W I L H E L M   V O N   H I L L E R N – F L I N S C H

 

Weitere Werke von Wilhelm von Hillern-Flinsch
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„Auf Gut Forken (Buddenbrock/Ostpreußen)“

Tuschezeichnung auf bräunlichem Zeichenpapier, verso in den oberen beiden Ecken befestigt in Passepartout, gerahmt, unter Glas
u.r. vom Künstler nachträglich in blauem Kugelschreiber datiert „1940“

€ 790,-

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Rahmengrösse: 42,6×52,6cm
Blattgrösse: 23,9x32cm

u.r. vom Künstler nachträglich in blauem Kugelschreiber monogrammiert
verso auf Rahmenrückwand o.l. Etikett betitelt „Auf Gut Forken (Buddenbrock/Ostpreußen)“

Zustand
Blatt verso in den oberen beiden Ecken befestigt in Passepartout; durchgehend Druckstellen; mittig verlaufende vertikale Knickspur; Ecken/Ränder mit leichten Beschädigungen (Knickspuren, kleine Einrisse); insgesamt leicht (stock-)fleckig; verso am rechten Blattrand an drei Stellen hinterlegte Einrisse; verso am linken Blattrand ein hinterlegter Einriss; verso am unteren Blattrand mittig hinterlegter Einriss

 

 

Nachdem der ‚künstlerisch Spätberufene‘ Wilhelm von Hillern-Flinsch seine Ausbildung an der Münchner Zeichenschule von Josef Andreas Sailer (1920-22) und der Kunstakademie München (1922-24) beendete, hielt er sich bis 1925 in Italien auf und hatte in den Folgejahren sein Atelier in der Ohmstraße. Er war Mitglied der Münchner Künstlergenossenschaft und betätigte sich als Porträtist. Bis 1936 war er so in der bayrischen Landeshauptstadt ansässig und verzog dann nach Berlin. „Ich wußte die Akademie in der Hardenbergstraße, ihre Ägide in Bruno Pauls bewährter Hand. Da konnte ich lernen, nach Herzenslust Aktzeichnen. Ich war auf 2 Jahre Schüler bei Prof. W. Tank, Anatomie. […] Paradigma des Fleißes, eine selten gewordene Arbeitsfreudigkeit am Rande des ‚Kunstbetriebs‘. München lag hinter mir. Die Übersiedlung nach Berlin war dem Kunstgeschehen förderlich“ (Wilhelm v. Hillern-Flinsch (1983): Wilhelm von Hillern-Flinsch; Liebl; München; S. 22).
Bevor er 1943 Berlin ganz verließ, um nach Kärnten und später nach Gastein überzusiedeln, unternahm er immer wieder (Studien-)Reisen, welche durchaus auch durch familiäre, verwandtschaftliche Verbindungen begünstigt wurden. Eine solche Reise führte ihn 1939-40 auf das in Ostpreußen, auf dem Weg nach Königsberg, gelegene Gut Forken, einem Ortsteil von Bludau (heute: Kostrowo). Im Rückblick schreibt der Künstler zu diesem Aufenthalt: „Ich fuhr im Schnellzug nach Ostpreußen. Erwartet von Horst Freiherr von Buddenbrock, dem Schulkameraden aus der Kloster-Roßleben-Zeit von 1900 bis 1902. Er bewirtschaftete das Gut Forken – Pferdezucht, Vieh, Korn. Viele Modelle für meine Malerei. Arbeit über Arbeit, beglückend… Horst freute sich, wollte mich nicht fortlassen. ‚Du kannst bleiben solange Du willst‘. Aber ich mußte. Als Hauptmann a.D. erwartete mich das Bezirkskommando; der Krieg war ein halbes Jahr im Gang. Zu Hause fand ich die Vorladung. Ich verweigerte den Fahneneid auf Hitler – 55 Jahre war ich alt. Ich habe nichts mehr gehört, trotz Kriegsrecht“ (ebd.; S. 29).
Die vorliegende studienhafte Zeichnung lässt sich durch die nachträglich vom Künstler ausgeführte Datierung, wie auch durch die Betitelung dezidiert in den biografisch überaus interessanten Zeitraum dieser Reise einordnen.
In schnellen, expressiven Strichen zeigt Hillern-Flinsch eine Momentaufnahme der Kornernte. Bei der sicher geführten Hand des Künstlers mag man durchaus die zuvor erwähnte Lehrzeit unter Wilhelm Tank erkennen. – Anatomie und Haltung der Personen wirken locker, beinahe zufällig und natürlich. Im linken Bereich sehen wir eine Feldarbeiterin, die sich an ihre Sense lehnt und zu ihrem männlichen Gegenüber blickt. Insbesondere ihre karierte, in satten Strichen ausgeführte Schürze hebt sie von dem nur diffus gehaltenen Hintergrund ab. Rechts neben ihr stützt sich ihr männliches Pendant gerade auf sein Arbeitsgerät und schaut verträumt, den Kopf in die Hand gelegt, zur Frau. Sein linkes Bein ist lässig, nur auf den Zehenspitzen stehend, vor das rechte gestellt. Vielleicht ist gerade hoher Mittag und die Hitze zwingt zu einer angenehmen Arbeitspause und zugleich zu einem leichten, sorgenfreien Gespräch? Zwei Reiher am rechten Bildrand lockern die Komposition durch ihre scheinbar unbeeindruckte Anwesenheit auf und bilden ebenso ein kleines, feines Detail innerhalb dieser schwungvoll lebendigen Zeichnung!

 

 

Zu Wilhelm von Hillern-Flinsch (26.03.1884 in Freiburg i.B. – 11.04.1986 München):
Maler, Zeichner, Grafiker; 1892-94 Herrnhuter Erziehungsanstalt in Königsfeld (Schwarzwald); 1894-97 Schule in Wandsbeck (Hamburg); ab 1897 Klosterschule in Rossleben/Unstrut; 1903 Fahnenjunker in Potsdam; 1905 Krankheit; 1910 Abschied vom aktiven Militärdienst; Heirat; Aufenthalt in St. Moritz, dort Bobfahrer (zahlreiche Preise hierfür); zwei längere Aufenthalte in England; 1914-18 als Offiziert im Ersten Weltkrieg; nach 1918 in Stockholm, dort Akt- und Portraitzeichnen bei Karl Wilhelmson; 1920-22 Unterricht an der Zeichenschule von Josef Andreas Sailer (München); 1922-24 Studium an der Kunstakademie München (bei Peter von Halm); 1924-25 Aufenthalt in Italien; zweite Heirat; 1926-36 in München als Porträtist tätig; Mitglied der Münchner Künstlergenossenschaft; 1934-35 Beteiligungen an der „Großen Münchner Kunstausstellung“ (Neue Pinakothek); 1935 Beteiligung an der „Ausstellung der Stadt Freiburg i.Br.“ (Augustinermuseum Freiburg); 1936 Übersiedlung nach Berlin, dort Anatomiezeichnen bei Wilhelm Tank; 1937 Beteiligung an der „Kunstausstellung“ (Kaiser-Friedrich-Museum Magdeburg); 1943 Ausbombung des Berliner Ateliers; dritte Heirat; 1944-46 Aufenthalt in Kärnten und in Gastein; 1947-53 Aufenthalt in Schweden, dort zuerst als Gärtner, dann als Porträtist tätig; Gründung einer Malschule; 1953 Rückkehr nach München; Besuch eines Lithographiekurses an der Kunstakademie Stuttgart (bei Erich Mönch); 1978 Seerosenpreis der Stadt München; 1984 Bundesverdienstkreuz

Literatur
HILLERN-FLINSCH, Wilhelm v. (1983): Wilhelm von Hillern-Flinsch; Liebl; München
JESSEWITSCH, Rolf / SCHNEIDER, Gerhard (Hrsg.) (2008): Entdeckte Moderne; Kettler; Bönen; S. 491
SCHNEIDER, Erich (Hrsg.) (2009): Die Sammlung Joseph Hierling. Expressiver Realismus [Schweinfurter Museumsschriften 166/2009]; Schweinfurt; S. 145