Wilhelm von Hillern-Flinsch

(26.03.1884 in Freiburg i.B. – 11.04.1986 München)

Kunst am Scheideweg

Themenflyer

 

Wilhelm von Hillern-Flinsch, Sonnenblumen, 1936, Öl/Lw., 91,0 × 51,3 cm, signiert, 4.200€

 

Liebe Kunstfreunde,

dieses Mal möchte ich Sie mit Hilfe eines besonderen Bildes mitnehmen, in eine Zeit der Wirren und Repressalien, der Widersprüche und Ambivalenzen.
Im Jahr 1937 wurden alle deutschen Künstler dazu aufgerufen, „das Vollkommenste, Fertigste und Beste“ ihrer Kunst zur ersten Großen Deutschen Kunstausstellung im Haus der Deutschen Kunst in München einzuliefern.
Die Ausstellung war ein groß geplantes Ereignis und in unzähligen Zeitschriften und Zeitungen angekündigt. Etwa 25.000 Werke wurden zur Einlieferung angemeldet, wovon tatsächlich 15.000 Werke nach München kamen. Von diesen wiederum wurden 894 Katalognummern mit insgesamt 1.179 Exponaten ausgewählt und bei der ersten Großen Deutschen Kunstausstellung ausgestellt. Eingeliefert hatte damals fast jedes ordentliche Mitglied der Reichskammer der bildenden Künste. Die Vorstellung jedoch, was eben das „Vollkommenste, Fertigste und Beste“ der Kunst jener Zeit sein sollte, riss einen tiefen Graben durch die damalige Künstlergeneration.

Für den in München ausgebildeten und ab 1936 in Berlin lebenden Wilhelm von Hillern-Flinsch (1884 Freiburg i.Br. – 1986 München) bestand das „Vollkommenste“ seiner damaligen Kunst in den hier vorgestellten, beinahe surreal anmutenden, wild wachsenden Sonnenblumen. Er wählte eine im wahrsten Sinne des Wortes ‚verrückte‘ Perspektive, um das „Fertigste“ und „Beste“ seiner Kunst darzustellen. Die sich hoch emporreckenden, goldgelben Sonnenblumen fallen sprichwörtlich dem Betrachter schon fast ins Auge. Und in deren expressiver Malweise weckt Hillern-Flinsch deutlich Reminiszenzen an Werke von Van Gogh, die nicht unwesentlich einen Vorbildcharakter gehabt haben dürften.

Nachdem sich das Bildgefüge langsam geordnet hat, lässt sich im linken Bildbereich ein rötlich-violetter, magentafarbiger Holzzaun erkennen, der sich unmittelbar aus dem Vordergrund in zackigen Linien bis in den Hintergrund zieht. Die in matten Grüntönen flächig angedeutete Wiese lässt an eine Weide oder einen Bauerngarten denken. Es sind nun vor allem zwei Momente, die besonders auffallen. Zum einen die Wirkkraft der Farbgebung, zum anderen das Spiel mit der Perspektive und der Bildtiefe. Die kräftigen, satten Blüten in ihren Gelb-, Orange- und Brauntönen warm und lebendig, verstärken den Effekt des Zaunes in seinem knalligen Rotviolett. Der Zaun schlängelt sich trunken zum Hintergrund, in der sich ein irreal steiler Hügel zu erheben scheint. Unterstützt wird diese Spannung durch die dezent vermittelte Bildtiefe, welche Hillern-Flinsch neben der Ausrichtung des Zaunes, allein durch die Farbgebung erzeugt. Nähere Bereiche wie die Sonnenblumen werden satter und mitunter pastos gemalt, wogegen weiter entfernt liegende Bildpunkte nur getupft werden.

Trotz der künstlerischen Qualität, sowie wohl auch gerade wegen der expressiven Malweise, entschied die Ausstellungs-Jury dieses Bild abzulehnen. Erfolglos blieb Hillern-Flinschs Bemühen, ein anderes Kunstverständnis durch einen solchen expressiven Impetus dem breiten Publikum vorzustellen.
Die Kunst an ihrem Scheideweg – dargestellt an einem Einzelschicksal… Doch Hillern-Flinsch steht mit seinem Versuch keineswegs alleine da. Solch moderne Künstlerkollegen wie Artur Hennig, Leo von König und Gabriele Münter scheiterten ebenso mit ihren Einlieferungen.
Ob moderne Künstler bzw. expressive Realisten auch auf eine solche Weise versuchten die Kunstentwicklung im Dritten Reich zu beeinflussen, kann aufgrund der Forschungslage nur als Hypothese formuliert werden. Vorliegendes Gemälde darf dabei in diesem Kontext als ein bedeutendes zeit-, und kunsthistorisches Dokument verstanden werden. Ebenso muss offen bleiben, inwieweit expressive Künstler wie Hillern-Flinsch ihre Einlieferungen auch als (stillen, intellektuellen) Widerstand gegenüber der herrschenden Kunstausrichtung betrachteten.

…wenige Jahre nach diesem Geschehen rund um die ‚Sonnenblumen‘: Wilhelm von Hillern-Flinsch geht auf Reisen. Mit dem Schnellzug nach Ostpreußen, zu einem Schulkameraden aus der Kloster-Roßleben-Zeit, Horst Freiherr von Buddenbrock, auf Gut Forken. Hier kann er frei zeichnen. Im ersten Kriegsjahr 1939 wird er als Hauptmann a.D. einberufen. Doch Hillern-Flinsch verweigert den Fahneneid auf Hitler, so dass er nicht mehr zum Kriegsdienst eingezogen wird. 1943 wird sein Berliner Atelier ausgebombt. Hillern-Flinsch flüchtet ins Grüne, nach Kärten und später weiter nach Gastein. Hier findet er neue künstlerische Einflüsse. Mit der Feldstaffelei, dem schwerbepackten Rucksack zieht er hinaus in die Berge. Er überlebt den Krieg und setzt sein künstlerisches Schaffen ungebrochen fort. Eines seiner bekanntesten Spätwerke, die Illustrationsfolge zur ‚Ilias‘, widmet er fünf ehemaligen Klassenkameraden aus der Klosterschule Roßleben, die aufgrund ihrer Beteiligung am Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 hingerichtet wurden.

Habent sua fata picturae… So verbleibt einmal mehr herzlichst grüßend Ihr nachdenklicher Maximilian v. Koskull

 

 

 

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