J O H A N N   V A L E T T

 

Weitere Hamburger Künstler

Johann Valett

 

Weinselige Runde mit vier Männern, wohl mit Selbstbildnis

Öl auf Leinwand, alt doubliert (auf früherem, verworfenem Gemälde), (neuer) Keilrahmen, gerahmt (nicht Originalrahmen)
u.r. in Rot datiert „[19]20“

Rahmengrösse: 103,4×105,5cm
Leinwandgrösse: 100x101cm

u.r. in Rot signiert „Valett“
nicht betitelt

€ 4.700,-

Kaufanfrage

 

 

Zustand
Leinwand alt doubliert; durchgehend leichte Craquelé-Bildung (im gelben Bereich o.m. etwas stärker); mitunter vereinzelte Retuschen (etwas größere Retusche in der Bildmitte (etwas unterhalb der rechten Hand des ‚roten Mannes‘); vereinzelt kleine Verluste der Farbschicht; partiell etwas beschmutzt

 

 

Herzlichen Dank an Frau Magret Dodegge-Valett (Hamburg) für freundliche Hinweise zur Einordnung des Werks!

 

 

                           

                          

 

 

Der aus Hamburg stammende Johann Valett absolvierte zwischen 1907 und 1913 seine künstlerische Ausbildung in München, Weimar und Kassel. Nach der durchgehenden Teilnahme am Ersten Weltkrieg war er zwischen 1918 bis zum Frühjahr 1920 in Weimar wohnhaft, wo er bereits nach seiner Akademiezeit freischaffend tätig war. Im Anschluss verzog er nach Berlin-Schöneberg und blieb dort bis ins Frühjahr 1922 wohnhaft, bevor er in einer gewissen steten Unrast einen halbjährigen Aufenthalt in Heringsdorf einlegte. Das vorliegende großformatige Gemälde wird zu Beginn dieser Berliner Zeit entstanden sein.
Vier Männer sitzen eng beieinander um einen kleinen Tisch und trinken Wein. Zwei Sterne und der Mond verweisen nur zu deutlich auf die nächtliche Stunde. Die schon leer getrunkene rechte Flasche, wie auch die noch volle Flasche links daneben lassen vermuten, dass es bei dieser ‚weinseligen Runde‘ nicht nur um eine genussvolle Probe, sondern eher um den herbeigeführten Rausch geht. Ganz in diesem Sinne werden die Figuren von Valett in satten, kräftigen Tönen und überspitzten expressiven Formen dargestellt. Das Gefühl, die Leidenschaft, das Innere und das ganz Persönliche eines jeden obwiegt gegenüber der alltäglichen, im besten Sinne des Wortes: nüchternen, Fassade. Bei jedem scheint durch den Alkohol sein ganz eigenes Wesen zum Ausdruck zu kommen.
Wohl aufgrund der grellroten Farbgebung, mag der zackig ausgeführte Trinker unten rechts zuerst ins Auge fallen. Feurige Leidenschaft, Freude, Lachen, ungebändigte Aktivität scheinen aus ihm zu sprechen. Die expressiv in die Länge gezogenen Finger greifen nach der vollen Flasche, die weit aufgerissenen Augen blicken mit ihren kleinen Pupillen in die Ferne (ins Leere?) und aus dem geöffneten Mund mag ein fröhliches Lied erklingen. Auf der linken Schulter des ‚Feurigen‘ liegt die Hand seines grünen Nachbarn. Viel gesetzter, schwerfälliger wirkt dieser und lässt den Betrachter übertrieben gesagt an eine in sich ruhende Buddha-Statue denken. Der Mund ist zum breiten Lächeln nach Oben gezogen und aus der gesamten Mimik spricht eine deutliche Zufriedenheit im erlebten Moment. Durch seine runde Formung und die dunklere Farbgebung wirkt er beschwichtigend auf seinen roten Nachbarn ein.
Gegenüber des Feurigen sitzt in Violett ausgeführt eine Figur, die in ihrer rechten Hand ein noch volles Weinglas hält. Im Gegensatz zu der Vitalität des Gegenübers ist diese Figur aber bereits in Morpheus Armen. – Die Augen sind geschlossen, der Kopf neigt sich nach Vorne und der gesamte Körper ist etwas gebogen, wenn er nicht gar droht unter den Tisch zu rutschen. In einem hellen Blau zeigt sich die vierte Figur. Bis auf die körperliche Präsenz ist sie aus der Viererrunde abgekehrt. Die linke Schulter ist einer Mauer gleich hoch und kantig aufgestellt, in der rechten Hand lehnt der schräg gelegte Kopf aus dem die Augen nach Oben zum Mond blicken, die Stirn liegt in Falten, der Mund ist klein und zugekniffen. Schon mehr als ein malerisches Detail erkennt man, dass Tränen aus diesen großen Augen tropfen.
Resümiert man die so dargestellten Zustände, so lassen sich diese signifikant in Verbindung setzen zu der Wirkkraft der jeweils gewählten Farbgebung: das Rot für den Aufbrausenden, den Aktiven; das Grün für den friedvoll Ausruhenden; das Violett für den Entrückten, den zufrieden Schlafenden; das Blau für den Sehnsuchtsvollen, den Melancholischen.
Als eine bildimmanente Besonderheit darf man es sehen, dass sich Johann Valett in der blauen Figur wohl selbst darstellte. Aus der deutlichen Ähnlichkeit zu einem Porträt-Holzschnitt aus demselben Jahr ist diese Annahme naheliegend. Demnach hat Valett hier wohl in dieser ‚weinseligen Runde‘ nicht nur ein bloßes trinkfreudiges Quartett gemalt, sondern womöglich Bekannte, Freunde, Künstlerkollegen ganz in ihrer, durch den Weingenuss hervorgerufenen, Stimmung auf eine beeindruckende, fulminant expressive Manier festgehalten.

 

 

Zu Johann Valett (08.07.1888 Hamburg – 27.06.1937 Glückstadt):
Maler, Zeichner, Grafiker; 1904 Abschluss an der Oberrealschule Holstentor Hamburg; Ostern 1904 bis Herbst 1906 Zeichenlehrling bei der Kunstgewerblichen Werkstatt von Georg Hulbe in Hamburg; Januar 1907 bis Sommer 1907 Studium an der Gewerbeschule München (belegte Kurs zum Freihandzeichnen); Herbst 1907 legte er sein einjähriges Examen ab; Herbst 1907-08 Studium an der Kunstakademie München (bei Karl Raupp); 1908-10 Studium an der Kunstakademie Weimar (bei Fritz Mackensen und Hans Olde); 1910-11 Einjährig-Freiwilliger beim Füsilier Reg. Königin No. 86 Flensburg; 1912 vorerst wieder in Weimar ansässig; 1912 Beteiligung an der „Kunstausstellung zur Tausendjahrfeier der Residenzstadt Cassel“; 1912-13 Meisterschüler bei Hans Olde an der Kunstakademie Kassel; 1913-14 als freischaffender Künstler in Weimar ansässig und tätig; 1914-18 Kriegsdienst; am 02.10.1914 erhielt er als erster Hamburger das Eiserne Kreuz II. Klasse; April 1916 Heirat in Weimar mit Gertrude, geb. von Heyne; 1919 Beteiligung an der Ausstellung „Gemälde und Skulpturen Weimarischer Künstler Gruppe II“; 1918-20 wohnhaft in Weimar; etwa ab März 1920 bis 1922 in Berlin ansässig; Frühjahr 1922 bis Herbst 1922 Aufenthalt in Heringsdorf; im Anschluss daran bis 1924 in Rastow ansässig; 1924-25 erneut in Weimar ansässig; 1925-26 ansässig in Frankenhain in Thüringen; 1925 Beteiligung an der „4. Thüringer Kunstausstellung“ (Weimar); 1926-28 ansässig in Kiel; ab 1928 in Altona ansässig; 1929 Beteiligung an der Ausstellung des Altonaer Künstlervereins; 1931 Beteiligung an einer Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle; ab 1934 erneut in Berlin (erst Grunewald, später Wilmersdorf) ansässig; Mitglied der Hamburgischen Künstlerschaft; das großformatige Gemälde „Rückkehr des verlorenen Sohnes“ (202x240cm) befindet sich im Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum Schloss Gottorf; eine Lithographie „Bildnis Julius Spengel“ (1929) ist im Besitz der Hamburger Laeiszhalle

Literatur
Familie Kay Rump (Hrsg.): Der neue Rump. Lexikon der bildenden Künstler Hamburgs (überarbeitet von Maike Bruhns); Wachholtz; Neumünster – Hamburg; S. 482
Allgemeines Künstlerlexikon (AKL), Onlineversion, Künstler-ID: 00001123