B E R N H A R D   H E Y D E

 

Weitere Werke von Bernhard Heyde

 

 

„8 Tage […]“ (1943)

Tuschpinsel, teilweise grau laviert, auf leicht strukturiertem Aquarellkarton
verso u.r. (von fremder Hand?) in Blei datiert „1943“

Größe: 22,8 x 15,1cm

verso u.r. in Blei von signiert [oder von fremder Hand bezeichnet?] „Bernhard Heyde“
im oberen Bildteil, teilweise undeutlich, bezeichnet „8 Tage […]“; womöglich eine Geschenk-, Jubiläumskarte

€ 240,-

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Zustand
am linken Rand mittig gelocht (zwei Löcher mittig); oberer Rand mit Abrissspuren (etwas bestoßen, sowie oben links minimale Ausrisse); Blatt mittig mit sehr leichter horizontaler Knickspur; insgesamt Papier sehr leicht nachgedunkelt; verso unten links kleiner Fleck

 

 

Freundliche Hinweise zur Einordnung des Werks kamen dankenswerterweise von Dr. Maike Bruhns (Hamburg).


 

 

“Während der NS-Zeit entstanden kaum Bilder, wenige realistische Temperas von Landschaften und Porträts sowie drei Selbstbildnisse. […] Er [i.e. Bernhard Heyde] skizzierte ständig. Auf Rezeptblättern karikierte er wenig zimperlich seine Patienten […]. Die Malerei war für den Künstler der Weg das zu verarbeiten, was ihn bedrängte. Er malte und zeichnete bis zu seinem Tode weiter. In rund 50 Jahren entstand ein umfangreiches Werk von großer künstlerischer Kraft.” [Bruhns 2001: 199.]

Die vorliegende Tuschzeichnung datiert dem rückeitigen Hinweis nach auf das Jahr 1943 und damit in jene für Bernhard Heyde und dessen Familie so einschneidende, arge Lebensphase.
Womöglich kann das Werk als ein Widmungsblatt bzw. als ein Geschenk zu einem Jubiläum betrachtet werden.
Eine große, in der Mitte des Bildes sitzende Männerfigur wird von zwei Frauen und einem kleineren Mann beglückwunscht.

 

 

Zu Bernhard Heyde (11.02.1899 Augsburg – 08.05.1978 Hamburg):
Maler, Zeichner, Arzt; Sohn des Berliner Kaufmanns und Fabrikanten Richard Heyde und seiner Frau Johanna, geb. Petermann; ab 1917 Kriegsdienst als Infanterist; bis 1923 Medizinstudium in München mit anschließender Approbation; 1925 Heirat mit der Schauspielerin Ida Ehre (1900 Prerau – 1989 Hamburg) und Geburt der Tochter Ruth; 1929 Promotion; Facharzt für Gynäkologie und in diesem Bereich in leitender Position in Stuttgart tätig; 1930-32 Schiffsarzt des Norddeutschen Lloyd; 1933 wurde seine Frau aufgrund ihrer jüdischen Herkunft mit Berufsverbot belegt; in der Folge hatte er bis 1939 eine Niederlassung in Böblingen mit Privatpraxis, in der seine Frau nach der Machtergreifung der NSDAP als Sprechstundenhilfe arbeitete; 1939 Emigrationsversuch der Familie mit dem Schiff „SS Rhoda“ nach Chile, wobei das Schiff aufgrund des Kriegsausbruchs bei den Azoren zur Rückkehr gezwungen wurde; Ankunft in Hamburg und dort von der Gestapo festgehalten; Bernhard Heyde wurde mehrfach von Gestapo und der Ärztekammer vorgeladen und dazu gedrängt sich scheiden zu lassen, dem er sich aber nicht beugte; zudem wurde er als „wehrunwürdig“ eingeordnet, da er in „Mischehe“ lebte und durfte fortan nicht mehr privat praktizieren; Juli 1943 Verhaftung von Ida Ehre und Einlieferung in das Zuchthaus Fuhlsbüttel; Heyde erreichte deren Freilassung durch einen Bittbrief an seinen ehemaligen Schulkameraden Heinrich Himmler; noch im Februar 1945 sollte Ida Ehre nach Theresienstadt deportiert werden, doch tauchte sie kurz davor bei der Schauspielerin Marianne Wischmann unter; nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnete Heyde eine Privatpraxis an der Ecke Feldstraße (Hamburg); 1953 Schlaganfall von dem er sich jedoch wieder langsam erholte

Freundschaft mit Siegfried Lenz, der über Heyde sagte: „Er sah anscheinend mehr, erlebte etwas intensiver, bedrängender, eben auf seine Art.“

Ebenso schätzte der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt (1918-2015) Bernhard Heyde als Mensch wie auch als Künstler sehr und schrieb über diesen:

„Bernhard Heyde hat in Hamburg nicht immer im Rampenlicht gestanden, im Theater blieb er immer hinter den Kulissen. Er muß für Frau Ida Ehre eine große Bedeutung gehabt haben – und hat sie wohl heute noch. Eigentlich, liebe Ida Ehre, eigentlich schulden Sie Ihrem verstorbenen Mann eine Ausstellung seiner Bilder und Zeichnungen – übrigens auch unsertwegen, weil wir Sie dann vielleicht noch besser verstehen können!“

Als Künstler war Bernhard Heyde Autodidakt und wollte nicht als Künstler gelten. Dennoch zeichnete und malte er ununterbrochen. Künstlerisch orientierte er sich vor allem an u.a. Otto Dix, George Grosz, A. Paul Weber, sowie in etwas früheren Jahren an Ludwig Meidner und Oskar Kokoschka. Während des Dritten Reiches malte er so gut als gar nicht. Nach dem Krieg verarbeitete er die Erlebnisse in surreal-phantastischen Werken.

Ausstellungen (Auswahl)
1990, Galerie Art East, Hamburg; 1990, Galerie Contact, Böblingen; 2000, Hamburgische Landesbank, Hamburg

Werke
Stadt Böblingen; Altonaer Museum, Hamburg

Literatur
Familie Kay Rump (Hrsg.): Der neue Rump. Lexikon der bildenden Künstler Hamburgs (überarbeitet von Maike Bruhns); Wachholtz; Neumünster – Hamburg; S. 195
Bruhns, Maike (2001): Kunst in der Krise (Band 2); Dölling und Galitz; Hamburg; S.197-199
Bruhns, Maike (2005): Ausgegrenzt. Kunst in Hamburg 1933-1945; Bremen: Hauschild; S. 105-106
Schmidt, Helmut: Liebeserklärung an eine alte Dame. Ida Ehre, Schauspielerin und Prinzipalin, wird am 4. Oktober Ehrenbürgerin der Stadt Hamburg, in: “Die Zeit”, Jg. 40 (1985), Nr. 4