G I O V A N N I   B A T T I S T A   T O S O L I N I

 

 

Giovanni Battista Tosolini

 

David präsentiert zwei Frauen aus Jerusalem den Kopf Goliaths

schwarze Kreide (teilweise gewischt) auf Bütten (angeschnittenes Wasserzeichen am linken Rand; oben, rechts, unten Goldschnitt), verso am oberen Rand durch zwei Klebestreifen in Passepartout gesetzt
nicht datiert, um 1780-86

u.r. (wohl) von fremder Hand bez. „G.B. Tosolini“
nicht betitelt

€ 1.200,-

 

 

                             

 

Passepartoutgrösse: 35,1x28cm
Blattgrösse: 21,5×15,1cm
Grösse des Passepartoutausschnitts: 20,8×14,4cm

Zustand
Blatt am oberen Rand durch zwei Klebestreifen in Passepartout gesetzt; recto in Ecke o.r. von fremder Hand in dunkler Tinte nummer. „21“, sowie verso o.l. ebenso nummer. „22“; in den Randbereichen mitunter leicht gebräunt; in der Blattmitte (etwa beim Kopf und Hals der linken Frau) leicht fleckig; verso u.m. etwas fleckig

Provenienz
1) Theophil Friedrich Jakob Künhans (1727 Wernigerode – April 1786)
2) 06. Dezember 2012, Christie´s, South Kensington, Auktion [Old Master & Early British Drawings & Watercolours (Sale 7893)], Los 80 [zusammen mit einer Zeichnung von Girolamo Iseppi]

 

 

Der 1739 geborene Giovanni Battista Tosolini sollte dem Wunsch seiner Familie entsprechend einen geistlichen Beruf ausüben, schlug dann aber doch seinen Neigungen folgend die künstlerische Laufbahn ein. Hierzu verzog er um 1757 nach Venedig, um seine Ausbildung an der dortigen Akademie fortzusetzen. 1765 wurde er in die Gilde venezianischer Maler (‚Fraglia dei Pittori‘) aufgenommen, was ihm hohes Ansehen und auch Schüler einbrachte, welche er in seinem eigenen Atelier unterrichtete. Um 1781 kehrte Tosolini in seine Heimatregion Udine zurück, eröffnete dort ebenso ein Atelier und nahm Schüler auf. Für mehrere Kirchen wird er künstlerisch tätig.
Ab etwa 1773 ist der Aufenthalt von Theophil Friedrich Jakob Künhans in Venedig belegt, so dass es zeitlich gesehen viele Möglichkeiten gab, in denen Tosolini mit Künhans in Kontakt kam.
Als Andenken für Künhans wählte Tosolini den biblischen Helden David. Der Kampf gegen Goliath und dessen Ermordung (1. Sam. 17) ist bereits geschehen und David präsentiert den Kopf des Philisters zwei Frauen. Das Musikinstrument in den Händen der Liegenden, sowie die im Hintergrund nur angedeutete musizierende Person verweisen darauf, dass es sich hierbei um jene Frauen handelt, die nach dem erfolgreichen Kampf Davids gegen Goliath auf die Straßen gingen, um David mit Gesang, Reigen und Musik zu begrüßen (1. Sam. 18,6). Der Neid und der Zorn Sauls sind die Folgen hiervon (1. Sam. 18,7ff.), doch wird dies von Tosolini nicht thematisiert.
Für den Künstler steht der Moment des Zeigens, des Belegens seines Erfolgs im Zentrum. Mit einem leicht lächelnden Blick wendet sich David den Frauen zu und hält ihnen das Haupt entgegen. Während die hintere der Beiden ihre rechte Hand beinahe etwas erschrocken und erstaunt hebt, hat ihre Partnerin keinen Blick für das ‚Mitbringsel‘ und schaut stattdessen ebenso lächelnd direkt in Davids Gesicht.
Sehr schöne Komposition Tosolinis!

 

 

Zu Theophil Friedrich Jakob Künhans (1727 Wernigerode – April 1786):
Sohn eines Pastors; Schulbesuch in Erfurt mit anschließendem Theologiestudium; in der Folgezeit als Gesellschafter ansässig in der Schweiz und in Italien; vom 01. Juni 1756 bis zum Mai 1760 war er im Hause des Kaufmanns, Sammlers und Mäzens Sigismund Streit (13.04.1687 Berlin – 20.12.1775 Padua) in Padua ansässig und tätig; ab etwa 1773 ist sein Aufenthalt in Venedig belegt, wo er als Sekretär des britischen Diplomaten John Strange (1732–1799) tätig war; um etwa 1779 bis zu seinem Tod sammelte er Zeichnungen venezianischer Künstler, Wissenschaftler und Freunde, die ihm die Zeichnungen wohl als Freundschaftsgeschenke widmeten; in Künhans Besitz befand sich auch Sigismund Streits Stammbuch mit Eintragungen aus dessen Freundeskreis, und er verwendete dieses Stammbuch weiter während seines Venedig-Aufenthalts und ließ Freunde und Bekannte sich eintragen (frühester Eintrag wohl vom 18.04.1782), neben Gelehrten und Adligen finden sich Einträge von den „hervorragendsten der italienischen Juden des 18. Jahrhunderts“ (Lanckoronska 1931: 268) (u.a. Rabbi Aboab, Rabbi Jacob ben David Pardo (aus Ragusa, Spalato), Rabbi Simcha ben Abraham Calimani); er trug eine Sammlung seltener Bibeln, theologischer Kommentare und orientalischer Manuskripte zusammen, die er der Bibliothek des Evangelischen Ministeriums in Erfurt vermachte

Literatur
KRAUSE, Friedhilde et al. (Hrsg.) (1998): Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland [Bd. 19, Thüringen A-G]; Georg Olms; Hildesheim; S. 208
LANCKORONSKA, Maria (1931): Hebraica aus Stammbüchern des 18. Jahrhunderts, in: Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland; 3. Jg. (Heft 4); Philo Verlag; Berlin; S. 263-269 [hier: 268-269] PETZHOLDT, Julius (Hrsg.) (1853): Handbuch deutscher Bibliotheken; H.W. Schmidt; Halle; S. 117

 

 

Zu Giovanni Battista Tosolini (06.08.1739 Felettano(Provinz Udine) – 1792):
Maler; anfangs strebte Tosolini eine geistliche Laufbahn an, entschied sich dann aber für die Malerei, für die er schon in frühen Jahren Talent zeigte; zw. 1755-60 entstand als eines seiner ersten Werke ein Gemälde für die Kirche in Castions di Strada; um 1757 verzog er nach Venedig, um dort Zeichen- und Malunterricht an der dortigen Akademie zu nehmen; 1765 Aufnahme in die Gilde venezianischer Maler (‚Fraglia dei Pittori‘); im Folgenden eröffnete er ein eigenes Atelier und nahm Schüler auf; es entstehen weitere Arbeiten für Kirchen; um 1781 kehrte Tosolini nach Udine zurück und eröffnete dort ein Atelier; 1782 gestaltet er das Altarbild für die Kirche des Erlösers in Udine; 1787 gestaltet er die Fresken der Pfarrei in Tricesimo (Udine)

Literatur
COMELLI, Giovanni (1982): TOSOLINI, Giovanni Battista [Vortragsniederschrift auf: webalice.it/tosolini.sergio/biografia.htm ] CZOERNIG, Carl (1838):Italienische Skizzen [Erstes Bändchen]; Pirotta; Mailand; S. 51