angeschlossenem pädagogischen Institut ( Abschluss: Werklehrerexamen); 1929 Ruf als Leiter des Werkunterrichts und Erzieher an das Pädagogium zu Niesky/Oberlausitz und dort Ausbau des künstlerischen Unterrichts; 1929/30 Auf Grund privater Malaufträge Sommeraufenthalte in Schweden (Stockholm, Jämtland, Lappland); 1933 Lehrauftrag an der Rudolph-Steiner-Schule Hamburg-Altona (Flottbeker Chaussee, heute: Elbchaussee) für künstlerische Fächer und Werkunterricht; dort bis zum Verbot der Schule 1937 durch die Nationalsozialisten tätig; 1938 freischaffend tätig in eigenem Atelier in Hamburg-Altona (heute: Max Brauer-Allee); 1939 Einrichtung des „Atelier für Malerei und Graphik“ in Hamburg-Blankenese, Elbchaussee 82 (heute: 485) mit Werkstatt für Radierung, Holzschnitt, Schnitzen und Plastizieren; 1940 Einberufung zur Wehrmacht; Kriegsdienst in Norddeutschland bis 1945; 1945 Wiederaufnahme und Ausbau des Ateliers an der Elbchausse zum „Studienatelier für bildende Künste“ mit berufsbildendem Unterricht auf den verschiedenen Gebieten der bildenden Kunst (Schwerpunkt Malerei); 1949 Ruf als Professor an die Staatliche Hochschule für Bildende Künste Hamburg, Lerchenfeld, dem er nicht Folge leistete, da dies zwangsläufig die Aufgabe des eigenen Studienateliers in Hamburg-Blankenese zur Folge gehabt hätte; stattdessen folgte er der dringenden Nachfrage der 1946 wiedereröffneten Rudolf Steiner-Schule Hamburg-Wandsbek und übernahm dort den Aufbau des Kunstunterrichts insbesondere in der Oberstufe (bis 1971 dort tätig); 1951 erscheint sein Aufsatz „Über das Farbenerleben des Kindes“ (in: Erziehungskunst. Monatsschrift zur Pädagogik Rudolf Steiners (15. Jg./Heft 8); Verlag Freies Geistesleben; Stuttgart; S. 234-240); 1967 Einzelausstellung in der Anthroposophischen Gesellschaft Hamburg; zu Becker-Carus‘ Schülern gehörten u. a. K.R.H.-Sonderborg, Pit von Frihling, Werner Freytag (bürgerlich: Sauernheimer), Vera Hedrich, Marianne Spälty; im Rahmen der internationalen Waldorfschulbewegung führte er nahezu regelmäßig im Sommer / Herbst öffentliche Künstlerische Kurse in Malen sowie Plastizieren durch, u. a. in: Stockholm, Schweden (1954); Krogerup Höjskole, Dänemark (1956, 1958 und 1959); Hamburg, (1957); Stuttgart, öffentl. päd. Arbeitswoche (1960); Aarhus, Dänemark, Egmont Höjskole (1960, 1961); Helsingfors, Finnland (1961); Wanne-Eikel, Hibernia-Schule (1968); Ejstupholm, Dänemark (1969); Ausstellungsbeteiligungen; Werke befinden sich im Besitz der Waldorfschule Hamburg-Wandsbek, der Waldorfschule Stockholm, im Privatbesitz, sowie bei seinen Erben

Literatur
Familie Kay Rum (Hrsg.): Der neue Rump. Lexikon der bildenden Künstler Hamburgs (überarbeitet von Maike Bruhns); Wachholtz; Neumünster – Hamburg; S. 34
HEYDORN, Volker Detlef (1974): Maler in Hamburg 1966-1974; Christians; Hamburg; S. 117
Online-Ausgabe des Allgemeinen Künstlerlexikons (AKL)
KAUPERT, Walter (Hrsg.): Internationales Kunst-Adressbuch 1954/55; Deutsche Zentraldruckerei; Berlin, S. 721