E R W I N   G R A U M A N N   (14.06.1902 Bielefeld – 14.07.1988 Genf)

 

Weitere Werke von Erwin Graumann

 

 

„Frau am Tisch mit gekreuzten Armen“ (1929)

Bleistift, partiell Tuschpinsel (laviert), auf Papier, verso am oberen Rand durch Klebestreifen unter Passepartout
u.r. signiert „E. Graumann“
u.r. datiert „[19]29“
Größe: 48,7 x 38 cm (Blatt) bzw. 64 x 54 cm (Passepartout)

€ 1.200,-

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Titel
betitelt in der Werkliste (Syamken Z 64): „Frau am Tisch mit gekreuzten Armen“; hierzu verso o.l. klein in Blei bez. „Z 64“

Zustand
linker Blattrand mit Abrissspuren; durchgehend leicht stockfleckig, sowie leicht gebräunt; leichte Druckstellen im Blatt; am rechten Blattrand mittig leichte Stauchung; im unteren Bereich mittig (zwischen den Ellbogen) leichte Stauchung
verso leicht fleckig; verso o.l. klein in Blei bez. „Z 64“; verso am oberen Rand links und rechts kleine Reste früherer Befestigung

 

 

Die vorliegende Zeichnung entstand während der Studienzeit von Erwin Graumann. 1923 verzog er nach Berlin und besuchte die dortige Kunstakademie. Anfangs war er in der Grafik-Klasse von Hans Meid, bevor er im Semester 1926-27 in die Klasse Carl Hofers wechselte. Von 1929 bis 1932 war er Meisterschüler bei Hofer.

Schon während der Studienzeit war Graumann u.a. bei Ausstellungen der „Berliner Sezession“ und der „Juryfreien“ vertreten. 1931 unternahm er eine ertragreiche Studienreise an die Ostsee, die dem Künstler viele Motive lieferte. Zwei Jahre später tritt eine arge Zäsur für ihn ein. Im Juli 1933 wird ihm aus politischen Gründen das Betreten der Akademie verboten. Und abermals zwei Jahre später (1935) wird die Aufnahme in die Reichskulturkammer abgelehnt, was faktisch einem Arbeitsverbot gleichkommt. Die Emigration nach Dänemark und später nach Frankreich war die Folge hiervon.

Diese durchaus großformatige Zeichnung zeigt eine junge Frau an einem Tisch sitzend. Ihren Kopf legt sich nachdenklich in ihre vor sich verschränkten Arme. Die Hände liegen dabei behutsam auf den Schultern und die ganze Haltung hat einen sehr verträumten und persönlichen Ausdruck.
In Graumanns damaligem Schaffen finden sich Werke mit ähnlichen Motiven. Da ist zum einen das Gemälde „Mädchen am Tisch (Tatjana)“ (1930, G 20) und dann auch die Radierung „Mädchenbildnis (Bildnis J)“ (1930, R 55).
Gerade im Vergleich mit dem Gemälde mag man bei der Frisur an Gemeinsamkeiten denken und es könnte durchaus plausibel sein die vorliegende Zeichnung als eine Vorarbeit für diese wenig später ausgeführten Werke anzusehen.

 

 

Zu Erwin Graumann (14.06.1902 Bielefeld – 14.07.1988 Genf):
Maler, Zeichner, Grafiker; die ersten Werken finden sich bereits im Jugendalter; 1916 Beginn einer Lehre als Chemigraph in der Graphischen Kunstanstalt Walter Becker; später wird er Musterzeichner in der Seidenweberei C.A.Delius & Söhne; zum Ausbildungsprogramm gehörte der Besuch der Abendkurse an der Kunstgewerbeschule Bielefeld, wo Erwin Graumann, wegen seiner hervorragenden Begabung von Paul Delius unterstützt wird; 1920-21 wird er Vollschüler von Ludwig Godewols; 1923 Umzug nach Berlin und Besuch der dortigen Kunstakademie (Grafik-Klasse von Hans Meid); 1926-27 wechselt er in die Klasse Carl Hofers, dessen Meisterschüler er 1929-32 wird; ab 1927 Beteiligungen an Ausstellungen in Berlin; 1931 Studienreisen an die Ostsee; 1932 Beteiligung an einer Ausstellung des „Deutschen Künstlerbundes“; Februar 1933 Beteiligung mit dem Gemälde „Graue Häuser“ an der Ausstellung „Lebendige deutsche Kunst“ (Galerien Flechtheim und Cassirer); Juli 1933 wird Graumann aus politischen Gründen das Betreten der Akademie verboten; es entstehen Kontakte nach Dänemark und 1934 kommt es zu einer ersten Ausstellungsbeteiligung; 1935 wird die Aufnahme in die Reichskulturkammer abgelehnt, was faktisch einem Arbeitsverbot gleichkommt; Emigration nach Kopenhagen und dort als Zeichenlehrer tätig; 1935 mit 13 Werken vertreten bei der Schau „International Kunstudstilling, Kubisme, Surrealisme“ in Kopenhagen; 1936 Umzug nach Paris und dort Bekanntschaft mit u.a. Max Ernst, Hans Arp, Jeanne Bucher; Beteiligungen an Ausstellungen der „Surindépendants“; 1938 Beteiligungen an den Ausstellungen „20th Century German Art“ in London und „Freie Deutsche Kunst“ in Paris; 1939 mit Kriegsbeginn wird Graumann als „feindlicher Ausländer“ interniert; im Januar 1940 wird er auf Intervention von Jeanne Bucher freigelassen, jedoch im Mai 1941 erneut inhaftiert; nach der erneuten Freilassung und der Besetzung Frankreichs durch deutsche Truppen, flieht er im Frühjahr 1943 in die Schweiz; bis 1943 in Genf ansässig und dort beteiligt an der Ausstellung „Peintres Ètrangers en Suisse“; nach Kriegsende kehrt er nach Paris zurück, behält aber seinen Zweitwohnsitz in Genf; 1948 Retrospektive in der Galerie Breteau in Paris; 1949 erhält er die französische Staatsbürgerschaft; in der Folge zahlreiche Ausstellungen in Paris, Genua, Stuttgart, Kopenhagen; 1950 Heirat mit der Malerin Marcelle Berthout van Berchem (1898-1953); 1957 zweite Heirat aus der die beiden Söhne Hervé (*1963) und Patrick (*1962) hervorgehen; 1966 Retrospektive in der Kunsthalle Bielefeld
Werke befinden sich u.a. im Besitz der Berlinischen Galerie, der Kunsthalle Bielefeld, des Felix-Nussbaum-Hauses (Osnabrück).

Literatur
Galerie Remmert und Barth (2002): Erwin Graumann. 100 Werke zum 100. Geburtstag; Düsseldorf
Dähnhardt, Willy / Nielsen, Birgit S. (Hrsg.) (1993): Exil in Dänemark – deutschsprachige Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller im dänischen Exil nach 1933; Heide; S. 321-322
Städtisches Kunsthaus Bielefeld (1966): Erwin Graumann. Malerei und Grafik (Kat. Georg Syamken); Bielefeld
Cacace, Alessandra: ErwinGraumann, in: „Allgemeines Künstlerlexikon“ (AKL), Onlineversion, Künstler-ID: 00056583