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Weitere Werke von Günter Schöllkopf

 

 

„Die vier Lebensalter, Temperamente, Evangelisten“

Kaltnadelradierung und Strichätzung auf Kupferdruckkarton
u.r. in Blei datiert „[19]75“

€ 270,-

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Auflage: Künstlerexemplar, hierzu u.m. in Blei bez. „e.a.“ [Die Radierung hatte eine Auflage von 30 Exemplaren plus Künstlerexemplare.]

Blattgrösse: 38×53,3cm
Bildgrösse: 19×29,8cm

u.r. in Blei signiert „Günter Schöllkopf“
„Die vier Lebensalter, Temperamente, Evangelisten“ [im Werkverzeichnis (WV): 561(R)]

Zustand
Blattränder mitunter mit leichten Abrissspuren; Ecken mitunter leicht bestoßen; verso jeweils leichte Lagerspuren

 

 

Der Stuttgarter Ausnahmegrafiker Günter Schöllkopf befasste sich seit 1952 konsequent mit Themenkreisen, deren Grafiken sich zu Zyklen zusammenschließen. Ein Schwerpunkt dabei bilden literarische Werke wie u.a. „Don Quichote“ (1955), „Ulysses“ (ab 1963) im Speziellen, sowie im Allgemeinen auch das Schaffen von Autoren wie u.a. Balzac (1952), Stendhal (ab 1971), Heine (1975), Thomas Mann (1975-76).
Unter Rückgriff auf Schöllkopfs Farblinolschnitt „Selbstporträt“ von 1977 (WV: 724a) in welchem sich der Künstler als bzw. mit Zeitung darstellt, schreibt Rudolf Greiner wortstark zu diesen literarischen Zyklen: „Umfangreich ist der ‚Literaturteil‘. Europäische Autoren und ihre Gestalten werden untersucht. Der Betrachter wird ihnen und ihrer Geschichte von Angesicht zu Angesicht gegenübergestellt und weiß bald mehr über sie als sie über sich, weil der Zeichner ihre Existenzen so zuspitzt und zergliedert, daß Erkenntnis möglich wird über Denkansätze, die als Entwicklungslinie noch nie aufgezeigt wurden. Die Figuren sind auf einen Wert hin ausgewählt, der bislang eher als Unwert galt. Den ungezügelten Menschen wie Heine und Kleist, den abstrusen und absurden Denkern, die die Doppelung der Dinge und ihre unzähligen Facetten erkannt oder gelebt haben, setzt er Denk-Male. Die Spaßmacher, Tolldreisten, Narren, Verrückte, die Besessenen, die Trunkenen, die Morphinisten, die Syphilitiker, alle jene, die Logik und Wahnsinn verbinden, das Sowohl-als-auch, das contradictio in adjecto, das Zugleich, und jene, die unbändiges Wünschen in sich lebendig werden lassen, sind gezeichnet. Lauter Doppelsinnige, die nie das eine oder das andere sind, sondern immer alles zugleich, wie Heine, der ‚immer zuerst den Geist und dann den Arsch zeigt‘ (Tagebuch 29). Überall Doppelporträts, mit denen die Gegensätze verbunden werden […]. Schöllkopf sucht in der Kulturgeschichte seine Phantasie und entlarvt das ‚erhabene Denken‘ Homers, Dantes, Goethes, Wagners, Carduccis und Pounds als Gefängnis, aus dem es auszubrechen gilt“ (Rudolf Greiner (1981): Ich fliege und will alles – Bildnisse auf dem Weg, in: Ders.: Günter Schöllkopf; Stuttgart: Hatje; S. 14-25 [hier: 20]).
Die vorliegende Radierung gehört zu jenem Zyklus – bestehend vornehmlich aus Radierungen, sowie wenigen Aquarellen, Zeichnungen –, in dem sich der Künstler dem bereits angesprochenen Heinrich Heine widmete (WV: 553-580).
Schöllkopf gliedert das Motiv in vier gleich große Bereiche, die jeweils durch zarte Linien getrennt sind, wobei es aber gerade in der unteren Hälfte immer wieder zu leichten Überlappungen der einzelnen Bereiche kommt. In jedem der vier Felder zeigt sich das in das 19. Jahrhundert gedachte Profil eines Evangelisten – begonnen bei Johannes, über Lukas und Markus zu Matthäus. Diese Evangelisten werden, ganz auch dem Titel des Blattes entsprechend, mit den vier Temperamenten der Vier-Säfte-Lehre (Humoralpathologie) und den vier Lebensaltern in Beziehung gesetzt. Vielleicht bezieht sich Schöllkopf hier auf Albrecht Dürers Gemälde „Die vier Apostel“ (1526), welches den Bezeichnungen Johann Neudörffers und den darauf aufbauenden Deutungen Erwin Panofskys nach diese Relation bereits künstlerisch darstellt (vgl. hierzu u.a. Klaus Herding (1994): Panofsky und das Problem der Psycho-Ikonologie, in: Bruno Reudenbach (Hrsg.): Erwin Panosky; S. 145-170 [hier: 157]). Gerade in Bezug zu Dürers ‚Apostel‘ sind aber zwei Punkte auffällig. Einerseits ist es offensichtlich, dass Schöllkopf vier Evangelisten und nicht vier Apostel zeigt, was letztlich bedeutet, dass er Lukas und Matthäus aber eben nicht Petrus und Paulus darstellt. Und andererseits wird bei ihm Markus nicht als Choleriker wie bei Dürer, sondern interessanterweise als Phlegmatiker gezeigt. Der Choleriker ist bei Schöllkopf vielmehr der im besten Mannesalter stehende, zuversichtlich lächelnde Lukas.
Betrachtet man allein das Schaffen Schöllkopfs, so lässt sich dieses Evangelisten-Motiv dezidiert in eine Beziehung zu der etwa vier Jahre zuvor entstandenen Zeichnung „Die Lestrygonen II“ (WV: 285, 1971) setzen, die dem „Ulysses“-Zyklus angehört (vgl. hierzu auch Rudolf Greiner (1981): Ich fliege und will alles – Bildnisse auf dem Weg, in: Ders.: Günter Schöllkopf; Stuttgart: Hatje; S. 14-25 [hier: 15]). Die vier dargestellten Lästrygonen aus dem achten Kapitel des Romans von James Joyce nehmen dabei die obere Hälfte in dem diagonal geteilten Blatt ein, wogegen die untere Hälfte von eben jenen vier Evangelisten bevölkert wird.
Solche innerwerklichen, für den Betrachter überaus spannenden Verknüpfungen sind vom Künstler durchaus bewusst gesetzt, sollen sie doch seine groß angelegte Intention unterstützen. „Schöllkopfs zeichnerische Besessenheit will die Gegensätze gerade aufheben, will statt Ordnung und Trennung kollektive Aussageverknüpfungen erreichen. Jedes Bild kann mit jedem, die Zyklen untereinander und alle Figuren können miteinander verbunden werden. Schöllkopf ist nie das eine oder das andere, sondern immer alles zugleich“ (Rudolf Greiner (1981): Günter Schöllkopf; Stuttgart: Hatje; S. 11].
Künstlerisch bestechend herausgearbeitete Grafik aus dem späten Schaffen Günter Schöllkopfs!

 

 

Zu Günter Schöllkopf (23.05.1935 Stuttgart – 30.06.1979 ebd.):
Grafiker, Zeichner, Illustrator; 1952-57 Studium an der Kunstakademie Stuttgart (bei Karl Rössing und Hans Fegers); ab 1952 Beteiligungen an zahlreichen Gruppenausstellungen; 1954-55 Ateliergemeinschaft mit Robert Förch; 1956 Graphikerpreis der Kunstakademie Stuttgart; ab 1957 freischaffender Künstler; 1957 erste Einzelausstellung im Deutschen Bücherbund (München), es folgen zahlreiche weitere Einzelausstellungen im In- und Ausland; 1957-79 Illustrationen zu Zeitungen (u.a. „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „Deutsche Zeitung“, „Stuttgarter Zeitung“) und Büchern (u.a. von Charles Dickens, William Shakespeare, Voltaire, Oscar Wilde); 1962-64 freier Mitarbeiter bei „Christ und Welt“; 1965 Rompreis der Villa Massimo; Oktober 1965 bis September 1966 infolge des Rompreises Aufenthalt in Rom; es folgen weitere Kurzaufenthalte in Italien; 1967 Gründung des Freundeskreises der „Schöllkopf-Gesellschaft“ durch Theo Krug (Stuttgart); 1976 erster Krankenhausaufenthalt; 1977 Australienreise; 1979 Stipendium Cité Internationale des Arts (Paris); zweiter Krankenhausaufenthalt; Mitglied des Künstlerbundes Baden-Württemberg und der Künstlergruppe der Hans-Thoma-Gesellschaft; Werke Schöllkopfs befinden sich u.a. im Besitz der Graphischen Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart, der Gemäldesammlung der Staatsgalerie Stuttgart, der Galerie der Stadt Stuttgart, der Library of Congress (Washington D.C.); der Staatlichen Graphischen Sammlung (München); des Museums für Moderne Kunst (Utrecht); der Städtischen Galerie Albstadt; der Städtischen Kunstsammlung Reutlingen, der Galerie der Stadt Kornwestheim; Schöllkopf befasste sich ab 1952 konsequent mit Themenkreisen, deren Grafiken sich zu Zyklen zusammenschließen (u.a. „Zu Balzac“ (1952), „Don Quichote“ (1955), „Ulysses“ (ab 1963), „Stendhal“ (ab 1971), „Heinrich Heine“ (1975), „Zu Thomas Mann“ (1975-76))

Literatur
GREINER, Rudolf (1981): Günter Schöllkopf; Stuttgart: Hatje
„Allgemeines Künstlerlexikon (AKL)“, Onlineversion, Künstler-ID: 00040640
NAGEL, Gert K. (1986): Schwäbisches Künstlerlexikon; Kunst & Antiquitäten; S. 108