K A R L   O T T O   H Y

 

Weitere Werke von Karl Otto Hy

 

 

„Frl. Matzdorff“

Bleistift auf sandfarbigem Velinpapier, in den vier Ecken befestigt auf weißen Karton
u.r. datiert „[19]38“

Grösse des unterlegten Kartons: 65x50cm
Blattgrösse: 50,5×36,5cm

u.r. in Blei bez. „Frl. Matzdorff“
u.r. signiert „K.O. Hy“

€ 600,-

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Zustand
Blatt in den vier Ecken befestigt auf weißen Karton; leichte Druckstellen im Blatt; Ecken minimal bestoßen; Ecke u.l. mit kleinem Einstichloch; im Bereich u.m. (etwa 7cm oberhalb des Beginns der Signatur) leicht fleckig; unterlegter Karton an Ecken/Kanten leicht bestoßen

Provenienz
23.10.2009, Ketterer, München, Auktion [„Moderne Kunst, alte und neuere Meister“], Los 224

 

 

Nach seinem Studium an den Kunstgewerbeschulen in Mainz und Wiesbaden (1925-29) war Karl Otto Hy seit 1930 freischaffend als Künstler wie auch als Architekt tätig. Neben der beruflichen Arbeit für Unternehmen und Firmen, entstanden in der Freizeit Zeichnungen, Aquarelle und Gemälde, welche vornehmlich einen kühlen, an die Neue Sachlichkeit anlehnenden Ausdruck zeigen.
Das von Hy dargestellte ‚Fräulein Matzdorff‘ steht dem Betrachter im Dreiviertelprofil gegenüber. Der Oberkörper ist in wenigen Zügen in seinen Umrissen angedeutet und lässt eine recht weit ausgeschnittene Bluse vermuten. Die Dargestellte ist insgesamt nicht ganz zentriert, sondern etwas mehr an den linken Bildrand gerückt, was die nach links, am Betrachter vorbei führende Blickrichtung verstärkt.
Das gesamte Antlitz wirkt auf den ersten Blick vital und kräftig. – Die locker geöffneten Haare geben dem Fräulein mitunter eine junge, reizvoll ungebundene Ausstrahlung. Doch mag innerhalb der klaren Konturen und der (anscheinend) ernsthaften, überlegten Mimik auch ein melancholischer Unterton liegen. Und es sind dabei besonders die in zarten Schatten liegenden, dunklen Augen, die mit ihren nicht vollends geöffneten Lidern, eine solche Vermutung evozieren. Das zarte Lächeln des Mundes bekommt auf diese Weise einen schwermütigen Beiklang. Dass derartige Darstellungsformen der Melancholie bei Kunstwerken der Neuen Sachlichkeit keinesfalls eine Ausnahme sind, sondern vielmehr als soziokulturelles, (kunst-)historisches Interpretationsmuster gesehen werden können, wurde nicht zuletzt durch Beate Reese gezeigt („Melancholie in der Malerei der Neuen Sachlichkeit“, Frankfurt a.M., 1998).
Hy gelingt es durch die reduzierte, sich auf das Wesentliche beziehende Darstellungsform, das Äußere der Porträtierten zum einen als klar und eben ‚sachlich‘ abzubilden, während zum anderen das Innere gerade wegen dieser bewussten Reduktion eine Weite und Tiefe erfährt. Die Frage nach dem Wesen dieses Fräuleins, nach deren Persönlichkeit tritt unweigerlich an den Betrachter heran und mag im nächsten Schritt unter ‚Vermittlung‘ dieses Porträts ebenso eine Zwiesprache des Betrachters mit sich selbst einzuleiten.

 

 

Zu Karl Otto Hy (28.10.1904 Rüdesheim – 05.04.1992 Wiesbaden):
Maler, Zeichner, (Werbe-)Grafiker, Architekt; 1911 Zuzug von Rüdesheim nach Wiesbaden; Schulbesuch in Heidelberg und Wiesbaden; erster Kunstunterricht in der privaten Malschule von Hermann Bouffier (Wiesbaden), daneben Besuche im Atelier von Kaspar Kögler (1838-1923); 1919 Ende der Schulzeit und anfänglicher Wunsch Schlosser zu werden, da es aber hierbei keine freien Lehrstellen gab, ging er in die Ausbildung zu einem Dekorationsmaler; 1925-29 Studium an den Kunstgewerbeschulen in Mainz und Wiesbaden (u.a. bei Hans Christiansen (1866-1945), Otto Fischer-Trachau (1878-1958), Otto Arpke (1886-1943)); neben dem Studium arbeitete Hy bei dem Wiesbadener Architekten Joachim Wilhelm Lehr (1893-1971); ab 1930 freischaffend tätig, zu seinen Kunden zählten v.a. Reklamefirmen, Kaufhäuser, Brauereien, Hotels; daneben auch als Architekt tätig; 1937 Ausgestaltung der Wandelhalle in der Herbert-Anlage mit Sgraffiti (Wiesbaden); 1938 Beteiligung an der „Kunstausstellung in Frankfurt am Main, der Stadt des Deutschen Handwerks“ (Städelsches Kunstinstitut, Frankfurt a.M.); 1942 zur Wehrmacht eingezogen und anschließend russische Kriegsgefangenschaft; 1948 Rückkehr aus der Gefangenschaft nach Pforzheim und von dort Umzug nach Wiesbaden; nach 1945 als Architekt in Wiesbaden tätig und dabei beteiligt bei Restaurierungen und Innenraumgestaltungen von u.a. dem Staatstheater, dem Kaiser-Friedrich-Bad, der Trauerhalle am Südfriedhof, des Großen Sitzungssaals des Magistrats; 1962 Umzug nach Georgenborn (Gemeinde Schlangenbad); ab 1978 Vorsitzender des „Rings bildender Künstler“; 1980 Beteiligung an der Ausstellung „Wiesbadener Künstler aus 3 Generationen“ (Museum Wiesbaden, Wiesbaden); 1987 Ausstellung zusammen mit Franz Ruzicka (Nassauischer Kunstverein Wiesbaden); 2014 vertreten bei der Ausstellung „Landschaftsbilder – ein Zwischenreich von Natur und Zivilisation aus Imagination und Realität“ (Kunstarche Wiesbaden e.V.); Werke befinden sich u.a. im Besitz der Stadt Wiesbaden („Frühling“, Öl, 1957), des Museums Wiesbaden („Die Kaiserstraße in Wiesbaden“, Öl, 1934), der Ortsverwaltung Wiesbaden-Dotzheim („Blick vom Neroberg über Wiesbaden“, Öl)

Literatur
HILDEBRAND, Alexander (1992): Akribie und Atmosphäre, in: Wiesbadener Leben; 6/1992; Seite 15
Magistrat der Landeshauptstadt Wiesbaden (Hrsg.) (1980): Wiesbadener Künstler aus 3 Generationen; Wiesbaden: Wilhelm Lautz; unpag. (Kat.Nr. 37-38)
„Karl Otto Hy. Optische Kultur – Wiesbadener Maler wird 80 Jahre alt“ (Autorenkürzel AH), in: Wiesbadener Kurier, vom 27./28.10.1984, Seite 9
„Allgemeines Künstlerlexikon (AKL)“, Onlineversion, Künstler-ID: 42431199