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Weitere Werke von Wilhelm von Hillern-Flinsch
Weitere Künstler des Expressiven Realismus
Zum Themenflyer ‚Wilhelm von Hillern-Flinsch: Sonnenblumen (Kunst am Scheideweg)‘

 

Blick in einen Garten mit hohen Sonnenblumen

Öl auf Leinwand, Keilrahmen, gerahmt [Originalrahmen];
verso auf der Leinwand unten in Schwarz datiert „pinx. 1936“

Rahmengrösse: 97,8×57,5cm
Leinwandgrösse: 91×51,3cm

verso auf der Leinwand unten in Schwarz signiert „Berlin / v.Hillern-Flinsch / pinx. 1936“, sowie verso auf Keilrahmen o.l. nochmals signiert
nicht betitelt

€ 4.200,-

 

 

Zustand
im rechten Bildbereich mehrere kleine dunkle Flecken/Farbspritzer (wohl entstanden während des Mal-, Trocknungsprozesses); verso Leinwand leicht fleckig; Rahmen mit Gebrauchsspuren (an Rändern/Kanten etwas berieben, kleinere Abplatzer)

Ausstellung
eingeliefert (aber ausjuriert) für: 18. Juli bis 31. Oktober 1937, „Große Deutsche Kunstausstellung“, München [„Haus der deutschen Kunst“] [hierzu verso auf Keilrahmen o.r. Einlieferungsetikett mit handschriftlichen Nummerierungseinträgen zum Jurybuch, Kiste und Stoß]

 

 

Ab 1926 hatte der ‚künstlerisch Spätberufene‘ Wilhelm von Hillern-Flinsch ein Atelier in der Münchner Ohmstraße. Er war Mitglied der Münchner Künstlergenossenschaft und betätigte sich als Porträtist. Bis 1936 war er in der bayrischen Landeshauptstadt ansässig und verzog dann nach Berlin. 1943 verließ er Berlin gänzlich und verzog zusammen mit seiner Frau, die dritte Heirat erfolgte kurz zuvor in Salzburg, nach Kärnten und später nach Gastein. Im selben Jahr wurden durch Bombenangriffe sowohl das Berliner als auch das Münchener Atelier vernichtet.
Das vorliegende Gemälde entstand zu Beginn der Berliner Zeit des Künstlers, worauf auch explizit die rückseitige Lokalisierung hinweist.
Hillern-Flinsch wählte hier eine im wahrsten Sinne des Wortes ‚verrückte‘ Perspektive in die sich der Betrachter erst einfinden und zurechtfinden muss. Unweigerlich mag der erste Blick auf die goldgelb Sonnenblumen fallen, die sich hoch emporrecken. In ihrer expressiven Malweise dürften Werke Van Goghs einen nicht unwesentlich Vorbildcharakter gehabt haben.
Nachdem sich das Bildgefüge langsam ordnet, lässt sich im linken Bildbereich ein rötlich-violetter, magenta farbiger Holzzaun erkennen, der sich unmittelbar aus dem Vordergrund in zackigen Linien bis in den Hintergrund zieht. Die in matten Grüntönen flächig angedeutete Wiese lässt an eine Weide oder einen Bauerngarten denken – und vielleicht war dieses frühe Berliner Gemälde eine kleine Reminiszenz an Erlebnisse in München bzw. Oberbayern.
Es sind dabei insbesondere zwei Momente, die besonders ins Auge stechen. Zum einen die Wirkkraft der Farbgebung, zum anderen das Spiel mit der Perspektive und der Bildtiefe. Bei der Wirkkraft der Farben erscheinen die kräftigen, satten Blüten in ihren Gelb-, Orange- und Brauntönen warm und lebendig, wogegen sich der Effeket des Zaunes, vor allem in seinem schon knalligen Farbton im Vordergrund, mit dem Grün der Wiese als Komplementärfarbe dezidiert verstärkt. Bei der Perspektive weiß man als Betrachter nie genau wie man sich positionieren soll, wie man das Gezeigte zu kategorisieren habe. Der Zaun schlängelt sich beinahe trunken zum Hintergrund, und gerade in diesem Hintergrund scheint sich eine fast schon irreal steile Anhöhe zu erheben. Unterstützt wird diese Spannung durch die dezent vermittelte Bildtiefe, welche Hillern-Flinsch neben der Ausrichtung des Zaunes, allein durch die Farbgebung erzeugt. Demnach werden nähere Bereiche wie die Sonnenblumen, satter und mitunter pastos gemalt, wogegen weiter entfernt liegende Bildpunkte nur getupft werden und an diesen Stellen ganz bewusst auch den Malgrund der Leinwand miteinbeziehen.
Neben dieser künstlerischen Qualität, ist unbedingt zu verweisen auf das rückseitig angebrachte Einlieferungsetikett zur ersten „Großen Deutschen Kunstausstellung“ im Jahr 1937. Demzufolge versuchte der Künstler – freilich erfolglos – dieses Objekt dort zu platzieren. Diese Ausstellung war ein groß angekündigtes Ereignis und die Aufforderungen zu Einlieferungen wurden in zahlreichen Zeitungen und Publikationen verbreitet. Insgesamt wurden formal etwa 25.000 Werke zur Einlieferung angemeldet, die Zahl der tatsächlich nach München verschickten bzw. gebrachten Objekte lag dann aber ‚nur‘ bei etwa 15.000 (s. hierzu das Vorwort im Ausstellungskatalog („Grosse deutsche Kunstausstellung 1937 im Haus der deutschen Kunst zu München 18. Juli bis 31. Oktober 1937“; München: Knorr & Hirth; S. 5). Vgl. weiterhin hierzu: Marlies Schmidt (2012): Die „Große Deutsche Kunstausstellung 1937 im Haus der Deutschen Kunst zu München“. Rekonstruktion und Analyse (Diss.), Halle/Saale, S. 36; sowie Martin Papenbrock / Anette Sohn (200): Ausstellungen deutscher Gegenwartskunst in der NS-Zeit. Ausstellungschronik und kritischer Kommentar, in: Martin Papenbrock / Gabriele Saure (Hrsg.) (2000): Kunst des frühen 20. Jahrhunderts in deutschen Ausstellungen [Teil I. Ausstellungen deutscher Gegenwartskunst in der NS-Zeit], Weimar: VDG, S. 18-52 [hier: 32]). In der Schau gezeigt wurden schließlich 894 Katalognummern mit insgesamt 1.179 Exponaten. Eingeliefert hatte damals fast jedes ordentliche Mitglied der „Reichskammer der bildenden Künste“ (vgl. Schmidt 2012: 36). Und dass der künstlerische Richtungsstreit innerhalb des Dritten Reichs noch keinesfalls beigelegt war und es ‚den einen Stil‘ in der damaligen Zeit eben nicht gab, lässt sich auch u.a. daran erkennen, dass es Einlieferungen von Künstlerinnen und Künstlern, wie beispielsweise Gabriele Münter, Rudolf Belling oder Wolf Röhricht, gab, welche aus dem heutigen Verständnis heraus im ersten Moment wohl nicht unbedingt als naheliegend erscheinen mögen (vgl. hierzu Christian Fuhrmeister (2015): Die Große Deutsche Kunstausstellung 1937-1944, in: Wolfgang Ruppert (Hrsg.): Künstler im Nationalsozialismus, Köln-Weimar-Wien: Böhlau, S. 97-105 [hier: 101f.]).
Und auch Wilhelm von Hillern-Flinsch ist mit seiner Vita und seinem reichhaltigen Schaffen zweifelsohne ein Künstler, den man aus heutiger Sicht beim Gedanken an die „Große Deutsche Kunstausstellung“ nicht unbedingt nennen würde. Dieses vorliegende Gemälde stellt demnach neben der hohen malerischen Qualität, sowohl einen interessanten biografischen Aspekt zu Hillern-Flinsch im Speziellen, als auch einen Beleg für die, eben keinesfalls ausgereifte bzw. abgeschlossene, künstlerische und kunstpolitische Situation jener Zeit im Allgemeinen dar.
Abschließend ist als ein weiterer bedeutsamer Aspekt zu bemerken, dass im Aufruf zur Beteiligung an der „Großen Deutschland Kunstausstellung“ explizit darauf hingewiesen wurde, dass die Künstler ‚das Beste‘ ihres Schaffens auswählen und einliefern sollten (vgl. hierzu Schmidt 2012: 29, sowie Peter-Klaus Schuster (Hrsg.) (1987): Die ‚Kunststadt‘ München 1937. Nationalsozialismus und ‚Entartete Kunst‘; München: Prestel; S.258 (Abdruck eines offiziellen Einladungsschreibens zur Einlieferung)). Durch die hier dokumentierte, versuchte Einlieferung dieser expressiv realistischen Ansicht mit Sonnenblumen, zeigt sich damit zugleich auch die hohe Wertschätzung, welche Hillern-Flinsch dem Gemälde entgegenbrachte.

 

 

Zu Wilhelm von Hillern-Flinsch (26.03.1884 in Freiburg i.B. – 11.04.1986 München):
Maler, Zeichner, Grafiker; 1892-94 Herrnhuter Erziehungsanstalt in Königsfeld (Schwarzwald); 1894-97 Schule in Wandsbeck (Hamburg); ab 1897 Klosterschule in Rossleben/Unstrut; 1903 Fahnenjunker in Potsdam; 1905 Krankheit; 1910 Abschied vom aktiven Militärdienst; Heirat; Aufenthalt in St. Moritz, dort Bobfahrer (zahlreiche Preise hierfür); zwei längere Aufenthalte in England; 1914-18 als Offiziert im Ersten Weltkrieg; nach 1918 in Stockholm, dort Akt- und Portraitzeichnen bei Karl Wilhelmson; 1920-22 Unterricht an der Zeichenschule von Josef Andreas Sailer (München); 1922-24 Studium an der Kunstakademie München (bei Peter von Halm); 1924-25 Aufenthalt in Italien; zweite Heirat; 1926-36 in München als Porträtist tätig; Mitglied der Münchner Künstlergenossenschaft; 1934-35 Beteiligungen an der „Großen Münchner Kunstausstellung“ (Neue Pinakothek); 1935 Beteiligung an der „Ausstellung der Stadt Freiburg i.Br.“ (Augustinermuseum Freiburg); 1936 Übersiedlung nach Berlin, dort Anatomiezeichnen bei Wilhelm Tank; 1937 Beteiligung an der „Kunstausstellung“ (Kaiser-Friedrich-Museum Magdeburg); 1943 Ausbombung des Berliner Ateliers; dritte Heirat; 1944-46 Aufenthalt in Kärnten und in Gastein; 1947-53 Aufenthalt in Schweden, dort zuerst als Gärtner, dann als Porträtist tätig; Gründung einer Malschule; 1953 Rückkehr nach München; Besuch eines Lithographiekurses an der Kunstakademie Stuttgart (bei Erich Mönch); 1978 Seerosenpreis der Stadt München; 1984 Bundesverdienstkreuz

Literatur
HILLERN-FLINSCH, Wilhelm v. (1983): Wilhelm von Hillern-Flinsch; Liebl; München
JESSEWITSCH, Rolf / SCHNEIDER, Gerhard (Hrsg.) (2008): Entdeckte Moderne; Kettler; Bönen; S. 491
SCHNEIDER, Erich (Hrsg.) (2009): Die Sammlung Joseph Hierling. Expressiver Realismus [Schweinfurter Museumsschriften 166/2009]; Schweinfurt; S. 145