H A N N S   H A G E N A U E R

 

Weitere Werke von Hanns Hagenauer

 

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Dörfliches Motiv auf der Insel Ischia

Öl über partiellen Kohlevorzeichnungen auf Hartfaserplatte; gerahmt [(wohl) Originalrahmen];
nicht datiert, (wohl) um 1950-60

Rahmengrösse: 74,5×65,4cm
Bildgrösse: 70,5×60,5cm

u.r. in Dunkelblau signiert „H. Hag.“
nicht betitelt

€ 1.500,-

 

 

                 

 

Zustand
an den Rändern rahmungsbedingt leicht berieben; partiell schwach fleckig; Platte verso leicht (farb-)fleckig

 

 

Die Landschaft nimmt im Schaffen Hanns Hagenauer einen zentralen Platz ein. Nachdem er von 1933 bis 1952 in Hessen ansässig und tätig war, verzog er anfangs ins Loisachtal und kurz darauf nach Garmisch-Partenkirchen. Die dortige Region und die Eindrücke zahlreicher Reisen waren Grundlage für sein nun entstehendes farbkräftiges, expressiv-realistisches Schaffen. Hierzu schreibt Rudolf Härtl: „Ebenso wie die Urlandschaft des Hochgebirges entsprach Hagenauers letztlich nach bildnerischer Ordnung sich sehnendem künstlerischen Temperament nämlich die mediterrane Landschaft mit der ruhigen Tektonik ihrer lagernden Formen. Vor allem auf der Insel Ischia und an der jugoslawischen Adriaküste fand Hagenauer, was er mit seinen Augen und seiner Seele suchte, nämlich die Einheit von Naturformen und Menschenwerk angesichts der sich an die Berghänge schmiegenden Dörfer mit der Architektur ihrer kubistischen Häuser, deren strahlendes Weiß die Farben der Umgebung zurücktreten lässt“ (Rudolf Härtl (1990): Der Maler Hanns Hagenauer, in: Galerie Norbert Blaeser: Hanns Hagenauer. Wiederentdeckung eines Expressionisten [Ausstellung vom 4. Mai bis 2. Juni 1990], Düsseldorf, unpag. [S. 2-3]).
Das vorliegende Gemälde ist in diese Phase Hanns Hagenauers einzuordnen und das Motiv dürfte eine Ansicht auf der Insel Ischia zeigen.
Der Bildaufbau wird deutlich bestimmt von der Farbgebung und hierdurch lassen sich vier Bildebenen voneinander differieren. Im oberen Bereich der nur sehr leicht bewölkte blaue Himmel, darunter das bräunliche Gebirge im Hintergrund, an welches sich im mittleren Bildbereich die weißen bzw. weißgelben Häuser anschließen, bevor sich im Vordergrund grüne bzw. grünbräunliche Vegetation auf graubrauner Erde zeigt.
Der Großteil des Vordergrunds und das Gebirge im Hintergrund wirken farblich matt, gedämpft und beinahe statisch ruhig. Einzig durch das fein gesetzte Detail im rechten Vordergrund, den sattgrünen Baum und die hellbräunlichen Pfosten, erzeugt Hagenauer hier einen kleinen ‚Stimmungsbruch‘. Gegenüber der sonst obwiegenden ruhigen Atmosphäre der Landschaft, wirken das Dorf und der Himmel hell, klar und lebendig. Durch das Einfügen der in verschiedenen Weißtönen ausgeführten Häuser, wird die gesamte Landschaft aufgelockert, besser: aufgehellt. Die weißgelben und die dezent weißroten Häuser vermitteln zudem eine warme, harmonisch stimmige Komponente. Als quasi ‚oberen Abschluss‘ setzt Hagenauer den in breiten, schnellen Pinselstrichen ausgeführten Himmel, der in seinem Blau einerseits die Tiefenwirkung des Bildes unterstützt und andererseits aber zugleich auch auf eine wunderschöne Weise das mediterrane Licht innerhalb des Werks vermittelt.
Herausragende, ungemein wirkkräftige Landschaftskomposition Hanns Hagenauers!

 

 

Zu Hanns Hagenauer (8.8.1896 Lindenberg – 7.9.1975 Oberammergau):
Maler, Zeichner und Graphiker; geboren in Nadenberg (bei Lindenberg, Allgäu); Ausbildung zum Buchdrucker (1914 Abschluss als Geselle); ab 1914 Kriegsdienst; 1916 schwere Verwundung und Entlassung aus dem Militär; Entschulss Maler zu werden; 1918-22 Studium an der Kunstakademie Stuttgart (bei Christian Landenberger, Robert Poetzelberger, Arnold Waldschmidt); 1925-32 freischaffender Maler in Dornbirn (Vorarlberg) und Lech am Arlberg (Österreich); ab 1933 in Gießen/Lahn ansässig; 1943 Gründungsmitglied des Oberhessischen Künstlerbundes (OKB) „als Kampfbund gegen die vom NS-Regime propagierte Kunstrichtung, nachdem es mit dem Gauleiter von Hessen anläßlich einer nicht regimekonformen Kunstausstellung in Gießen zu einem Zerwürfnis gekommen war“ (Härtl 1990: unpag. [S.2]); 06. Dezember 1944 Zerstörung des Ateliers bei einem Bombenangriff auf Gießen; 1945 Oberhessischer Künstlerbund erhält von amerikanischen Besatzertruppen als erste Vereinigung die Lizenz zur Neugründung; bis 1952 bleibt Hagenauer Vorsitzender des OKB; 1952 Übersiedlung nach Oberau im Loisachtal, kurz darauf nach Garmisch-Partenkirchen; zahlreiche Studienreisen, insbesondere nach Frankreich, Italien (Ischia), Jugoslawien, Schweiz, Ungarn, Tschechoslowakei; 1975 Übersiedlung nach Oberammergau

Literatur
HÄRTL, Rudolf (1990): Der Maler Hanns Hagenauer, in: Galerie Norbert Blaeser: Hanns Hagenauer. Wiederentdeckung eines Expressionisten [Ausstellung vom 4. Mai bis 2. Juni 1990], Düsseldorf
JESSEWITSCH, Rolf / SCHNEIDER, Gerhard (Hrsg.) (2008): Entdeckte Moderne; Kettler; Bönen; S. 487