W I L H E L M   S C H N A R R E N B E R G E R

Weitere Künstler des Expressiven Realismus

Wilhelm Schnarrenberger

 

‚Porträt von Dr. Carl Hessemer (1885 Zürich – 1951 Karlsruhe)‘

Öl auf Leinwand, Keilrahmen, gerahmt
u.r. datiert „[19]49“

Rahmengrösse: 84×68,1cm
Leinwandgrösse: 71,3×55,3cm

u.r. signiert „Sch“
‚Porträt von Dr. Carl Hessemer (1885 Zürich – 1951 Karlsruhe)‘, im Werkverzeichnis unter der Nr. 370 betitelt mit „Bildnis Dr. Hessemer (unvollendet)“ (Ingrid Nedo: Wilhelm Schnarrenberger 1892-1966. Dissertation, Tübingen, 1982), o.r. bez. „Dr. C. Hessemer“

€ 3.700,-

 

 

Zustand
Leinwand verso leicht fleckig

 

                    

 

 

1920 wird Wilhelm Schnarrenberger als Lehrkraft an die Badische Landeskunstschule in Karlsruhe berufen und ein Jahr später erfolgt die Ernennung zum Professor. Dieses Amt hatte er bis zum Mai 1933 inne, als ihm von Hans Adolf Bühler die Entlassung ‚im Zuge der Umgestaltung‘ mitgeteilt wurde (vgl. hierzu Müller (1977), S. 48). Noch im selben Jahr zieht er nach Berlin um, hoffend, dass die Metropole der Hauptstadt künstlerisch aufgeschlossener sei als Karlsruhe. Ausbleibende gebrauchsgrafische Aufträge, sowie ausbleibende Bilderverkäufe sorgen bei Schnarrenberger für eine angespannte finanzielle Situation. Dies, sowie die Verschärfung der kultur-, und kunstpolitischen Situation in Folge der „Entartete Kunst“-Aktion, ließ den Künstler den Entschluss fassen Berlin zu verlassen, um bei Lenzkirch im Schwarzwald ein altes Fremdenheim zur gut laufenden Ferienpension „Waldfrieden“ umzubauen. In dieser prägenden Zeit war Schnarrenberger weiterhin künstlerisch tätig und dezidiert kommt er in diesen Jahren zu dem für ihn so charakteristischen Sujet des Stilllebens. Nach dem Zweiten Weltkrieg „[war] Schnarrenberger […] in Lenzkirch kein Vergessener. Als das Kulturleben nach dem Zusammenbruch sich wieder zu erholen begann und seine nationalsozialistischen Verkleisterungen beseitigen lernte, war auch Schnarrenberger rasch wieder ‚da‘. Es existieren Hinweise auf Ausstellungen und Ausstellungskritiken bereits für das Jahr 1946. Und ein Jahr später, 1947, beruft ihn die Karlsruher Kunstakademie erneut zum Professor. Wilhelm Schnarrenberger bekommt jetzt eine Malklasse und zieht wieder nach Karlsruhe, wo er seine Künstlerlaufbahn begonnen hatte“ (ebd.; S. 63).
Das vorliegende Gemälde entstand im zweiten Jahr nach seinem Ruf an die Karlsruher Akademie. Sofern der Kontakt zwischen Hessemer und Schnarrenberger nicht zuvor schon bestand, so wird es in dieser Zeit zur Bekanntschaft der Beiden gekommen sein. Der Künstler zeigt den im 64. Lebensjahr stehenden Philosophen in einem braunen Sessel sitzend. In seiner Haltung wirkt er gar etwas eingefallen, was unter Umständen als frühes Anzeichen seiner Erkrankung (Amyotropher Lateralsklerose (ALS)) gedeutet werden mag. Doch keinesfalls wirkt er schwächlich, bemitleidenswert oder schlicht auf diesen möglichen Körperzustand begrenzt. Vielmehr mag man an Hans Castorp erinnert sein, wenn Thomas Mann diesen in der Anfangszeit seines Sanatoriumsaufenthalts äußern lässt, dass „Krankheit doch gewissermaßen etwas Ehrwürdiges [ist]“ (Zauberberg, Fischer, Frankfurt a.M., S. 102). Nicht zuletzt verweisen die Bücher im Regal, die aufgeschlagene Publikation auf seinem Schoß, sowie die nachdenklich in Falten gelegte Stirn auf die rege geistige Tätigkeit des Porträtierten. Nach Rainer Zimmermann werden Porträts und Menschenbildnisse von Expressiven Realisten „ohne Interesse an dem bleiben, was mit Repräsentation, Geltung, Stand und beruflicher Leistung umschrieben werden kann. Der Mensch als Liebender und Leidender, im Rausch seiner Schöpferkraft und im Elend seiner Kreatürlichkeit, als Schuldiger und Opfer, in der Einsamkeit zwischen Verworfensein und Gnade, das sind die Motive der Figurenbildnisse, der Porträts und Selbstbildnisse, der Skizzen flüchtig Vorübereilender, der Darstellung in sich versunkener Männer, Frauen, Kinder…“ (Rainer Zimmermann (1980): Die Kunst der verschollenen Generation; Econ; Düsseldorf – Wien; S. 64).
Ganz in diesem Sinne gelingt es Wilhelm Schnarrenberger auf eine bestechende Weise in dem vorliegenden Bildnis über das bloße Darstellen eines Menschen hinauszugehen, um das Existenzielle hinter der Person sichtbar zu machen.

 

 

Zu Wilhelm Schnarrenberger (30.06.1892 Buchen – 17.04.1966 Karlsruhe):
Maler, Zeichner, Grafiker; 1895 wird der Vater als Gymnasialprofessor versetzt; 1905 erneute Versetzung des Vaters nach Freiburg i.Br.; 1911 Abitur und Beginn des Studiums an der Königlichen Kunstgewerbeschule in München; 1913 Schüler von Fritz Helmuth Ehmcke (Gebrauchsgrafik); 1914 Freundschaft mit Karl Rössing; es entstehen erste Arbeiten im Lithographie-Zyklus „Kriegsausbruch“; 1916 erste Einzelausstellung bei Hans Goltz in München; 1916-18 Kriegsdienst; 1919 Rückkehr an die Kunstgewerbeschule München und später freischaffend als Illustrator und Grafiker; 1920 Berufung als Lehrer für Gebrauchsgrafik an die Badisches Landeskunstschule in Karlsruhe; es entstehen Gemälde im Stil der Neuen Sachlichkeit; 1921 Heirat mit Elfriede Strauss; Umzug nach Karlsruhe; 1925 Reise nach Helgoland; Teilnahme an der Mannheimer Ausstellung „Die Neue Sachlichkeit“; 1927 Scheidung der Ehe; Reise nach Paris; 1930 Heirat mit Melitta Auwärter; 1932 Italienreise mit Karl Rössing; 1933 Entlassung aus dem Lehramt und Umzug nach Berlin; 1934-35 als Gast in der Villa Massimo, Rom; 1937 werden bei der Aktion „Entartete Kunst“ 15 Arbeiten beschlagnahmt; 1938 eröffnet er mit seiner Frau in Lenzkirch im Schwarzwald eine Ferienpension; Beginn der malerischen Phase mit Stillleben; 1946 Scheidung der Ehe; 1947-57 Professor an der Kunstakademie Karlsruhe; Mitglied der „Badischen Sezession“; 1948 Umzug nach Karlsruhe; 1950 Heirat mit Michaele Aust; 1955-65 Beteiligungen an den Ausstellungen des Künstlerbundes Baden-Württemberg; 1956 Venedig-Reise; 1957 Emeritierung; Paris-Reise; 1959 Reisen nach Venedig und Paris; 1962 Hans-Thoma-Staatspreis

Literatur
JESSEWITSCH, Rolf / SCHNEIDER, Gerhard (Hrsg.) (2008): Entdeckte Moderne. Werke aus der Sammlung Gerhard Schneider; Kettler; 514
MÜLFARTH, Leo (1987): Kleines Lexikon Karlsruher Maler; Badenia-Verlag; Karlsruhe; S. 96-97
MÜLLER, Hans-Joachim (1977): Wilhelm Schnarrenberger 1892-1966; Karl Schillinger; Freiburg i.Br.
NEDO, Ingrid (1982): Wilhelm Schnarrenberger 1892-1966 (Dissertation); Tübingen
RÖßLING, Wilfried (Hrsg.) (1981): Stilstreit und Führerprinzip. Künstler und Werk in Baden 1930-1945; Karlsruhe; S. 267
ZIMMERMANN, Rainer (1994): Expressiver Realismus. Malerei der verschollenen Generation; Hirmer; München; S. 441
Kunst in Karlsruhe 1900-1950. Ausstellung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe im Badischen Kunstverein 24. Mai – 19. Juli 1981; Müller (Karlsruhe); S. 160

 

 

Zu Carl Hessemer (02.07.1885 Zürich-Riesbach – 29.10.1951 Karlsruhe):
Philosoph, Journalist; Sohn des Ingenieurs Paul Hessemer, Direktor der Süddeutschen Wasserwerke A.G. (Frankfurt a.M.); bis 1906 Besuch des Realgymnasiums in Darmstadt; danach Studium der neueren Sprachen und Musikwissenschaft in Heidelberg, Straßburg und Gießen; 1911 Staatsprüfung für das höhere Lehrfach; nach einem Probejahr als Referendar trat Hessemer aus dem Schuldienst aus und wandte sich der Publizistik zu (anfangs in Frankfurt a.M., dann in Darmstadt und schließlich in Karlsruhe); in Karlsruhe war er als Musikschriftsteller, sowie als Lehrer am Th. Munz´schen Konservatorium tätig; zudem war er Mitglied des Karlsruher Instrumentalvereins, sowie Mitbegründer der Karlsruher Philosophischen Gesellschaft, welche er zeitweise auch leitete; 1921 erfolgte seine Promotion an der Universität Gießen mit der Schrift „Identität und Denken. Versuch einer Grenzscheidung zwischen Logik und Erkenntnistheorie“; 1939 trat er in den Dienst der Stadt Karlsruhe und war anfangs in der Bezugsscheinausgabe und ab August 1940 in der Verwaltungsbücherei tätig; nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wechselte er zum Stadtarchiv und betreute dies bis zu seiner Pensionierung 1950; Hessemer litt an Amyotropher Lateralsklerose (ALS) und verstarb nach längerem Leiden am 29. Oktober 1951 in seiner Karlsruher Wohnung in der Yorckstraße 34; in seinem Nachruf bezeichnet Dr. Dr. Adolf von Grolman den Verstorbenen als zurückhaltend, sanftmütig, heiter und weise („Baden. Monographie einer Landschaft“, 3. Jg., Heft 6, G. Braun Verlag, S. 39)