F R I E D R I C H   G E O R G   L E H M A N N

 

 

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„Gruppe am Tage X“

Holzskulptur (aus mehreren Stücken gefertigt), dunkel patiniert, partiell vom Künstler mit Lehm ergänzt (besonders am Rückgrat der vorne kauernden Person)
nicht datiert

unten am Sockel blauer Künstlerstempel „F.G. Lehmann / Bildhauer Maler Graphiker / 78 Freiburg i. Br. / Wilmersdorfer Str. 18“

€ 1.300,-

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Titel
betitelt in weißer Maschinenschrift auf aufgeklebtem schwarzem Band am vorderen Sockel: „Gruppe am Tage X“

Grösse
57cm (Boden bis Kopf des hintersten Mannes) x 37cm (breiteste Stelle) x 69cm (Länge des Sockels ohne den noch darüber hinaus ragenden Arm der kauernden Person, bzw. 77cm mit diesem Arm)

Gewicht
etwa 19kg

Zustand
insgesamt an Kanten, Ecken, Erhebungen etwas berieben und mitunter leichte Verluste der dunklen Farbschicht; der rechte Arme des hinten knienden Mannes mit durchgehendem Riss im Holz; ebenso der linke Arm des Mannes, der sich an die Brust des hintersten lehnt, mit durchgehendem sichtbarem Riss; insgesamt etwas beschmutzt

 

 

Der „Tag X“ darf als Synonym für eine Katastrophe, einen Zusammenbruch, ein einschneidendes Ereignis, eine Apokalypse gesehen werden. Sowohl historisch zeitgeschichtlich greift man auf diesen Terminus zurück und verwendet ihn retrospektiv u.a. für das Ende des Zweiten Weltkriegs, für den Aufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR. Daneben findet er sich aber auch in so manchen (düsteren) Vorausblicken, welche dann auf ein nahes oder zumindest nicht allzu fernes Katastrophenszenario rekurrieren. Fasst man diesen Gedanken weiter und löst sich von der engen Bindung an den Begriff, so lässt sich der ‚Tag X‘ in den Kontext von mindestens bis ins Mittelalter reichenden Endzeit- und Zukunftsvorstellungen einordnen.
Vor diesem Hintergrund darf man die vorliegende, im besten Sinne des Wortes: gewichtige, Arbeit Friedrich Georg Lehmanns als einen künstlerischen Ausdruck für zum einen damalige zeitgeschichtliche Ereignisse, wie auch zum anderen für allgemeine menschliche Befindlichkeiten betrachten. Sicherlich werden die Zerstörungen und das Leid des Zweiten Weltkriegs, wie auch die Nachkriegszeit beeinflussend für Lehmann gewesen sein. Und je nachdem wie man das Objekt datiert, ließen sich noch gedankliche Verbindungen zu Kriegen nach 1945 ziehen. Daneben fehlen aber jegliche Erkennungsmerkmale oder Hinweise, die auch nur im Ansatz eine historische oder geografische Verortung der dargestellten Gruppe erlaubten. Die Personen zeigen sich allesamt nackt, entledigt von aller Kleidung und damit zugleich als pars pro toto für Leidende in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Lehmann baut die Skulptur in einer nach vorne abfallenden Neigung auf, wobei man die Vorderseite an dem Titeletikett festmacht. Ganz hinten kniet ein Mann, der durch seinen aufgerichteten Oberkörper hoch hinausragt. Mit seinen beiden Armen spendet er Trost an zwei weitere Personen und ganz in diesem Sinne ist sein Mund zum Zuspruch geöffnet. Fallen die beiden trauernden Personen bei ihm in ihrer Größe schon ab, so ist die nächste Zweiergruppe nochmals kleiner. Diese befindet sich nicht mehr in unmittelbarer Nähe zum hintersten Mann, kann demnach von ihm nicht getröstet werden und die Beiden haben nur sich selbst. Eng umschlungen kauern sie am Boden, die Köpfe aneinander gelegt. Ganz allein, verlassen und symbolisch am Abgrund erscheint die letzte Figur. Diese liegt am Ende des Sockels, überragt diesen gar teilweise. Die Kraft sich aufzuraffen ist geschwunden, sie hat sich scheinbar dem Unausweichlichen ergeben.
Ob Lehmann diese Gruppe als verloren ansieht, oder ob sich vielleicht doch irgendwo und irgendwie ein Funken Hoffnung findet, bleibt gänzlich offen. Vielleicht ist es der geöffnete Mund des Mannes, der zum Nachdenken und zu weiteren Interpretationen anregen kann. Die Kraft des Wortes, ob als Ansprache, als Gebet oder als Gesang, hat in diesem Fall augenscheinlich die Kraft diesen Mann als Einzigen nicht trauern und nicht verzweifeln zu lassen. Vielmehr hat er als Einziger noch die Kraft auf andere zu wirken und sich dieser anzunehmen. Demnach ließe sich folgern, dass selbst in einer solchen Ausnahmesituation eines ‚Tages X‘ der Mensch seine Menschlichkeit nicht wie ein unnützes Gewand abstreift und zum ‚Wolf seines Nächsten‘ wird, sondern stattdessen den Anderen immer noch – oder auch: gerade dann – annimmt und ihm beisteht. Denkt man sich nun dieses Trostspenden als ein ‚Ich bin da‘ im religiösen Sinne, dann mag man in dieser Arbeit Lehmanns den schönen zeitlosen Gedanken erkennen, dass der Mensch im Kern doch gut ist. Und vielleicht vermag diese auf den ersten Blick ohne Zweifel abschreckend grausame Arbeit, bei genauerem Betrachten auch einen harmonischen, positiven Klang erfahren.

 

 

Zu Friedrich Georg Lehmann (14.07.1906 Freiburg i.Br. – 05.02.1995 ebd.):
genannt „Groeg“; Maler, Zeichner, Grafiker, Bildhauer; Sohn des Taglöhners Johann Lehmann und dessen Ehefrau Klara, geb. Hörner; 1921-23 Lehrzeit als Maler; 1927-29 Schüler von Hans Lembke (1885-1959); 1929-31 Schüler von Eva Eisenlohr (1891-1977); Studienreisen v.a. nach Frankreich und in die Schweiz; war wohnhaft in der Freiburger Wilmersdorfer Straße 18; Juli 2006 Ausstellung zum 100. Geburtstag des Kunstvereins March e.V. (Bürgerhaus March)