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Weitere Werke von Michel Wagner
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Von der Feldarbeit heimkehrendes Paar

Tusche, Aquarell auf leichtem Karton, verso am linken Rand durch zwei Klebestreifen in Passepartout gesetzt
nicht datiert, um 1930-35

Passepartoutgrösse: 74,6x57cm
Blattgrösse: 52,9×42,4cm

nicht signiert, verso mittig Nachlassstempel mit handschriftlicher Nummerierung in Blei „444“

€ 1.100,-

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Zustand
Blatt verso am linken Rand durch zwei Klebestreifen in Passepartout gesetzt; verso leicht fleckig; Passepartout mit leichten Druckstellen

 

 

Der aus einem bäuerlichen Umfeld im oberpfälzischen Muschenried stammende Michel Wagner entschied sich erst 1921 – immerhin in seinem 28. Lebensjahr stehend – für die Kunst. „Zunächst ist [er] in Berlin Schüler von Lovis Corinth, dann in München von Stanislaus Stückgold. In München tritt er der ‚Münchner Künstlergenossenschaft‘ bei, wechselt wenig später zur ‚Neuen Secession‘ über und schließlich zu den ‚Juryfreien’“ (Wolfgang Ch. Schneider (1994): Michel Wagner – Künstler einer ‚gebrochenen‘ Generation, in: Galerie Bernd Dürr (Hrsg.): Michel Wagner 1893-1965. Vom expressiven Realismus zur konstruktiven Figuration. Eine Werkübersicht; München; 1994; S. 12-22 [hier: S. 13]). Wagners Schaffen erfährt in den folgenden Jahren signifikante Einflüsse und Veränderungen. Eine prägende Reise nach Brasilien in den Jahren 1923-24 verstärkt in seinem Schaffen die Bedeutung der Farbe gegenüber der Linie. Bezogen auf die Bildthemen gewinnt nach seiner Rückkehr aus Südamerika die menschliche Figur vermehrt an Bedeutung, wogegen die reine Landschaftsdarstellung zurücktritt.
„Um 1930 hat Michel Wagner dann seinen Stil gefunden, der im vollsten Sinne als ‚Expressiver Realismus‘ gelten muß. Es entstehen Werke von hoher Dichte. Das Bildinventar wird aufs Äußerste verknappt. Die in voller plastischer Monumentalität aufgefaßten Figuren werden bevorzugt in Nahsicht gegeben, wiederholt in kühnen Schnitten, jähe ‚Farbblitze‘ strukturieren die Form. […] Eine besondere Bedeutung kommt dabei Hell-Dunkel-Kontrasten zu, auch wird der mattonige Grundton der Bilder durch jähe, grelle Farbtöne aufgebrochen“ (ebd.; S. 16).
Vorliegendes Werk ist in dieser Schaffensphase entstanden.
In der von Schneider beschriebenen Nahsicht treten zwei Feldarbeiter auf uns zu. Es ist ein junges Paar. Und die leichte Zuwendung der Köpfe lässt die Zuneigung der Personen füreinander erkennen. Die Arbeitsgeräte sind über die Schultern gelegt, was das Ende des Tages ankündigt. Mann und Frau leben in ihrer Darstellung von den Schwarz-Weiß-Kontrasten, wobei bei der Frau das Weiß und beim Mann das Schwarz obwiegt. Es sind sicherlich einfache, harte, aber über allem auch zutiefst menschliche Gestalten, die wir hier sehen. Die Mühen des Tages scheinen durch dieses gemeinsame Dahingehen vergessen. Ihr gesamter Habitus und Gestus wirkt wie eins, so dass es auch nicht verwundert, wenn der obere Griff der Sense, den die Frau trägt, den Kopf des Mannes berührt und dadurch malerisch eine direkte Verbindung zwischen beiden schließt. In der Einsamkeit des leeren Feldes, sind sich diese zwei Menschen genug.
Dieses Feld liegt dunkel vor uns und breitet sich weit bis in die Ferne aus, immer wieder ‚blitzartig‘ durchbrochen von weißen Furchen. Der tiefblaue Himmel liegt schwer über der Erde. Bisweilen mag man Nuancen des Violetts erahnen, welches die anbrechende Nacht ankündigt. Symbolisch wurde dieses tiefe Blau von Wagner äußerst überlegt und wirkkräftig eingesetzt. Durch das durchgängige, flächige Ausfüllen des Himmels am oberen Bildrand wird die Ruhe des Paars nochmals vertieft und verstärkt. Und zugleich legt Wagner dadurch auch ein außeralltägliches Moment, einen gewissen sehnsuchtsvollen, über das Hier und Jetzt hinausweisenden Drang in die Komposition.
Herausragend stimmungsvolle Komposition!

 

 

Zu Michel Wagner (20.12.1893 Muschenried – 03.12.1965 München):
Maler, Zeichner; entstammt einer oberpfälzischen Bauersfamilie; 1908 Bäckerfachschule in München, hierbei erste Begegnung mit Kunst und erste autodidaktiche Versuche; Michel Wagner übersendet Arbeiten an Franz von Defregger, der sich anerkennend dazu äußert; 1910 wandert zu Fuß nach Hamburg und heuert auf einem Frachter an; 1910-12 mit dem Frachter bereist er Afrika, Asien, Nordamerika, Spitzbergen; 1914-18 Kriegsdienst bei der Marine (weiterhin zeichnerischer tätig); nach dem Krieg weiter auf See; 1921 Entscheidung für die Kunst; Schüler bei Lovis Corinth (Berlin) und später bei Stanislaus Stückgold (München); 1923 erste Beteiligung an der Kunstausstellung im Münchener Glaspalast; Mitglied der Münchener Künstlergenossenschaft; 1923-24 Studienreise nach Brasilien; 1924 Ausstellung der brasilianischen Arbeiten im -Atelier Konopacki- (Sao Paulo); nach seiner Rückkehr Heirat mit Malerin Else Seulen (das Paar wohnt in Hohenschäftlan); 1927 erste umfassende Einzelausstellung im Kunstsalon Hiller (München); bis 1933 zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen; Mitglied der -Juryfreien-; zwischen 1933-1945 geht Wagner aufgrund der nationalsozialistischen Kulturpolitik in die innere Emigration, er zieht sich aus dem öffentlichen Kunstleben zurück, Ölbilder entstehen kaum, allenfalls Zeichnungen, Aquarelle; 1945 Beteiligung bei Ausstellung „Maler der Gegenwart“ (Palais Schätzler / Augsburg); 1947 Gründungsmitglied der „Neuen Gruppe“; erneut rege Ausstellungstätigkeit; 1949 umfangreiche Übersicht über das Nachkriegswerk in Ausstellung der Galerie Maier-Lengeling (Nürnberg); 1949-65 alljährliche Teilnahme an der Großen Kustausstellung München; 1952 Umzug nach München; 1954, 1955, 1957 Teilnahmen an Gesamtausstellungen Neuer Deutscher Kunst in Kairo, Rutherford, Rom; 1964 Tod der Ehefrau

Literatur
Galerie Bernd Dürr (Hrsg.) (1994): Michel Wagner 1893-1965. Vom expressiven Realismus zur konstruktiven Figuration. Eine Werkübersicht; München