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Weitere Werke von Ernst Geitlinger
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„Alter Wirtshausgarten“ (1947)

Mischtechnik (Aquarell, Tempera, partiell mit Deckweiß gehöht) auf Velinpapier, verso an den Rändern umlaufend durch Klebeband unter Passepartout gesetzt

u.l. in Blei datiert „[19]47″
u.l. in Blei signiert „Ernst Geitlinger“, sowie verso o.m. nochmals in Blei signiert „Ernst Geitlinger“

Größe: 44,4 x 52,5m (Passepartoutausschnitt) bzw. 48 x 56cm (Blatt) bzw. 61,7 x 69,7cm (Passepartoutmaske)

€ 1.700,-

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Titel
verso oben mittig in Blei betitelt „Alter Wirtshausgarten“, nicht im WVZ von Roswitha Nees (1991), wohl identisch mit dem Werk „Der alte Wirtsgarten“ (August 1947, Nr. 52 in der vom Künstler geführten (unveröffentlichten) Werkliste)

Zustand
verso an den Rändern umlaufend durch Klebeband unter Passepartout gesetzt; Papier technikbedingt partiell etwas aufgeraut; verso etwas fleckig; Passepartoutmaske leicht nachgedunkelt

 

 

„In den ersten Monaten nach seiner Rückkehr [d.h. der Rückkehr aus der amerikanischen Gefangenschaft] erteilt Geitlinger Englischunterricht in Seeshaupt. Neue Kontakte zu Sammlern und Museen knüpft der befreundete Kunsthistoriker Dr. H. Klihm, der in seiner Schwabinger Wohnung eine kleine Galerie eröffnet. […]

Die erste Ausstellung an der sich Geitlinger nach fast 12 Jahren der Verfemung wieder beteiligt, findet im Dezember 1945 im Schaezler-Palais in Augsburg statt. Die von der amerikanischen Militärregierung unterstützte Ausstellung steht am Anfang einer geplanten Reihe über zeitgenössische deutsche Kunst. Vielbeachtet und von der Presse durchweg positiv bewertet, löst sie allerdings beim Publikum unterschiedliche Reaktionen aus. Besonders die Bilder Geitlingers […] sind Zielscheibe unflätiger Beschimpfungen.“[1]

In der Folge beteiligt sich Geitlinger rege am Kunst- und Kulturleben. Er wird 1946 Mitbegründer der Münchner Künstlervereinigung „Neue Gruppe“, deren Vorstand er bis 1950 angehört. In demselben Jahr lernt er Franz Roh (1890 Apolda – 1965 München) und etwas später auch Will Grohmann (1887 Bautzen – 1968 Berlin) kennen. Gerade in Grohmann findet Geitlinger einen wichtigen Unterstützer. Die Ablehnung, die wie oben exemplarisch beschrieben Geitlingers Schaffen in den ersten Nachkriegsjahren mitunter erfuhr, begründet Grohmann in einem Brief an Geitlinger trefflich damit, dass dieser „ein sehr wesentlicher Sonderfall“ sei[2].

Der hier gezeigte ‚alte Wirtshausgarten‘ ist in diese Schaffensphase einzuordnen. Der hohe Abstraktionsgrad, der sich gerade bei seinen Arbeiten auf Papier ab dem Ende der 1930er Jahre findet, wird hier fortgesetzt. Konturen und Farben werden aufgelöst, ohne aber doch die Gegenständlichkeit ganz zu verlassen. In den folgenden Jahren wird Geitlinger auch diesen Schritt noch konsequenterweise weitergehen.

In einzelnen signifikanten Merkmalen wird die Szenerie erkennbar. – Der Sichelmond oben mittig, Tisch und Getränke am unteren rechten Rand, sowie ein Paar in der linken Bildhälfte. Dazu mag man im Hintergrund Bäume in Form grüner Punktierungen zu deuten, die auch noch von einem bräunlichen Turm begleitet werden. Inhaltlich gesehen also fast schon ein romantisches Sujet. Der zentral ins Bild gestellte Mann macht einen weiten Schritt hin zu seiner Partnerin, ist ihr deutlich zugewandt, lächelt und reicht ihr auch die Hand. – Und man darf wohl in den überreichten gelben Punkten auch Blumen sehen. Die Frau trägt ein sehr schönes, mit Mustern besetztes Kleid, bleibt aber sonst reserviert, so dass es nicht sicher ist wie die Reaktion tatsächlich ausfällt.

Sehr schöne, eigenwillige Komposition aus der noch-gegenständlichen Schaffensphase von Ernst Geitlinger.

[1] Roswitha Nees: Biographie, in: Ernst Geitlinger Gesellschaft, München (Hrsg.) (1991): Ernst Geitlinger. Werkverzeichnis 1924-1972, Saarbrücken: Verlag St. Johann, S. 13-24 [hier: 18].
[2] Zitiert nach ebd.: 19.

 

 

Zu Ernst Geitlinger (13.02.1895 Frankfurt a.M. – 28.03.1972 Seeshaupt)
Maler, Zeichner, Bühnenbildner; nach der Volksschule Besuch eines Internats in Waldkirch (bei Freiburg); 1912 Oberrealabschluss; 1913 Umzug der Familie nach New York; Beschluss Theatermaler zu werden, wozu sich Geitlinger an der National Academy of Design einschreibt; 1914 Bekanntschaft mit Ernst „Putzi“ Hanfstaengl, der in New York eine Malschule betreibt; bis 1918 arbeitet Geitlinger dort als Zeichenlehrer; Bekanntschaft mit Winold Reiss, bei dem er seine Kunststudien fortsetzt und in dessen Atelier er mitarbeitet; 1920 Heirat in New York mit Martha Kartenkamp; 1922 Rückkehr nach Deutschland (München); 1922-31 Studium an der Kunstakademie München (bei Karl Caspar); bis 1929 verbringt Geitlinger die Sommermonate in New York und arbeitet dort als Bühnenbildner; New York; ab 1929 in München ansässig; ab 1930 Atelier in München; 1931 erste Einzelausstellung in der Galerie Weber (Berlin); 1932 Mitglied der Juryfreien; Einrichtung eines Ateliers übder dem „Schwabingerbräu“ in der Feilitzschstraße 28; in den 1930er Jahren Zusammenarbeit mit dem Maler Georg Hans Müller; 1933 politisch bedingte Auswanderungspläne; 1935 zweite Heirat mit Marianne Isler, die Familie wohnt in der Kurfürstenstraße 39; 1935 werden bei einer Ausstellung auch Werke Geitlingers im Vorfeld der Eröffnung wieder abgehängt; 1936 Mitglied im Deutschen Künstlerbund; 1937 wird eine Arbeit Geitlingers („Schneelandschaft“, Aquarell) im Rahmen der Aktion „Entartete Kunst“ aus den Städtischen Museen Rostock beschlagnahmt; bis 1938 verschiedene Emigrationsversuche in die USA, UdSSR, nach Kolumbien; Geitlinger erhält keine Aufträge mehr, bereits ausgeführte Auftragsarbeiten für Verlage werden abgelehnt; Geitlinger zieht sich in die „innere Emigration“ zurück; er ist tätig als Anstreicher und Posthilfsarbeiter; weiterhin malt er heimlich weiter; um dem Kriegsdienst zu entgehen legt er am 12.03.1942 die Dolmetscherprüfung ab und wird in ein Gefangenenlager für Briten nach Hohenfels (Oberpfalz) verlegt; weiterhin ist er malerisch tätig; 1942 mietet Marianne Geitlinger ein Zimmer in Seeshaupt (Hauptstr. 4) und führt einen Teil der Bilder ihres Mannes dorthin über; am 10.03.1943 wird das Münchener Atelier bei einem Bombenangriff zerstört; 1945 kurzzeitig in amerikanischer Kriegsgefangenschaft; Anfang Juli 1945 Heimkehr und fortan ansässig in Seeshaupt; durch den Kunsthistoriker Dr. Hans Helmut Klihm und dessen Ehefrau Erika konnte Geitlinger neue Kontakte zu Sammlern und Museen knüpfen; Dezember 1945 erste Ausstellungsbeteiligung nach dem Krieg im Schaezler-Palais (Augsburg); im Weiteren zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen; 1946 Mitbegründer der Künstlervereinigung „Neue Gruppe“; 1948 Teilnahme an der Biennale in Venedig; 1949 Auftrag für das Bühnenbild und Kostümentwürfe für Igor Strawinskys „Orpheus“ an der Bayerischen Staatsoper; ab 1950 regelmäßig beteiligt an den Großen Münchner Kunstausstellungen; 1951 Beitritt zu den Darmstädter und Frankfurter Sezessionen; 1951-65 Professor an der Kunstakademie München; 1957 Italienreise; 1961 zwei Wandgestaltungen an der kaufmännischen Berufsschule Fulda; 1965 Gründung der privaten Malschule „Atelier Geitlinger“ in München; am 23.07.1983 gründen ehemalige Schüler Geitlingers die „Ernst Geitlinger Gesellschaft“; 1991 kam durch Schenkung ein Großteil des künstlerischen Nachlasses Geitlingers in den Besitz der Stadt Neu-Ulm; Werke Geitlingers befinden sich u.a. im Städel-Museum (Frankfurt a.M.), Sprengel-Museum (Hannover), in der Pfalzgalerie Kaiserslautern, dem Museum Ludwig (Köln), den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen (München), dem Lenbachhaus (München), dem Edwin-Scharff-Museum (Neu-Ulm), Saarland-Museum (Saarbrücken)

Literatur
NEES, Roswitha: Biographie, in: Ernst Geitlinger Gesellschaft, München (Hrsg.) (1991): Ernst Geitlinger. Werkverzeichnis 1924-1972; Verlag St. Johann; Saarbrücken; S. 13-24
NEES, Roswitha: Geitlinger, Ernst, in: „Allgemeines Künstlerlexikon“ (AKL), Onlineversion, Künstler-ID: 00055491
PAPENBROCK, Martin (1996): „Entartete Kunst“, Exilkunst, Widerstandskunst in westdeutschen Ausstellungen nach 1945. Eine kommentierte Bibliographie; Weimar: VDG; S. 454
SEIDENFADEN, Ingrid (1974): Einführung, in: Ernst Geitlinger 1895-1972 [Städtische Galerie im Lenbachhaus München, 10. Juli bis 1. September 1974]; Christoph Dürr Verlag; München; unpag.
Internetseite der Ernst Geitlinger Gesellschaft (ernst-geitlinger.de)