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Michel Wagner: Hirte (Großbild)

Weitere Werke von Michel Wagner

Michel Wagner: Hirte

 

„Hirte (Erscheinung)“

Öl auf Leinwand, Keilrahmen, schlichte graue Atelierleiste
u.r. in Schwarz datiert „[19]31“

Rahmengrösse: 81,5×116,5cm
Leinwandgrösse: 80,5×115,5cm

u.r. in Schwarz monogrammiert „MW“ (in Ligatur), sowie verso auf Leinwand o.m. & verso auf Keilrahmen o.m. Nachlassstempel in Schwarz mit handschriftl. Nummer. „Nachlass / Michel Wagner / München / Nr. 93“
betitelt mit „Hirte (Erscheinung)“ im Katalog „Michel Wagner 1893-1965. Vom expressiven Realismus zur konstruktiven Figuration. Eine Werkübersicht“ (Galerie Bernd Dürr (Hrsg.), München, 1994, S. 36 (Nr. 15) mit Farbabb.)

€ 3.600,-

 

 

Zustand
im mittleren Bildbereich (etwas links vom Hals des Hirten) zwei kleine Verluste der Farbschicht, sowie in diesem Bereich etwas stärkere Craquelé-Bildung; etwas links hiervon (etwa am unteren Handgelenk der rechten Hand) ebenso etwas stärkere Craquelé-Bildung; partiell leicht fleckig; im Bereich u.r. (etwas links von dem Monogramm) kleine Druckstelle mit schwacher Bereibung der Farbschicht; am rechten Rand mittig zwei kleine Druckstellen mit schwachen Beschädigungen der Farbschicht; Leinwand verso etwas fleckig; verso am Keilrahmen rechts oben aufgeklebtes Etikett (teilw. abgerissen), sowie darunter in Blei bez.; verso am Keilrahmen o.m. in Schwarz nummer. „76“ (durchgestrichen); Atelierleiste mitunter etwas berieben und leicht fleckig

Ausstellung
November 1931, Einzelausstellung beim Deutschen Künstlerverband „Die Juryfreien“, München

Abbildung
Farbabbildung in: Galerie Bernd Dürr (Hrsg.) (1994): Michel Wagner 1893-1965. Vom expressiven Realismus zur konstruktiven Figuration. Eine Werkübersicht; München; S. 36 (Nr. 15)

 

                         

 

 

Der aus einem bäuerlichen Umfeld im oberpfälzischen Muschenried stammende Michel Wagner entschied sich erst 1921 – immerhin in seinem 28. Lebensjahr stehend – für die Kunst. „Zunächst ist [er] in Berlin Schüler von Lovis Corinth, dann in München von Stanislaus Stückgold. In München tritt er der ‚Münchner Künstlergenossenschaft‘ bei, wechselt wenig später zur ‚Neuen Secession‘ über und schließlich zu den ‚Juryfreien’“ (Wolfgang Ch. Schneider (1994): Michel Wagner – Künstler einer ‚gebrochenen‘ Generation, in: Galerie Bernd Dürr (Hrsg.): Michel Wagner 1893-1965. Vom expressiven Realismus zur konstruktiven Figuration. Eine Werkübersicht; München; 1994; S. 12-22 [hier: S. 13]). Wagners Schaffen erfährt in den folgenden Jahren signifikante Einflüsse und Veränderungen. Eine prägende Reise nach Brasilien in den Jahren 1923-24 verstärkt in seinem Schaffen die Bedeutung der Farbe gegenüber der Linie. Bezogen auf die Bildthemen gewinnt nach seiner Rückkehr aus Südamerika die menschliche Figur vermehrt an Bedeutung, wogegen die reine Landschaftsdarstellung zurücktritt.
„Um 1930 hat Michel Wagner dann seinen Stil gefunden, der im vollsten Sinne als ‚Expressiver Realismus‘ gelten muß. Es entstehen Werke von hoher Dichte. Das Bildinventar wird aufs Äußerste verknappt. Die in voller plastischer Monumentalität aufgefaßten Figuren werden bevorzugt in Nahsicht gegeben, wiederholt in kühnen Schnitten, jähe ‚Farbblitze‘ strukturieren die Form. […] Eine besondere Bedeutung kommt dabei Hell-Dunkel-Kontrasten zu, auch wird der mattonige Grundton der Bilder durch jähe, grelle Farbtöne aufgebrochen“ (ebd.; S. 16).
Das vorliegende, großformatige Gemälde „Hirte (Erscheinung)“ ist dezidiert in diese beschriebene Schaffensphase des Expressiven Realismus‘ einzuordnen.
Vor einem dunklen Kolorit der Landschaft und des Himmels, lässt Wagner in mitunter hellen ‚Farbblitzen‘ die Gestalt eines knienden Hirten entstehen. Die kräftigen, von der Arbeit gezeichneten, in sattem Braun ausgeführten Hände sind zum Himmel erhoben und aus dem verklärt lächelnden Gesicht blicken die Augen wie entrückt nach Oben. Die offenkundig über die menschliche Ratio hinausgehende Ursache dieser Verzückung bleibt uns als Betrachter verschlossen, so dass wir allein die Reaktion des Hirten auf die mögliche Erscheinung, auf die erlebte Außeralltäglichkeit sehen können. Zieht man das um 1928 entstandene Werk „Erscheinung“ (Abb. 10 in ebd.; S. 32) als Vergleich heran, so mag man in Form von hellgolden strahlenden Wolken zumindest doch eine (mystische) Ahnung dessen zu erhalten, was der Hirte hier womöglich erblickt.
Verweisen die dunklen Töne der weiten Landschaft und des Himmels auf eine vorgerückte Tages- wenn nicht gar schon Abendstunde, so wird doch gleichzeitig der Hirte von einer scheinbar von links einfallenden, diffusen Lichtquelle beschienen. Schlaglichtartig werden einzelne Partien seiner Schuhe, seiner Hose, seiner Weste aufgehellt und erstrahlen in einer beinahe irreal wirkenden, expressiven Farbenpracht.
Neben der sich durch sein Schaffen ziehenden Vorliebe für ländliche Motive (vgl. ebd.; S. 13), zeigt sich bei diesem Werk auch deutlich ein religiöser, aber doch keinesfalls ein konfessionell irgendwie zu verortender Einfluss. Derartige religiöse Motive finden sich vereinzelt im frühen Schaffen Michel Wagners wie bspw. in den Gemälden „Grablegung“ (1924), „Anbetung des Kindes“ (um 1926) und „Erscheinung“ (um 1928). Im Gegensatz zu diesen ist der Betrachter dieses ‚Hirten‘ weitaus freier, ungebundener in seiner Auslegung und Einordnung, da der Künstler auf einen dezidiert christlich kategorisierenden Topos, wie v.a. bei der „Grablegung“ und der „Anbetung des Kindes“ gegeben, verzichtet.
Herausragende, expressiv realistische Komposition aus dem frühen Schaffen Michel Wagners!

 

 

Zu Michel Wagner (20.12.1893 Muschenried – 03.12.1965 München):
Maler, Zeichner; entstammt einer oberpfälzischen Bauersfamilie; 1908 Bäckerfachschule in München, hierbei erste Begegnung mit Kunst und erste autodidaktiche Versuche; Michel Wagner übersendet Arbeiten an Franz von Defregger, der sich anerkennend dazu äußert; 1910 wandert zu Fuß nach Hamburg und heuert auf einem Frachter an; 1910-12 mit dem Frachter bereist er Afrika, Asien, Nordamerika, Spitzbergen; 1914-18 Kriegsdienst bei der Marine (weiterhin zeichnerischer tätig); nach dem Krieg weiter auf See; 1921 Entscheidung für die Kunst; Schüler bei Lovis Corinth (Berlin) und später bei Stanislaus Stückgold (München); 1923 erste Beteiligung an der Kunstausstellung im Münchener Glaspalast; Mitglied der Münchener Künstlergenossenschaft; 1923-24 Studienreise nach Brasilien; 1924 Ausstellung der brasilianischen Arbeiten im -Atelier Konopacki- (Sao Paulo); nach seiner Rückkehr Heirat mit Malerin Else Seulen (das Paar wohnt in Hohenschäftlan); 1927 erste umfassende Einzelausstellung im Kunstsalon Hiller (München); bis 1933 zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen; Mitglied der -Juryfreien-; zwischen 1933-1945 geht Wagner aufgrund der nationalsozialistischen Kulturpolitik in die innere Emigration, er zieht sich aus dem öffentlichen Kunstleben zurück, Ölbilder entstehen kaum, allenfalls Zeichnungen, Aquarelle; 1945 Beteiligung bei Ausstellung „Maler der Gegenwart“ (Palais Schätzler / Augsburg); 1947 Gründungsmitglied der „Neuen Gruppe“; erneut rege Ausstellungstätigkeit; 1949 umfangreiche Übersicht über das Nachkriegswerk in Ausstellung der Galerie Maier-Lengeling (Nürnberg); 1949-65 alljährliche Teilnahme an der Großen Kustausstellung München; 1952 Umzug nach München; 1954, 1955, 1957 Teilnahmen an Gesamtausstellungen Neuer Deutscher Kunst in Kairo, Rutherford, Rom; 1964 Tod der Ehefrau

Literatur
Galerie Bernd Dürr (Hrsg.) (1994): Michel Wagner 1893-1965. Vom expressiven Realismus zur konstruktiven Figuration. Eine Werkübersicht; München