C H R I S T I A N   R O H L F S

 

Weitere westfälische Künstler

 

 

„Trinker“

Monotypie mit Übermalungen in Tusche, auf dünnem, weißem Papier, verso an den oberen beiden Ecken befestigt auf bräunlichen Unterlagekarton, dieser verso am oberen Rand befestigt auf festerem Japanpapier

nicht datiert [um 1915];
Titel: „Trinker“ [Vogt 80]

Größe des unterlegten Papiers: 34,5 x 23cm
Blattgröße: 12,8 x 8,5cm

u.r. in Blei signiert „Chr. Rohlfs“, sowie verso auf Japanpapier mittig in Blei (von Helene Rohlfs?) bez. „Christian Rohlfs“

€ 980,-

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Zustand
Ecken o.l. und o.r. montierungsbedingt leicht knittrig, sowie jeweils mit minimalen Löchlein; leichte Druckstellen im Blatt; Japanpapier minimal fleckig und mit leichten Druckstellen; Blattränder mitunter etwas uneben zugeschnitten; verso auf Japanpapier o.m. in Blei bez. „H / Nr. 36 Trinker“, o.l. in Blei bez. „K.V.“, o.r. in Blei bez. „I 1“ [‚römisch Eins‘ 1]

 

Provenienz
Prof. Ludwig Hoelscher (23.08.1907 Solingen – 08.05.1996 Tutzing), Cellist; erhalten von Helene Rohlfs (1892-1990)
[Ludwig Hoelscher war eng befreundet mit der Witwe des Künstlers,Helene Rohlfs. In Hoelschers Sammlung befanden sich mehrere Werke von Christian Rohlfs – verwiesen werden kann an dieser Stelle bspw. auf „Zweig mit gelben Früchten“ (Aquarell & Gouache, 1931, zuletzt (2014): Thole Rotermund Kunsthandel, Hamburg), „Weiblicher Akt“ (Gouache, 1913, zuletzt: 28.10.2011, Ketterer, München, Auktion 383, Los 724). ] In Kopie liegt ein, auf den 2. Februar 1977 datierender Brief von Helene Rohlfs an Ludwig Hoelscher vor, der sich aller Wahrscheinlichkeit nach auf vorliegenden Abzug des „Trinkers“ bezieht. Hierin schreibt sie u.a.:
„[…] Jetzt zu meinem Gruß und Dank für Dich, lieber Ludwig. Ich glaube, das Beste ist es, was ich oft tue, ich bitte Dich: bringe mir das Blatt gelegentlich zurück, und ich bereite Dir hier eine kleine Auswahl vor, und Du wirst etwas finden, was Dir mehr Freude macht, als dieser kleine ‚Landstreicher‘ der sein Fläschen liebt. (Einverstanden?) […]“
Wenn sich, wie anzunehmen ist, der ‚kleine Landstreicher‘ auf die vorliegende Monotypie bezieht, dann bleibt nur der Schluss, dass Ludwig Hoelscher diesem Vorschlag von Helene Rohlfs nicht gefolgt ist.

 

 

„Von Anfang an ist in der Graphik von Christian Rohlfs der Mensch das Hauptthema gewesen, in sehr viel stärkerem Maße, als das in seiner Malerei der Fall war. Nicht immer sind es die tragischen Seiten des menschlichen Daseins, die ihn zum Schaffen anregten […], es sind auch nicht allein formale Probleme, die ihn etwa im Zusammenhang mit der Erscheinung des Menschen gereizt hätten, obwohl manches graphische Blatt auch von dieser Seite seiner Arbeit zeugt. Der überwiegende Teil der Drucke dieses Themenkreises, die vielen Männchen, Fabelwesen, Köpfe und Kobolde sind ganz unartistisch und heiter, ohne Bedeutungsschwere, wie Folgen eines launischen Einfalls. Das unterscheidet sie nicht nur im Format, sondern auch in ihrer Technik von den bedeutenden Schnitten, die in ihrer Durcharbeitung das langsame Entstehen und mühevolle Arbeiten an der Form erkennen lassen“ (Paul Vogt (1960): Christian Rohlfs. Das graphische Werk; Recklingshausen: Aurel Bongers; S. 61).

Die vorliegende Arbeit ist zweifelsohne zu diesem ‚überwiegenden Teil der Drucke‘ von Rohlfs zuzuordnen. Von diesem „Trinker“ schuf Rohlfs mehrere Fassungen, welche sich neben der Farbgebung auch in der Technik unterscheiden. Neben dem üblichen Holzschnitt, entstanden auch Farbholzschnitte, Reibedrucke und Monotypien. Zwei zu dem vorliegenden Blatt vergleichbare Farbmonotypien wurden am 03.12.2008 bei Van Ham (Köln) als Los 201 (Konvolut zusammen mit einem Holzschnitt des „Trinkers“) versteigert. Vergleichbare Übermalungen in Tusche finden sich u.a. auf dem Holzschnitt-Exemplar des „Trinkers“ im „Museum of Modern Art“ (New York, Inv.-Nr. 47.1962). Weiterhin ist ein Exemplar mit Tempera-Übermalung nachweisbar (Wilfried Utermann (1987) (Hrsg.): Christian Rohlfs. Das druckgraphische Gesamtwerk; Dortmund: Galerie Utermann; S. 98 (Nr. 111)). Diese Vielseitigkeit ist keine Besonderheit für den „Trinker“, sondern vielmehr eine künstlerische Eigenart im druckgrafischen Werk von Rohlfs. Dietmar Elger führt hierzu aus, dass Rohlfs den Großteil seiner Grafiken „einzeln und auf den verschiedensten Papieren gedruckt, meist eigenhändig abgezogen und dabei häufig zusätzlich bearbeitet [hat]. Kein druckgraphisches Blatt gleicht so exakt dem anderen, jedes besitzt den Charakter des Unikates“ (Dietmar Elger (1987): Zu den druckgraphischen Arbeiten von Christian Rohlfs, in: Wilfried Utermann (1987) (Hrsg.): a.a.O.; S. 15-17 [hier: 15]; vgl. hierzu ebenso Vogt 1960: 6).

Explizit zu dem Trinker ist unbedingt noch zu verweisen auf die überaus wortreiche Beschreibung und Einordnung des Werkes bei Paul Vogt, der dieses Blatt als beispielhaft für die Themengruppe „Mensch“ im druckgrafischen Werk von Rohlfs anführt:
„Dieses Motiv hat nicht allein durch die Komik der Situation […], sondern auch durch den Glanz genießerischer Freude – rein graphisch durch das vollkommen beherrschte Spiel der Linien ausgedrückt – seine Wirkung auf den Betrachter nie verfehlt. Hingebungsvoll schmunzelnd, ganz im Vorgenuß des nahenden Trunkes schwelgend, hält der Trinker stille Zwiesprache mit seiner Flasche, dem Inbegriff seiner Seligkeit. Jede Linie an ihm sehnt sich nach ihr: der Rand der Mütze scheint sich zu längen, die Nase schnuppert begehrlich den Duft, und über Hals und Brust züngelt eine weiße, weit geschwungene Linie, wie um nach ihr zu greifen“ (ebd.: 64).

Durch die monotypische Ausführung wie auch insbesondere durch die schwungvollen Übermalungen in Tusche erhält das vorliegende, wunderbare „Trinker“-Exemplar zweifelsohne unikatären Charakter.

 

 

Zu Christian Rohlfs (22.12.1849 Niendorf – 08.01.1938 Hagen):
Maler, Zeichner, Grafiker; 1851 die Familie zieht nach Fredesdorf; 1864 aufgrund eines Sturzes von einem Baum, verletzt er sich am Bein und ist ans Bett gebunden, wobei er beginnt zu malen (unterstützt von dem Hausarzt Dr. Stolle, dem Schwager Theodor Storms); ab 1866 Besuch des Realgymnasiums in Bad Segeberg; 1869/70 besucht er auf Empfehlung Theodor Storms Ludwig Pietsch in Berlin; 1870 Pietsch empfiehlt ihn an die Akademie in Weimar, wo er zum 1. Oktober sein Studium aufnimmt (bei Paul Thumann); 1871 das Beinleiden wird schlimmer und es bedarf eines Klinikaufenthaltes in Jena; 1873 Amputation des rechten Beines und Rückkehr nach Fredesdorf; zum 1.Oktober 1874 erneute Studienaufnahme in Weimar (bei Ferdinand Schauss); 1875 Studienaufenthalte in Weißenfels und Dresden; 1876 Lehrzeit bei Alexander Struys; 1877 zum ersten Mal werden Werke von Rohlfs in der Weimarer Kunstschule gezeigt; 1879 Studienreise nach Eisenach und in die Rhön; 1880 wird sein Gemälde „Römische Bauleute“ in Düsseldorf ausgestellt; 1881 Zerwürfnis mit Struys und Hinwendung zu Willem Linnig; 1882 Atelierschüler bei Max Thedy; am 15. Juni 1884 wird er zum selbstständigen Künstler erklärt; 1886 Aufenthalt in Hoof bei Kassel; 1888 erste impressionistische Einflüsse und in der Folge Begegnungen mit Werken der französischen Impressionisten; 1895 ein Jahr Aufenthalt in Berlin; 1899 Aufenthalt in Lübeck; 1900 durch Vermittlung von Henry van de Velde kommt Rohlfs in Kontakt mit Karl Ernst Osthaus; 1901 zusammen mit seinem Freund Karl Arp zieht Rohlfs nach Hagen; am 25.12.1902 wird ihm der Professorentitel verliehen; 1903 Aufenthalt in Hagen/Holstein, es entstehen erste Aquarelle; 1904 Bekanntschaft mit Dr. Kaesbach in Hagen, sowie mit Edvard Munch; 1905 verbringt er die Sommermonate in Soest; Freundschaft mit Emil Nolde; 1907 Mitglied des von Osthaus geleiteten „Sonderbundes westdeutscher Kunstfreunde und Künstler“; 1908 Reisen in die Rhön und nach Bayern; es entstehen die ersten Holzschnitte; 1909 Ausstellung im Folkwang-Museum; 1911 Mitglied der Neuen Secession Berlin; 1914 aufgrund des Kriegsausbruches ist Rohlfs mehrere Monate arbeitsunfähig; ordentliches Mitglied der „Freien Secession“ in Berlin; 1919 Heirat mit Helene, geb. Vogt; 1924 zum 75. Geburtstag wird er zum Ehrenbürger der Stadt Hagen ernannt, sowie Mitglied der Preußischen Akademie der Künste; 1925 außerordentliches Mitglied der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf; 1926 entstehen die letzten druckgrafischen Arbeiten; 1927 erste Reise nach Ascona und ab 1929 jedes Jahr dort; 1933 erwirbt der Louvre eine Tempera-Arbeit; 1937 werden im Zuge der „Entarte Kunst“-Aktion zahlreiche Werke von Rohlfs aus Museumsbesitz beschlagnahmt; 8. Januar 1938 Verkaufsverbot

Literatur (Auswahl)
Fuß, Rowena: Christian Rohlfs, in: „Allgemeines Künstlerlexikon“, Online-Version, Künstler-ID: 00163621
Utermann, Wilfried (1987) (Hrsg.): Christian Rohlfs. Das druckgraphische Gesamtwerk; Dortmund: Galerie Utermann
Vogt, Paul (1960): Christian Rohlfs. Das graphische Werk; Recklingshausen: Aurel Bongers
Vogt, Paul (1958): Christian Rohlfs. Aquarelle und Zeichnungen; Recklingshausen: Aurel Bongers