K A R L   O T T O   H Y

 

Weitere Werke von Karl Otto Hy

 

 

Ansicht auf einen Friedhofseingang mit Patriarchenkreuz

Aquarell, Tempera, über wenigen Bleistiftvorzeichnungen auf Zeichenpapier, in den Ecken punktuell befestigt auf leichten weißen Karton, dieser befestigt auf leichten schwarzen Karton, dieser befestigt auf leichten grünen Karton
u.r. in Blei und darüber in Dunkelbraun datiert „[19]27“

Grösse des unterlegten Kartons: 65x50cm
Blattgrösse: 34,8x26cm

u.r. in Blei und darüber in Dunkelbraun signiert „K. Hy“, sowie links daneben unter der gelben Farbe (größtenteils von dieser verdeckt) nochmals ebenso signiert
nicht betitelt, Ansicht auf einen Friedhofseingang mit Patriarchenkreuz, u.l. klein in Schwarz bez. „NR. 1“

€ 1.000,-

Kaufanfrage

 

Zustand
Blatt in den Ecken punktuell befestigt auf leichten weißen Karton, dieser befestigt auf leichten schwarzen Karton, dieser befestigt auf leichten grünen Karton; die unteren beiden Ecken etwas bestoßen und mit kleinen Knickspuren; die unterlegten Kartons mitunter leicht fleckig und mit leichten Druckstellen

 

 

1925 begann Karl Otto Hy sein Studium an den Kunstgewerbeschulen in Mainz und Wiesbaden. Seine damaligen Lehrer waren u.a. Hans Christiansen (1866-1945), Otto Fischer-Trachau (1878-1958), Otto Arpke (1886-1943). 1929 beendete er seine Studienzeit und war ab 1930 vornehmlich als Maler und (Werbe-)Zeichner tätig, gestaltete daneben aber auch in Zusammenarbeit mit Architekten Wandbilder und Gebäudeausmalungen.
Das vorliegende Aquarell entstand in der Mitte seiner Studienzeit, im 23. Lebensjahr des Künstlers.
Ohne Zweifel mag man in dieser Friedhofsansicht ein Suchen, Ausprobieren bzw. Experimentieren erkennen. So lässt der links sich nach oben schlängelnde Baum in seiner Formung und Farbwahl unweigerlich an Park-, und Promenadenansichten August Mackes denken. Ebenso mag auch das angeschnittene Gebäude am unteren linken Rand an Macke erinnern. Daneben sind aber insbesondere beim Eingangsportal und der Friedhofsmauer der Blick und die Hand eines Architekturinteressierten zu erkennen. Während die gesamte Vegetation, das kleine Gebäude unten links und auch das weiße Kreuz im unteren Bildzentrum mehr durch eine flächige Farbgebung wirken und dem Betrachter keine Räumlichkeit suggerieren, führt die Mauer dezidiert in das Bild hinein. Und noch expliziter ist dies bei dem Portal ersichtlich, auf das Hy allem Anschein nach sein Hauptaugenmerk legte. Nicht zuletzt zeigt sich dies auch dadurch, dass hier noch die meisten der ansonsten nur sehr dezent und sparsam gesetzten Bleistiftvorzeichnungen erkennbar sind. Die exakt abgemessenen, überaus sorgfältig gezogenen Linien des oberen Portals wie auch des Kreuzes führen das Auge des Betrachters zum links unten, außerhalb des Blattes gelegenen Fluchtpunkt, wodurch, zusammen mit der Mauer, eine schöne Tiefe entsteht.
Farblich interessant ist, dass Hy die Ansicht nicht in einem Zug malte. Deutlich ist dies besonders im Bereich der Mauer, die zuerst in einem Grauton ausgeführt wurde. Nachdem dieser trocken war, konnte Hy mit einem helleren Ton – Gelb und Orange – darüber gehen, um dadurch die Wirkkraft der Farben nochmals zu erhöhen. Die durch das Gelb übermalte frühere Signatur verweist darauf, dass die Idee zu dieser farblichen Überlagerung nicht von Beginn an geplant war, sondern vielmehr erst beim bzw. nach dem ersten Malprozess aufkam. Dies mag nochmals auf den nicht zu leugnenden Studiencharakter dieses Blattes verweisen. Und vielleicht hatte Hy bei dieser für ein Aquarell ungewöhnlichen Malweise von Dunkel zu Hell derart beeindruckende Werke von beispielsweise Emil Nolde im Sinn und versuchten jenen nachzueifern.
Obgleich das Portal an seiner Spitze ein signifikantes Patriarchenkreuz trägt und damit eher als ungewöhnlich zu bezeichnen ist, mag der Friedhof doch nicht zu lokalisieren sein.
Sehr schöne, überaus qualitative und vielschichtige Komposition aus dem frühen Schaffen Karl Otto Hys!

 

 

Zu Karl Otto Hy (28.10.1904 Rüdesheim – 05.04.1992 Wiesbaden):
Maler, Zeichner, (Werbe-)Grafiker, Architekt; 1911 Zuzug von Rüdesheim nach Wiesbaden; Schulbesuch in Heidelberg und Wiesbaden; erster Kunstunterricht in der privaten Malschule von Hermann Bouffier (Wiesbaden), daneben Besuche im Atelier von Kaspar Kögler (1838-1923); 1919 Ende der Schulzeit und anfänglicher Wunsch Schlosser zu werden, da es aber hierbei keine freien Lehrstellen gab, ging er in die Ausbildung zu einem Dekorationsmaler; 1925-29 Studium an den Kunstgewerbeschulen in Mainz und Wiesbaden (u.a. bei Hans Christiansen (1866-1945), Otto Fischer-Trachau (1878-1958), Otto Arpke (1886-1943)); neben dem Studium arbeitete Hy bei dem Wiesbadener Architekten Joachim Wilhelm Lehr (1893-1971); ab 1930 freischaffend tätig, zu seinen Kunden zählten v.a. Reklamefirmen, Kaufhäuser, Brauereien, Hotels; daneben auch als Architekt tätig; 1937 Ausgestaltung der Wandelhalle in der Herbert-Anlage mit Sgraffiti (Wiesbaden); 1938 Beteiligung an der „Kunstausstellung in Frankfurt am Main, der Stadt des Deutschen Handwerks“ (Städelsches Kunstinstitut, Frankfurt a.M.); 1942 zur Wehrmacht eingezogen und anschließend russische Kriegsgefangenschaft; 1948 Rückkehr aus der Gefangenschaft nach Pforzheim und von dort Umzug nach Wiesbaden; nach 1945 als Architekt in Wiesbaden tätig und dabei beteiligt bei Restaurierungen und Innenraumgestaltungen von u.a. dem Staatstheater, dem Kaiser-Friedrich-Bad, der Trauerhalle am Südfriedhof, des Großen Sitzungssaals des Magistrats; 1962 Umzug nach Georgenborn (Gemeinde Schlangenbad); ab 1978 Vorsitzender des „Rings bildender Künstler“; 1980 Beteiligung an der Ausstellung „Wiesbadener Künstler aus 3 Generationen“ (Museum Wiesbaden, Wiesbaden); 1987 Ausstellung zusammen mit Franz Ruzicka (Nassauischer Kunstverein Wiesbaden); 2014 vertreten bei der Ausstellung „Landschaftsbilder – ein Zwischenreich von Natur und Zivilisation aus Imagination und Realität“ (Kunstarche Wiesbaden e.V.); Werke befinden sich u.a. im Besitz der Stadt Wiesbaden („Frühling“, Öl, 1957), des Museums Wiesbaden („Die Kaiserstraße in Wiesbaden“, Öl, 1934), der Ortsverwaltung Wiesbaden-Dotzheim („Blick vom Neroberg über Wiesbaden“, Öl)

Literatur
HILDEBRAND, Alexander (1992): Akribie und Atmosphäre, in: Wiesbadener Leben; 6/1992; Seite 15
Magistrat der Landeshauptstadt Wiesbaden (Hrsg.) (1980): Wiesbadener Künstler aus 3 Generationen; Wiesbaden: Wilhelm Lautz; unpag. (Kat.Nr. 37-38)
„Karl Otto Hy. Optische Kultur – Wiesbadener Maler wird 80 Jahre alt“ (Autorenkürzel AH), in: Wiesbadener Kurier, vom 27./28.10.1984, Seite 9
„Allgemeines Künstlerlexikon (AKL)“, Onlineversion, Künstler-ID: 42431199