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Schafschur

Tusche, teilweise laviert, auf leicht gräulich gefärbtem Zeichenkarton
nicht datiert, um 1930

€ 920,-

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Signatur
u.r. signiert „M. Wagner“, sowie verso mittig Nachlassstempel mit handschriftlicher Nummerierung in Blei „422“

Grösse
Blattgrösse: 36,1×61,1cm

Zustand
in den Randbereichen vereinzelt leicht wellig; rechter Rand oben kleine Quetschung; verso leicht fleckig

 

 

Der aus einem bäuerlichen Umfeld im oberpfälzischen Muschenried stammende Michel Wagner entschied sich erst 1921 – immerhin in seinem 28. Lebensjahr stehend – für die Kunst. „Zunächst ist [er] in Berlin Schüler von Lovis Corinth, dann in München von Stanislaus Stückgold. In München tritt er der ‚Münchner Künstlergenossenschaft‘ bei, wechselt wenig später zur ‚Neuen Secession‘ über und schließlich zu den ‚Juryfreien’“ (Wolfgang Ch. Schneider (1994): Michel Wagner – Künstler einer ‚gebrochenen‘ Generation, in: Galerie Bernd Dürr (Hrsg.): Michel Wagner 1893-1965. Vom expressiven Realismus zur konstruktiven Figuration. Eine Werkübersicht; München; 1994; S. 12-22 [hier: S. 13]). Wagners Schaffen erfährt in den folgenden Jahren signifikante Einflüsse und Veränderungen. Eine prägende Reise nach Brasilien in den Jahren 1923-24 verstärkt in seinem Schaffen die Bedeutung der Farbe gegenüber der Linie. Bezogen auf die Bildthemen gewinnt nach seiner Rückkehr aus Südamerika die menschliche Figur vermehrt an Bedeutung, wogegen die reine Landschaftsdarstellung zurücktritt.
„Um 1930 hat Michel Wagner dann seinen Stil gefunden, der im vollsten Sinne als ‚Expressiver Realismus‘ gelten muß. Es entstehen Werke von hoher Dichte. Das Bildinventar wird aufs Äußerste verknappt. Die in voller plastischer Monumentalität aufgefaßten Figuren werden bevorzugt in Nahsicht gegeben, wiederholt in kühnen Schnitten, jähe ‚Farbblitze‘ strukturieren die Form. […] Eine besondere Bedeutung kommt dabei Hell-Dunkel-Kontrasten zu, auch wird der mattonige Grundton der Bilder durch jähe, grelle Farbtöne aufgebrochen“ (ebd.; S. 16).
Die vorliegende Tuschezeichnung wird in diese frühe Schaffenszeit um 1930 einzuordnen sein.
Im Vordergrund sehen wir einen jungen Schäfer, der sich gerade daran macht ein festgehaltenes Schaf zu schären. Wie bei Wagner häufig wird der Mensch durch eine Verdunkelung des Gesichts anonymisiert, ohne aber dadurch eine ideale Typisierung des Schäfers bzw. des Bauern erzeugen zu wollen, wie es von anderen Künstlern in deren Werken oftmals intendiert wird. Vielmehr tritt der Mensch in seiner Stellung hinter die viel helleren und lichter dargestellten Tiere zurück. Explizit ist hierbei das festgehaltene Schaf zu nennen. Aus dessen überaus fein und sensibel gezeichnetem Gesicht blicken die Augen dezidiert den Betrachter an. Die übrigen Schafe zeigt der Künstler im besten Sinne in ihrem Sosein – sie liegen und stehen eng beisammen, ruhen, schlafen vielleicht auch und manche trotten gemächlich umher. Es geschieht dort nichts Erstaunliches, für den Schäfer sicherlich rein Alltägliches und so ist es dieser kostbare Momenteinfang Michel Wagners, der dessen so liebevollen und gütigen Blick auf das Tier für den Betrachter festhält.
Neben der großen Anzahl an Schafen wirkt der Schäfer als Einzelner wie verloren. Er ist in seine Arbeit vertieft und scheint darin ganz aufzugehen. Den Betrachter mag aber beim Anblick hiervon, vielleicht bedingt durch die farbliche Reduzierung auf verschiedene Grauwerte und Schwarz, das Gefühl einer gewissen Melancholie und Einsamkeit beschleichen.
Überaus fein ausgeführte, dichte Komposition!

 

 

Zu Michel Wagner (20.12.1893 Muschenried – 03.12.1965 München):
Maler, Zeichner; entstammt einer oberpfälzischen Bauersfamilie; 1908 Bäckerfachschule in München, hierbei erste Begegnung mit Kunst und erste autodidaktiche Versuche; Michel Wagner übersendet Arbeiten an Franz von Defregger, der sich anerkennend dazu äußert; 1910 wandert zu Fuß nach Hamburg und heuert auf einem Frachter an; 1910-12 mit dem Frachter bereist er Afrika, Asien, Nordamerika, Spitzbergen; 1914-18 Kriegsdienst bei der Marine (weiterhin zeichnerischer tätig); nach dem Krieg weiter auf See; 1921 Entscheidung für die Kunst; Schüler bei Lovis Corinth (Berlin) und später bei Stanislaus Stückgold (München); 1923 erste Beteiligung an der Kunstausstellung im Münchener Glaspalast; Mitglied der Münchener Künstlergenossenschaft; 1923-24 Studienreise nach Brasilien; 1924 Ausstellung der brasilianischen Arbeiten im -Atelier Konopacki- (Sao Paulo); nach seiner Rückkehr Heirat mit Malerin Else Seulen (das Paar wohnt in Hohenschäftlan); 1927 erste umfassende Einzelausstellung im Kunstsalon Hiller (München); bis 1933 zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen; Mitglied der -Juryfreien-; zwischen 1933-1945 geht Wagner aufgrund der nationalsozialistischen Kulturpolitik in die innere Emigration, er zieht sich aus dem öffentlichen Kunstleben zurück, Ölbilder entstehen kaum, allenfalls Zeichnungen, Aquarelle; 1945 Beteiligung bei Ausstellung „Maler der Gegenwart“ (Palais Schätzler / Augsburg); 1947 Gründungsmitglied der „Neuen Gruppe“; erneut rege Ausstellungstätigkeit; 1949 umfangreiche Übersicht über das Nachkriegswerk in Ausstellung der Galerie Maier-Lengeling (Nürnberg); 1949-65 alljährliche Teilnahme an der Großen Kustausstellung München; 1952 Umzug nach München; 1954, 1955, 1957 Teilnahmen an Gesamtausstellungen Neuer Deutscher Kunst in Kairo, Rutherford, Rom; 1964 Tod der Ehefrau

Literatur
Galerie Bernd Dürr (Hrsg.) (1994): Michel Wagner 1893-1965. Vom expressiven Realismus zur konstruktiven Figuration. Eine Werkübersicht; München