M I C H E L   W A G N E R

 

Weitere Werke von Michel Wagner
Zur Motivseite ‚Industrie & Arbeit‘
Zum Themenflyer ‚Erdsegen‘

Zum Themenflyer ‚Michel Wagner: die Arbeit – das Tier – die Einsamkeit‘

 

 

Flachsernte

Tusche, Aquarell über leichten Bleistiftvorzeichnungen, auf leichtem Karton, verso am oberen Rand durch zwei Klebestreifen in Passepartout gesetzt
nicht datiert, um 1930-35

verkauft

 

 

 

 

Signatur
nicht signiert, verso mittig Nachlassstempel mit handschriftlicher Nummerierung in Blei „458“

Grösse
Passepartoutgrösse: 49,9×69,9cm
Blattgrösse: 42,8×58,4cm

Zustand
Blatt verso am oberen Rand durch zwei Klebestreifen in Passepartout gesetzt; am unteren Blattrand mittig zwei kleine Einstichlöcher; Ecke u.r. mit schwachem gelbem Farbfleck; verso leicht fleckig; verso mittig in Blei von fremder Hand bez. „(auf Paspart.[sic] bez.:) Michel Wagner ‚Flachsernte‘“; Passepartout verso o.l. in Blei nummeriert „77/712“, sowie o.r. in Blei nummer. „1336“; Passepartout mit leichten Druckstellen

 

 

Der aus einem bäuerlichen Umfeld im oberpfälzischen Muschenried stammende Michel Wagner entschied sich erst 1921 – immerhin in seinem 28. Lebensjahr stehend – für die Kunst. „Zunächst ist [er] in Berlin Schüler von Lovis Corinth, dann in München von Stanislaus Stückgold. In München tritt er der ‚Münchner Künstlergenossenschaft‘ bei, wechselt wenig später zur ‚Neuen Secession‘ über und schließlich zu den ‚Juryfreien’“ (Wolfgang Ch. Schneider (1994): Michel Wagner – Künstler einer ‚gebrochenen‘ Generation, in: Galerie Bernd Dürr (Hrsg.): Michel Wagner 1893-1965. Vom expressiven Realismus zur konstruktiven Figuration. Eine Werkübersicht; München; 1994; S. 12-22 [hier: S. 13]). Wagners Schaffen erfährt in den folgenden Jahren signifikante Einflüsse und Veränderungen. Eine prägende Reise nach Brasilien in den Jahren 1923-24 verstärkt in seinem Schaffen die Bedeutung der Farbe gegenüber der Linie. Bezogen auf die Bildthemen gewinnt nach seiner Rückkehr aus Südamerika die menschliche Figur vermehrt an Bedeutung, wogegen die reine Landschaftsdarstellung zurücktritt.
„Um 1930 hat Michel Wagner dann seinen Stil gefunden, der im vollsten Sinne als ‚Expressiver Realismus‘ gelten muß. Es entstehen Werke von hoher Dichte. Das Bildinventar wird aufs Äußerste verknappt. Die in voller plastischer Monumentalität aufgefaßten Figuren werden bevorzugt in Nahsicht gegeben, wiederholt in kühnen Schnitten, jähe ‚Farbblitze‘ strukturieren die Form. […] Eine besondere Bedeutung kommt dabei Hell-Dunkel-Kontrasten zu, auch wird der mattonige Grundton der Bilder durch jähe, grelle Farbtöne aufgebrochen“ (ebd.; S. 16).
Das vorliegende Werk ist in dieser Zeit entstanden. Die Kulisse der titelgebenden ‚Flachsernte‘ bildet eine weite, goldgelb wogende Feldlandschaft, die im mittleren Bereich durch zwei dunkle Erntehocken und am Horizont durch einen dunklen (Wald-?)Streifen farblich unterbrochen wird. Der Himmel ist wie bei Wagner zu dieser Zeit häufig in der Farbe des Feldes gehalten, was die Wirkkraft des reduzierten Kolorits nochmals verstärkt.
Im Vordergrund, ganz nah vor dem Auge des Betrachters, spielt sich das eigentliche Geschehen ab. Drei Frauen sind eifrig beschäftigt mit der Flachsernte und momentan sind sie wohl gerade dabei den Flachs zu wenden. Gerade die linke Arbeiterin tritt in ihrer Nahsicht dicht an uns heran, obgleich ihr Gesicht dennoch nur in Teilen erkennbar wird. Der Schattenwurf verdeckt die Augen und fast die ganze linke Gesichtshälfte. Doch wirkt es so, als ob ein zartes Lächeln ihren Mund umspielt, so dass diese zweifelsohne harte Arbeit nicht als reine Mühsal, sondern eben auch als etwas Zufriedenstellendes und vielleicht sogar Erfüllendes empfunden werden kann. Michel Wagner ist aber weit davon entfernt eine Glorifizierung der Landarbeit vorzunehmen. Es ist der Mensch, der im Zentrum der Betrachtung steht. – Und hierbei wiederum sind es weniger spektakuläre Momente, sondern die einfachen Handgriffe und Arbeiten, die Wagner festhält.
Gerade durch die beeindruckende farbliche Differenzierung der schwarz-weiß gehaltenen Personen vor dem vornehmlich gelben Umfeld, wirken die Frauen überaus plastisch. Sie vermitteln eine Schwere, Tragkraft und zugleich auch eine erstaunliche Ruhe und Zeitentrücktheit. Man mag gerade bei der linken Arbeiterin vielleicht gar leichte religiöse, madonnenhafte Züge erkennen.
Herausragende Komposition Michel Wagners in exzellenter Farbgebung!

 

 

Zu Michel Wagner (20.12.1893 Muschenried – 03.12.1965 München):
Maler, Zeichner; entstammt einer oberpfälzischen Bauersfamilie; 1908 Bäckerfachschule in München, hierbei erste Begegnung mit Kunst und erste autodidaktiche Versuche; Michel Wagner übersendet Arbeiten an Franz von Defregger, der sich anerkennend dazu äußert; 1910 wandert zu Fuß nach Hamburg und heuert auf einem Frachter an; 1910-12 mit dem Frachter bereist er Afrika, Asien, Nordamerika, Spitzbergen; 1914-18 Kriegsdienst bei der Marine (weiterhin zeichnerischer tätig); nach dem Krieg weiter auf See; 1921 Entscheidung für die Kunst; Schüler bei Lovis Corinth (Berlin) und später bei Stanislaus Stückgold (München); 1923 erste Beteiligung an der Kunstausstellung im Münchener Glaspalast; Mitglied der Münchener Künstlergenossenschaft; 1923-24 Studienreise nach Brasilien; 1924 Ausstellung der brasilianischen Arbeiten im -Atelier Konopacki- (Sao Paulo); nach seiner Rückkehr Heirat mit Malerin Else Seulen (das Paar wohnt in Hohenschäftlan); 1927 erste umfassende Einzelausstellung im Kunstsalon Hiller (München); bis 1933 zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen; Mitglied der -Juryfreien-; zwischen 1933-1945 geht Wagner aufgrund der nationalsozialistischen Kulturpolitik in die innere Emigration, er zieht sich aus dem öffentlichen Kunstleben zurück, Ölbilder entstehen kaum, allenfalls Zeichnungen, Aquarelle; 1945 Beteiligung bei Ausstellung „Maler der Gegenwart“ (Palais Schätzler / Augsburg); 1947 Gründungsmitglied der „Neuen Gruppe“; erneut rege Ausstellungstätigkeit; 1949 umfangreiche Übersicht über das Nachkriegswerk in Ausstellung der Galerie Maier-Lengeling (Nürnberg); 1949-65 alljährliche Teilnahme an der Großen Kustausstellung München; 1952 Umzug nach München; 1954, 1955, 1957 Teilnahmen an Gesamtausstellungen Neuer Deutscher Kunst in Kairo, Rutherford, Rom; 1964 Tod der Ehefrau

Literatur
Galerie Bernd Dürr (Hrsg.) (1994): Michel Wagner 1893-1965. Vom expressiven Realismus zur konstruktiven Figuration. Eine Werkübersicht; München