W A L T E R   B E C K E R

 

Weitere Werke von Walter Becker
Zur Rezension „Walter Becker 1893-1984 Malerei und Grafik“

 

Walter Becker: Drei Frauen

 

Drei Frauen

Farblinolschnitt, partiell mit Aquarellfarben nachkoloriert, auf Japanpapier
nicht datiert, 1954

Blattgrösse: 46,3x63cm
Bildgrösse: (etwa) 42×47,8cm

Auflage: o.A. [kleine Auflage von maximal 20 Exemplaren]

verso u.l. Künstlerstempel in Violett
nicht betitelt

€ 880,-

 

 

              

 

Zustand
unterer und linker Blattrand mit leichten Abrissspuren; partiell leichte Druckstellen; im linken Blattbereich durchgehende vertikale, leichte Knickspur; in den Randbereichen mitunter schwach fleckig; im Randbereichen u.r. Papier sehr schwach knittrig

Provenienz
aus dem Nachlass des Künstlers

 

 

Von 1951 bis 1952 war Walter Becker als Dozent an der Kunstakademie Karlsruhe tätig. 1952 wurde er von dieser Lehranstalt auch zum Professor ernannt – ein Amt das ihm bereits elf Jahr zuvor angeboten, aus welchem er dann aber noch vor dem tatsächlichen Antritt auf politischen Druck hin herausgedrängt wurde. In dieser Schaffensphase entstanden stärker abstrahierende Werke, ohne aber den Bereich des Gegenständlichen gänzlich zu verlassen. Bei der Wahl der künstlerischen Mittel fand Becker zu dieser Zeit neben der Ölmalerei in der Lithographie und dem Linolschnitt adäquate Ausdrucksmöglichkeiten (vgl. hierzu Ingrid von der Dollen (2015): Walter Becker 1893-1984 Malerei und Grafik; Edition Joseph Hierling; Tutzing).
Das vorliegende Blatt ist in diese Phase einzuordnen. Es entstand 1954 und damit mitten in der regen Lehrtätigkeit Beckers an der Karlsruher Akademie.
Innerhalb einer schwarzen, bildimmanenten Rahmensetzung zeigen sich anfänglich beinahe konstruktiv anmutende Strukturen und Elemente in Violett, Gelb, Grau, Schwarz und Orange. Erst mit der Zeit formen sich die einzelnen Konturen zu einer, weit in die Abstraktion geführten Darstellung dreier Frauen, die sich in ihrer Farbigkeit vom violetten Hintergrund abheben. Schmal ragen die Gestalten empor – die Füße berühren den unteren schwarzen Rand, die Hände stoßen beinahe an die Seiten und auch die Köpfe erreichen fast das obere Schwarz.
Deutlich wird hierbei eine Technik Beckers, die Hans H. Hofstätter für dessen Malerei konstatiert, welche sich aber zweifelsohne auch in der Druckgrafik finden lässt: „Die Rahmenkanten der Bildfläche umschließen die Szene verhältnismäßig knapp, so daß eine dichte Verspannung der Motive in der Fläche erreicht wird. Becker verstärkt dies gelegentlich sogar durch enge, d.h. schmale und hohe Formate, wobei Gegenstände und Figuren an die Bildränder stoßen oder von ihnen sogar überschnitten werden“ (Galerie Apfelbaum (1979): Der Maler Walter Becker. zum 85. Geburtstag [mit einer Einführung von Hans H. Hofstätter]; Karl Schillinger; Freiburg; S. 6). Somit zeigt sich die Komposition äußerst gedrängt, bedrängt, dynamisch und vital.
Die Dargestellten wirken voller Leben und man mag versucht sein an gut gekleidete, mondäne Damen zu denken, die sich schön gekleidet haben, um einen Spaziergang machen. Und gerade in diesem ‚Sich-Schmücken‘ der Frauen lässt sich ein Motiv sehen, welches bei Becker immer wieder erscheint: die Aufhebung der Isolation, das Verlassen der Einsamkeit durch dezidiertes Suchen eines (Geschlechts-)Partners (vgl. hierzu ebd.; S. 17). Ganz in diesem Sinne ist es auch nicht verwunderlich, dass hier zwar drei Frauen dargestellt sind, man aber zugleich doch nicht von der Harmonie eines Trios sprechen mag. Physisch sind sie zweifelsohne beisammen, doch in den, die Körper zeigenden Strukturen und Linien scheinen sie Welten zu trennen. Jede ist für sich allein, ohne Kontakt, ja sogar ohne Blickkontakt, zu den jeweils anderen.
Trotz aller Eleganz, wie sie sich ohne Zweifel in Farbwahl und extravaganter Linienführung zeigt, vermitteln diese drei Frauen eine ungemeine Leere, sind sie doch nicht fähig die sie einengende Einsamkeit zu durchbrechen. Walter Becker gelingt es dieses für ihn so zentrale Thema in der vorliegenden Grafik auf eine bestechende Weise zu interpretieren und dem Betrachter nahe zu bringen.

 

 
 

Zu Walter Becker (01.08.1893 Essen – 24.10.1984 Tutzing):
Quelle: http://www.walter-becker.com/Maler, Zeichner, Grafiker; Sohn des Schmieds Eduard Becker und dessen Frau Johanna, geb. Eickmeyer; 1908 Tod des Vaters; 1910-13 Abendklasse an der Kunstgewerbeschule Essen; Ausbildung zum Gebrauchsgrafiker; 1914-15 Kriegseinsatz, wobei er den Winter 1914 aufgrund von Tuberkulose im Schwarzwald verbrachtete; 1915 wurde er dann als ‚Landsturmmann ohne Waffe‘ zum Wehrdienst eingezogen und als Wachmann am Alten Durlacher Bahnhof eingesetzt; aufgrund seiner labilen Gesundheit wurde er noch 1915 vom Kriegsdienst befreit; prägende Bekanntschaft mit Karl Albiker; 1915-18 Studium an der Kunstakademie Karlsruhe (bei Walter Conz); 1918 erste Ausstellung im Heidelberger Kunstverein (arrangiert von Wilhelm Fraenger); 1919-20 Mitglied der Künstlergruppe „Rih“; nach dem Ersten Weltkrieg wird Becker v.a. als Illustrator bekannt (Illustrationen u.a. zu Jean Paul: Jean Paul Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei (Heidelberg, 1918); Nikolai Gogol: Der Mantel (Heidelberg, 1920); E. T. A. Hoffmann: Die Königsbraut (Potsdam, um 1920)); 1919-22 Entwürfe für die Karlsruher Majolika-Manufaktur; 1922-23 Studium an der Kunstakademie Dresden; Meisterschüler bei Karl Albiker; November 1923 Heirat mit Yvonne von König (Tochter der Malerin Mathilde Tardif und Adoptivtochter Leo von Königs); 1924-36 Wohnsitz in Südfrankreich (Cassis-sur-Mer), dort Bekanntschaft mit u.a. Georges Braque, Jules Pascin, Erika und Klaus Mann, Thomas Mann; 1931 1. Kunstpreis der Stadt Hannover für das Portrait von Marcel Sauvage; 1936 Rückkehr nach Deutschland, dort zunächst in München, dann in Utting am Ammersee in dem Haus Bertolt Brechts ansässig, bevor ein Haus in Bühl (Baden) gebaut wird; 1937 werden 19 Arbeiten bei der Aktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmt; 1937-38 Reise nach Florenz und Sienna; ab 1938 Wohnsitz in Tutzing, dort Bekanntschaft mit dem Cellisten Ludwig Hoelscher und dessen Frau Marion; 1941 Berufung als Professor an die Kunstakademie Karlsruhe, doch noch vor seinem Antritt wurde sein Atelier versiegelt und er wurde gezwungen von dem Vertrag zurück zu treten; 1945-61 Mitglied des Deutschen Künstlerbundes; 1951-58 Lehrer an der Kunstakademie Karlsruhe; 1952 Ernennung zum Professor; 1952 1. Preisträger der Internationalen Graphik Gilde Paris; 1957 Tod der Ehefrau Yvonne; 1958 Pensionierung; 1959 Umzug nach Tutzing; 1968 fortschreitende Einschränkung der Sehkraft; 1974 Umzug in ein Seniorenstift in Dießen am Ammersee; ab 1976 erneuter Höhepunkt der Kreativität

Literatur / Quellen
DOLLEN, Ingrid von der (2015): Walter Becker 1893-1984 Malerei und Grafik; Edition Joseph Hierling; Tutzing
JESSEWITSCH, Rolf / SCHNEIDER, Gerhard (Hrsg.) (2008): Entdeckte Moderne. Werke aus der Sammlung Gerhard Schneider; Kettler; S. 476
PORTZ, Hubert (2008): Walter Becker. Frühe Werke 1914-1933; Edition Strasser
SCHNEIDER, Erich (Hrsg.) (2009): Expressiver Realismus. Die Sammlung Joseph Hierling [Schweinfurter Museumsschriften 166/2009]; Schweinfurt; S. 34
ZIMMERMANN, Rainer (1994): Expressiver Realismus. Malerei der verschollenen Generation; Hirmer; München; S. 350
Kunst in Karlsruhe 1900-1950. Ausstellung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe im Badischen Kunstverein 24. Mai – 19. Juli 1981; Müller (Karlsruhe); S. 148
Internetseite zum Künstler [walter-becker.com]