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Weitere Werke von Ernst Geitlinger
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„Das Riesenrad“ (1940)

Aquarell, partiell mit Deckweiß gehöht, auf Ingrespapier, verso an den Rändern umlaufend durch Klebeband unter Passepartout gesetzt
u.r. in Blei datiert „[19]40″

u.r. in Blei signiert „Ernst Geitlinger“, sowie verso o.l. nochmals in Blei signiert „Ernst Geitlinger / Seeshaupt“[1]

€ 1.600,-

Kaufanfrage

 

 

Titel
verso oben links in Blei betitelt „Das Riesenrad“, nicht im WVZ von Roswitha Nees (1991)

Größe
45 x 59,9cm (Passepartoutausschnitt) bzw. 49 x 65cm (Blatt) bzw. 63,8 x 75,9cm (Passepartoutmaske)

Zustand
verso an den Rändern umlaufend durch Klebeband unter Passepartout gesetzt; Papier sehr leicht nachgedunkelt (im oberen Bereich etwas stärker); die Farben mitunter sehr leicht aufgehellt; im oberen Bereich leicht stockfleckig; am unteren Rand mittig (etwa 1cm unterhalb der Menschengruppe rechts) kleiner Riss im Papier (Länge etwa 1,5cm); partiell leicht stockfleckig; verso fleckig (im linken Bereich stärker fleckig)

 

 

Durch die Kulturpolitik des Dritten Reichs wurde es für Ernst Geitlinger immer schwieriger mit seiner künstlerischen Tätigkeit den Lebensunterhalt zu sichern. – Mindestens ein Werk wurde im Rahmen der Aktion „Entartete Kunst“ aus öffentlichem Museumsbesitz beschlagnahmt, er erhielt keine Aufträge mehr und bereits ausgeführte Auftragsarbeiten für Verlage wurden unter den veränderten kulturpolitischen Bedingungen abgelehnt. Sein Geld verdiente er sich als Anstreicher und Posthilfsarbeiter. Im Privaten war er weiterhin künstlerisch aktiv, trat aber damit nicht mehr in die Öffentlichkeit[2]. Nachdem dann auch 1937 und 1938 Versuche zu emigrieren scheiterten, zieht Geitlinger sich in die ‚innere Emigration‘ zurück.

„Nur wenige Bilder von 1937 wie ‚Trommeln der Nacht‘ (G 50) oder ‚Vor der Mauer‘ (G 51) spiegeln die bedrohliche Situation der Zeit. Stattdessen baut sich Geitlinger eine heiter-phantastische Gegenwelt auf: ‚Schiffschaukel‘ (G 58), ‚Pferderennen‘ (G 62), ‚Clowns‘ (P 46) u.a. sind seine Antwort auf den vom braunen Terror beherrschten Alltag“.[3]

Das hier vorliegende „Riesenrad“ entstand 1940 und ist damit explizit in diese arge Schaffensphase einzuordnen.

Für den Künstler zweifelsohne eine entbehrungsreiche und einschneidende Zeit, die sich aber im Rückblick auf das künstlerische Schaffen zugleich als überaus innovativ und eigenständig erweist. Geitlinger kommt von einem mitunter farbstarken expressiven Realismus, doch zeichnen sich gerade seine Aquarelle ab etwa 1939 durch einen weitaus höheren Abstraktionsgrad und Minimalismus der Darstellung aus. Das Motiv wird oftmals auf wenige wesentliche Attribute reduziert, so dass man hier nicht selten an einen Einfluss Paul Klees denken mag. Die Farbgebung wird freier und ungebundener von den Konturen und mag in Teilen gar schon als Vorgriff auf das betrachtet werden, was im Späteren als ‚Abstrakter Expressionismus‘ bekannt wurde[4].

„Das Riesenrad“ kann hier als exemplarisch für das damalige Schaffen angesehen werden. Thematisch greift Geitlinger zweifelsohne ein unbedarftes, um nicht zu sagen: genrehaftes, Motiv aus. Dieser Jahrmarkt- bzw. Rummel-Topos findet sich dabei immer wieder in seinem damaligen Schaffen und verweist auf die von Nees zitierte „heiter-phantastische Gegenwelt“. Den Vordergrund bildet ein durch Schraffuren ausgeführter Weg mit Fußgängern und einem markant roten Radfahrer. Der darüberstehende mittlere Bereich zeigt das titelgebende Riesenrad, welches von zwei Bäumen eingerahmt wird. Im linken hinteren Bereich ist ein Gebäude erkennbar, das man wohl als Kirche deuten kann. Die gesamte Komposition wirkt wie aus einzelnen Bereichen zusammengesetzt; es gibt keine logisch inhaltliche Brücke zwischen dem Fußweg dem Riesenrad und dem hinteren Gebäude. Alles wirkt bruchstückhaft, traumhaft und lässt abermals an Paul Klee denken.
Farblich liegt das Gewicht auf den Komplementärfarben Rot und Grün, wobei sich am Riesenrad, wie auch bei den Passanten auch dezentes Gelb, sowie sehr wenig Blau findet. Die Farbgebung erscheint insgesamt sehr wild und in Teilen fast schon willkürlich, gleichsam so, als habe Geitlinger beispielsweise das Rot mehr hingespritzt als mit dem Pinsel gemalt.

Bezogen auf das damalige Kunstschaffen im Allgemeinen ist dieses „Riesenrad“ zweifelsohne eine große Herausforderung und eine überaus moderne Interpretation dieser Thematik. Im Kontext von Geitlingers Schaffen mag man in der Wildheit des Ausdrucks und der Abstrahierung des Motivs, ein Ventil sehen, dessen der Künstler notwendigerweise bedurfte, um die damalige Situation der ‚inneren Emigration‘ zu be- und verarbeiten. – Verkäuflich war diese Arbeit zum Entstehungszeitpunkt ohne Zweifel nicht…

[1] Die verso ausgeführte Bezeichnung (Titel, Signatur, Lokalisierung) dürfte wohl nachträglich vom Künstler ausgeführt worden sein. Laut Nees (2000: 18) mietete Marianne Geitlinger im Jahr 1942 in Seeshaupt “ein Zimmer im Haus Wagner in der Hauptstraße 4”. Über zuvor bestehende Beziehungen zu Seeshaupt ist nichts bekannt. Das hier vorliegende Aquarell datiert auf 1940, was die oben angesprochene zeitliche Versetzung nahelegt.
[2] In der umfassenden Bibliographie „Kunst des frühen 20. Jahrhunderts in deutschen Ausstellungen“ (hrsg. von Martin Papenbrock und Gabriele Saure, Weimar, 2000) ist Geitlinger einzig für die 1936 in Hamburg stattfindende Ausstellung „Malerei und Plastik“ des Deutschen Künstlerbunds verzeichnet, welche jedoch bezeichnenderweise auf politischen Druck hin vorzeitig wieder schließen musste.
[3] Roswitha Nees: Biographie, in: Ernst Geitlinger Gesellschaft, München (Hrsg.) (1991): Ernst Geitlinger. Werkverzeichnis 1924-1972, Saarbrücken: Verlag St. Johann, S. 13-24 [hier: 17].
[4] Hierbei ist vor allem zu denken an die herausragenden Aquarelle „Artisten“ (P 50, 1939), „An der Bar“ (P 51, 1939), sowie „Straßengespräch“ (P 53, 1939).

 

 

Zu Ernst Geitlinger (13.02.1895 Frankfurt a.M. – 28.03.1972 Seeshaupt)
Maler, Zeichner, Bühnenbildner; nach der Volksschule Besuch eines Internats in Waldkirch (bei Freiburg); 1912 Oberrealabschluss; 1913 Umzug der Familie nach New York; Beschluss Theatermaler zu werden, wozu sich Geitlinger an der National Academy of Design einschreibt; 1914 Bekanntschaft mit Ernst „Putzi“ Hanfstaengl, der in New York eine Malschule betreibt; bis 1918 arbeitet Geitlinger dort als Zeichenlehrer; Bekanntschaft mit Winold Reiss, bei dem er seine Kunststudien fortsetzt und in dessen Atelier er mitarbeitet; 1920 Heirat in New York mit Martha Kartenkamp; 1922 Rückkehr nach Deutschland (München); 1922-31 Studium an der Kunstakademie München (bei Karl Caspar); bis 1929 verbringt Geitlinger die Sommermonate in New York und arbeitet dort als Bühnenbildner; New York; ab 1929 in München ansässig; ab 1930 Atelier in München; 1931 erste Einzelausstellung in der Galerie Weber (Berlin); 1932 Mitglied der Juryfreien; Einrichtung eines Ateliers übder dem „Schwabingerbräu“ in der Feilitzschstraße 28; in den 1930er Jahren Zusammenarbeit mit dem Maler Georg Hans Müller; 1933 politisch bedingte Auswanderungspläne; 1935 zweite Heirat mit Marianne Isler, die Familie wohnt in der Kurfürstenstraße 39; 1935 werden bei einer Ausstellung auch Werke Geitlingers im Vorfeld der Eröffnung wieder abgehängt; 1936 Mitglied im Deutschen Künstlerbund; 1937 wird eine Arbeit Geitlingers („Schneelandschaft“, Aquarell) im Rahmen der Aktion „Entartete Kunst“ aus den Städtischen Museen Rostock beschlagnahmt; bis 1938 verschiedene Emigrationsversuche in die USA, UdSSR, nach Kolumbien; Geitlinger erhält keine Aufträge mehr, bereits ausgeführte Auftragsarbeiten für Verlage werden abgelehnt; Geitlinger zieht sich in die „innere Emigration“ zurück; er ist tätig als Anstreicher und Posthilfsarbeiter; weiterhin malt er heimlich weiter; um dem Kriegsdienst zu entgehen legt er am 12.03.1942 die Dolmetscherprüfung ab und wird in ein Gefangenenlager für Briten nach Hohenfels (Oberpfalz) verlegt; weiterhin ist er malerisch tätig; 1942 mietet Marianne Geitlinger ein Zimmer in Seeshaupt (Hauptstr. 4) und führt einen Teil der Bilder ihres Mannes dorthin über; am 10.03.1943 wird das Münchener Atelier bei einem Bombenangriff zerstört; 1945 kurzzeitig in amerikanischer Kriegsgefangenschaft; Anfang Juli 1945 Heimkehr und fortan ansässig in Seeshaupt; durch den Kunsthistoriker Dr. Hans Helmut Klihm und dessen Ehefrau Erika konnte Geitlinger neue Kontakte zu Sammlern und Museen knüpfen; Dezember 1945 erste Ausstellungsbeteiligung nach dem Krieg im Schaezler-Palais (Augsburg); im Weiteren zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen; 1946 Mitbegründer der Künstlervereinigung „Neue Gruppe“; 1948 Teilnahme an der Biennale in Venedig; 1949 Auftrag für das Bühnenbild und Kostümentwürfe für Igor Strawinskys „Orpheus“ an der Bayerischen Staatsoper; ab 1950 regelmäßig beteiligt an den Großen Münchner Kunstausstellungen; 1951 Beitritt zu den Darmstädter und Frankfurter Sezessionen; 1951-65 Professor an der Kunstakademie München; 1957 Italienreise; 1961 zwei Wandgestaltungen an der kaufmännischen Berufsschule Fulda; 1965 Gründung der privaten Malschule „Atelier Geitlinger“ in München; am 23.07.1983 gründen ehemalige Schüler Geitlingers die „Ernst Geitlinger Gesellschaft“; 1991 kam durch Schenkung ein Großteil des künstlerischen Nachlasses Geitlingers in den Besitz der Stadt Neu-Ulm; Werke Geitlingers befinden sich u.a. im Städel-Museum (Frankfurt a.M.), Sprengel-Museum (Hannover), in der Pfalzgalerie Kaiserslautern, dem Museum Ludwig (Köln), den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen (München), dem Lenbachhaus (München), dem Edwin-Scharff-Museum (Neu-Ulm), Saarland-Museum (Saarbrücken)

Literatur
NEES, Roswitha: Biographie, in: Ernst Geitlinger Gesellschaft, München (Hrsg.) (1991): Ernst Geitlinger. Werkverzeichnis 1924-1972; Verlag St. Johann; Saarbrücken; S. 13-24
NEES, Roswitha: Geitlinger, Ernst, in: „Allgemeines Künstlerlexikon“ (AKL), Onlineversion, Künstler-ID: 00055491
PAPENBROCK, Martin (1996): „Entartete Kunst“, Exilkunst, Widerstandskunst in westdeutschen Ausstellungen nach 1945. Eine kommentierte Bibliographie; Weimar: VDG; S. 454
SEIDENFADEN, Ingrid (1974): Einführung, in: Ernst Geitlinger 1895-1972 [Städtische Galerie im Lenbachhaus München, 10. Juli bis 1. September 1974]; Christoph Dürr Verlag; München; unpag.
Internetseite der Ernst Geitlinger Gesellschaft (ernst-geitlinger.de)