W A L T E R   B E C K E R

 

Weitere Werke von Walter Becker
Zur Rezension „Walter Becker 1893-1984 Malerei und Grafik“

 

walter-becker
Pärchen auf Bank

Tuschezeichnung (Feder & Pinsel, teilweise laviert) auf festerem Papier (wohl ausgeschnitten aus vormaligem Architekturblatt (verso diesbzgl. mit Berechnungslinien bedruckt)
u.r. in Schwarz etwas undeutlich datiert (wohl) „1927“

Blattgrösse: 19,3×26,9cm

u.r. in Schwarz monogrammiert „W.B.“, sowie verso o.l. in Blei (wohl) von fremder Hand bezeichnet „Walter Becker / Illustrator / Beispiele in Gurlitts Graphischen Büchern“
nicht betitelt

€ 850,-

 

 

 

 

Zustand
am linken Blattrand im oberen Bereich leichter Papierverlust; im Blatt zwei leicht vertikale Stauchungen, die vom oberen bzw. unteren Blattrand mittig in die Blattmitte verlaufen; an rechter unterer Ecke Papier etwas ausgedünnt; die vier Ecken mit kleinen Einstichlöchern; mittig im Blatt (etwa im Bereich der linken Hand des Mannes) sehr leichte, oberflächliche Ausdünnung (betroffener Bereich mit einer Fläche von etwa 1×0,5cm); verso an den vier Ecken Reste früherer Befestigung (kleine Klebestreifen)

 

 

Im November 1923 heirateten Walter Becker und Yvonne von König. Das Paar verzog, nach kurzem Aufenthalt in Berlin, 1924 nach Südfrankreich und war dort bis 1936 ansässig. In dieser Zeit entstanden weitere Buchillustrationen wie bspw. zu Dostojewskijs „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ (1927 erschienen bei Piper in München), oder auch zu dem Reiseführer „Das Buch von der Riviera“ von Erika und Klaus Mann (1931 erschienen bei Piper in München). Neben weiterem illustrierte Becker Aufsätze und Publikationen von dem Dichter und Journalisten Marcel Sauvage, mit dem ihn eine Freundschaft verband.
Die vorliegende Zeichnung dürfte, wenn man bei der Datierung eine „1927“ und keine „1921“ annimmt, in diese Lebensphase des Künstlers einzuordnen sein. Hierfür spricht auch, dass motivisch vergleichbare Werke – ein Pärchen auf einer Parkbank – in dieser Schaffensphase nachgewiesen sind. So finden sich in den 25 Illustrationen zu Sauvages „Véritable Ennui“ von 1926 zumindest zwei Zeichnungen, die zwar von der Umsetzung keinesfalls eine ähnlich düster frivole Stimmung vermitteln, aber vom Motiv und dem Bildaufbau vergleichbar sind (Abb. hierzu in: Ingrid von der Dollen (2015): Walter Becker 1893-1984 Malerei und Grafik; Edition Joseph Hierling; Tutzing; S. 33f.).
Der Betrachter blickt auf ein Pärchen, das umschlungen auf einer Bank sitzt, die sich dem eher diffus bleibenden Hintergrund nach zu urteilen in einem Park befindet. Bis auf die beiden Personen und Teile der Bank ist die Umwelt in flächigen, lavierten Tuschpinselstrichen ausgeführt, welche eine dunkle, vielleicht sogar bedrohliche, aber keinesfalls eine romantische Atmosphäre vermitteln. So innig auch die beiden miteinander verschlungen scheinen – seine linke Hand liegt auf ihrem Oberschenkel, ebenso wie ihre rechte Hand auf seinem Schenkel ruht und ihr linker Arm seinen Hals umgreift -, so leer, ausdruckslos und anonym wirken doch ihre Blicke. Keine wirkliche Bindung scheint zwischen ihnen zu sein – sie scheinen sich gänzlich fremd. Durch den hochgeschobenen Rock und die entblößten Brüste vermittelt Becker den Eindruck einer durchaus direkten, um nicht zu sagen: derben, Frivolität der Szenerie. Unter Umständen hat er hierbei an eine Prostituierte und ihren Freier gedacht.
Beklemmend freudlose Komposition!

 

 

Zu Walter Becker (01.08.1893 Essen – 24.10.1984 Tutzing):
Quelle: http://www.walter-becker.com/Maler, Zeichner, Grafiker; Sohn des Schmieds Eduard Becker und dessen Frau Johanna, geb. Eickmeyer; 1908 Tod des Vaters; 1910-13 Abendklasse an der Kunstgewerbeschule Essen; Ausbildung zum Gebrauchsgrafiker; 1914-15 Kriegseinsatz, wobei er den Winter 1914 aufgrund von Tuberkulose im Schwarzwald verbrachtete; 1915 wurde er dann als ‚Landsturmmann ohne Waffe‘ zum Wehrdienst eingezogen und als Wachmann am Alten Durlacher Bahnhof eingesetzt; aufgrund seiner labilen Gesundheit wurde er noch 1915 vom Kriegsdienst befreit; prägende Bekanntschaft mit Karl Albiker; 1915-18 Studium an der Kunstakademie Karlsruhe (bei Walter Conz); 1918 erste Ausstellung im Heidelberger Kunstverein (arrangiert von Wilhelm Fraenger); 1919-20 Mitglied der Künstlergruppe „Rih“; nach dem Ersten Weltkrieg wird Becker v.a. als Illustrator bekannt (Illustrationen u.a. zu Jean Paul: Jean Paul Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei (Heidelberg, 1918); Nikolai Gogol: Der Mantel (Heidelberg, 1920); E. T. A. Hoffmann: Die Königsbraut (Potsdam, um 1920)); 1919-22 Entwürfe für die Karlsruher Majolika-Manufaktur; 1922-23 Studium an der Kunstakademie Dresden; Meisterschüler bei Karl Albiker; November 1923 Heirat mit Yvonne von König (Tochter der Malerin Mathilde Tardif und Adoptivtochter Leo von Königs); 1924-36 Wohnsitz in Südfrankreich (Cassis-sur-Mer), dort Bekanntschaft mit u.a. Georges Braque, Jules Pascin, Erika und Klaus Mann, Thomas Mann; 1931 1. Kunstpreis der Stadt Hannover für das Portrait von Marcel Sauvage; 1936 Rückkehr nach Deutschland, dort zunächst in München, dann in Utting am Ammersee in dem Haus Bertolt Brechts ansässig, bevor ein Haus in Bühl (Baden) gebaut wird; 1937 werden 19 Arbeiten bei der Aktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmt; 1937-38 Reise nach Florenz und Sienna; ab 1938 Wohnsitz in Tutzing, dort Bekanntschaft mit dem Cellisten Ludwig Hoelscher und dessen Frau Marion; 1941 Berufung als Professor an die Kunstakademie Karlsruhe, doch noch vor seinem Antritt wurde sein Atelier versiegelt und er wurde gezwungen von dem Vertrag zurück zu treten; 1945-61 Mitglied des Deutschen Künstlerbundes; 1951-58 Lehrer an der Kunstakademie Karlsruhe; 1952 Ernennung zum Professor; 1952 1. Preisträger der Internationalen Graphik Gilde Paris; 1957 Tod der Ehefrau Yvonne; 1958 Pensionierung; 1959 Umzug nach Tutzing; 1968 fortschreitende Einschränkung der Sehkraft; 1974 Umzug in ein Seniorenstift in Dießen am Ammersee; ab 1976 erneuter Höhepunkt der Kreativität

Literatur / Quellen
DOLLEN, Ingrid von der (2015): Walter Becker 1893-1984 Malerei und Grafik; Edition Joseph Hierling; Tutzing
JESSEWITSCH, Rolf / SCHNEIDER, Gerhard (Hrsg.) (2008): Entdeckte Moderne. Werke aus der Sammlung Gerhard Schneider; Kettler; S. 476
PORTZ, Hubert (2008): Walter Becker. Frühe Werke 1914-1933; Edition Strasser
SCHNEIDER, Erich (Hrsg.) (2009): Expressiver Realismus. Die Sammlung Joseph Hierling [Schweinfurter Museumsschriften 166/2009]; Schweinfurt; S. 34
ZIMMERMANN, Rainer (1994): Expressiver Realismus. Malerei der verschollenen Generation; Hirmer; München; S. 350
Kunst in Karlsruhe 1900-1950. Ausstellung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe im Badischen Kunstverein 24. Mai – 19. Juli 1981; Müller (Karlsruhe); S. 148
Internetseite zum Künstler [walter-becker.com]