M I C H E L   W A G N E R

 

Michel Wagner: Sitzende Ballerina (Großbild)

Weitere Werke von Michel Wagner
Zum Themenflyer ‚Michel Wagner: die Arbeit – das Tier – die Einsamkeit‘

 

 

Michel Wagner: Sitzende Ballerina

 

Sitzende Ballerina

Öl auf Leinwand, Keilrahmen, gerahmt
u.l. in Schwarz datiert „[19]64“

Rahmengrösse: 100,5×84,5cm
Leinwandgrösse: 97x81cm

u.l. in Schwarz monogrammiert „M.W.“, sowie verso auf Leinwand o.m. Nachlassstempel mit handschriftl. Nummerierung „Nachlass / Michel Wagner / München / Nr. 95[durchgestrichen] 121“
nicht betitelt

€ 1.800,-

 

                

 

Zustand
leicht beschmutzt; an pastosen Farbstellen mitunter oberflächliche Verluste der Farbschicht bzw. oberflächliche leichte Abriebe der Farbschicht; Leinwand an den Rändern leicht berieben

 

 

Ab etwa 1948 vollführt Michel Wagner in seinem künstlerischen Schaffen einen Prozess der Abstraktion, in dem „[zwar] die Figuren als Grundbestandteile des Bildgeschehens erhalten [bleiben], doch werden sie von einem abstrakten formalen Gerüst überlagert. Wagner geht zu einer ‚konstruktiven Figuration‘ über“ (Wolfgang Ch. Schneider (1994): Michel Wagner – Künstler einer ‚gebrochenen‘ Generation, in: Galerie Bernd Dürr (Hrsg.): Michel Wagner 1893-1965. Vom expressiven Realismus zur konstruktiven Figuration. Eine Werkübersicht; München; 1994; S. 12-22 [hier: S. 20]). In den ausgehenden 1950er Jahren finden sich bei Wagner dann sowohl expressiv gegenständliche, als auch abstrakte Kompositionen. „Die frühen 60er Jahre bringen mit einer Zusammenführung der verschiedenen Gestaltungsansätze einen erneuten Wechsel. Sichtbar geprägt von den Erfahrungen der abstrakten Arbeiten, bestimmen das Bildgeschehen nun groß aufgefaßte lapidare Formen, die zuweilen gegen jede Naturtreue ins Zeichenhaft-Groteske gesteigert werden. […] In seiner letzten Schaffensphase kehrt Wagner auf dieser Grundlage zu schon früher behandelten Bildthemen zurück; es entstehen Werke mit groß aufgefaßten Bildformen, die – obwohl ganz flächig strukturiert – an die Werke der frühen 30er Jahre erinnern. Mit breitem Pinsel werden die Figuren zeichenhaft in die dunkle monochrome Fläche gesetzt“ (ebd.).
Das vorliegende, auf 1964 datierte Gemälde ist dezidiert in diese letzte Schaffensphase des Künstlers einzuordnen, der am 3. Dezember 1965 nach schwerer Krankheit in München verstarb.
Die Ballerina wurde dabei von Wagner in den 1960er Jahren oftmals als Motiv aufgegriffen. Durch die hier getroffene Wahl des Querformats bleibt offen, ob die Tänzerin in diesem Werk gerade gestürzt ist oder sich auf dem dunkelroten Boden ausruht. Und zugleich wirkt sie in diesem Format wie eingesperrt, stößt sie doch beinahe an alle vier Bildränder an ohne sich aber wirklich in ihrer tatsächlichen Größe strecken zu können. Ihre Beine sind zur linken Bildseite gelegt, mit ihrem linken Arm stützt sie sich nach hinten ab, wogegen sie ihren rechten Arm auf das überaus voluminöse, mit Tüll verzierte Kleid legt. Es ist dann auch gerade dieser untere, signifikant ausladende Teil des Kleids, der in seiner Farb- und Formgebung wie eine befremdliche Struktur wirkt – es erscheint wie ein abstraktes Gebilde, welches sich in das Bild legt und dadurch eine Andersartigkeit erzeugt, die aber zugleich durch die ‚Umarmung‘ der Tänzerin in die Szenerie eingebunden bzw. mit dieser harmonisiert wird.
Der Oberkörper der Ballerina wirkt blass um nicht zu sagen: kränklich. Insbesondere das von dunklem Haar und hellblauen Schleifen umrahmte Gesicht verleiht in seiner Anonymität, Freud- ja Emotionslosigkeit der Dargestellten eine gewisse Morbidität und Fragilität, was an das von Schneider beschriebene ‚ Zeichenhaft-Groteske‘ denken lässt.
Brillante Komposition aus dem Spätwerk Michel Wagners!

 

 

Zu Michel Wagner (20.12.1893 Muschenried – 03.12.1965 München):
Maler, Zeichner; entstammt einer oberpfälzischen Bauersfamilie; 1908 Bäckerfachschule in München, hierbei erste Begegnung mit Kunst und erste autodidaktiche Versuche; Michel Wagner übersendet Arbeiten an Franz von Defregger, der sich anerkennend dazu äußert; 1910 wandert zu Fuß nach Hamburg und heuert auf einem Frachter an; 1910-12 mit dem Frachter bereist er Afrika, Asien, Nordamerika, Spitzbergen; 1914-18 Kriegsdienst bei der Marine (weiterhin zeichnerischer tätig); nach dem Krieg weiter auf See; 1921 Entscheidung für die Kunst; Schüler bei Lovis Corinth (Berlin) und später bei Stanislaus Stückgold (München); 1923 erste Beteiligung an der Kunstausstellung im Münchener Glaspalast; Mitglied der Münchener Künstlergenossenschaft; 1923-24 Studienreise nach Brasilien; 1924 Ausstellung der brasilianischen Arbeiten im -Atelier Konopacki- (Sao Paulo); nach seiner Rückkehr Heirat mit Malerin Else Seulen (das Paar wohnt in Hohenschäftlan); 1927 erste umfassende Einzelausstellung im Kunstsalon Hiller (München); bis 1933 zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen; Mitglied der -Juryfreien-; zwischen 1933-1945 geht Wagner aufgrund der nationalsozialistischen Kulturpolitik in die innere Emigration, er zieht sich aus dem öffentlichen Kunstleben zurück, Ölbilder entstehen kaum, allenfalls Zeichnungen, Aquarelle; 1945 Beteiligung bei Ausstellung „Maler der Gegenwart“ (Palais Schätzler / Augsburg); 1947 Gründungsmitglied der „Neuen Gruppe“; erneut rege Ausstellungstätigkeit; 1949 umfangreiche Übersicht über das Nachkriegswerk in Ausstellung der Galerie Maier-Lengeling (Nürnberg); 1949-65 alljährliche Teilnahme an der Großen Kustausstellung München; 1952 Umzug nach München; 1954, 1955, 1957 Teilnahmen an Gesamtausstellungen Neuer Deutscher Kunst in Kairo, Rutherford, Rom; 1964 Tod der Ehefrau

Literatur
Galerie Bernd Dürr (Hrsg.) (1994): Michel Wagner 1893-1965. Vom expressiven Realismus zur konstruktiven Figuration. Eine Werkübersicht; München