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Weitere Werke von Walter Becker
Zur Rezension „Walter Becker 1893-1984 Malerei und Grafik“

 

 

Drei Frauen 1953

Farblithographie (in Grün, Blau, Gelb, Orange, Schwarz) auf Velinpapier
nicht datiert, 1953

Auflage: o.A. [kleine Auflage von maximal 20 Exemplaren] Blattgrösse: 53×66,4cm

verso u.m. Künstlerstempel in Violett
nicht betitelt

€ 490,-

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Zustand
partiell leichte Druckstellen im Blatt; im linken Blattbereich (technikbedingt) leicht farbfleckig; Ecke u.r. mit minimaler Stauchung; verso am rechten Blattrand leicht fleckig

Provenienz
aus dem Nachlass des Künstlers

 

 

Von 1951 bis 1952 war Walter Becker als Dozent an der Kunstakademie Karlsruhe tätig. 1952 wurde er von dieser Lehranstalt auch zum Professor ernannt – ein Amt das ihm bereits elf Jahr zuvor angeboten, aus welchem er dann aber noch vor dem tatsächlichen Antritt auf politischen Druck hin herausgedrängt wurde. In seiner damaligen Bildsprache erarbeitet er für sich neue künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten mit einem höheren Grad an Abstraktion, ohne jedoch das Gegenständliche gänzlich zu verlassen. „Im Zuge seiner abstrahierenden Experimente hat sich Walter Becker dann der farbigen Lithografie und dem Linolschnitt zugewandt. Da ‚treibt er die Abstraktion nahe an die Gegenstandslosigkeit heran: Gruppenszenen, Großstadtpaare, Motorradfahrer werden zu Figurinen verformt und verwandeln sich in surreale Metaphern‘, konstatiert Rainer Zimmermann“ (Ingrid von der Dollen (2015): Walter Becker 1893-1984 Malerei und Grafik; Edition Joseph Hierling; Tutzing; S. 61).
Die vorliegende Lithografie entstand 1953 und damit in den ersten Jahren dieser schaffensreichen Karlsruher Zeit (zur Datierung vgl. Christine Kaiser / Apfelbaum-Galerie (Hrsg.) (1993): Walter Becker 1893-1993; Karlsruhe; S. 178 (Nr. 137)).
Im Motiv greift Becker ein Thema auf, welches ihn über weite Teile seines Schaffens beschäftigte und sich, unabhängig von verschiedenen Darstellungsformen, in zahlreichen Werken findet. – Eine Stadtszene mit einer kleinen Personengruppe. Zuweilen positionierte der Künstler diese in eine Eisenbahn bzw. eine Tram (wie bspw. „Im Zugabteil“ (1954, Abb. in: Galerie Schlichtemaier (Hrsg.) (1989): Walter Becker 1893-1984- Gemälde Zeichnungen Druckgraphik; Grafenau: Edition Schlichtenmaier; S. 20), „In der Eisenbahn“ (um 1955, Abb. in: I. von der Dollen 2015: 67)) oder eben wie im vorliegenden Blatt auf eine nicht näher ausgeführte Straße bzw. einen Weg. Ähnliche Straßenszenen entstanden zu dieser Zeit in Form von Gemälden (bspw. „Corso“ (um 1955, Abb. in: ebd.: 60), als Arbeiten auf Papier (bspw. „Straßenszene mit Figuren“ (1951, Abb. in: ebd. 65)) und eben auch als Lithografien und Linolschnitte.
Explizit innerhalb der letzteren Gruppe finden sich neben dem gewählten Sujet auch deutliche Ähnlichkeiten bei der Darstellungsweise. Die Verzerrung, Verlängerung, Dehnung der einzelnen Gliedmaßen, die einzelnen Farbflächen innerhalb dieser Gliedmaßen, wie auch die raumfüllende, fast schon den gesetzten Rahmen überschreitende Größe der Figuren, lassen sich als markante Merkmale ausmachen (zu dem zuletzt genannten Punkt des Bildaufbaus vgl. auch die Ausführungen Hans H. Hofstätters (Galerie Apfelbaum (1979): Der Maler Walter Becker. zum 85. Geburtstag [mit einer Einführung von Hans H. Hofstätter]; Karl Schillinger; Freiburg; S. 6).
Trotz der vordergründigen Willkür in der Darstellungsweise der gezeigten drei Frauen, lässt sich im Dreiklang zwischen den Frauen und den drei Farbflächen des Hintergrunds eine bildimmanente Harmonie erkennen, welche wohl auf die damaligen konstruktiven Tendenzen Beckers im Bildaufbau zurückzuführen ist. Diese Farbkombination aus (Dunkel-)Grün, Gelb und Blau mag in gewissen Ansätzen an das Gemälde „Orangerie in Khe“ (1955, Abb. in: GIM Galerie Rastorfer (1983): Walter Becker. Zum 90. Geburtstag (zur Ausstellung vom 22.09.-21.10.1983) [mit einem Text von Gerd Presler], Freiburg, S. 39) erinnern. Demzufolge ließe sich die dunklere Grünfläche als Bäume oder Büsche sehen, an welche sich ein gelbes Gebäude und schließlich der blaue Himmel anschließt. Die drei elegant gekleideten Frauen sind ohne Verbindung zueinander vor diesen Hintergrund platziert. Sie eilen anscheinend einem jeweils ganz eigenen Ziel hinterher. Es ist eine gewisse Sorglosigkeit, die Becker hier vermittelt, welche sich aber zugleich mischt mit einem Gefühl der Einsamkeit, der Isolation, um nicht zu sagen: mit einem Unbehagen. So locker und dynamisch die Formen, so frisch und fröhlich die Farben auch sind, so wenig mag man diese Charakteristika innerhalb des Motivs in toto zu erkennen. So bleibt für den Betrachter dieser überaus schönen Grafik aus Beckers Karlsruher Zeit immer diese, zweifelsohne erstaunlich gut herausgearbeitete, Ambivalenz zurück.

 

 

Zu Walter Becker (01.08.1893 Essen – 24.10.1984 Tutzing):
Quelle: http://www.walter-becker.com/Maler, Zeichner, Grafiker; Sohn des Schmieds Eduard Becker und dessen Frau Johanna, geb. Eickmeyer; 1908 Tod des Vaters; 1910-13 Abendklasse an der Kunstgewerbeschule Essen; Ausbildung zum Gebrauchsgrafiker; 1914-15 Kriegseinsatz, wobei er den Winter 1914 aufgrund von Tuberkulose im Schwarzwald verbrachtete; 1915 wurde er dann als ‚Landsturmmann ohne Waffe‘ zum Wehrdienst eingezogen und als Wachmann am Alten Durlacher Bahnhof eingesetzt; aufgrund seiner labilen Gesundheit wurde er noch 1915 vom Kriegsdienst befreit; prägende Bekanntschaft mit Karl Albiker; 1915-18 Studium an der Kunstakademie Karlsruhe (bei Walter Conz); 1918 erste Ausstellung im Heidelberger Kunstverein (arrangiert von Wilhelm Fraenger); 1919-20 Mitglied der Künstlergruppe „Rih“; nach dem Ersten Weltkrieg wird Becker v.a. als Illustrator bekannt (Illustrationen u.a. zu Jean Paul: Jean Paul Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei (Heidelberg, 1918); Nikolai Gogol: Der Mantel (Heidelberg, 1920); E. T. A. Hoffmann: Die Königsbraut (Potsdam, um 1920)); 1919-22 Entwürfe für die Karlsruher Majolika-Manufaktur; 1922-23 Studium an der Kunstakademie Dresden; Meisterschüler bei Karl Albiker; November 1923 Heirat mit Yvonne von König (Tochter der Malerin Mathilde Tardif und Adoptivtochter Leo von Königs); 1924-36 Wohnsitz in Südfrankreich (Cassis-sur-Mer), dort Bekanntschaft mit u.a. Georges Braque, Jules Pascin, Erika und Klaus Mann, Thomas Mann; 1931 1. Kunstpreis der Stadt Hannover für das Portrait von Marcel Sauvage; 1936 Rückkehr nach Deutschland, dort zunächst in München, dann in Utting am Ammersee in dem Haus Bertolt Brechts ansässig, bevor ein Haus in Bühl (Baden) gebaut wird; 1937 werden 19 Arbeiten bei der Aktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmt; 1937-38 Reise nach Florenz und Sienna; ab 1938 Wohnsitz in Tutzing, dort Bekanntschaft mit dem Cellisten Ludwig Hoelscher und dessen Frau Marion; 1941 Berufung als Professor an die Kunstakademie Karlsruhe, doch noch vor seinem Antritt wurde sein Atelier versiegelt und er wurde gezwungen von dem Vertrag zurück zu treten; 1945-61 Mitglied des Deutschen Künstlerbundes; 1951-58 Lehrer an der Kunstakademie Karlsruhe; 1952 Ernennung zum Professor; 1952 1. Preisträger der Internationalen Graphik Gilde Paris; 1957 Tod der Ehefrau Yvonne; 1958 Pensionierung; 1959 Umzug nach Tutzing; 1968 fortschreitende Einschränkung der Sehkraft; 1974 Umzug in ein Seniorenstift in Dießen am Ammersee; ab 1976 erneuter Höhepunkt der Kreativität

Literatur / Quellen
DOLLEN, Ingrid von der (2015): Walter Becker 1893-1984 Malerei und Grafik; Edition Joseph Hierling; Tutzing
JESSEWITSCH, Rolf / SCHNEIDER, Gerhard (Hrsg.) (2008): Entdeckte Moderne. Werke aus der Sammlung Gerhard Schneider; Kettler; S. 476
PORTZ, Hubert (2008): Walter Becker. Frühe Werke 1914-1933; Edition Strasser
SCHNEIDER, Erich (Hrsg.) (2009): Expressiver Realismus. Die Sammlung Joseph Hierling [Schweinfurter Museumsschriften 166/2009]; Schweinfurt; S. 34
ZIMMERMANN, Rainer (1994): Expressiver Realismus. Malerei der verschollenen Generation; Hirmer; München; S. 350
Kunst in Karlsruhe 1900-1950. Ausstellung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe im Badischen Kunstverein 24. Mai – 19. Juli 1981; Müller (Karlsruhe); S. 148
Internetseite zum Künstler [walter-becker.com]