P A U L   K U H F U S S

 

Weitere Werke von Paul Kuhfuss

 

 

„Maxim Gorki ‚Nachtasyl‘ (Szenen aus der Tiefe) 3. Aufzug: Nastja erzählt“

Kreide auf Zeichenpapier
nicht datiert
u.r. in Tusche signiert „Kuhfuss“

Grösse: 50×64,6cm
u.r. in Tusche bez. „Maxim Gorki ‚Nachtasyl‘ (Szenen aus der Tiefe) 3. Aufzug: Nastja erzählt“

€ 1.250,-

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Zustand
durchgehend leichte Druckstellen im Blatt; Ecken etwas bestoßen und kleine Knickspuren; Blattränder vereinzelt mit kleineren Einrissen; linker Blattrand oben mit längerem Einriss (etwa 1,5cm); linker Blattrand unten mit längerem Einriss (etwa 1cm); durchgehend Papier etwas nachgedunkelt/gebräunt; in der Blattmitte (etwa beim Daumen der erhobenen Hand von Kleschtsch) kleines Loch im Papier (Umfang etwa 0,3×0,4cm); in der Blattmitte (etwa bei der Achsel von Kleschtsch) oberflächlicher weißer Fleck; im Randbereich u.r. etwas fleckig; verso etwas fleckig; verso o.l. und o.r. Reste früherer Befestigung; verso u.l. in Blei nummer. „5549/30“

 

 

Nicht im Werkverzeichnis (Hellwich/Röske (2000)), die Zeichnung wird aufgenommen in den Nachtrag zum WV

 

 

„Ein öder Platz zwischen Gebäuden der mit allerhand Rumpelkram angefüllt und mit Unkraut bestanden ist. Im Hintergrunde eine hohe, aus Ziegelsteinen errichtete Brandmauer, die den Himmel verdeckt. Neben derselben Holundergebüsch. Rechts eine dunkle, aus Balken gefügte Wand, die zu einem Hofgebäude, einem Schuppen oder Stall gehört. Links die graue, hier und da Reste von Kalkbewurf aufweisende Wand des Hauses, in dem Kostylews Herberge sich befindet. […] Es ist Abend, die Sonne geht unter und wirft ein rötliches Licht auf die Brandmauer. Der Frühling hat eben erst begonnen, der Schnee ist kaum geschmolzen. Das schwere Geäst der Holunderbüsche zeigt noch keine Knospen. Auf dem Balken sitzen nebeneinander Natascha und Nastja. Auf dem Holzhaufen Luka und der Baron. Kleschtsch liegt auf einem Holzhaufen neben der rechten Wand. Aus dem unteren Fenster schaut Bubnow in den Hof“ (Maxim Gorki (2010): Nachtasyl; Stuttgart: Reclam; S. 54).
So lauten die Bühnenanweisungen zu Beginn des dritten Aktes von Gorkis „Nachtasyl“. Kuhfuss hält in der vorliegenden Zeichnung eben diesen beginnenden dritten Akt fest und dezidiert zeigt er dem Betrachter die Szene in der die 24jährige Prostituierte Nastja den Anderen eine tragische Liebesgeschichte erzählt, die sie selbst mit einem französischen Studenten erlebt haben will. Bubnow und der Baron verspotten Nastja und führen die Geschichte auf deren Lektüre und Phantasie zurück. Durch die häufige Unterbrechungen und Schmähungen stockt Nastja immer wieder und bricht mitunter in ihrer Erzählung ab. Auf gutes Zureden von Natascha und Luka fährt sie dann dennoch fort. Womöglich erblicken wir hier Nastja gegen Ende ihrer Erzählung, denn ihre leicht abgewandte Körperhaltung, die geschlossenen Augen und die erhobene Hand, verweisen deutlich auf die von Gorki gemachten Anweisungen nach einem solchen erneuten Erzählabbruch: „Bricht plötzlich ab, schweigt ein paar Sekunden, schließt wieder die Augen und fährt dann laut und hastig fort zu erzählen, wobei sie im Takt zu ihrer Rede die Hand bewegt und gleichsam auf eine in der Ferne erklingende Musik lauscht“ (ebd.; S. 56).
Kuhfuss hält sich durchaus an die literarische Vorgabe, fügt der Zeichnung jedoch auch eigene Interpretationen bei. So lässt er ebenso den Schauspieler der Erzählung zuhören und auch die Positionierungen vom Baron, wie auch von Kleschtsch differieren zur Vorgabe, was aber als keinesfalls störend wirkt.
Die einzelnen Personen sind in ihren Eigenarten und Eigenheiten dezent, aber doch auch deutlich herausgearbeitet. Luka der Pilger nimmt in seinem langen, an ein Mönchsgewand erinnernden Mantel die höchste Position ein. Auf seinen Stock gestützt schaut er ruhig auf die Erzählerin. Zwischen ihm und den Anderen lässt Kuhfuss wohl nicht ohne Grund einen signifikanten Freiraum. Der links neben Luka stehende, mehr tänzelnde Schauspieler mag das Erzählte vielleicht gerade theatralisch umzusetzen, um auch damit wohl Nastja zu ärgern. Der verarmte, von früheren Zeiten träumende Baron steht aufrecht, den rechten Arm, einem vielleicht alten Habitus entsprechend, auf den Rücken gelegt.
Alle Personen vermitteln durch ihre Darstellung eine Rohheit und Härte und nur teilweise mag man durch das Zureden Lukas und Nataschas an ein mitfühlendes Miteinander denken. Die Armut, die mitunter sehr offen ausgetragene Gewalt und vor allem der Alkohol lassen die Bewohner dieser kargen Herberge als hoffnungslos und abgeschoben erscheinen.
Wunderbar zeichnerische Umsetzung von Paul Kuhfuss!

 

 

Zu Paul Kuhfuss (04.08.1883 Berlin-Neukölln – 24.08.1960 Berlin-Pankow):
Maler, Zeichner; einziges Kind einer Magistratsbeamtenfamilie; 1902-05 Ausbildung an der „Königlichen Kunstschule“ (Berlin) zum Zeichenlehrer; 1905-06 Studium an der Königlichen Akademischen Hochschule für bildende Künste (Berlin) (bei Anton von Werner und Philipp Franck); 1905-10 Tätigkeit als Lehrer an verschiedenen Schulen; 1907 Erwerb von zusätzlichen Lehrbefähigungen; 1908 Heirat mit Nadja Bengelsdorf; 1910 Geburt der Tochter Edith; 1910 Beginn der langjährigen Tätigkeit als Lehrer an der Oberrealschule in Berlin-Pankow; ab 1910 bis zu seinem Tod lebte und arbeitete Kuhfuss in seiner Atelierwohnung im Amalienpark 7 (Berlin-Pankow); 1911 Mitglied des Vereins Bildender Künstler (Berlin); ab 1913 erste Ausstellungsbeteiligungen; 1914 Mitglied des Deutschen Künstlerbundes; 1915-18 Kriegsdienst als Sanitäter in Berlin-Moabit; 1919-35 ständige Ausstellungen der Berliner Secession, des Deutschen Künstlerbundes und der Preußischen Akademie der Künste; ebenso in dieser Zeit Reisen an die Ostsee und nach Italien, in die Schweiz und Österreich; 1935-45 wenige Ausstellungsbeteiligungen, weiterhin Ausübung des Lehrberufs, viele Reisen nach Tirol, in die Sächsische und Fränkische Schweiz, nach Usedom, auf den Darß und nach Rügen; ab 1946 erneut Ausstellungsbeteiligungen und Einzelausstellungen; 1946 Lehrer an der Volkshochschule Berlin-Pankow; 1949 Leitung der Klasse für Akt und Bühnenbild und Kostümgestaltung an der Textil- und Modefachschule (Berlin); 1950 Mitglied im Verband Bildender Künstler der DDR, sowie im Verein Bildender Künstler; bis zu seinem Tod Jurymitglied der Großen Berliner Kunstausstellung; 1950-59 Reisen nach Usedom, den Darß und Barnim; 1959 Tod der Ehefrau; 06. Mai 1960 Auszeichnung mit dem „Großen Kunstpreis“ anlässlich der Großen Berliner Kunstausstellung

Literatur
Graphikpresse Berlin / Galerie der Berliner Graphikpresse / Nachlaß-Archiv Paul Kuhfuss (Hrsg.) (2000): Werkverzeichnis Paul Kuhfuss (1883-1960); Graetz; Berlin
JESSEWITSCH, Rolf / SCHNEIDER, Gerhard (Hrsg.) (2008): Entdeckte Moderne; Kettler; Bönen; S. 498
MÄRZ, Roland (1980): Paul Kuhfuss [Kunstheftreihe „Maler und Werk“]; VEB Verlag; Dresden
SCHNEIDER, Erich (Hrsg.) (2009): Expressiver Realismus. Die Sammlung Joseph Hierling [Schweinfurter Museumsschriften 166/2009]; Schweinfurt; S. 187