H E I N R I C H   L E S S I N G

 

Weitere Berliner Künstler

 

 

Zwei blonde Jünglinge im Fluss vor einer Stadtkulisse

Öl über leichten Bleistiftvorzeichnungen auf Holz, gerahmt
nicht datiert, (wohl) um 1890

u.l. signiert „Heinrich Lessing“
nicht betitelt, zwei blonde Jünglinge im Fluss vor einer Stadtkulisse, verso (wohl) irrtümlich bez. „Rattenburg[sic!] / Inn“

€ 1.400,-

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Rahmengrösse: 61,5×72,5cm
Bildgrösse: 49,7x61cm

Zustand
partiell an wenigen Stellen sehr leicht berieben; an Rändern rahmungsbedingt etwas berieben; verso (teilweise undeutlich) in Blei bez.

 

 

Heinrich Lessing entstammte einer bedeutenden Künstler- und Gelehrtenfamilie, die in direkter Verwandtschaft zu Gotthold Ephraim Lessing steht. Von seinem Vater Carl Friedrich Lessing (1808-1880) erhielt er auch den ersten künstlerischen Unterricht, bevor er seine Ausbildung an der Kunsthochschule Karlsruhe (1872-41 und 1876-78) und in Berlin (1879-82) fortsetzte. 1883 hielt er sich ein Jahr lang in Antwerpen auf, was sich ebenfalls prägend auf sein Schaffen auswirkte. Ab dieser Zeit war er als freischaffender Künstler tätig und erhielt in der Folgezeit auch Aufträge des preußischen Kronprinzen, des späteren Kaisers Wilhelm II. Heinrich Lessings malte bevorzugt Genreszenen, Porträts und Landschaften, wobei seine Arbeiten „dem historisierenden Zeitgeschmack [entsprechen]“ (Jörg Kuhn) .
Vorliegendes Gemälde versetzt den Betrachter an das Ufer eines ruhigen Flusses, hinter dem sich die verwinkelten Häuser einer Stadt aufbauen. Die rückseitige, alte Lokalisierung nach Rattenberg am Inn muss, aufgrund deutlicher Unterschiede bei markanten Gebäuden, wohl als irrig angesehen werden. Von der Stadtkulisse zum linken Bildrand bildet im mittleren Bildbereich ein Grünstreifen aus Bäumen eine Horizontale, von welcher wiederum eine Reihe aus acht Pappeln auf den Betrachter zuführt. Der Fluss wirkt dadurch malerisch eingerahmt in die Idylle aus Natur und Stadt.
Neben dieser rein deskriptiven Darstellung der Umgebung, fügt Lessing mit den beiden im bzw. am Fluss stehenden blonden Jünglingen ein feines, narratives Element in die Komposition ein. Der eine scheint gerade dem Wasser zu entsteigen, dehnt sich und streicht noch etwas Wasser aus seinen Haaren. Dem Betrachter kehrt er den Rücken zu. Ganz anders dagegen der am Flussrand Stehende. Dieser blickt dezidiert in unsere Richtung und seine Haltung, die linke Hand auf dem Rücken und die rechte locker vor dem Bauch, vermittelt eine gewisse eingeübte Haltung. Es scheint zudem, als halte er in seiner rechten Hand eine Zigarette deren dezenter Rauch sanft nach oben steigt. Was die Beiden dort genau trieben, ob auch der nun Angezogene zuvor baden war – dies alles lässt Lessing für die Phantasie des Betrachters bewusst offen.
Als ein sehr schönes, wirkkräftiges Gestaltungsmitteln erweist sich die Lichtsetzung, welche in ihrer Ausführung wohl zumindest in Teilen auf den einjährigen Antwerpen-Aufenthalt des Künstlers zurückgeführt werden kann. Beinahe die gesamte Szenerie zeigt sich unter einem dicht bewölkten, grauen Himmel. Einzig ganz im Hintergrund bricht die Wolkendecke auf und ein klarer, heller Streifen wird sichtbar. Zugleich fällt auch in diesem hinteren Bildbereich das Sonnenlicht auf die Häuser und lässt deren dem Wasser zugewandte Seiten als goldstrahlend, quasi den jungen frischen Morgen grüßend erstrahlen.
Überaus stimmungsvolle Arbeit mit einer wunderschön erzählerischen Note.

 

 

Zu Heinrich Lessing (29.05.1856 Düsseldorf – 17.01.1930 Berlin):
Maler; entstammte einer Künstlerfamilie, die zur direkten Verwandtschaft von Gotthold Ephraim Lessing gehört; jüngster Sohn von Carl Friedrich Lessing (1808-1880), Bruder von Konrad Ludwig (1852-1916) und Otto (1846-1912), Onkel von Hans Koberstein (1864-1945); Besuch des Gymnasiums in Karlsruhe; erste künstlerische Ausbildung beim Vater Carl Friedrich; 1872-74 und 1876-78 Studium an der Kunsthochschule Karlsruhe; 1879-82 Studium in Berlin (bei Karl Gussow und Eduard Hildebrandt); 1877 gemeinsam mit seinem Vater und seinen Brüdern Studienreise durch das Rheinland und die Eifel; ab 1879/80 ansässig in Berlin; ab 1881 bis zu seinem Tod Mitglied des Vereins Berliner Künstler; 1881-1911 Beteiligungen an den Ausstellungen der Berliner Akademie; 1883 einjähriger Aufenthalt in Antwerpen; ab 1887 erhielt er Aufträge zu Bildnissen des preußischen Kronprinzen bzw. (ab 1888) des Kaisers Wilhelm II.; 1891 Heirat mit Elisabeth, geb. Kessler, mit der er zwei Söhne hatte; 1893 Auftragsarbeit für Kaiser Wilhelm II. in der er ein Gruppenporträt der kaiserlichen Familie für das Neue Palais in Sanssouci malte; ab 1898 unterhielt er ein Schüleratelier; Werke befinden sich u.a. im Deutschen Historischen Museum (Berlin), im Goethe-Museum (Frankfurt a.M.), in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe und der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (Potsdam); Heinrich Lessing malte bevorzugt Genreszenen, Porträts und Landschaften

Literatur
KUHN, Jörg, Lessing, Heinrich, in: „Allgemeines Künstlerlexikon (AKL)“, Onlineversion, Künstler-ID: 00088980
BÖRSCH-SUPAN, Helmut (1991): Verein Berliner Künstler: Versuch einer Bestandsaufnahme von 1841 bis zur Gegenwart; Berlin: Nicolai; S. 208
MICHAELIS, Sabine (Bearb.) (1982):Freies Deutsches Hochstift – Frankfurter Goethe-Museum. Katalog der Gemälde; Tübingen: Max Niemeyer; S. 78
MÜLFARTH, Leo (1987): Kleines Lexikon Karlsruher Maler; Badenia-Verlag; Karlsruhe; S. 205